Ihr Körper

Text von JULIA ANTON
Fotos von KATHRIN MAKOWSKI

16. April 2021 · Als Model hörte Suhur Osman früher häufig, sie müsse sich verändern. Aber wer bestimmt eigentlich, was schön ist?

Die Reaktion ihrer Tante, als sie zum ersten Mal von einem Modelagenten angesprochen wurde, hat Suhur Osman heute noch im Kopf: „Mach das nicht! Die wollen dich nur nackt sehen!“ Osman lacht. Beim Shooting für das F.A.Z.-Magazin Ende Januar in der Nähe von München ist sie die meiste Zeit unbekleidet. „Sie hat natürlich an eine Art von Nacktheit gedacht, bei der die Frau zum Objekt gemacht wird“, sagt sie. „Aber ich stehe für eine Befreiung davon: Schließlich sind Frauenkörper ganz normale, menschliche, funktionierende Körper.“ 

Kleid von Stella McCartney (über den Onlineshop Mytheresa); Make-up: Foundation von Dior, Dior Forever 24h* Wear High Perfection Skin-Caring Foundation, Glow von Dior, Dior Forever Skin Glow Cushion, Lidschatten und Rouge gemischt aus Hermès, Rose Hermès (54 Rose Nuit und 61 Rose Feu), Lippenfarbe von Hermès, Rose Hermès (14 Rose Abricoté)
Kleid von Stella McCartney (über den Onlineshop Mytheresa); Make-up: Foundation von Dior, Dior Forever 24h* Wear High Perfection Skin-Caring Foundation, Glow von Dior, Dior Forever Skin Glow Cushion, Lidschatten und Rouge gemischt aus Hermès, Rose Hermès (54 Rose Nuit und 61 Rose Feu), Lippenfarbe von Hermès, Rose Hermès (14 Rose Abricoté)

Suhur Osman strahlt Vertrauen in sich selbst aus. Es ist kein aufdringliches Selbstbewusstsein, sondern vielmehr das Vertrauen darin, dass sie gut so ist, wie sie ist: mit ihrem Körper, ihren Erfahrungen, als Mensch. Am Tag nach dem Shooting erscheint sie entspannt in Jeans, Sneakern und einem warmen Daunenmantel zu einem Spaziergang durch das Münchner Glockenbachviertel. Sie stellt ihr Hörgerät passend ein, Osman ist schwerhörig, dann geht es Richtung Isar. Sie ist eine rheinische Frohnatur und lacht viel. Gerade erwartet sie, 33 Jahre alt, ihr erstes Kind. „Das verändert noch mal alles, ich wachse mit dieser Erfahrung. Ich fühle mich weich, ruhig und noch mehr mit meinem Körper verbunden.“ 

Make-up: Foundation von Fenty Beauty, Pro Filt’r Soft Matte Longwear Foundation (#470), Concealer von Laura Mercier, Secret Camouflage (Nr. 4), Lidschatten von Fenty Beauty, Snap Shadows Mix & Match, Highlighter von Charlotte Tilbury, Filmstar Bronzer, Rouge von Fenty Beauty, Cheeks Out Blush (Petal Poppin), Lippenstift von Dr. Hauschka (Nr. 21 und Nr. 25 zusammen)
Make-up: Foundation von Fenty Beauty, Pro Filt’r Soft Matte Longwear Foundation (#470), Concealer von Laura Mercier, Secret Camouflage (Nr. 4), Lidschatten von Fenty Beauty, Snap Shadows Mix & Match, Highlighter von Charlotte Tilbury, Filmstar Bronzer, Rouge von Fenty Beauty, Cheeks Out Blush (Petal Poppin), Lippenstift von Dr. Hauschka (Nr. 21 und Nr. 25 zusammen)

Osman war selbst noch ein Säugling, als ihre Mutter mit ihr aus Somalia nach Deutschland kam. In einem Dorf nahe Siegburg wuchs sie als älteste von fünf Schwestern auf. Als sie 14 Jahre alt war, starb ihre Mutter an Brustkrebs. Dadurch sei sie schon früh selbständig geworden, sagt Osman. Mit 19 Jahren zog sie nach München: die Großstadt entdecken und sich selbst. Ihr erster Job sei an der Kasse eines Nachtclubs am Sendlinger Tor gewesen, erzählt sie. In einer Bar wurde sie von einem Modelagenten angesprochen, kurz darauf hatte sie ihren ersten Job in Berlin. „Da wusste ich noch gar nicht, was Modeln heißt.“ Aber vor der Kamera in verschiedene Rollen zu schlüpfen – das habe ihr Spaß gemacht. Oft sei da aber das Gefühl gewesen, nicht zu genügen, sagt Osman. In der Werbung sieht man schließlich vor allem weiße Frauen, die höchstens Kleidergröße 34 tragen. „Ich war oft das einzige schwarze Model und außerdem die, die ein bisschen mehr hatte“, erinnert sich Osman. „Da muss was weg“, habe es dann geheißen.

Ohrring von Prada; Make-up: Foundation von Gucci Fluide De Beauté, Fini Naturel, Augenbrauenstift von Benefit, Brow Microfilling Pen, Lidschatten von MAC, Pro Longwear Paint Pots, Lippenstift von MAC, Powder Kiss Lipstick, Nagellack von Chanel Le Vernis (Blanc White); Haare: Imbue Curl Empowering Crème Gel
Ohrring von Prada; Make-up: Foundation von Gucci Fluide De Beauté, Fini Naturel, Augenbrauenstift von Benefit, Brow Microfilling Pen, Lidschatten von MAC, Pro Longwear Paint Pots, Lippenstift von MAC, Powder Kiss Lipstick, Nagellack von Chanel Le Vernis (Blanc White); Haare: Imbue Curl Empowering Crème Gel
Kleid von Dries Van Noten; Make-up: Foundation von Chanel, Les Beiges Foundation (BR152), Lidschatten von Chanel, Les 4 Ombres (368 Golden Meadow), Rouge und Highlighter von Chanel, Fleurs de Printemps, Lippenstift von Chanel Rouge Allure Laque (62 Still)
Kleid von Dries Van Noten; Make-up: Foundation von Chanel, Les Beiges Foundation (BR152), Lidschatten von Chanel, Les 4 Ombres (368 Golden Meadow), Rouge und Highlighter von Chanel, Fleurs de Printemps, Lippenstift von Chanel Rouge Allure Laque (62 Still)

„Natürlich kann man eine Woche lang nur Salat ohne Öl essen und kurzfristig abnehmen. Aber danach ist man dann krank.“ Zu hören, dass man nicht gut sei, wie man ist, und ständig zu versuchen, etwas zu sein, was man nicht sein kann – das halte kein Mensch aus, habe ihr Selbstbild aber lange geprägt. 

2015 nahm sie eine Auszeit vom Modeln. „Ich fand das, was damals politisch in unserem Land passiert ist, einfach wichtiger.“ Unter den Menschen, die damals nach Deutschland flüchteten, waren auch viele Somalier, „Menschen, die aussahen wie ich“. Statt vor der Kamera zu stehen, übersetzte sie in den Jahren danach während Traumatherapien, Osman spricht auch Somali. „Die Arbeit hat mir das Gefühl gegeben, tatsächlich etwas verändern und helfen zu können.“ Dadurch habe sie sich auch ihrer Mutter näher gefühlt, die ebenfalls als Übersetzerin gearbeitet hatte. „Das war schön zu sagen: Schau mal, Mama, ich mache das Gleiche wie du.“

Kleid von Dries Van Noten; Make-up: Foundation von Chanel, Les Beiges Foundation (BR152), Lidschatten von Chanel, Les 4 Ombres (368 Golden Meadow), Rouge und Highlighter von Chanel, Fleurs de Printemps, Lippenstift von Chanel Rouge Allure Laque (62 Still)
Kleid von Dries Van Noten; Make-up: Foundation von Chanel, Les Beiges Foundation (BR152), Lidschatten von Chanel, Les 4 Ombres (368 Golden Meadow), Rouge und Highlighter von Chanel, Fleurs de Printemps, Lippenstift von Chanel Rouge Allure Laque (62 Still)

Inzwischen lebt Osman in Hamburg, weil die Stadt bunter sei als München, und nimmt auch wieder Aufträge als Model an – aber zu ihren Bedingungen. „Ich habe Erfahrungen gesammelt, als Frau, als Mensch, als schwarze Frau, als Frau, die nicht superskinny ist. Für mich heißt Modeln heute definitiv erst mal, authentisch in meinem Selbstbild zu sein und mich selbst zu mögen, mit all dem, was ich habe.“ Dabei habe ihr auch die Body-Positivity- Bewegung geholfen, bei der Frauen, deren Figuren noch wesentlich stärker vom vermeintlichen Ideal abweichen, stolz auf ihren Körper sind. Vielmehr sei es die Modelbranche, die sich verändern müsse, sagt Osman. „Wer bestimmt denn, dass ich schön bin? Eigentlich ja niemand.“ Die Leute orientierten sich aber an denen, die Mode machen und Models aussuchen. So setzt die Modeindustrie Standards, die oft einfarbig und voller unrealistischer Ideale sind, nur einen Teil der Gesellschaft abbilden und auf diese Weise Ungleichheiten verfestigen.

Top von Dries Van Noten
Top von Dries Van Noten
Make-up: Foundation von Pat McGrath Labs, Skin Fetish: Sublime Perfection Foundation (Medium Deep 24), Lidschatten von Pat McGrath Labs, Mothership Eyeshadow Palette, Kajalstift von Nars (Mambo)
Make-up: Foundation von Pat McGrath Labs, Skin Fetish: Sublime Perfection Foundation (Medium Deep 24), Lidschatten von Pat McGrath Labs, Mothership Eyeshadow Palette, Kajalstift von Nars (Mambo)
Strumpfhose von Claudia Schiffer by Kunert
Strumpfhose von Claudia Schiffer by Kunert

Allmählich kommt Bewegung in diese Standards, immer mehr Figuren, Hautfarben und Geschlechter werden sichtbar. Das Schlagwort Diversity ist seit einiger Zeit präsent in der Branche, in Werbespots, auf Laufstegen, in Filmen. Es sind Entwicklungen, die Osman Hoffnung machen. Entscheidend sei aber, dass sie ernst gemeint sind: „Diversity darf kein Trend sein. Mit dem Schmerz und den Erfahrungen anderer sollte man kein Geld verdienen.“


„Diversity darf kein Trend sein. Mit dem Schmerz und den Erfahrungen anderer sollte man kein Geld verdienen.“
SUHUR OSMAN

Strumpfhose von Wolford
Strumpfhose von Wolford
Bauchkette von Mussels and Muscles; Nagellack von Uslu Airlines (MCT Muscat)
Bauchkette von Mussels and Muscles; Nagellack von Uslu Airlines (MCT Muscat)

 Es ist ein Schmerz, den auch Osman kennt: die Konfrontation mit rassistischen Vorurteilen in Gesprächen, abschätzige Blicke von Fremden auf der Straße. Alltagsrassismus kann überall und jederzeit stattfinden, und er tut jedes Mal aufs Neue weh. Schon jetzt macht sich Osman deshalb Gedanken, wie sie ihr Kind auf Rassismus vorbereiten und davor schützen kann. Ihre Mutter etwa habe Wert daraufgelegt, dass Osman akzentfrei Deutsch spricht und sie eher tough zu einer starken Person erzogen. „Betroffene von Rassismus sind aber nicht schwach“, stellt sie klar. „Es ist die Gesellschaft, die uns schwächt.“ 

Im Konstrukt Rassismus sind es aber auch noch die Betroffenen, die denen, die sie verletzt haben, erklären müssen, warum bestimmte Wörter, Fragen, Vorurteile oder Verhaltensweisen rassistisch sind. „Dabei müssten die Weißen einfach damit beginnen, ihre Privilegien und Verhaltensweisen zu reflektieren und zuzuhören“, sagt Osman. Inzwischen gebe es auch viele gute deutsche Bücher zu Anti-Rassismus von Autorinnen wie Alice Hasters und Tupoka Ogette. „Natürlich tut es weh, wenn man sich ehrlich hinterfragt. Aber wir können nur etwas verändern, wenn wir uns alle die Probleme bewusst machen und die Strukturen von Rassismus aufbrechen.“ 

Ohrring von Prada; Make-up: Foundation von Gucci, Fluide De Beauté, Bronzer von Guerlain, Terracotta Nude, Mascara von L’Oréal, Paradise, Intense Black, Lippenstift von Tom Ford, Lip Colour Satin Matte; Haare: Imbue Curl Inspiring Conditioning Leave in Spray
Ohrring von Prada; Make-up: Foundation von Gucci, Fluide De Beauté, Bronzer von Guerlain, Terracotta Nude, Mascara von L’Oréal, Paradise, Intense Black, Lippenstift von Tom Ford, Lip Colour Satin Matte; Haare: Imbue Curl Inspiring Conditioning Leave in Spray

Auch wenn es viel Arbeit ist: Suhur Osman ist optimistisch, dass das Bewusstsein für Rassismus wächst, dass ein Stein nach dem anderen zu mehr Mitgefühl gelegt wird. Das Vertrauen, das sie in sich selbst gewonnen hat, hat sie auch in andere. Während der Schwangerschaft, als ihr Körper sich zunehmend veränderte, ohne dass sie Kontrolle darüber hatte, habe es irgendwann klick gemacht: los- und zulassen. Sich öffnen und fallen lassen. Neues mit Freude begrüßen, „und wenn es keine Freude ist, zumindest mit einem kurzen ‚Hi‘“. Das, sagt Suhur Osman, sei zumindest ihr Weg. Und vielleicht inspiriert er ja auch andere. 


Fotos & Produktion: Kathrin Makowski
Model: Suhur Osman
Haare und Make-up: Arzu Kücük (Phoenix Agency)
Styling: Katharina Gruszczynski (Phoenix Agency)
Blumen: Nora Khereddine

Fotografiert am 30. Januar 2021 in Schondorf am Ammersee

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16.04.2021
Quelle: F.A.Z. Magazin