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Dunkles Dubai

Golfen bis Mitternacht? Aber ja doch!

Von Alex Westhoff
 - 17:16
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Nachtein, nachtaus geht das so. Die weißen Flugkörperchen steigen empor, werden für einen Moment von der Finsternis verschluckt und treten dann wieder ein ins Licht. Es ist ein Ausbruch aus den Grenzen des Spiels, eine neue Dimension, eine erleuchtete Utopie dieses Sports. Es ist ein Genuss.

Golf ohne Tageslicht? Das scheint so sinnvoll wie Tennis ohne Schläger, Surfen ohne Wasser, Reiten ohne Pferd. Nicht so im Übermorgenland. Was der sonnenhungrige Mitteleuropäer daheim nicht mal im Traum von Tausendundeiner Nacht ersinnt, ist für die sonnenflüchtigen Bewohner von Dubai im Emirates Golf Club längst wirklich geworden: ein 18-Loch-Platz, komplett durch Flutlicht ausgeleuchtet wie der heimische Kühlschrank von innen. Golf bis Mitternacht? Aber ja doch. Bitte sehr, danke gleich. Statt in der Hitze des Tages bewegt man sich hier lieber in der Wärme der Nacht.

Es ist ein eigentümliches Gefühl, eine Runde zu beginnen, wenn die Wüstensonne nur noch schwach glimmt. Wenn das Gewirr der Türme, die das Areal als futuristisch anmutende Kulisse umstellen, ein feurig rotes Abendlicht reflektiert. Nach dem Anknipsen bringen die Leuchten an den Flutlichtmasten zunächst nur ein zartes Glühen zustande. Doch ehe sich der Tag ganz verabschiedet hat, geht er hier in voller Luxstärke in die Verlängerung. Und im Nu ist der kleinere der beiden Kurse auf dem begrünten Gelände, der Faldo Course, hell erleuchtet. Von weitem sieht er aus wie ein geschäftiger Provinzflughafen, auf dem kleinrädrige Wagen umhereilen. Nur dass hier ausschließlich Bälle starten und landen.

Auf Bahn 3, es ist kurz nach 19 Uhr, ist der Himmel schwarz – und die Fairways sind in allen Grüntönen illuminiert. Verstreute Trupps in den hier obligatorischen Elektrocarts, auf denen die bauchigen Golftaschen mit klirrenden Schlägern fixiert sind, düsen ihren Bällen hinterher. Das dürfte der Anblick sein, an dem Nicht-Golfer vom Glauben abfallen. An dem alle Klischees über die ach so begüterte golfende Klasse geballt erfüllt werden. 160 über das Areal verteilte Flutlichtmasten für ein paar Dutzend adäquat gekleideter Spieler an 365 Abenden im Jahr? Ist das nicht der sportliche Sündenfall schlechthin?

Für Dubaier Verhältnisse ein geschichtsträchtiger Ort

Wir, da uns das Golferherz aufgeht, trösten uns mit dem Gedanken, dass dies hier nur ein kleiner Ableger ist, eine winzige Facette der auf großes Business und besonderes Entertainment getrimmten Kunstwelt am Golf, die mit ökologischer Gleichgültigkeit immer weiter wächst.

Immerhin: Die mit erheblichem Mitteleinsatz aus dem Sandboden gepäppelte Flora hat ihre eigene Fauna zu bieten. Ein Vogelschwarm in den Bäumen pimpt sein Abendlied zu einem vielstimmigen Konzert unter Flutlicht. Ein Reiher stakst noch am Ufer eines Wasserhindernisses und freut sich über die leuchtende Verlängerung der Jagdzeit. Und tatsächlich, am Abschlag von Bahn 5 kreuzt in Seelenruhe ein Fuchs das Fairway. Längst an Menschen gewöhnt, die Schläger schwingen, lässt er sie bis auf die Distanz eines mittellangen Putts an sich heran, ehe er, Eile simulierend, davontrabt. Das Tier wohne schon seit Jahren auf dem Gelände, heißt es. Vögel aller Art, die auf dem Golfplatz landen, sind seine Nahrungsgrundlage.

Seine Vorfahren an diesem Ort werden vor genau 30 Jahren nicht schlecht gestaunt haben, als sich das ausgetrocknete Flussbett von einer staubigen, sandigen, steinigen Fläche zu einer grünen Oase in der City wandelte. Drei Jahrzehnte – für Dubaier Verhältnisse ist man damit schon an einem geschichtsträchtigen Ort. Es entstand hier nicht nur der erste Golfplatz im glitzerndsten aller Emirate, es waren auch die ersten in den Sand gesäten hiesigen Rasenflächen überhaupt.

Der Golf-Star Nick Faldo, der nach seiner titelträchtigen Profikarriere auf der ganzen Welt Golfplätze entwirft, hat das Gelände im Jahr 2005 überarbeitet. Herausgekommen ist ein abwechslungsreicher Par-72-Kurs, der von einem Heer Gastarbeiter in einem perfekt manikürten Zustand gehalten wird. Und der durch die seit 2010 bestehende nächtliche Spieloption eine besondere Note erhalten hat. Ungleich berühmter als der Faldo Course ist aber auf demselben Areal der Majlis Course. Immer im Januar findet sich die Elite für das Profiturnier Dubai Desert Classic im Emirates Golf Club ein, und es entstehen schöne Bilder mit dem in Form von Beduinenzelten gestalteten Clubhaus im Zentrum.

Spielerlebnis schlägt Spielergebnis

Der Star der Nacht ist indes der Faldo Course. An dessen Außenposten wirkt die Skyline der Dubai Marina nur zwei Volltreffer mit dem Driver entfernt. Schwarz und glatt ruht der See entlang von Bahn 7, der sich gefräßig nahe an das schmale Fairway heranmacht. Im Überschwang der Emotionen angesichts des Reizes von Nahperspektive und Fernblick können wir uns erst nicht satt sehen und greifen dann zum überlangen Besteck. Wir schicken den Ball knallig auf die Reise. Droben in der Dunkelheit macht er einen guten Eindruck. Nur – bevor er sternschnuppengleich ins Licht zurückgekehrt ist, hat er eine äußerst unattraktive Rechtskurve eingeschlagen. Das Wasser schlägt ein paar dezente, kreisrunde Wellen, als ob es die Beute noch kurz verdauen müsste.

Ganz egal: Hier schlägt das Spielerlebnis klar das Spielergebnis. Man kann dieser nächtlichen Spielwiese einfach nicht böse sein. Vielleicht sollte man den Kurs nochmal im Hellen spielen – er wäre gewiss kaum wiederzuerkennen.

Auf Bahn 10 wird das Flutlicht durch den Schein der Sheikh Zayed Road verstärkt, und die Metro fährt quasi am Rande des Fairways entlang. Eine dieser ästhetisch designten Stationen liegt direkt an der Einfahrt zum Golfareal, und nicht selten sieht man Spieler, die mit geschulterten Schlägern aus der Bahn steigen, um den zu Stoßzeiten höllischen Autoverkehr zu vermeiden.

Am Abschlag des elften Lochs empfiehlt es sich, den imposanten Princess Tower anzupeilen. Immer wieder kommen zwischen all dem akkurat manikürten Grün breite Sandschneisen ins Spiel. Inseln der Authentizität, Darsteller jener Zeit, als Dubai nichts war als eine wüste Gegend.

Spiel mit Licht und Schatten

Es ist ein Spiel mit Licht und Schatten, manchmal im hellen Schein und oft im Zwielicht. Herausfordernd ist, wenn der eigene Schatten den zu treffenden Ball verdunkelt. In der Nacht, das ist klar, überwindet das Spiel seine alteingesessenen Formen. Zumal die Lichtmasten so dezent am Rande stehen, dass sie den nächtlichen Golfer bei weitem nicht so stören wie Skilifte den sommerlichen Bergwanderer. Und selbst wer den Ball fern der Ideallinie drischt, hat gute Chancen, ihn auf dem grünen Teppich zu finden. Das Flutlicht erhellt auch abseitige Stellen des Platzes – und erleichtert das Suchen, weil die weißen Bälle auf dem strahlenden Grün regelrecht leuchten.

Bing Bing: Ein heller Warnton erklingt in unserem Elektrocart. Gesetzeshüter voraus? Nein, auf dem Bildschirm, der GPS-unterstützt die genaue Entfernung bis zum Loch anzeigt, erscheint der Hinweis, dass nach dieser Bahn ein Kiosk mit Erfrischungen in der Auslage wartet. Frisch gestärkt entscheiden wir uns, die Elektrokarre abzugeben und den Rest des Kurses laufend zu absolvieren. Es ist ja schließlich ein Sport und kein Transport – aber bei dieser Debatte scheiden sich die Golf-Geister ohnehin. Und sofort wird die Reise durch Licht und Raum noch intensiver.

Im emiratischen Frühjahr herrscht nach Sonnenuntergang, nun ja, das perfekt temperierte Golfwetter. Im Hochsommer schnüren tagsüber bei knapp 50 Grad nur Wagemutige und auch nachts, wenn es auf 40 Grad abkühlt, nur noch Hartgesottene die Golfschuhe. Das sind dann meist schlagfertige Koreaner, heißt es, die sich bei ihrem bekannt zügigen Spiel nicht so sehr von äußeren Einflüssen beeindrucken lassen. Der Rest hält Sommerpause, so wie bei uns winters der Spielbetrieb ruht.

Das Angebot zum Spiel in der Nacht wird von den Spielern in Dubai gern angenommen. Wer erst am Abend die vollklimatisierten Bürotürme verlässt, hat sonst angesichts des ganzjährig frühen Sonnenuntergangs keine Zeit mehr für eine Partie Golf. Werktags leuchtet das Flutlicht bis Mitternacht, am arabischen Wochenende (Freitag und Samstag) bis 22 Uhr. Unter der Woche werden bis 21.45 Uhr Startzeiten für neun Löcher vergeben, bis 19.45 Uhr für die ganze 18-Loch-Runde. Einmal im Jahr strahlt das Flutlicht gar die ganze Nacht: Wenn bei einem Turnier um Punkt Mitternacht von allen Bahnen gleichzeitig gestartet wird und bei Sonnenaufgang im Clubhaus alle Teilnehmer ein Frühstück erwartet.

Auf Bahn 15 halten wir inne. Das 24 Stunden währende Rauschen und Dröhnen der Stadt, der Soundtrack dieses mittelöstlichen Las Vegas, ist plötzlich kaum noch zu vernehmen. Weit und breit sind keine anderen Spieler mehr zu sehen. Auf einmal sitzen die Schläge und fallen die Putts – eine berauschende Atmosphäre. Um kurz vor 23 Uhr heben wir die Fahne von Bahn 18 aus dem Loch. Es ist die helle Freude unter dunklem Himmel. Nachtaus, nachtein geht das so.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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