Reparieren statt wegschmeißen

Der Schirmdoktor

Von Jo Berlien
22.05.2022
, 08:09
Der Herr der Schirme inmitten von mehr oder weniger geschmackvollen Exemplaren. Vergessene und ausrangierte Schirme nimmt Baumann auseinander, um Ersatzteile zu haben.
Erich Baumann ist der letzte Schirmflicker der Schweiz. Über eine seltene bis seltsame Kunst.
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Ein wirklich durchdachter Regenschirm, wie ihn Erich Baumann an diesem Tag auf der Werkbank hat, trägt das Motiv von einem mit weißen Wölkchen durchsetzten blauen Himmel selbstverständlich nicht oben, auf dem Dach. Sondern als Dekor auf der Innenseite. Der Schirmhimmel leuchte dem Besitzer, nicht der Außenwelt!

Man muss weit fahren, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Aus Neugier und aus der Not heraus ist der Autor drei Autostunden südwärts in die Schweiz gerollt, bis knapp vor Bern, um den, wie es auf Schwyzerdütsch heißt, letzten Schirmflicker zu besuchen. Erich Baumann, 55 Jahre, hat sich in einem einstigen Schulhaus eingemietet. Zehn Tonnen Metall lagern in Kisten, Schränken, Schubladen, auf Regalböden, geordnet in einer Systematik, die nur er kennt. Rundum Fenster und Licht. Wenn er allein ist und in die Arbeit vertieft, dröhnt aus den Boxen Musik von Pink Floyd.

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Er mag nicht übers Wetter reden

Üblicherweise befasst man sich nicht mit Schirmen. Ein Schirm ist ein Schirm, fliegt in die Ecke, liegt, steht die meiste Zeit über daheim wohlverwahrt im Schrank, harrt griffbereit und zugleich achtlos aus im Kofferraum und ist lästig, wenn man ihn mal dabei hat und es trocken bleibt. Dass es übers Jahr gesehen mehr regne, als es trocken sei, war lange eine gefühlte Gewissheit, die sich während allzu langer Trockenzyklen gerade aufzulösen beginnt. Noch aber kommt beispielsweise Frankfurt am Main auf durchschnittlich 173 Regentage.

Erich Baumann mag nicht übers Wetter reden. Mittlerweile ist er Journalisten gewöhnt. Jeder, der zum Interview anreist, bringt eine Dosis Poesie mit. Schirme reparieren sei wie Free Jazz, weil Improvisationskunst. Oder: Ein kaputter Schirm sehe so elend aus wie ein Vogel mit gebrochenem Flügel.

Viele Tonnen Material lagern in Kisten, Schränken, Schubladen.
Viele Tonnen Material lagern in Kisten, Schränken, Schubladen. Bild: Sabina Paries

Tatsächlich interessiert sich Baumann für das Handwerk. Für Griff, Schieber, Schirmstock und Schirmkrone. Für die acht fragilen Speichen, im Schwyzerdütsch Stängli geheißen; für die acht Spitzli, die an jedem Stängli den Bezug einfassen.

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Man begreift erst, was Baumann leistet, wenn man versteht, dass in der Systematik eines munteren Konsum- und Wegwerfautomatismus eine Reparatur gar nicht vorgesehen ist. Es mithin keinerlei Ersatzteile gibt. Baumann ist darum ständig auf der Suche danach. Weil es massenhaft Schirme gibt, hat er ein umfangreiches Lager angelegt. Verlorene, vergessene, in der Bahn liegen gelassene Findlinge, nach denen niemand sucht, gelangen über Sammelstellen in Geschäften und Kaufhäusern, die einen Reparaturservice anbieten, in sein Depot.

Der Handwerker ist in seiner Heimat ein Medienstar

Das Erstaunliche: Das Geschäft läuft. Baumann war Gast in einer Schweizer Talkshow. Die großen Populärmagazine und auch der Südwestrundfunk aus Stuttgart haben über ihn berichtet. Anfang des Jahres porträtierte ihn ein Schweizer Kundenmagazin, Auflage: 2,1 Millionen Exemplare, Überschrift: „Er lässt niemanden im Regen stehen.“ Seither klingelt der Postmann täglich und bringt bis zu zehn Schirme.

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Baumann profitiert von der Welle der Nachhaltigkeit: Die Kunden wollen ein Zeichen setzen und bringen jetzt auch den Billigschirm aus dem Drogeriemarkt zum Schirmdoktor, obschon die Reparatur knapp 20 Euro überm Neupreis liegt.

Bei unserem Blitzschirm liegt der Fall anders. Er ist Teil professionellen Fotografie-Equipments und kostete neu um die 300 Euro. Weil die Feder herausgesprungen ist, förmlich davongeschossen und in unbekanntes Terrain geflogen – immerhin hatte sich niemand verletzt –, riet der Fachhandel zum Kauf eines neuen. Der Anbieter repariere schon lange nicht mehr.

Baumann indessen berät per E-Mail, wie sich das sperrig halb aufgespannte Ding schließen und transportfähig machen lässt. Wenige Tage später besieht er es sich und sagt nur: „Klar lässt sich das reparieren, das ist einfach.“

Warum macht einer das? Die Gebrauchsantwort klingt schlicht: Erich Baumann hat sich die Tüftelei vor 23 Jahren als Gruppenleiter und Mentor in einer Einrichtung, in der psychisch Kranke arbeiten, beibringen lassen. Hat mit der Arbeit irgendwann aufgehört, aber die Schirmflickerei beibehalten und sich damit ein zweites Standbein aufgebaut.

In Wahrheit ist Erich Baumann einer, der es liebt, sich in Dinge zu versenken. Ganz bei sich ist er, wenn er sich verliert in seiner Tüftelei. „Ich bin jetzt 55. Mit den Jahren habe ich herausgefunden, dass ich hochsensibel bin. Ich nehme ex­trem viel von der Umgebung wahr.“ Als Kind hörte er eine Autotür zuschlagen und wusste, um welche Automarke es sich handelte. Heute erlauscht er bei synchronisierten Filmen Fehler: wenn der eingespielte Sound eines Vierzylindermotors nicht zur Sechs- oder Achtzylinderlimousine im Bild passt. Dann empört er sich still und für sich: „Das tönt einfach anders, so was geht nicht.“

Ein Blick in Erich Baumanns „Ersatzteillager“.
Ein Blick in Erich Baumanns „Ersatzteillager“. Bild: Sabina Paries

Oh nein, der Mann ist kein Sonderling!

Falsch liegt, wer Baumann bei den Sonderlingen, neudeutsch: Nerds, einsortiert. Baumann ist eher einer, der mit seiner Sensibilität launig bei „Wetten, dass...?“ auftreten würde. Er ist verheiratet, Vater und Großvater, er hat auch einen richtigen Beruf, hat sich, wie er sagt, seinen Bubentraum wahr gemacht und ist spät noch Tramfahrer in Bern geworden. Er brauche das, sagt er, unter Leuten zu sein, aber mit Abstand, abgeschirmt in seiner Fahrerkabine.

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Für Poesie ist Baumann nicht zuständig. Aber, ach, selbst ist er eine Art Kunsthandwerker und nah an der Poesie, etwa, wenn er Mitgefühl hat mit einem alten seidenbespannten Schirm: Das Material ist brüchig und leidet unter der Spannung, aber soll die Seide durch robuste Synthetik ersetzt werden? Verlöre der Schirm damit nicht seine Würde?

Die Leute, die ihm die Schirme anvertrauen, tun ein Übriges. Mal ist es die sprichwörtliche ältere Dame, verwitwet, die am Schirm des geliebten verstorbenen Gatten hängt: Vor 50 Jahren oder mehr haben sie einander unterm Schirm das erste Mal geküsst. Oder: die Frau, die zu Fuß nach Jerusalem pilgerte, den Schirm stets dabei. „Er hat fürchterlich gemuffelt, ist ja klar, er hat unterwegs viel erlebt.“

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Baumann spricht wie von guten Bekannten. Und davon, dass vielen Menschen der Schirm ein treuer Begleiter sei. Dennoch, Baumann wiegelt ab, Gebrauchsphilosophie und eine Überhöhung des Alltäglichen seien nichts für ihn. „Und ich kenne mich auch nicht aus in der Kulturgeschichte des Schirms.“ Immer dann, wenn ein Kunde auf fachkundige Auskunft hofft, wechselt er das Thema. „Mich interessiert das Material.“

Oft ist Experimentierfreude gefragt

An diesem Morgen hat er ein Erbstück auf dem Tisch. Es gibt Exemplare, deren Spitzen aus Knochen gedrechselt sind. Aus Elfenbein! Auch die Spitzen hier waren speziell, nun aber sind sie kaputt oder fehlen ganz. Baumann experimentiert stundenlang und fertigt Ersatz aus Epoxidharz. Gut möglich, dass der Kunde die Detailarbeit gar nicht bemerkt oder den Aufwand nicht ermessen kann. Spielt keine Rolle. „Aber ich habe ein gutes Gefühl. Ich habe das so noch nie gemacht, es ist gelungen, und das macht Freude.“

Freilich lässt sich die Frage vom Wert ganz grundsätzlich erörtern. Ein Regenschirm ist auch Accessoire: Die Dame trägt ihn farblich abgestimmt auf das Foulard. Der Herr bevorzugt zum feinen Anzug einen Stockschirm mit Ledergriff, schwarz, oder ein Karo-Vintage-Muster in Beige . . . Der Schirm ist städtisch. Eine Errungenschaft der Zivilisation, die fraglos zur Verfeinerung des Menschen beigetragen hat. Und doch: Auch 317 Jahre nach der Markteinführung des klappbaren Regenschirms steht die simple Vorkehrung gegen das Nasswerden auffällig im Widerstreit zu einer Männlichkeitsattitüde, die den Schirm weiterhin als weibisch abtut. 1705 hatte der Pariser Kaufmann Jean Marius den Parapluie erfunden, indem er, den fernöstlichen Sonnenschirm abwandelnd, eine leichte, klappbare Version schuf. In London galt ein Umbrella noch 50 Jahre später als französisch verderbt. Einen Schirm trug ausschließlich die Dame!

Die fragilen Speichen heißen auf Schweizerdeutsch Stängli.
Die fragilen Speichen heißen auf Schweizerdeutsch Stängli. Bild: Sabina Paries

London kommt übers Jahr durchschnittlich auf 154 Regentage, Paris auf 164; in London regnet es im Schnitt 590 Millimeter, in Paris 720. In Schottland, auf den Äußeren Hebriden, wohin Erich Baumann gern flieht, wenn es ihm daheim in der Schweiz zu beschaulich wird, trägt man lange Kapuzenmäntel und Schaftstiefel. „Dort siehst du keinen mit einem Schirm herumlaufen. Man hat halt ein Mann zu sein.“

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Baumann, Herr vieler Schirme, ist übrigens kein Sammler. Er hat in 23 Jahren keine Manie entwickelt. Niemals würde er sich als Städtetourist einen Schirm mit aufgedrucktem Stadtmotiv kaufen. „Massenware! Das brauche ich nicht.“ Interessant wäre ein handgefertigter Schirm aus Mailand. Interessant sind exklusive Schirmgeschäfte, etwa in Hamburg oder London.

Es ließe sich noch mancherlei berichten aus dieser leicht abseitigen Welt und vom Versuch, eine Passion und ein Handwerk zu ergründen, sich der Faszination Schirm zu nähern. Als alles gesagt ist, begleitet uns Erich Baumann zum Wagen, entdeckt im Kofferraum unseren Gebrauchsschirm, schwarz mit weißen Punkten. Man geniert sich ein wenig dafür, da hat Baumann ihn schon in der Hand, öffnet ihn, bemerkt: „Der spannt nicht richtig.“ Ein Handgriff. Er gibt ihn zurück, beäugt das routinierte, um nicht zu sagen nachlässige Zusammenklappen. Greift sich den Schirm erneut und macht es vor: „Wichtig ist: vorsichtig zusammenschieben!“ Und sorgsam, als streichle er einen Vogel, glättet er Stofffalte um Falte. „So!“

Dass den Dingen eine Seele innewohne, so weit würde der Handwerker Baumann wohl nicht gehen. Das Beseelte liegt im Menschen, der die Liebe zu den Dingen entdeckt.

Quelle: F.A.S.
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