Fashion Week in Mailand

Was das Zeug hält

Von Jennifer Wiebking
27.09.2021
, 17:17
Mit 87 Jahren in seiner eigenen Klasse: Giorgio Armani beging bei der Mailänder Modewoche nicht nur das 40. Jubiläum seiner Zweitmarke Emporio Armani. Er nutzte auch die Schau seiner Hauptmarke Giorgio Armani am Wochenende für ein marketingträchtiges Gruppenbild mit Damen.
Die Mailänder Modewoche hat wieder live stattgefunden. Die italienischen Designer fahren nach eineinhalb Jahren Pandemie alles auf und buhlen um Aufmerksamkeit. Geht es noch lauter?
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Auch so kann man den Vierzigsten feiern: Eben hat sich Giorgio Armani nach der Schau seiner Zweitmarke Emporio Armani verbeugt. 40 Jahre ist es her, dass er sie gegründet hat. Zum Jubiläum in diesem Jahr spendiert er sich – und seinem Unternehmen – eine Ausstellung im haus­eigenen Museum Armani/Silos. Giorgio Armani arbeitet unabhängig von der Zeit, in den Ausstellungsräumen hängen lockere ­Blazer aus 40 Jahren Firmengeschichte, Damals und Heute sind kaum zu unterscheiden. Immer wieder blitzt das Adler-Logo auf. Sportswear, Abendkleider, Kampagnen-Fotos mit sehr entspannt aus­sehenden Menschen. Giorgio Armani hat längst seine eigene Gegenwart erschaffen. Mit seiner Arbeit ruht er geradezu in sich selbst.

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In der Mode ist er auch deshalb eine Ausnahmeerscheinung. Besonders sichtbar war das zur Fashion Week in Mailand, die am Montag endete. Es ist die erste große Modewoche seit anderthalb Jahren, mit einer Live-Schau nach der nächsten, mit Gästen, die endlich wieder aus Übersee anreisen durften und Berühmtheiten wie Gigi Hadid und Dua Lipa auf dem Laufsteg. Chiara Ferragni in der ersten Reihe. Und mit den entsprechenden Fantrauben vor der Tür.

Aussicht auf ein Leben nach der Pandemie

Es ist viel los, und es ist laut. Mit der Aussicht auf ein Leben nach der Pandemie buhlen die Modemarken um Aufmerksamkeit. Wo, wenn nicht hier, wäre das naheliegender? Keine Region war in der ersten Welle der Pandemie schwerer getroffen als die Lombardei. Nirgendwo sonst haben die Menschen so schnell ­Disziplin mit Maske und Abstandsregeln verinnerlicht. Mit dem Green Pass, dem digitalen Impfzertifikat, öffnen sich in Italien jetzt die Türen des Alltags­lebens.

Die Antwort der italienischen Designer auf all das: Sie fahren auf, was geht. Ein Paar Modetage in Mailand muten jedenfalls an wie Insta­gram-Stories in Dauerschleife. Im nächsten Moment könnte von irgendwoher ein Bass reinknallen. Oder unvermittelt eine Blas­kapelle einmarschieren, wie bei der Party von Pomellato, übrigens zum Geburtstag des Nudo-Rings, der gerade einmal 20 Jahre alt wird. Oder es könnte bunter Rauch aus der Fankurve aufsteigen – auf einem Baseballfeld am Stadtrand von Mailand, das Boss und Russell Athletic anlässlich ihrer Kooperation ausstaffiert haben, mit Cheerleadern, Spielern, Fress-Buden.

Versace wird nun von Fendi produziert ...
Versace wird nun von Fendi produziert ... Bild: Versace by Fendi

Dazwischen Gigi Hadid, die tanzt und Shorts und bauchfreien Sweater trägt. „Sportswear ist in der Pandemie noch wichtiger geworden“, sagt Hugo-Boss-Markenvorstand Ingo Wilts nach der Sause auf dem Baseballfeld. Ein paar lockere Blazer, mehr Jacke als Jackett, sind zwar auch darunter, aber auch sie deuten auf das hin, was Wilts „ein anderes Anzugbild“ nennt. „Komfort ist gerade für jüngere Kunden wichtig.“

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Okay. Weiter. Prada: Bei der ersten Live-Schau in Gemeinschaftsarbeit von Miuccia Prada und ihrem neuen Ko-Designer Raf Simons sieht man nicht eine Kollektion auf dem Laufsteg, sondern Models in identischen Stücken auf unzähligen Bildschirmen noch einmal, in einer zweiten Prada-Schau, die gleichzeitig an der Zhong­shan Road in Schanghai läuft. Eine Botschaft: Mit der Globalisierung sehen wir überall auf der Welt gleich aus, wie Mode-Zwillinge. Der zweite, entscheidende Grund für diese ­Mikro-Röcke mit langen Schärpen zu abgewetzten Lederjacken, Strickpullovern mit Brust-Andeutungen und Oberarm-Gürteln zu engen Satin­Röcken: Es geht um den Körper. Zu dessen Schutz schränken wir uns seit anderthalb Jahren ein. Wenn alles besser ist, soll er umso sichtbarer sein. So sehen es gerade viele Designer in Mailand. Dazu gleich.

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Kleider mit Heilsteinen

Denn gerade wird noch getrommelt, buchstäblich bei Etro. Im Juni, sagt Veronica Etro backstage, habe sie mit der Arbeit an der Kollektion angefangen. „Es sollte eine Explosion der Farben werden. Alles sollte blühen.“ Im Lockdown hat die Designerin sich mit Achtsamkeit auseinandergesetzt, jetzt besetzt sie die Kleider mit Heilsteinen, arbeitet Mandala-Muster ein. Zum Finale legt dann das Dutzend Trommler los.

... und Fendi wird von Versace produziert.
... und Fendi wird von Versace produziert. Bild: Fendi by Versace

Modenschauen sind schon länger Social-Media-Happenings, das wird sich so schnell nicht ändern, denn Influencer sind für die Marken weiterhin wichtig. Es ist schon ein gewisser Clash, der nirgends so deutlich wird wie hier in Mailand, wo die Traditionsmarken mit Budgets zu Hause sind und zunehmend in Influencer investieren. Auf der einen Seite also sind die Chefredakteurinnen und Modechefs der Magazine, die bessere Zeiten kennen und jetzt die nächsten Sparmaßnahmen ihrer Verlage umsetzen müssen. Auf der anderen die Influencerinnen, die mit Mitte Zwanzig ausgesorgt haben. Die auch die Designer stilistisch beeinflussen, wenn man bedenkt, dass ihr Look – BH-Top, darüber ein langer Blazer, mehr nicht – nun auf dem Laufsteg angekommen ist, bei Fendi, Max Mara, Sportmax, Etro, Dolce & Gabbana.

Der Kniff fehlt bei Jil Sander und Tod’s, und vermutlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet diese zwei Kollektionen so durchdacht sind, wie Mode einmal war, als es sich dabei wirklich noch um angewandte Kunst handelte.

Missoni setzt auf nackte Haut

Geradezu irritierend wird es bei Missoni: Die BHs entblößen die halbe Brust, Guckloch-Kleider sind mit einem Cut-out auf Höhe der Brust versehen, ein Look besteht einzig aus einem winzigen Bikini und hoch­hackigen Sandalen. Im Mai hat sich Angela Missoni, deren Bild von Körpern gegensätzlicher nicht sein könnte, nach einem Vierteljahrhundert als Kreativ-Direktorin der 1953 von ihren Eltern gegründeten Marke verabschiedet. Nach dem Rücktritt hielt sich der Vorstandsvorsitzende Livio Proli nicht lange zurück, ließ verlauten, es müsse jetzt erst mal aufgeräumt werden bei Missoni. Jetzt steht die Marke ganz schön nackt da.

Wenn Sexyness jetzt wieder Ausdruck von Selbstbestimmung sein soll, was es mindestens ein Jahrzehnt lang nicht war, dann könnte niemand besser Nachhilfe geben als Donatella Versace. Beim besten Casting der Woche sind Dua Lipa, Irina Shayk, Naomi Campbell und Madonnas mittlerweile schon 24 Jahre alte Tochter Lourdes Leon zu sehen.

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Sie tragen vor allem Selbstbewusstsein. Möglich, dass die bedruckten Tücher, die den schwarzen Kostümen und hautengen Kleidern beigemischt sind, die hochgeschlitzten Röcke, die von großen Sicherheitsnadeln à la Elizabeth Hurley anno 1994 zusammengehalten werden, dazu etwas bei­tragen. Dazu die höchsten Plateauschuhe in Bonbonfarben.

Aber damit eben nicht genug von Versace: Achtung, Achtung, heißt es am Mittwoch. Man plane etwas Großes, Geheimes: am Sonntag. Was genau, wird dann schon am Donnerstag enthüllt. Es ist eine Kollektion mit Fendi, wo seit einem Jahr Kim Jones der Kreativ-Direktor ist. Als Nachfolger der 54 Jahre dauernden Ära von Karl Lagerfeld geht er für sein Haus recht systematisch an die Arbeit, blickt einerseits zurück, mit wilden Körper-Illustrationen aus den Siebzigern von Antonio Lopez, hält sich andererseits aber auch vornehm zurück mit monochromem Look.

Nun machen Donatella Versace und Kim Jones also gemeinsame Sache. Besser gesagt: Sie tauschen. Er entwirft neben seiner Fendi-Kollektion eine für Versace und sie neben ihrer für Versace eine für Fendi. Auch hier sind sehr viele Sicherheitsnadeln verarbeitet, Barock­print in allen Farben, Medusenkopf meets FF-Logo. Hier und da blitzt zwar eine Baguette-Tasche auf, aber Donatella Versaces Arbeit sieht aus wie Versace, Kim Jones’ auch. Sie hat ihre Handschrift, er kann sich besser auf ein anderes Haus einlassen. Versace wird nun von Fendi produziert und Fendi von Versace.

„Wir wollen, dass die Leute sich fragen: Was?“, sagt Donatella Versace dazu in dem Branchendienst Women’s Wear Daily. Und Kim Jones meint: „Junge Mädchen werden komplett darauf abfahren.“ Damit ist eigentlich alles über die Mailänder Modewoche gesagt.

Quelle: F.A.Z.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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