Filmfestspiele von Venedig

Getestet, geimpft – und gesehen werden

Von Maria Wiesner, Venedig
02.09.2021
, 17:28
Unter Polizeischutz: Die amerikanische Schauspielerin Kirsten Dunst am Pier des Excelsior-Hotels in Venedig.
Penélope Cruz strahlt, Pedro Almodóvar darf eröffnen, und Jane Campion trägt Palmen: Die 78. Filmfestspiele von Venedig haben begonnen. In diesem Jahr ist einiges anders.
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Es ist gleichzeitig viel und wenig los an diesem Mittwochabend am Lido. Viel, weil das Filmfestival hier live seine Eröffnung feiert: Publikum, Filmemacher, Verleiher und Kritiker reisten trotz Pandemie an. Und doch ist wenig los, vergleicht man den Besucherandrang mit dem der vergangenen Jahre. Zudem sind noch nicht allzu viele Touristen zurück in der Stadt, die sich sonst spontan zum Filmfestival verirrten, um einen Blick auf den roten Teppich zu erhaschen. Wie stark die langgestreckte Insel in der venezianischen Lagune unter dem Tourismuseinbruch durch die Pandemie gelitten hat, lässt sich schon am kleinen Fährhafen erkennen: die Kioske, die hier noch vor Corona Zeitungen aus ganz Europa und Amerika bereithielten, haben ihr Angebot auf Postkarten und Nackenkissen zurückgefahren.

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Und auch sonst ist einiges anders in diesem Jahr: Die piniengesäumte Straße, die zum Premierenpalast hinunterführt, ist kurz vor dem Festivalgelände von der Polizei gesperrt worden. Diesmal überprüfen die Polizisten aber nicht nur das Gepäck der Besucher, sondern auch deren Temperatur und erinnern ans Maskentragen und Abstandhalten. Ins Kino darf nur, wer genesen, geimpft oder getestet ist, zudem ist die Hälfte der Sitze in den Sälen gesperrt.

Menschenaufläufe um jeden Preis vermeiden

Auch wer alle Tests am Eingang bestanden hatte und hoffte, spontan einen Blick auf die Stars zu werfen, dem blieb nur die Liveübertragung des italienischen Senders Rai, der vor dem Festivalpalast eine Videoleinwand bespielt. Hohe Stellwände schirmen den roten Teppich vor neugierigen Blicken ab. Festivaldirektor Alberto Barbera will Menschenaufläufe um jeden Preis vermeiden. Statt des roten Teppichs sieht man nur ein paar Kübel mit rosafarbenem Oleander, der wohl wie eine schöne Entschuldigung einen kleinen Farbtupfer ins coronabedingte Grau der Stellwände bringen soll.

Die Stars laufen am Eröffnungsabend also nur für die internationalen Fotografen und sich selbst Schau. Doch da Venedig sich einen Wettbewerb mit den größten Namen Hollywoods gesichert hat, sind auf dem Teppich Profis am Werk. Penélope Cruz – sie spielt die Hauptrolle in Pedro Almodóvars Film „Madres Paralelas“, der das Festival eröffnete – gibt die Rolle der Filmdiva und griff für die Gala zu Chanel. Das dunkelblaue, bodenlange Kleid mit Schleifen und weißen Rüschenakzenten kombiniert sie mit dramatischen dunkelroten Lippen und viel Kajal – es wäre fast schon zu viel des Guten, wäre nicht im zweiten Pandemiejahr jede Gelegenheit recht, sich herauszuputzen.

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Wahre Glücksfälle dank Cannes

Ebenfalls eine auffällige Robe wählte die neuseeländische Regisseurin Jane Campion, die nach mehr als zehn Jahren Filmpause mit „The Power of Dog“ zurück ist, mit Benedict Cumberbatch als Hauptdarsteller. Es ist einer der Glücksfälle des venezianischen Filmfests, dass die Konkurrenz in Cannes im Frühsommer strikt an ihrer Regel „Keine Streaming-Filme im Wettbewerb“ festhielt, denn Campions Film wurde von Netflix produziert. Die Regisseurin wäre sonst sicher schon ein paar Monate früher nach Frankreich gereist. Hier nun trägt sie ein Outfit in schlichtem Schwarz, auf dessen Kimono-Ärmeln glitzernde Palmwedel ranken – eine subtile Anspielung auf die „Goldene Palme“, die sie 1993 mit „Das Piano“ als erste Frau in Cannes gewann. Campions Film ist einer von 21, die in Venedig im Wettbewerb um den Goldenen Löwen antreten.

Wer ihn bekommt, entscheidet eine siebenköpfige Jury. In diesem Jahr sitzt ihr der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho vor, der vor zwei Jahren mit „Parasite“ gleich mehrfach bei den Oscars ausgezeichnet wurde – und ganz süditalienisch einen Fächer zu seinem Haupt-Festivalaccessoire gemacht hat. An seiner Seite ist die diesjährige Oscar-Gewinnerin Chloe Zhao, deren sozialkritisches Roadmovie „Nomadland“ vor einem Jahr ebenfalls in Venedig Premiere feierte – damals konnte Zhao nicht nach Europa reisen, das hat sie nun nachgeholt.

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Der Vorteil eines leeren Venedigs

Nicht nur sie hat darauf gewartet, nach Venedig zu kommen. Viele Filmemacher haben Premieren verschoben, bis Kinos wieder geöffnet wurden. Und so kommt es, dass einige Stars in Venedig gleich in mehreren Filmen zu sehen sind – Oscar Isaac etwa hat gleich drei Projekte, die er am Lido vorstellt, darunter die schwer gehypte Neuverfilmung des Science-Fiction-Epos „Dune“, die an diesem Freitag zum ersten Mal gezeigt wird.

Den Fans bleibt also immerhin die Möglichkeit, ihre Stars direkt im Kino auf der großen Leinwand zu suchen. Oder man läuft ihnen auf dem Lido spontan im Café über den Weg. Auch das ist ein Vorteil, wenn weniger Besucher auf dem Gelände sind: Man erkennt sich schneller.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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