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Foto: The LIFE Picture Collection via

Die Models sind unter uns

Text von STEFAN PEGATZKY
Foto: The LIFE Picture Collection via

09.12.2019 · Der Fotograf Walter Sanders porträtierte nach dem Krieg Hildegard Knef. Es war der Beginn ihres Weltruhms. Viele Fotos schlummerten bisher im Archiv. Hier sind sie zum ersten Mal zu sehen.

N ew German Star“: So überschrieb das amerikanische Magazin „Life“ in seiner Ausgabe vom 21. Mai 1947 eine Reportage über einen neuen Stern am deutschen Schauspielhimmel. Hildegard Knef, 21 Jahre alt und seit ein paar Monaten im Berliner Schlosspark-Theater unter Vertrag, hatte gerade die Hauptrolle im eben abgedrehten ersten deutschen Nachkriegsfilm gespielt. Walter Sanders, der Fotograf, porträtierte sie in verschiedenen Bühnenpartien, zu Hause bei der Gymnastik und am Set von „Die Mörder sind unter uns“, gemeinsam mit Regisseur Wolfgang Staudte. In der Erinnerung von Hildegard Knef schrumpften die verschiedenen Sitzungen auf einen Moment zusammen, den Abend der Filmpremiere im Oktober 1946. In ihrer Autobiografie „Der geschenkte Gaul“ heißt es lapidar: „Zum Schluss applaudierten sie, ein Fotograf sagte: ‚Walter Sanders, Life-Magazin‘. Er sprang um mich herum, knipste pausenlos.“ Immerhin werden sich die beiden auch etwas unterhalten haben, denn in seinem Artikel erwähnt Sanders ihren Traum, in Hollywood zu drehen. Und wirklich: Wenige Monate nach dem Erscheinen des Artikels klopfte David O. Selznick, der Produzent von „Vom Winde verweht“, bei ihr an.

„Walter Sanders – ich werde seinen Namen nie vergessen.“ Erst kurz vor Ende ihres Lebens, in „A Woman and a Half“, wird Hildegard Knef bekennen, dass der Amerikaner doch bleibenden Eindruck auf sie gemacht hatte. Sanders war mit 50 Jahren mehr als doppelt so alt wie die junge Schauspielerin. Trotzdem wird er für sie, als Korrespondent des bedeutendsten Bildmagazins der Welt, die freie Welt und eine neue Zeit verkörpert haben.

Foto: The LIFE Picture Collection via

Noch kann sie nicht wissen, wie eigenartig sich die gegenläufigen Lebenslinien der beiden verschränken sollten: die des Amerikaners, der 1946 nach Deutschland gekommen war und hier bis zu seinem Tod im Jahr 1985 lebte, und der Deutschen, die wenige Jahre später die amerikanische Staatsbürgerschaft erlangen sollte. Aber womöglich wird ihr Sanders seinerseits etwas von sich erzählt haben, denn vor dem Krieg hatte er ebenfalls in Berlin gelebt, und seine Tochter war in ihrem Alter.

Über dieses erste Leben des Walter Sanders ist fast nichts bekannt. Es lässt sich nur anhand seiner Bilder und ihrer Nachweise, Berliner Adressverzeichnissen sowie dreier biografischer Notizen von Dritten rekonstruieren. Und aus einer Reportage in eigener Sache, die unter dem Titel „The Road Back to Berlin“ am 11. November 1946 in „Life“ publiziert worden war – und die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Mit einiger Sicherheit lässt sich sagen, dass der 1897 geborene Walter Sanders eigentlich Walter Süßmann hieß, in Berlin gelebt und dort vor dem Ersten Weltkrieg Geschichte und Volkswirtschaft studiert hatte. Und dass um das Jahr 1925 seine Tochter Uschi geboren wurde. Um das Vaterglück zu dokumentieren, erwarb Süßmann eine Kamera – und wurde schnell zum anerkannten Fotografen. Noch in dem großen Sammelband „The Great Life Photographers“ von 2010 gab das zu der süffisanten Bemerkung Anlass, dass Sanders der wohl einzige Fotograf war, der es vom Babyfotografen in die „Life“-Redaktion geschafft habe.


„Er war ein Gigant“
CARL MYDANS über Walter Sanders

S üßmanns Fotos erschienen jedenfalls seit 1927 auf dem boomenden Berliner Illustriertenmarkt, in Publikationen wie „Das Magazin“, „Revue des Monats“ und „Der Querschnitt“. In einer Besprechung des Jahresbands 1929/30 des „Deutschen Lichtbildes“ schwärmte Kurt Tucholsky von dessen Arbeit: „Dann das beste Frauenbildnis in diesem Band: das Blatt 63 von Walter Süßmann, ein Bild, das ohne Wissen des Objekts vom Objektiv erwischt worden ist – sieh ihr in die Augen, eine Welt leuchtet daraus, ihre, unsre, deine!“ Damit ist früh ein Schwerpunkt von Süßmanns Arbeit benannt, doch nachhaltigeren Erfolg hatte er ausgerechnet mit seinen Babyfotos: Als im November 1930 der langjährige Mitarbeiter Hans Reuter zum Schriftleiter der in Berlin-Kreuzberg verlegten „Agfa Photoblätter“ ernannt wurde, machte er Süßmann zum festen Mitarbeiter. „He gave me a start“, erinnerte sich Sanders 1946. Tatsächlich waren in den „Photoblättern“ Kinderfotos sehr beliebt. In Artikeln wie „Charakterköpfe aus der Puppenstube“ oder „Mein Skizzenbuch“ konnte sich Süßmann auch als Autor einen Namen machen. Mitte der dreißiger Jahre fotografierte er im Auftrag von Bildagenturen wie der „Presse Photo GmbH“ oder der in Amsterdam sitzenden „Pacific & Atlantic“ neben Berliner Impressionen auch Reisereportagen aus Italien und Spanien.

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Der Geist der Zeit erfasste aber auch die Fotomagazine. In den „Photoblättern“ wurde zunehmend deutsches Volkstum zum Thema, ergänzt nur durch die Sportbegeisterung während der Olympischen Spiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen und Berlin. Noch deckte Reuter seinen Mitarbeiter und publizierte ihn wohl unter dem Namen Lüders. Ein Zeitgenosse schrieb 1946, dass ihn die SS um diese Zeit wegen „nicht-arischer Aktivitäten“ verfolgt habe.

1937 jedenfalls emigrierte Süßmann mithilfe von Adolf Seiler, dem Direktor der „Presse Photo GmbH“, in die Vereinigten Staaten – als Walter Sanders besuchte er ihn dann 1946, wie auch Hans Reuter, in Berlin, und nahm ihre Porträts in seine Reportage auf. Was aus Sanders’ Familie wurde, ist unklar. Indizien deuten darauf hin, dass seine Frau in Berlin zurückgeblieben war und wieder geheiratet hatte. Er selbst kam über die New Yorker Bildagentur „Black Star“, eine Anlaufstelle für emigrierte europäische Fotografen insbesondere jüdischen Glaubens, schließlich zum 1936 gegründeten Magazin „Life“ – ähnlich wie Fritz Goro, Robert Capa und Andreas Feininger.

Tatsächlich ist über Walter Sanders nicht viel mehr bekannt als über Walter Süßmann. Nachhaltig hält sich das Etikett Kriegsfotograf. Das ist, auch wenn Sanders 1946 als „War Correspondent“ nach Europa kam, schlicht Unsinn. Von 1939 an – seit 1944 als festangestellter „Staff Photographer“ für „Life“ – arbeitete er in erster Linie an der Heimatfront. Er fotografierte Landwirtschaftsfeste im Mittleren Westen genauso wie populäre Filmschauspieler und Themen, an denen das kriegsgepeinigte Publikum (und er selbst) viel Freude hatten, etwa die Beine eines Hollywoodstars („Betty Grable’s legs“, „Life“, 7. Juni 1943). Das mag nicht so bedeutend gewesen sein wie die Kriegsfotos von Robert Capa. Aber Sanders spielte eine Hauptrolle in der Entwicklung von „Life“. Sein Kollege Carl Mydans schrieb: „Er war ein Gigant.“

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Nach ersten Europa-Reportagen des Fotografen aus Genf, Paris, Berlin und Braunschweig in der ersten Jahreshälfte 1946 meldete „Life“ in seiner Ausgabe vom 19. August, dass Walter Sanders fortan von den Berliner Büros des Magazins aus arbeiten werde. Nun erfuhr das amerikanische Publikum durch ihn regelmäßig vom Leben aus dem besetzten Deutschland, gipfelnd im großen Themenheft zur „U.S. Occupation of Germany“ im Februar 1947. Seine Artikel waren, wie das Magazin insgesamt, ein Mix aus schweren und leichten Themen: Sanders dokumentierte die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, aber auch die Entstehung der ersten Briefmarken Nachkriegsdeutschlands. Anders als bei den Kriegsfotografen war sein Stil spielerischer geblieben. Nur wenige Aufnahmen ließen die Bitterkeit des heimgekehrten Emigranten spüren. Wie die Bilder von der amerikanischen Heimatfront waren auch die aus Nachkriegsdeutschland grundiert von einem nicht zu besiegenden Optimismus.

W ährend der Dreharbeiten zu „Die Mörder sind unter uns“, vermutlich im August 1946, hatte Walter Sanders Hildegard Knef zum ersten Mal gesehen. Es war der erste deutsche Nachkriegsfilm, und Sanders witterte eine Geschichte. Er fotografierte die Dreharbeiten mit seiner Erfahrung aus Hollywood, also mit dem Fokus auf den weiblichen Star – nur war es eben statt Lana Turner, Bette Davis oder Ingrid Bergman eine junge Deutsche. Anders als Hildegard Knef es später schrieb, gab es bis März 1947 mindestens vier Shootings. Dabei näherte sich Sanders seinem Modell immer weiter an: erst Aufnahmen am Filmset, dann von Bühnenproben, schließlich private Fotos in der Dahlemer Villa, in der Hildegard Knef lebte, dank der Protektion durch Erich Pommer, den obersten Filmoffizier der amerikanischen Militärregierung.

Kein anderer Fotograf hat bis in die sechziger Jahre Hildegard Knef so häufig und vielseitig porträtiert – von der Charakterzeichnung bis hart ans Pin-up heran. Umso bemerkenswerter, dass im Archiv von „Life“ zweieinhalb Rollfilme „H. Knef by Walter Sanders“ aus dem Winter 1946 erhalten sind, deren Bilder nie publiziert wurden.

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Dabei zeigen sie die mit Abstand ungewöhnlichste Bildsituation: Hildegard Knef im Pelzmantel beim Besuch eines Berliner Schwarzmarkts in den Ruinen des Potsdamer Platzes, damals das „Dreiländereck“ zwischen sowjetischem, britischem und amerikanischem Sektor. Vermutlich war es zur Adventszeit, darauf lassen das Kinderspielzeug und die Plätzchenausstecher aus Weißblech auf den Tischen der Schwarzhändler schließen. Das Filmplakat von „Die Mörder sind unter uns“ spricht für einen Zeitpunkt nicht lange nach der Premiere des Trümmerfilms im Oktober 1946.

Warum aber fand keines dieser Bilder Eingang in den Artikel über Hildegard Knef, der am 19. Mai 1947 in „Life“ erschien? Die Antwort hängt wohl mit der zweiten Frage zusammen, die sich mit Blick auf das Konvolut an Knef-Bildern ergibt: Warum erschien der Artikel so spät? Schließlich hatte Sanders im Spätsommer 1946 mit den Film- und Theaterfotos genug Material zusammen. Tatsächlich aber hatte das Magazin bereits in der Ausgabe vom 26. August 1946 eine thematisch eng verwandte Story von Sanders gebracht: einen Bericht über die Tanzaufführungen einer Heidi Scharf im zerbombten Berlin („Götterdämmerung“ betitelt), nicht viel mehr als die forcierte Ruinen-Erotik einer zweiten Marlene Dietrich.


„Walter Sanders – ich werde seinen Namen nie vergessen.“
HILDEGARD KNEF

Immerhin bescherte der Artikel ihr waschkörbeweise Verehrerpost, und noch im Jahr darauf setzte der „Spiegel“ den angeblichen Satz von Walter Sanders, mit dem dieser die Tänzerin im Sommer 1946 angesprochen haben soll, unter ein Coverfoto von Heidi Scharf: „Very well, hohe Backenknochen“.

Es war daher wohl nicht nur ein zeitlicher Abstand, den Sanders zwischen den Artikeln über Heidi Scharf und Hildegard Knef schaffen wollte. Sanders war wohl auch klar geworden, dass es zwischen den Körperinszenierungen weiblicher Hollywoodstars und denen von Frauen in einem besetzten Land einen Unterschied gab. Zumal zeitgenössischen Betrachtern die Bilder der Knef im Pelzmantel am zerbombten Potsdamer Platz ebenso anstößig erscheinen mochten wie die Trümmer-Performance der halbnackten Heidi Scharf. So lässt sich der Verzicht auf die Bilder als schützende Geste des Fotografen für sein Model verstehen.

Foto: The LIFE Picture Collection via

Dabei nimmt das Setting der Bilder auf fast gespenstische Art die Eingangsszene des nächsten Films von Hildegard Knef vorweg, „Zwischen gestern und morgen“, der 1947 gedreht wurde. Darin schreitet ein heim- gekehrter Emigrant durch zerbombte Münchner Straßenzüge zu dem Hotel, in dem er die Nacht verbringen will. Dort erblickt er nur Ruinen – und mittendrin die junge Hildegard Knef. In dieser Szene zwischen all den Trümmern erscheint sie als Epiphanie von Schönheit und Verheißung. „Was alles kaputt ist, darauf kommt’s doch gar nicht an“, wird sie zu dem Mann sagen. Er fragt: Worauf denn? Sie: „Dass man sich das Schöne nimmt, wo man’s kriegen kann.“

Vielleicht ist es dieses selbstbewusste Dennoch, das Walter Sanders an der jungen Hildegard Knef so faszinierte. So wie es uns noch heute, nach 70 Jahren, fasziniert. Sanders aber spiegelte diesen Stolz nicht einfach, er registrierte zugleich die Verletzbarkeit der jungen Hildegard Knef und die auffällige Distanz zu ihrer Umwelt. Zukunft, das wusste niemand besser als er, ist ein Versprechen ohne Garantie.



09.12.2019
Quelle: F.A.Z. Magazin

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