Frankfurt Fashion Week

Meinen sie das ernst?

Von Johanna Christner und Anna Wender
27.06.2022
, 13:37
Samuel Gärtner zeigte seine Kollektion auf dem Eisernen Steg. Eine gute Location macht nur noch lange keine gute Fashion Show.
Die Schickeria am Main schnupperte eine Woche lang Front-Row-Luft: Am Sonntagabend ging die Frankfurt Fashion Week zu Ende. Worte für die vergangenen Tagen zu finden, fällt aus vielen Gründen schwer. Ein Versuch.
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„Wir blicken auf eine Woche, die man nicht in einem Satz beschreiben kann“ – mit diesen Worten sollte der Moderator auf der letzten Show der Frankfurt Fashion Week recht behalten. Designer Wladimir Arutti beendete die Woche in glühender Hitze zwischen Plastikpflanzen im Club „Fortuna Irgendwo“ – einem Veranstaltungsort, der sich ironischerweise mit dem Zusatz „Heilanstalt für Gemüts- und Nervenkranke“ schmückt. Nicht aus allen Winkeln des Clubs waren Aruttis Bademode sowie die nass aus einem Mini-Pool steigenden Models ordentlich zu begutachten. In der im Raucherbereich befindlichen Presselounge versperrte die Dekoration das Sichtfeld, hier bekam man vor allen Dingen die Rückseiten der Models zu sehen. Auch dass die Badehosen und Bikinis aus Thermolack gefertigt wurden und so die Farben je nach Temperatur wechseln sollten, blieb für viele nur ein Gerücht. Für Saunaflair sorgten die Elektroheizungen im Club, die für den magischen Farbwechsel auf über 30 Grad gedreht wurden.

Aber nach den Tagen, die hinter einem lagen, regte sich da kein Protest, sondern nur ein resignierendes: Vielleicht ist es besser, nichts zu sehen. Am Samstag und Sonntag fanden nur noch die Messe Neonyt und einige kleinere Veranstaltungen statt, die zur Beantwortung der wohl meist gestellten Frage der letzten Woche nicht mehr viel beitragen konnten – kann Frankfurt Mode? Sagen wir so: Theoretisch kann auch jeder singen. Wie gut ist dann eine andere Frage.

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Wem seine Augen lieb und teuer sind, beließ es bei der Show von René Storck

Dabei hatte die Frankfurt Fashion Week mit einem Höhepunkt begonnen. Einige vermuteten da schon, dass es das einzige Highlight bleiben würde. Designer René Storck zeigte am vorvergangenen Sonntagabend seine Resort 2023 Kollektion im Handelssaal der Börse. Zu sphärischen Klängen von Hans Zimmer schritten die Models durch das Finanzlabyrinth, eingerahmt von Aktienkursen und staunenden Blicken. Die Entwürfe: klassisch und zugleich raffiniert, hochwertige sowie hervorragend verarbeitete Stoffe. Sie erinnerten daran, dass Mode nicht nur Kunst, sondern auch ein Handwerk ist, das gelernt sein will. Dass Balenciagas Kreativdirektor Demna Gvasalia vor ein paar Wochen seine Cruise-Kollektion auf dem Parkett der New Yorker Börse zeigte, war Zufall – und für René Storck ein Zeichen, den Zeitgeist getroffen zu haben.

René Storck zeigte seine Kollektion im Handelssaal der Börse. Seine Show sollte das Highlight der Woche bleiben.
René Storck zeigte seine Kollektion im Handelssaal der Börse. Seine Show sollte das Highlight der Woche bleiben. Bild: EPA

Von Minimalismus konnte bei den parallel laufenden Veranstaltungen keine Rede sein. Wem seine Augen lieb und teuer sind, beließ es bei der Show von René Storck. Zwar wurden für die anderen Schauen an jenem Sonntag ebenso spektakuläre Schauplätze, der Eiserne Steg und die Alte Oper, gewählt. Allerdings bewegte man sich hier in völlig anderen modischen Dimensionen. In der altehrwürdigen Oper zeigte Irena Soprano die glitzernden Roben ihrer russisch-arabischen Marke Sol Angelann. Sonst stöckeln Frauen wie Paris Hilton mit ihren Kleidern über Hollywoods rote Teppiche. Wo in diesem Fall die lokale Kreativszene gefördert werden sollte, blieb unklar.

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Bei der Schau von Samuel Gärtner kündigte sich das Unheil für einige Frankfurter schon vor dem eigentlichen Ereignis an: So beschwerten sich Passanten bei der Polizei über die gesperrte Mainbrücke. Dass man ihr Wohlbefinden mit der Sperrung des Eisernen Stegs schützte, war ihnen womöglich nicht ganz klar. Gärtner schickte mit Blick auf die Skyline und „Que Sera“ von Doris Day in Endlosschleife Dragqueens und frühere Germany’s Next Topmodel-Kandidatinnen über die Mainbrücke. An ihren Körpern trugen sie quietschbunte, kreuz- und quergenähte Fetzen im 60er-Jahre-Stil. Gärtners Entwürfe zeigten, dass nicht nur Talent darüber entscheidet, wer auf der Frankfurter Modewoche eine Plattform erhält, sondern manchmal auch einfach das Vermarktungspotenzial eines vermeintlichen Design-Wunderkindes, das sich als „Frankfurter Bub“ bezeichnet. Dass die gezeigte Mode eine Beleidigung an das Modehandwerk ist, spielte hier keine Rolle.

Auch mal Front-Row-Luft schnuppern

Was die Woche noch zeigte: Hier mischen viel zu viele mit. Wer zu wem gehört oder was von wem veranstaltet wird, war auch am fünften Tag noch nicht klar. Am prominentesten inszenierte sich die von Unternehmerin Sevinc Yerli organisierte Frankfurt Fashion Lounge. Wer „Frankfurt Fashion Week“ googelte, erhielt die Website ihres Veranstaltungskomplexes als eines der ersten Suchergebnisse. Schon im Voraus konnte man dort bis zu 250 Euro teure Karten für fast alle Shows kaufen. Dementsprechend bunt war das Publikum. Sprich: die Frankfurter Schickeria und jene, die noch Teil von ihr werden wollen.

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Von Montag bis Dienstag diente der Kreuzgang des Karmeliterklosters als Kulisse dieser Fashion Lounge. Große wie kleine Marken und Designer hatten hier die Möglichkeit, ihre Entwürfe zu präsentieren – sofern die nötige Teilnahmegebühr eigenständig oder durch Sponsoren gestemmt werden konnte. Dass Nachhaltigkeit bei allen eine große Rolle spielte, wurde oft betont. Ob es so nachhaltig ist, eine in Dubai ansässige Designerin einfliegen zu lassen, die daraufhin direkt weiter nach Moskau jettet, überlassen wir dem Urteil unserer Leserinnen und Leser.

Eine Nummer kleiner, aber nicht exklusiver

Die Show des Second-Hand Labels „Style Definery“ wurde indes begleitet von minütlich umfallenden Weingläsern und kaum weniger stolpernden Models. Letzteres war nicht so tragisch, wie es sich im ersten Moment anhört: Das Modewochen geübte Publikum applaudierte schon während der Show und ermutigte zum Weiterlaufen („Go Girl!“). Da fiel es auch relativ erfahrenen Models wie Dascha Carriero (ebenfalls EX-GNTM Kandidatin) schwer, die ernste Model-Miene zu wahren.

Carriero entpuppte sich übrigens im Laufe der Woche als Quoten-Curvy-Model, obwohl die Frankfurter Model Agentur East-West durchaus bemüht war, nicht nur branchenübliche Maße ins Rennen zu schicken, sondern vor allem sogenannte New Faces – Model-Anfängerinnen, die von „richtigen“ Modewochen träumen.

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Mit stehenden Ovationen für den Frankfurter Couturier Albrecht Ollendiek endete das Gastspiel im Kloster am Dienstag. Seine Kollektion „Le Temps Éphémère“ (Die vergängliche Zeit) war das Highlight im Kreuzgang – und die Erinnerung, dass wieder ein Tag Frankfurt Fashion Week vorbei ist. Ab Mittwoch ging es eine Nummer kleiner, aber nicht exklusiver auf der Dachterrasse des Sofitel an der Alten Oper weiter. Manche schienen sich bei der Hitze zufällig nach dort oben verirrt zu haben und machten – wenn sie schon mal da waren – ein paar Selfies.

Wir wären gerade wirklich lieber überall, nur nicht hier

Während die Frankfurt Fashion Lounge am Donnerstag eine Pause einlegte, zog doch noch etwas „echtes“ Fashion-Week-Feeling an den Main: Die Neonyt lud ins Atelier Lihotzky. Unter dem Motto „Biosphere – Technosphere“ zeigte sie in Kooperation mit dem Studio MM04 32 Looks kleiner unabhängiger Newcomer-Labels, aber auch international etablierter Designer. Die Elemente Wasser, Luft und Erde stießen im vierten Stock bei 30 Grad und entspannendem Lavendelduft auf die industrialisierte digitale Welt. Auf LED-Screens waren die Looks gleichzeitig in Nahaufnahme zu sehen; die Models kamen von verschiedenen internationalen Agenturen und zeigten, wie Diversität auf dem Laufsteg aussehen kann. Sogar Fashion-Lounge-Initiatorin Sevinc Yerli befand im Anschluss, dass hier Berliner Flair mitschwingt – und nahm sich den Abend als mögliche Inspiration für das nächste Jahr.

Nach der Show ist man wieder davon überzeugt, dass Frankfurt in Sachen Mode doch etwas zu bieten hat, nur an der Umsetzung scheint es noch zu hapern. Statt sich zu fragen, ob die Stadt Mode kann, sollte man sich vielleicht fragen, für wen diese Fashion Week überhaupt gemacht wird. Wenn in den ersten Reihen statt bekannter Gesichter deutscher Modemagazine Mikro-Influencer und frühere Castingshow-Gewinner Platz nehmen, öffnet sich die Branche zwar für ein breiteres Publikum – die Modekenner schreckt diese Offenheit jedoch eher ab. Einige davon hatten im vergangenen Jahr Frankfurt noch eine Chance geben wollen, doch kaum nahmen sie damals in den halb improvisierten Veranstaltungsorten Platz, verzogen sie ihre Mienen, als würden sie denken: „Wir wären gerade wirklich lieber überall, nur nicht hier“.

In diesem Jahr flogen jene Personen wohl lieber auf die Männermodewoche in Italien, oder sparten ihre Kräfte gleich für Paris. In Frankfurt hingegen ereignete sich ein tagelanges Klassentreffen einer Szene, die sich hauptsächlich in den sozialen Netzwerken möglichst gut zu präsentieren versuchte. Dass bei einer Fashion Week die Mode im Fokus stehen sollte, war da zweitrangig. Vielmehr wurden Modenschauen als Event inszeniert, bei denen man alles hätte zeigen können. Wirklich alles. Mit den Bildern, die man aus den wirklichen Modestädten wie New York, Mailand oder Paris kennt, hatte das wenig zu tun. Wobei man das womöglich gar nicht erst miteinander vergleichen sollte – wie schon René Storck zu Beginn der Woche feststellte. Denn ja, die Messlatte liegt in Frankfurt deutlich niedriger.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Christner, Johanna
Johanna Christner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft & Stil.
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Anna Wender
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“
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