GNTM-Kolumne

Es kann nur keine geben – Starfotograf sucht erfolglos nach Topmodels

Von Marie von den Benken
22.04.2022
, 08:21
In der Schwebe: Kandidatin Lou-Anne beim Shooting
Für den Model-Nachwuchs von Heidi Klum startet die Woche mit einer klaren Ansage – Verständnisprobleme gibt es trotzdem. Beim Trampolin-Shooting geht die Rauswurf-Angst um. Und der Fotograf zieht eine Schneise der emotionalen Verwüstung.
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Die Woche startet mit einer klaren Ansage: „Eine muss heute ausziehen“. Nur ein einziger kurzer Satz – und sofort herrscht Rudelpanik in den Feminismus-Enklaven der Feuilletons. Zum Glück bleiben die Laptops der Empörungs-Haute-Volée dann aber doch unberührt, denn schon wenige Sekunden später wird klar: Es geht nicht um Nacktshootings, sondern um personellen Aderlass. Es sind noch elf Models in Los Angeles, kommende Woche geht es jedoch in die Top 10. Da reicht es sogar aus, nur rechnen zu können, um festzustellen: Eine Kandidatin wird heute die Modelvilla verlassen. Also ausziehen. Da ist die TV-Branche knallhart: Eine Top-10-Sendung mit mehr als 10 Protagonistinnen kann man dem aufgeweckten deutschen Nörgler-Publikum auch mathematisch nicht unterjubeln. Klassisch geht es zu zehnt in die Top 10.

Auch eine weitere lieb gewonnene Tradition bleibt bestehen, da habe ich mich extra bei Oberschiedsrichterin Klum rückversichert: „Nur eine kann Germany´s Next Topmodel werden“. Ein Satz, der in der ewigen GNTM-Bestenliste nur ganz knapp hinter „Nur weil man blond ist, muss man nicht dumm sein, man kann auch beides sein“ rangiert. Analog dazu kommt auch nur eine auf das Cover des Branchenfachblatts „Harper´s Bazaar“ und nur eine kann auf Instagram zukünftig als GNTM-Gewinnerin 2022 firmieren und ihre neugewonnene Beauty-Popularität in One-Night-Stands mit Fußballprofis ummünzen.

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Um das Format nicht zu vorhersehbar zu gestalten, gilt die „Nur eine“-Regel aber nicht für alle Bereiche. Getreu dem Motto, warum einmal coachen, wenn man auch zweimal coachen kann, steht zu Beginn der Top-10-Rekrutierungswoche plötzlich abermals Nikeata Thompson in der Tür. In der internen Nikeata Thompson/Thomas Hayo-Wertung (bei Insidern auch als „Confidence vs. Attitude Challenge“ bekannt) steht es aktuell also 2:0.

Affekteardrops in my Eyes

Gnadenlos treibt Nikeata den lernbegierigen Kader potentieller Supermodels an den intellektuellen Abgrund. Plaudertasche Sophie offenbart nach Fachkritik an ihrem Walk sogar Vokabeldefizite: „Ich kenne das Wort affektiert nicht“. Affektiert ist laut Definition ein geziertes, gekünsteltes oder unnatürliches Verhalten. Verständlich, dass das bodenständige, zurückhaltende TikTok-Wunder Sophie da keine Assoziationen mit verbindet. Wobei das ein bisschen so ist, als würde Mats Hummels sagen, er kennt die Vokabel „Single“ nicht.

Sind noch im Rennen: Lena, Lou-Anne, Noella, Vanessa und Luca (von links nach rechts)
Sind noch im Rennen: Lena, Lou-Anne, Noella, Vanessa und Luca (von links nach rechts) Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Ebenfalls um Verständnisprobleme geht es bei Vanessa. Eigentlich gilt sie als perfektes Beispiel für die Volksweisheit „Lieber grüne Haare als grüne Familienministerinnen“. Bei Nikeatas Herausforderungen hilft aber auch die Haarfarbe nicht. Bei der Frage „Wo kannst Du wachsen?“ schaut die 20 Jahre alte Industriekauffrau aus dem Outlet-Paradies Metzingen ein wenig, als würde sie denken: „Wo kann ich waxen? Wahrscheinlich in der Bikinizone, oder?“

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Versöhnlicher geht es bei Familie Gleißenebner-Teskey zu. Die inzwischen bekanntesten Österreicher in Los Angeles seit Arnold Schwarzenegger leben in harmonischer Walk-Symbiose: „Meine Mutter hat mir viel geholfen, sie kann sehr gut laufen“. Bei Martina und Lou-Anne ist es wie in den meisten Familien: Mütter bringen Töchtern das Laufen bei.

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Trampolean on Me

Perfektes Timing, den Models ein Walk-Tutorial zu spendieren, denn am nächsten Tag müssen sie auf einem Trampolin shooten. Am Vorabend des Elimination-Walks gibt es dann vermutlich einen Kochkurs. Um dem Versprechen, dieses Jahr würde alles anders, besonderen Nachdruck zu verleihen, ist diese Set-Idee eine 1:1 Kopie aus der 2014er Staffel, als Stefanie Giesinger das Finale vor Jolina Fust gewann. Um vom Ideen-Recycling abzulenken, kehrt nach Nikeata Thompson auch Fotograf Yu Tsai zurück.

Nach seinem eher unfreiwillig zum Bewegungs-Tutorial verunglückten ersten Einsatz zu Beginn der Staffel auf Mykonos, kontrolliert er heute die Lernkurven der etwaigen Nachfolgerinnen von Lena Gercke. Das Ergebnis scheint ihn allerdings nur eingeschränkt zu begeistern: „Ich sehe heute kein Model“. Erstmal suboptimal für das Vorhaben, ein Topmodel zu finden. Vor allem für Anita, deren Leistung Motivationskünstler und Charakterikone Yu Tsai mit „Ich kann nicht hingucken, es ist ein Albtraum“ kommentiert.

Auch Heidi Klums Tipp „Du musst schöne Füße machen“ hilft Anita wenig. Wie auch? Könnte sie schönere Füße machen, würden Kunden wie Chanel sie trotzdem nicht buchen. Dafür Kunden wie Shrek.

Heidi Klum und Fotograf Yu Tsai
Heidi Klum und Fotograf Yu Tsai Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Auch Juliana („Kein Fashion-Model“), Noëlle („Sie ist eine Model-Parodie“) und Vanessa („Wir suchen keine Fitness-Trainerin“) gehören nicht zu Yu Tsais engstem Kreis der Favoritinnen. Umgehend geht die Rauswurf-Angst um. Der Fachbegriff dafür lautet übrigens No Photographia Phobia. Mehreren Model-Probandinnen wird attestiert, es würde schwer, aus ihren Trampolin-Bemühungen ein gutes Foto zu extrahieren. Affektiertheits-Beauftragte Sophie findet als Erste den logischen Kausalzusammenhang: „Wenn kein Foto dabei ist, kann man auch nicht weiterkommen“. Das ist so simpel wie korrekt.

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Derart gnadenlose Rauswurf-Prinzipien ziehen sich eben durch die Fashion-Branche. Wer erinnert sich nicht an die knallharte Erkenntnis: „Ohne Tasche kann ich keine Competition machen“? Leider ringt sich keines der Mädchen zu dem Satz durch: „Wenn ich mir die Bilder so anschaue, sehe ich heute keinen Fashion-Fotografen“. Auch Heidi Klum lässt den Gastjuror mit seinen abwertenden Kommentaren wie gewohnt kritiklos gewähren. So zieht Yu Tsai weitgehend unbeeindruckt seine Schneise der emotionalen Verwüstung durch die ohnehin fragilen Egos der Kandidatinnen.

Der Robert Geiss der Modedesigner

Viele Kandidatinnen treten dadurch am Folgetag stark verunsichert zum Final-Walk an. Für den letzten Runway der Woche in einem künstlichen Labyrinth wird Yu Tsai glücklicherweise durch Peter Dundas ersetzt. Dundas sieht aus wie eine Mischung aus Robert Geiss und Alexander Zverev, ist aber erfreulicherweise weder Reality-TV-Proll noch Tennisprofi. Er ist Modedesigner. In dieser Funktion durfte er bereits Michelle Obama einkleiden. Quintessenz: Für internationalen Erfolg bitte nicht auf frauenfeindliche Sprüche oder Affären mit Ex-GNTM-Models setzen. Auf Trampoline allerdings auch nicht. Insgesamt eine komplizierte Woche zum Identifizieren nachhaltiger Erfolgsrezepte.

Auch wieder dabei: Nikeata Thompson
Auch wieder dabei: Nikeata Thompson Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Zum Top-10-Qualifying gibt es für den Cast von „11 Freundinnen müsst ihr nicht sein“ die komplette Bert-Experience. Also Bert von Ernie, nicht Bert von Wollersheim. Etwa zwei Zentimeter breite künstliche Augenbrauen sollen offensichtlich vom kreativen Level der Couture ablenken. Nach eher durchschnittlichen Shootings und nicht überragenden Walks wackeln Anita, Noëlla und Vanessa. Noëlla geht es dabei wie Schneidezähnen beim Zahnarzt: „Es ist kein gutes Gefühl, zu wackeln“. Noch härter trifft die natürliche Klum-Auslese die neo-haargrüne Vanessa. Sie hatte während des Walks ihr Kleid mit beiden Händen so konsequent an der Hüfte festgehalten, als hätte sie Angst, ein im Irrgarten versteckter Überraschungsgast könne ihr spontan die Klamotten vom Leib reißen. Für Peter Dundas, immerhin Urheber des Kleides, ein eindeutiges „No No!“ Quasi ein Doppel-Nein.

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Leider ist Fashion keine Mathematik, also ergeben Minus mal Minus hier nicht Plus. Entsprechend waterlooisiert tritt Vanessa mit gedrosselter Hoffnung vor das Klum-Tribunal. Selbst Sophie kann ihre Stimmung nicht signifikant heben: „Ich möchte, dass du bleibst, weil du bist mir am closesten“. Klar, Sophie weiß nicht, was affektiert bedeutet, aber erfindet nebenbei die Formulierung „am closesten“. Thomas Hayo überlegt schon, Denglish-Kurse bei ihr zu buchen. Sie beherzt beeindruckend konsequent die Faustregel: Egal, wie nahe Euch Klos gehen, Vanessa ist am closesten.

Gastjuror in Folge 12: Designer Peter Dundas
Gastjuror in Folge 12: Designer Peter Dundas Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Auch der Beistand von Sophie, diverse gedrückte Daumen und die hoffnungsvolle Erinnerung an viele bessere Momente der vergangenen Wochen helfen Vanessa am Ende nicht. Während in den Kommentarspalten die Modelexperten der Social-Media-Kanäle unisono fordern, es müsste endlich Schluss sein für Lieselotte, schickt die menschgewordene Fotovergabestelle Heidi Klum eiskalt ausgerechnet Sophies closeste Vanessa nach Hause. Wenn Sophie die Vokabel „illegitim“ kennen würde, wäre hier aber Protest-Kirmes. So muss auch Sophie den Abgang von Vanessa akzeptieren. Wenn das Model-Ensemble kommende Woche mit einer Zehnerkarte durch Los Angeles gondeln könnte, sind neben Sophie nur noch Anita, Luca, Lieselotte, Vivien, Juliana, Martina, Lou-Anne, Lena und Noëlla dabei. Und ich natürlich. Bis dann.

Marie von den Benken ist Model, Autorin und Influencerin. Für FAZ.NET wirft sie regelmäßig einen kritischen Blick auf die aktuelle Staffel von Germany’s Next Topmodel.

Quelle: FAZ.NET
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