GNTM-Kolumne

Heidi Spielberg verteilt Oscars an ihre Nachwuchs-Schauspielerinnen

Von Marie von den Benken
29.04.2022
, 08:14
In dieser Folge gehören für die Kandidatinnen Juliana und Noella Cowboy-Stiefel zum Look.
In Folge 13 von Germany’s Next Topmodel erhalten auserwählte Kandidatinnen Einladungen zu Staubsauger-Castings, danach geht es für die Models hinter schwedische Gardinen. Selbst bei Heidi Klum bleibt da kein Auge trocken.
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Die Dreizehn gilt landläufig nicht unbedingt als Glückszahl. Das gilt auch für GNTM. In Woche dreizehn erleidet die Klum’sche Casting-Combo eine 20-Prozent-Rasur. Nein, nicht schon wieder Umstyling – heute bleiben mehr als nur Haare auf der Strecke. Kurz vor dem Catwalk-Diplom zwangsexmatrikuliert Dekanin Heidi Klum nämlich gleich zwei Alumnae der GNTM-Hochschule für Attitude-Begabte. 20 Prozent Einbruch in nur einer Woche, das kennt man sonst nur von Quoten bei „Deutschland sucht den Superstar“.

Vom drohenden Doppel-Aderlass ahnt die hochkarätig mit zukünftigen „taff“-Moderatorinnen besetzte Top Ten zu Beginn der Diversity-Festspiele natürlich nichts. Für die weiterhin berufseuphorisierten Kandidatinnen gibt es erstmal Einladungen zu Staubsauger-Castings, allerdings nur für vier hoffnungsfrohe Jobinteressentinnen: Juliana, Anita, Vivian und Lieselotte. 40 Prozent – oder wie Juliana sagt: Alkoholpegel. Die Kandidatin mit brasilianischen Wurzeln klingt immer ein bisschen, als hätte sie heimlich eine Hotelbar leer getrunken. Für Castings hilft das nur wenig. Beim Modeln geht es immer noch um Professionalität und nicht um Promille. Auch wenn Naomi Campbell seit Jahren versucht, das Gegenteil zu beweisen.

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Naomi Campbell ist nicht hier, dafür aber ein Team von Dyson, das den vier Auserwählten eine vollkommen typische Aufgabe aus dem echten Modelleben stellt: Mit Glätteisen und Haartrockner selber stylen und dann 60 Sekunden den Look per One-Taker präsentieren. Alltag in der realen Fashionwelt. Ein One-Taker (das nur für alle, die Englisch auf ähnlichem Niveau wie Lieselotte sprechen) ist kein Wrestler, sondern ein Video, das ohne zu unterbrechen an einem Stück gedreht wird. Wobei Wrestling gut in den GNTM-Kosmos passen würde: Beim Wrestling simulieren die Kämpfer, sie könnten wirklich verletzt sein. Bei GNTM simuliert Heidi Klum, sie könnte wirklich moderieren.

Argumente, so überzeugend wie Deutschland beim ESC

Lieselottes Geheimtipp für Frisuren ist identisch mit der Philosophie, die Fledermäuse beim Schlafen beherzigen: „Kopfüber und dann fertig!“ Anita dagegen plant für den Fall eines vorzeitigen Rauswurfs eine Alternativkarriere als Comedienne und verkündet beim Hairstyling: „Ich mache mir echt einen Kopf“. Kopf-Machen, Hairstyling. Sie verstehen? Weil: Haare sind ja auf dem Kopf und … ach, egal. Wer Witze erklären muss, sollte über einen Berufswechsel nachdenken.

Die Kandidatinnen, wie hier zu sehen Anita, müssen in dieser Woche ihr schauspielerisches Können unter Beweis stellen.
Die Kandidatinnen, wie hier zu sehen Anita, müssen in dieser Woche ihr schauspielerisches Können unter Beweis stellen. Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Noch bescheidener läuft es bei Juliana. Sie ist für die Haarpflege offensichtlich das, was Christian Drosten für die Virologie ist. In ihrer Eigenschaft als Haarstruktur-Expertin eröffnet sie Team Dyson: „Stylen schädigt die Haare“. Interessante Taktik bei einem Kunden, der Styling-Produkte vertreibt. Größere Erfolgsaussichten auf einen Job hätte man nur noch, wenn man sich bei der F.A.Z. mit den Worten „ich würde hier gerne anfangen, kann allerdings nicht schreiben“ bewerben würde. Andererseits: Hat bei mir ja auch funktioniert. Und seit die 2021er-Kandidatin Romina im vergangenen Jahr dem potenziellen Molkerei-Kunden beim Casting für einen TV-Spot mitteilte, sie esse keine Milchprodukte, schockt mich beim Thema Präsentations-Raffinesse nichts mehr. Argumente, so über jede Kritik erhaben wie die Leistung von Schiedsrichtern, wenn Bayern München gegen Borussia Dortmund spielt. Anita versucht es mit Euphorie: „Ich fühle mich pudelwohl“. Immer eine gute Idee, eine Frisur mit einem Pudel zu vergleichen. Am Ende geht der Job an Vivien, die mit „ich möchte Euch zeigen, wie ich meine Frisur fühle“ die Herzen der Föhn-Jury gewinnt.

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(Brigitte) Nielsen Gebiet Hollywood

Schlag auf Schlag geht es am nächsten Tag direkt in einer Hollywood-Filmkulisse weiter, in der Lou-Anne feststellt: Mama Martina hat eine geheime Zwillingsschwester namens Brigitte Nielsen. Lou-Annes neue Tante war mal mit Sylvester Stallone verheiratet und hat einen Song mit Falco veröffentlicht. Lou-Anne und Martina sind Österreicherinnen, Falco war Österreicher. Da frage ich, der Hans-Georg Maaßen der Fashion-Branche, natürlich: Zufall oder Chiffre?

Prominenter Gast in dieser Woche: Brigitte Nielsen
Prominenter Gast in dieser Woche: Brigitte Nielsen Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Der anschließende Knast-Dreh, in der die Models schauspielerisch ihre Emotionen an der inhaftierten Nielsen auslassen müssen, offenbart bei einigen Kandidatinnen Oscar-Qualitäten. Noëlla und Vivien etwa versenken selbst Eisblock Klum um ein Haar in einem Tränenmeer. Dabei gilt Klum als jemand, der im wahren Leben nicht mal eine Träne verdrückt, wenn Philipp Amthor vor ihren Augen unschuldige Robbenbabys qualvoll mit Gedichten über Rezo ins Koma quatscht. Bei anderen bleibt der Meryl-Streep-Moment aus. Juliana, Anita und Sophie beispielsweise verstricken sich in derartig unübersichtliche Storys, dass am Ende nicht mal der Script-Praktikant von ProSieben, der jedes Wort des Formats mitschreibt, noch seriös sagen könnte, um was es in den Szenen gehen sollte. Da hilft selbst der Trost von Lena nicht, die alle Heidi Klum Plusquamperfekt-Workshops mit Bravour absolviert hat: „Ich hatte deine Story eigentlich verstanden gehabt“.

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Kindheitstrauma Kindheitstraum

Das war aber schon am nächsten Morgen vergessen gewesen gehabt worden. Da ruft Schauspieltrainerin Klum zum Elimination-Walk mit einigen branchenüblichen Zusatz-Aufgaben: Wasser von allen Seiten und die Verlesung eines selbst verfassten Briefes, in dem die Models ihre Kindheitsträume beschreiben. Zur Beurteilung hat Klum sich Kim Petras als Gastjurorin eingeladen. Die einst in Uckerath bei Hennef geborene Kim zog 2011 in die USA und wurde dort mit jugendfreundlichen Qualitätstexten wie „This is Slut Pop, get your Tits out“ bekannt. Sie gilt als Ikone des Hyper Pop. Achtung: Nicht verwechseln mit den Blondierungs-Ikonen von Scooter. Das ist Hyper Hyper Pop. Petras empowered Klums Kandidatinnen, fest an ihre Kindheitsträume zu glauben, denn „ich habe in meinem Schlafzimmer Demos gemacht, seit ich 12 war“. Also, keine Demos à la Fridays for Future, sondern Demo-Bänder mit Popsongs. Ergo: „Wenn du das Bild von deinem Kindheitstraum immer klarer machst, wird es wahrscheinlicher, dass du es schaffst.“ Der Kim Petras Leitspruch – toll auch als Wandbild für Ihre Wohnküche!

Anita macht sich viele Bilder klarer, ist aber von Kims Erfolgsmantra trotzdem nicht hundertprozentig überzeugt: „Ich weiß nicht, ob ich tief blicken lassen möchte in meinem Brief“. Verständlich. Tief blicken lassen, dafür gibt es ja die zahlreichen Nacktshootings. Bodenständiger geht es bei Sophie zu. Mit ihrer Vision „Ich will so fett reich sein, dass ich Giraffen und Elefanten als Haustiere habe“ verliert sie nach Twitter auch noch den Support aller Vegetarier und Tierschützer.

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Bye, bye, Hollywood Hills (und Sophie)

Der poetische Ausflug in die Kindheit soll Ängste und Traumata wiederbeleben. Um voranzugehen, verrät auch Heidi Klum, die Kim Petras der Victoria’s Secret Models (jung aus dem Rheinland nach Amerika ausgewandert, dort weltbekannt geworden) ihre schlimmsten Jugenderinnerungen: „In der Schule nannten sie mich Pizza-Face“. Nicht, weil sie ein Mondgesicht gehabt hätte. Viel schlimmer: Weil ihr Gesicht einer Quattro Stagioni glich. „Ich war besessen von Pickeln“. Ich kann nur spekulieren, aber ich nehme an, mit „besessen“ meint sie „übersäht“. Es sei denn, sie hat Pickel damals angebetet. Ich nehme aber an, von diesem Fetisch hätten wir zwischenzeitlich bereits erfahren.

Als dann losgewalked und kindheitstraumatisiert wird, sticht für Klum vor allem Lieselotte heraus: „Guck mal, was die für eine Leichtigkeit hat, im Gegensatz zu Sophie.“ In Abwesenheit von Thomas Hayo übernimmt das ehemalige Pizza-Face gleich noch den obligatorischen Denglish-Part mit und stellt begeistert fest: „She is serving!“ Oder wie Lothar Matthäus übersetzen würde: „Sie ist Kellnerin“. Das Trinkgeld fällt für Lieselotte entsprechend üppig aus: Einzug in die nächste Runde. Wenn man bedenkt, dass die annähernd Siebzigjährige bis vor einigen Wochen jeden Model-Walk zuverlässig in ein befremdliches Pantomime-Festival verwandelte, ein durchaus bemerkenswertes Urteil.

Das Kind in Juliana wünscht sich anschließend die zwei mit Abstand wichtigsten Dinge, die sie sich vorstellen kann: „Frieden auf der Welt und ich möchte ins Fernsehen.“ Bei letzterem läuft es schon ganz gut. Und was den Frieden angeht: Die Staffel ist ja noch nicht vorbei. In diesem Wunschkonzert der Hochphilosophie möchte auch Noëlla nicht fehlen: „Wenn ich mich gut fühle, fühle ich mich gut, warum sollte ich mich schlecht fühlen“. Das ist so deep, mir ist direkt meine auf 60 Meter wasserdichte Taucheruhr geplatzt. Verpassen Sie also auf keinen Fall Noëllas neuen Podcast „Wenn ich schlau bin, bin ich schlau, warum sollte ich dumm sein“.

International erfolgreich: Gastjurorin Kim Petras
International erfolgreich: Gastjurorin Kim Petras Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Nach zehn mehr oder weniger inspirierenden Grußbotschaften alter Kinderwünsche geht es ans Aussortieren. Besonders Adrenalin-Avenger Sophie zittert. Mittelguter Videodreh, keine Casting-Einladung, schlechtester Walk. Da muss man kein Warren Buffett der Fotovergabe-Industrie sein, um zu ahnen: Ein Weiterkommen wird schwer. Und so kommt es. Heidi Klum, die Scharfrichterin der TV-Modelszene, schießt Sophie vom Laufsteg-Firmament. Wie angekündigt bleibt Deutschlands drittbekannteste Harsewinklerin nach Oliver Welke und Alice Weidel aber nicht allein.

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Der Appetit von Eliminierungs-Vampir Klum, der sich vom Blut der Verzweiflung abgestürzter Beinahe-Models ernährt, ist noch nicht gestillt. Auch Juliana, die für die GNTM-Karriere sicherheitshalber ihren Job als medizinische Fachangestellte gekündigt hatte, erhält ihre Entlassungspapiere. Juliana und Sophie raus, Lieselotte in den Top Acht. An den TV-Geräten zu Hause sind Amaya, Vanessa, Inka und Paulina enttäuschter von Klum als Céline Bethmann von Mats Hummels. Noch enttäuschter sind sie eigentlich nur von dieser Kolumne. Trotzdem gibt es nächsten Freitag wieder eine. Bis dann!

Marie von den Benken ist Model, Autorin und Influencerin. Für FAZ.NET wirft sie regelmäßig einen kritischen Blick auf die aktuelle Staffel von Germany’s Next Topmodel.

Quelle: FAZ.NET
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