GNTM-Kolumne

Mailand oder Madrid, egal – Hauptsache Halbfinale!

Von Marie von den Benken
13.05.2022
, 08:08
Beim Cover-Shooting treffen die Models auf Aliens und verwandeln die kalifornische Wüste in einen High-Fashion Spot.
Von Heidis früherer Model-Mannschaft sind nur noch wenige übrig. Wer weiter kommen will, muss da schon mal mit Aliens in Kontakt treten und mit Robotern flirten – und sollte sich merken: Acht ist eine Zahl vor Neun.
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Heidi Klums Model-Internat gilt unter Anhängerinnen der inzwischen etwas überholten Alice Schwarzer Feminismus-Schule als umstritten. Offene Briefe sind glücklicherweise dennoch nicht zu erwarten. Die gesellschaftliche Relevanz des neuen Diversity-Flaggschiffs bei ProSieben, dem deutschen Nachwuchs-Mannequin-Sender Nummer eins, wächst hingegen umgekehrt proportional zur sinkenden Beliebtheit bei verbliebenen „Emma“-Leserinnen.

Bitte kein Essen fotografieren!

Diese Woche hat sich pünktlich zum Viertelfinale sogar GNDM (Germany´s Next Digitalminister) Volker Wissing zu Wort gemeldet und klimapolitisch in die Kernkompetenz von Heidi Klum eingegriffen: Zur Eindämmung stromfressender Datennutzung rief er zum Verzicht auf Fotos von Essen auf. Also nicht der pittoresken Traumstadt im Ruhrpott, quasi dem Paris der Schrebergärten, sondern den hübsch auf Tellern arrangierten Serviervorschlägen.

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Dieser emissionseinsparende Kulinarik-Bildblocker kam nicht überall gut an. Viele FDP nahe BWL-Studenten mit Instagram-Account ertappten sich sogar bei dem Gedanken: Können wir Andi Scheuer noch mal sehen? Und auch für GNTM wäre ein Essensfoto-Verbot ein herber Rückschlag. Warum? Fragen sich jetzt alle sogenannten Sekundärzuschauer, die die Denglish-Festspiele nur bedingt freiwillig als Kollateralschaden ihrer Liebe zur Freundin oder Schwester ertragen müssen.

Das ist schnell erklärt: Keine Fotos von verzehrfertig angerichteten Leckerbissen mehr posten zu dürfen, bescherte dem Großteil aller GNTM-Absolventinnen, die zumeist statt auf Laufstegen der Pariser Fashion Week oder Covers der französischen „Vogue“ eher als Avocado-Toast-Influencerinnen enden, ein jähes Karriereende.

Wer wird Heidi Klum und Chefredakteurin Kerstin Schneider wohl mit einem Hammerbild überzeugen?
Wer wird Heidi Klum und Chefredakteurin Kerstin Schneider wohl mit einem Hammerbild überzeugen? Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Zum Glück ist Volker Wissing heute nicht Gastjuror. Dafür aber eine Kameradrohne, die wahllos in der Wüste errichteten Fotostudio kreist, um anschließend zur ersten Shooting-Location der Woche einzufliegen. Die blonde Dame neben Klum ist dann aber doch echt: Kerstin Schneider, die Chefredakteurin der deutschen Ausgabe von „Harper´s Bazaar“.

Ob es für die Kandidatinnen genau so lustig wird wie für Heidi Klum?
Ob es für die Kandidatinnen genau so lustig wird wie für Heidi Klum? Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

In deren Sommerausgabe wird traditionell die Gewinnerin der aktuellen Staffel präsentiert. Die verkaufte Auflage der „Harper´s Bazaar“ betrug zuletzt 59.207 Exemplare. Mal zur Einordnung: Das sind etwa 1,3 Prozent der Follower von Stefanie Giesinger, die wiederum GNTM im Jahr 2014 gewann und damals noch auf das Cover der „Cosmopolitan“ durfte.

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Zur Feier des Tages hat Schneider sich ein besonderes Outfit herausgelegt. Es sieht ein bisschen aus, als hätte sie auf dem Weg zum Drehort noch schnell eine Flamingo-Familie erwürgt. Ohne ersichtlichen Grund baumeln jedenfalls jede Menge pinke Fransen an ihrem schwarzen Hosenanzug, die sich im Wind anmutig um ihre Arme und Beine schmeicheln. Outfits sind ihr Steckenpferd, das wird schnell klar.

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Diese Passion für extrovertierte Kleidung hat aber auch Vorteile. Auch die Outfits der Models wurden von Kerstin Schneider handverlesen ausgewählt: „Wir haben tolle Kleider von großen internationalen Designern“. Von Donatella Versace also schon mal nicht, denn die ist nur 1,65 Meter.

Den Einzug in das Halbfinale müssen sich die Models abermals ertanzen. Dazu lernen sie die Choreographie zu Ava Max neuestem Musik-Song: „The Motto“.
Den Einzug in das Halbfinale müssen sich die Models abermals ertanzen. Dazu lernen sie die Choreographie zu Ava Max neuestem Musik-Song: „The Motto“. Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Als Shooting-Partner stehen zwei Außerirdische bereit. Schneider und Klum sind sich nur über den Fachterminus nicht ganz einig. Mal sprechen sie von Aliens, mal von Robotern. Formal betrachtet sind Aliens außerirdische Lebensformen, während Roboter eher als mechanische Apparatur gelten. Vielleicht sind es aber auch einfach Kaliens: Künstliche außerirdische Lebensformen.

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Unabhängig von der korrekten Bezeichnung spielen die beiden Kaliens durchaus unterschiedliche Rollen. Einer sieht aus wie eine schlecht gefälschte Fake-Version von R2D2, der andere wie ein übergroßes Sexspielzeug.

Heidi Klum hasst Nicole Kidman

Davon unbeeindruckt findet Lou-Anne als erste ihre Sprache wieder und ruft sich beim Shooting, als sie häufig mit offenem Mund posiert, selbst zur Ordnung: „Man soll nicht reden auf dem Bild“. Korrekt. Redend auf dem Cover, das wäre auch ein ziemliches Durcheinanderquatschen später am Zeitungskiosk.

Nach ihrem Auftritt empfiehlt Noëlla ihren Mitstreiterinnen, man müsse mit dem Kalien-Statisten viel reden, Martina dagegen berichtet, sie hätte kein Wort mit ihrem R2D2-Double gesprochen. Verwirrend. Schrödingers Kommunikation. Vor allem Anita zeigt sich schockverwirrt: „Mich hat die Situation auseinandergebracht“. Offensichtlich verhält es sich mit Anita und dem Modeln, wie Lego beim Spielen: Kann schnell wieder zusammen gesetzt werden. Zum Shooting jedenfalls erscheint sie wieder weitestgehend komplett, dafür aber mit „Druck und Angst, weil die Mädels alle positiv zurückgekommen sind“. Bevor Karl Lauterbach jetzt über einen Lockdown für GNTM nachdenkt: Positiv im Sinne von „tolles Shooting“, nicht im Sinne von Corona-Test.

Ein Sonderlob holt sich Luca ab. Heidi Klum, die noch immer damit hadert, es trotz legendärer Gast-Auftritte in „Sex and the City“, „How I Met Your Mother“ oder „Desperate Housewives“ in Hollywood nie geschafft zu haben, verpackt ihre Luca-Lobpreisung in eine subtile Beleidigung gegenüber der Schauspiel-Ikone, die 2003 für „The Hours“ sogar den Oscar gewann: „Du siehst aus wie Nicole Kidman! Also wie die junge Nicole Kidman, nicht wie die jetzt“. Direkt botoxische Atmosphäre am Set. Aber Luca freut sich. Kennt wahrscheinlich keinen Film von Kidman.

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Ava Max schmeckt besser als Pepsi Max

Kaum von Kerstin Schneider und den Kaliens befreit, erwartet die verbliebenen Kandidatinnen am nächsten Morgen direkt eine weitere Herausforderung. Lou-Anne erinnert sich: „Da gehe ich morgens raus und hoffe auf ein Casting, sehe aber zwei mit einem Spiegel“. Das sind jedoch nicht Sascha Lobo und Nikolaus Blome. Der Kurs „Politische Bildung“ fällt auch dieses Jahr aus. Mit Spiegel ist kein Nachrichtenmagazin gemeint, sondern immer noch eine Fläche, die glatt genug ist, damit das reflektierende Licht nach dem Reflexionsgesetz seine Parallelität behält und somit ein Abbild entstehen kann. Das braucht man, um gleichzeitig zu tanzen und parallel alle Mittänzer hinter sich im Blick behalten zu können.

Gast-Jurorin Ava Max eröffnet den Entscheidungs-Walk.
Gast-Jurorin Ava Max eröffnet den Entscheidungs-Walk. Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Mit anderen Worten: Die Choreographinnen von Popstar Ava Max studieren mit den Models eine Musikvideo-Tanzperformance ein. Sofort macht sich Panik breit. Undankbar von den Kandidatinnen. Letztes Jahr mussten die Mädchen in vier Stunden eine achtjährige Ballettausbildung nachholen. Vivien gelingt während der Übungseinheit ein klassisches Eigentor. Zunächst protzt sie mit ihrer Tanzausbildung, um dann das Training vorzeitig mit Verdacht auf Hitzschlag (Eigendiagnose) abzubrechen.

Immerhin spendiert sie uns dafür einen echten Andi-Möller-Moment: „Ich bin sehr selbstkritisch mit mir selbst“. Und während sich 95 Prozent der Zuschauer noch fragen, ob Andi Möller wohl ein Male Model ist, entlarven die echten GNTM- und Bundesliga-Kenner bereits Viviens Motto: Mailand oder Madrid, egal –Hauptsache im Halbfinale. In dieser exzellent kuratierten Anekdotensammlung der Hochphilosophie möchte auch Ehrgeiz-Avenger Anita nicht fehlen. Sie stiftet für die Stilblüten-Sammlung das Kleinod „Halbfinale ist ein Schritt vor dem Finale“. Potzblitz. Und Acht ist eine Zahl vor Neun.

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Durchmarsch ins Halbfinale

Zur Elimination-Walk-Dance-Choreo ist dann auch Kerstin Schneider wieder einsatzfähig. Die Flamingo-Reste hat sie zwischenzeitlich in der Wüste Kaliforniens verbuddelt. Ganz in schwarz wirkt sie zwischen der standesgemäß durcheuphorisierten Heidi Klum und dem knallrot-gefärbten Popsternchen Ava Max wie eine Mafia-Patin aus der Zeit der Prohibition. Oder wie Lieselotte sagen würde: „Prohibition? Ich bin doch keine Sexarbeiterin!“ In dieser ohnehin schon aufgesexten Stimmung kommt der erste Schock bereits nach wenigen Sekunden: Gleich sehen wir sieben Choreos von sieben Kandidatinnen. Und das bedeutet natürlich auch: Siebenmal derselbe Song von Ava Max.

Just Dance! Mit positiver Energie, Leichtigkeit und Rhythmus-Gefühl glänzt Lieselotte am Entscheidungstag.
Just Dance! Mit positiver Energie, Leichtigkeit und Rhythmus-Gefühl glänzt Lieselotte am Entscheidungstag. Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Martina motiviert sich vor ihrem Tanzauftritt mit einer handelsüblichen King-Kong-Marotte und trommelt sich mit der Faust auf die Brust. Offensichtlich geht ihr ziemlich die Thymusdrüse. Als die sieben hart trainierten Verführungstänze endlich vorüber sind, schaltet Heidi Klum, die Vorsitzende des Model-Assessment-Centers Los Angeles, ohne Umschweife in den Bewertungsmodus. Direkt zu Beginn der prüfungsrelevanten Einzelgespräche erhalten Anita und Noëlla ihre Versetzungspapiere ins Halbfinale.

Es folgen Lou-Anne, Martina und Lieselotte. Dann ist Luca an der Reihe und stellt sich dem Jury-Tribunal. Schnell wird klar: Das Lu-Car fährt allen davon, denn sie war „die Beste“. Durchmarsch ins Halbfinale also auch für die Münchner Medienpsychologie-Studentin, die bis nächste Woche hoffentlich alle Nicole Kidman Filme kontrollgeschaut hat.

Ausgerechnet bei Vivien, die in der Vorwoche noch als Spitzenkraft gefeiert wurde, verfällt Plusquamperfektionistin Heidi Klum in alte Gewohnheiten: „Du warst nervös gewesen“. Noch drastischer formuliert es Flamingo-Hasserin Kerstin Schneider: „Du hast nur einen Gesichtsausdruck“. Eliminiert in der Woche vor dem Halbfinale – und dann noch als die Til Schweiger des GNTM-Casts beleidigt. Das ist der Fynn Kliemann unter den würdelosen Abgängen.

Die Staffel befindet sich auf der Zielgraden. Es folgt nur noch eine reguläre Episode vor dem Finale. Und die wird episch. Denn wenn man sich am Themenportfolio der letzten Staffeln orientiert, fehlen für den Komplettsatz Topmodel-Klaviatur noch „Male-Shooting“, Met Gala, die traditionelle Nacktfahrt über den Rodeo Drive und ein Überraschungsbesuch der Boyfriends. Es wird also spannend kommende Woche. Ich werde dabei sein. Bis dann!

Marie von den Benken ist Model, Autorin und Influencerin. Für FAZ.NET wirft sie regelmäßig einen kritischen Blick auf die aktuelle Staffel von Germany’s Next Topmodel.

Quelle: FAZ.NET
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