„Green Fashion Challenge App“

Weniger ist mehr nachhaltig

Von Anna Wender
02.03.2021
, 09:24
Nachhaltigkeit ist für viele das Gebot der Stunde, im Kleiderschrank landen aber weiter Shirts für 2,99 Euro. Unsere Autorin will ihre Garderobe grüner gestalten. Helfen soll ihr eine App.

Nachhaltigkeit ist im Trend: Viele fahren ganz selbstverständlich mit dem Rad statt dem Auto zur Arbeit, kaufen Bio und verzichten auf Coffee-To-Go-Becher. Vor dem Kleiderschrank wird aber oftmals Halt gemacht: Die meisten kaufen weiter T-Shirts für 2,99 Euro – in dem Wissen, dass sie unmöglich umweltfreundlich und unter fairen Bedingungen hergestellt werden können.

Auch ich bin so ein Fall. Mit meiner Garderobe könnte ich sicherlich drei große Koffer füllen. Obwohl in meinem Modejournalismus-Studium Nachhaltigkeit und Kleiderkonsum seit mehr als zwei Jahren auf meinem Lehrplan stehen, bleiben Fast-Fashion-Ketten meine ersten Anlaufstellen bei jedem Stadtbummel oder Online-Einkauf. Was wir nämlich auch lernen: Der nächste Trend wartet wöchentlich auf uns, und fast alle zwei Wochen eine neue Kollektion.

Das will ich künftig ändern. Der Inhalt meines Kleiderschranks soll auf ein Minimum reduziert werden: eine sogenannte „Capsule Wardrobe“ soll bestenfalls entstehen, in der eine überschaubare Anzahl zeitloser Basics Platz finden, die sich alle miteinander kombinieren lassen – und das so nachhaltig wie möglich.

„Das Problem ist die Attitude-Behavior-Gap“

Hilfe bekomme ich von Jacob Hörisch. Zusammen mit seiner Kollegin Lena Hampe leitet der Nachhaltigkeitsforscher an der Leuphana Universität Lüneburg das Projekt rund um die „Green Fashion Challenge App“. Sie soll mich dabei unterstützen, nachhaltigere Kleidung einzukaufen und mir über meinen Konsum bewusst zu werden. Selbstgesetzte Nachhaltigkeitsziele werden am Ende des Monats mit meinem tatsächlichen Einkaufsverhalten abgeglichen und gegenübergestellt.

„Das Problem ist die sogenannte Attitude-Behavior-Gap. Wir haben eine Lücke zwischen unseren Einstellungen – die sind schon nachhaltig – und unserem Verhalten, das komplett unnachhaltig ist“, sagt Hörisch. So zeigte etwa eine Umfrage des „Slow Fashion Monitor 2021“ Anfang Februar: 79 Prozent der Befragten geben zwar an, dass ihnen Nachhaltigkeit in der Textilindustrie wichtig ist, entsprechend produzierte Kleidungsstücke kaufen sie aber (bislang) nicht. „Zu Beginn soll den Konsumierenden klar werden, was ihnen eigentlich wichtig ist. Möchten sie auf faire Produktionsbedingungen achten oder darauf, welche Chemikalien in ihrer Kleidung stecken?“ Die App sollen ihnen dabei helfen, sich so zu verhalten, wie sie es sich selber vornehmen.

Weniger ist mehr

Ich halte meine Ziele in drei von möglichen neun Rubriken fest. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf der Rubrik: „Weniger ist mehr“. Einen Monat lang möchte ich keine Kleidung kaufen, na ja, fast: Um realistisch zu sein, setze ich die Anzahl der Kleidungsstücke, die ich maximal kaufen möchte, auf zwei. In der nächsten Rubrik wähle ich aus, wie viele Teile ein Fair-Fashion-Siegel tragen sollen, also zum Beispiel unter Ausschluss von Kinder- und Zwangsarbeit hergestellt werden. Auch hier setze ich mein Ziel auf zwei. Meine letzte Rubrik konzentriert sich auf die ökologische Herstellung der Kleidungsstücke, wie den Anbau von Fasern und Einschränkung von Pestiziden und Chemikalien – ebenfalls zwei.

Ist das zu ambitioniert? Um mein Vorhaben langsam umzusetzen, rät Hörisch, zunächst eine Bestandsaufnahme zu machen: „Wie viele Kleidungsstücke habe ich und wie viele in jeder Kategorie brauche ich wirklich?“ – Unterwäsche zählt nicht dazu, dafür Schuhe und Taschen.

Pro Jahreszeit nur 37 Teile

Nach einem Blick in meinen Kleiderschrank glaube ich ein hoffnungsloser Fall zu sein. Ziel ist es, dass nur Teile drinnen bleiben, die zur aktuellen Saison passen. Alles andere kommt in einen Karton, aus dem alle paar Monate fehlende Teile ergänzt und eingetauscht werden können. Trotzdem besitze ich viel zu viel. Alleine die Anzahl meiner Sommerkleider macht die Hälfte der Teile aus, auf die ich mich beschränken soll. Um meine Garderobe eine „Capsule Wardrobe“ nennen zu können, darf sie pro Jahreszeit nur 37 Teile beinhalten. Sie sollen sich vielfältig kombinieren lassen. Meine Frühjahr/Sommer-Garderobe überschreitet dieses Ziel mit über 20 Teilen.

Der Berg an aussortierten Stücken wächst. Es kommt mir vor, als würde ich einige zum ersten mal sehen, aber immerhin ist an keinem mehr ein Preisschild dran, also muss ich sie wenigstens einmal getragen haben. Aussortierte Teile wegzuwerfen ist dabei keine Option: Neben der Möglichkeit, sie einfach zu spenden, zeigt die App, wo ich neben bekannten Plattformen wie Vinted oder Ebay, Kleidung an Second-Hand-Shops verkaufen kann – so mache ich sogar noch einen kleinen Gewinn.

„Die Produktlebensdauer wird bewusst verkürzt“

Trotzdem scheue ich mich davor, nachhaltige Kleidung einzukaufen – oft schreckt mich schon das Preisschild ab. Damit bin ich nicht alleine: Im „Slow Fashion Monitor“ geben zwei von drei Befragten an, dass niedrigere Preise ihre Bereitschaft zum Kauf nachhaltiger Mode erhöhen würden. Nachhaltigkeitsforscher Hörisch ist aber überzeugt davon, dass man mit Hilfe der App nachhaltig einkaufen und dabei trotzdem Geld sparen kann – einfach, weil weniger konsumiert wird. Das Geld, das man normalerweise für mehrere Fast-Fashion-Teile ausgeben würde, wird in ein nachhaltiges Kleidungsstück investiert.

Aber wäre es nicht auch nachhaltig, wenn ich weiter Fast Fashion kaufe, die Teile dann aber ein paar Jahre trage? Das könne ich versuchen, meint Hörisch – gelingen werde es mir aber nicht. „Man nennt das in der Wissenschaft geplante Obsoleszenz – die Produktlebensdauer wird bewusst verkürzt. Der Pulli soll gar nicht über mehrere Saisons, sondern genau nur eine Wintersaison halten.“ Ich finde einen Fast-Fashion-Pulli in meinem Kleiderschrank, den ich vor vier Jahren gekauft habe und der noch gut aussieht, aber auch eine Hose, die keine sechs Monate alt ist: Die Nähte gehen schon auf und auch der Stoff kommt mir an einigen Stellen gefährlich dünn vor. Nachhaltig ist das nicht, von den Produktionsbedingungen ganz zu schweigen.

Den Konsumenten wird es nicht leicht gemacht

Auch der Nachhaltigkeitsforscher gibt zu, nicht den idealen Kleiderschrank zu besitzen: „So eine App denkt sich ja auch niemand aus, der sich schon perfekt nachhaltig verhält.“ Mittlerweile haben schon rund 3000 Nutzer und Nutzerinnen die App über die Website der Green Fashion Challenge heruntergeladen – im App Store gibt es sie nicht. So könne man hohe Standards im Datenschutz einhalten, erklärt Hörisch. „Die Daten laufen nicht über irgendeinen Server in den Vereinigten Staaten, sondern nur über den Server der Leuphana Universität.“

Hörisch ist optimistisch, was die Zukunft unserer Kleiderschränke angeht – auch wenn er weiß, dass es Konsumenten durch Werbung und immer kürzer werdende Modezyklen nicht leicht gemacht wird. Da liegt es an jedem selbst, für sich zu entscheiden, was man durch den eigenen Modekonsum signalisieren oder erreichen möchte.

Auf vertrauenswürdige Siegel achten

Tatsächlich habe ich einen Monat lang keine neuen Kleider gekauft, was pandemiebedingt eigentlich nicht schwer ist, aber doch gerade deswegen: Händler locken online mit Angeboten von bis zu 70 Prozent, weil ihre Lager voll sind. Ich aber will künftig nicht mehr als 40 Teile pro Saison in meinem Kleiderschrank zu haben. Statt sofort alles durch nachhaltigere Neuware einzutauschen, warte ich, bis etwas kaputt geht oder ich dringend ein neues Teil benötige. Beim Neukauf rät Hörisch auf vertrauenswürdige Siegel wie den grünen Knopf zu achten – er steht für eine sozialverträgliche und umweltverträgliche Herstellung. Auch wenn es um tierische Fasern geht, zeigt die App, welchen Siegeln ich vertrauen kann und wo ich entsprechende Kleidungsstücke nicht nur online, sondern auch in Läden in meiner Region finde. In und um Frankfurt werden mir neun Läden angezeigt, einige davon bieten zur Zeit auch die Abholung im Laden an.

Hörisch persönlich wünscht sich ein Negativ-Label: „Auf jedem T-Shirt sollte drauf stehen, dass es Spuren von Kinderarbeit enthalten kann, wenn nicht völlig klar nachgewiesen werden kann, dass keine Form von Kinder- oder Zwangsarbeit mit drin steckt.“

Quelle: FAZ.NET
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