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Alessandro Michele bei Gucci

Die phantastischen Jahre des Nerds

Von Alfons Kaiser und Jennifer Wiebking
24.11.2022
, 13:34
Alessandro Michele bei der LACMA Art+Film Gala in Los Angeles im November 2021 Bild: Reuters
Die italienische Modemarke Gucci trennt sich von ihrem Chefdesigner. Mit seinen unglaublichen Entwürfen befreite Alessandro Michele die Mode von allen Zwängen. Ein Rückblick.

Man könnte mit den fellgefütterten Pantoffeln beginnen. Kaum war Alessandro Michele Anfang 2015 bei Gucci angetreten, trug sie schon jeder zweite Modemensch. Oder man beginnt 2018 mit den Models auf dem Laufsteg, die Nachbildungen ihrer eigenen Köpfe in der Hand trugen. Oder man fängt mit dem Ende an, der Schau mit 68 Zwillings­paaren vom September 2022 in Mailand, mit der Michele seinen wunderbaren Zwillingsauftritt mit Jared Leto auf der Met-Gala im Mai auf kuriose Art verdoppelte.

Man könnte also gleich loslegen mit dem Feuerwerk, das Alessandro Michele bei Gucci in den vergangenen fast acht Jahren abgebrannt hat. Wenn nicht eine ganz schlichte Episode sogar mehr über diesen verträumt wirkenden Modemacher mit dem Jesusbart erzählen könnte: Als Michele Anfang 2015 übernahm, ver­änderte sich die Stimmung in der Mailänder Gucci-Zentrale innerhalb von Tagen. Der Look der Modeleute selbst ist dafür ein guter Indikator. Eine Mitarbeiterin von Gucci erzählte einmal, wie sie damals die High Heels ablegten, alles Pseudo-Formelle und Möchtegern-Offizielle, und am nächsten Tag in Jeans und Sneakern zur Arbeit erschienen. Was für eine Befreiung!

Darum ging es Alessandro Michele in seiner Arbeit: Wir tragen, was wir sein wollen. Damit hatte er 2015 einen guten Zeitpunkt erwischt. Gucci musste die schwierigen Zeiten der Ära Frida Giannini und Patrizio di Marco überwinden. Sie war Chefdesignerin, er Geschäftsführer, dann wurden sie ein Paar. Natürlich ein „power couple“, und so klischeebeladen sah die Mode auch aus: Die Ausschnitte reichten nicht selten bis zum Bauchnabel, die Stoffe waren häufig transparent, und die Business-Mode mutete an wie zu Zeiten der New Economy. Das war ein unorigineller später Nachhall der Tom-Ford-Jahre: Der amerikanische Designer hatte die Marke, die sich in einer ästhetischen Krise und nach dem Mord an Maurizio Gucci im März 1995 auch in einer Schockstarre befand, von 1994 bis 2004 überhaupt erst wieder auf die Weltbühne der Mode gebracht – mit Entwürfen, die man damals noch sexy nannte, die aber in den Zehnerjahren seltsam démodé wirkten.

Eine unvollendete Kathedrale

Frida Giannini und Patrizio di Marco mussten das Unternehmen von einem Tag auf den anderen verlassen. Der Geschäftsführer verabschiedete sich mit den Worten, gegen seinen Willen sei seine Kathe­drale unvollendet geblieben. Aufgebaut haben die Kathedrale dann zwei andere.

Denn vor acht Jahren spielte sich eine Szene ab, die so charmant improvisiert wirkt wie Micheles gesamtes Werk. François-Henri Pinault, der Chef des Luxuskonzerns Kering, zu dem Gucci gehört, berief Ende 2014 Marco Bizzarri zum Gucci-Geschäftsführer. Der stets im Dreiteiler gekleidete Zweimetermann mit Glatze und dicker Brille hatte zuvor mit dem deutschen Designer Tomas Maier die Kering-Marke Bottega Veneta in ungeahnte Höhen geführt. Diesen Erfolg wollte er nun bei der größten Konzernmarke wiederholen, deren Umsätze unter der Vier- Milliarden-Schwelle ins Stocken geraten waren – während Pariser Konkurrenzmarken wie Hermès, Louis Vuitton und Chanel stetig wuchsen. Michele stand nicht auf der Kandidatenliste.

Auf der Mailänder Modewoche im Februar 2020: Kleider, die sich an historischen Kostümen orientieren. Bild: Helmut Fricke

Aber Bizzarri war Ende 2014 offen genug, sich mit Gianninis Stellvertreter zusammenzusetzen, von dem er gehört hatte, dass er eine unglaubliche Phantasie habe. Bizzarri erzählte der F.A.Z. einmal, das schnelle Kennenlerntreffen bei Kaffee sei in ein so intensives Gespräch gemündet, dass die beiden noch nach drei Stunden zusammensaßen. Michele war sein Mann: Es wurde eine der glücklichsten Designer-Manager-Paarungen der Modegeschichte, auf einer Augenhöhe mit Yves Saint Laurent und Pierre Bergé, Marc Jacobs und Robert Duffy, Karl Lagerfeld und Bruno Pavlovsky, Tom Ford und Domenico De Sole – nur kürzer.

Alessandro Michele wirkt schüchtern, ist aber extrem überzeugt von seinen kreativen Ideen. Der Modemacher, der am 25. November 1972 geboren wurde, also an diesem Freitag 50 Jahre alt wird, konnte sich das Selbstbewusstsein erlauben. Der Sohn eines Alitalia-Technikers und der Assistentin eines Filmproduktions-Geschäftsführers war schon früh künstlerisch begabt. Als Kind, so erzählte er der F.A.Z. nach seiner Cruise-Schau in den Kapitolinischen Museen im Mai 2019, habe er nicht Fußball gespielt wie die anderen Jungs. Mit seinem Vater fuhr der Junge aus der Vorstadt stattdessen in Galerien und Ausstellungen in Rom: „Ich war besessen von der Antike.“ Michele studierte Mode- und Kostümdesign an der Accademia di Costume e di Moda in Rom, arbeitete drei Jahre lang bei der Strickwarenfirma Les Copains in Bologna und ging dann zu Fendi – wo ihn der damalige Chefdesigner Karl Lagerfeld nur „DJ“ nannte, wegen der blondierten Haare und der Büromusik.

2002 holte ihn Tom Ford zu Gucci, 2006 wurde er dort Chefdesigner für Leder­waren, 2011 Stellvertreter von Giannini – die er dann mit seinen phantasievollen Entwürfen und üppigen Accessoires so schnell überbot, wie er gekommen war.

Michele, der tief in antike und christliche Bilderwelten eintauchte und gerne eine Lorbeerkranz-Dornenkrone trägt, wurde zu einer Art weltlichem Gesù Redentore, zu einem messianischen Er­löser von dem Druck, sich konform zu kleiden, zu einem Befreier von den Zwängen des Dresscodes. „Bei Gucci feiern wir Freiheit und Selbstentfaltung“ – so lautete die Antwort auf die Frage, ob es für einen festlichen Gucci-Abend mit Dinner eine Kleiderregel gebe. Er selbst ver­körperte dieses freie Denken. Mit seinem Design-Team saß er in Rom, nur alle paar Wochen fuhr er zum Gucci-Hauptsitz in Mailand. Samstags sah man ihn in Buchhandlungen und Museen. Zu einer Modenschau lud er jeden einzelnen Gast mit einem eigenhändig ausgesuchten Buch aus seinem Lieblingsantiquariat Cascianelli ein (wir bekamen per Bote „L’arte di verificare le date“ von 1846). Seine nerdige Privatheit adelte er zur Lebensphilosophie: „libro“ (Buch) und „libero“ (frei), so erzählte er einmal vielsagend, hätten wortgeschichtlich dieselben Wurzeln.

Aus dem Gefühl grenzenloser Freiheit griff er ein gesellschaftliches Thema auf, das vor acht Jahren noch nicht im Mittelpunkt identitätspolitischer Debatten stand. Auch in der Mode, die sich gern fortschrittlich gibt, hingen geschlechtsneutrale Entwürfe noch in der wenig beachteten avantgardistischen Ecke. Bei seinen ersten Schauen musste man sich dann die Augen reiben: War das nun ein weibliches oder ein männliches Model, das da an einem vorbeischwebte? Niemand zeigte plötzlich spektakulärere Kollektionen, niemand hatte aufregendere Looks zusammengestellt. Kein Zufall, dass er sich mit Popsänger Harry Styles anfreundete. Sei es in einer transparenten Schluppenbluse auf der Met-Gala, sei es mit rosafarbenem Fellmantel und Metallic-Hose auf dem Coachella-Festival, sei es im bunten Allover-Pailletten-Jumpsuit bei „Saturday Night Live“, sei es im Spitzenkleid auf dem Cover der amerikanischen „Vogue“: Der britische Popstar war die beste Werbefigur für den italienischen Designer.

© @alessandro_michele/Instagram

Der Gucci-Umsatz verdreifachte sich fast in den acht Jahren. Selbst in der Luxusbranche, die trotz aller Krisen fröhlich wächst, ist das ein unglaublicher Er­folg. Zu verdanken ist das auch vielen Merchandising-Artikeln. Mit den Sneakern mit roten und grünen Streifen leistete Michele seinen Beitrag zur salonfähigen Gummisohle. Mit der Adidas-Kooperation wagte er sich in die Sportmode vor. Die Harry-Styles-Zusammenarbeit namens Ha Ha Ha ist lustiges Beiwerk, aber auch belanglos. Was genau war Alessandro Michele nun für die Mode der späten Zehner- und frühen Zwanzigerjahre? Ihr Retter? Oder ihr Rauschgifthändler?

Ein Look à la Michele konnte auch schnell schiefgehen. Wer Gucci trug, war nicht per se gut gekleidet. Die Fellschlappen sahen schon 2016 ausgelatscht aus. Viele übertrieben es mit seinem Mix der Referenzen und der maximalistischen Looks. Als die privaten Kleiderschränke irgendwann gefüllt waren mit Rüschenblusen, Logo-Sweatshirts und Sneakern, hörte man erste Kritik. So langsam sei es doch Zeit zu gehen. Nach einer Schau sagte Michele damals selbst: „Ich habe große Angst davor, mich zu langweilen.“

Er veränderte daraufhin wirklich etwas in seinem Designerleben und strich im Jahr 2020 die halbjährlichen Schauen anlässlich der Modewoche. Künftig wolle er nur noch dann etwas zeigen, wenn er sich danach fühle, teilte er damals mit. Dabei entstand ein nicht unerheblicher Teil des Hypes um Gucci auch immer im direkten Vergleich mit den vielen anderen Marken bei der Mailänder Modewoche. Und über Instagram bekamen es die Fans in ihrer sehr großen Blase garantiert mit, egal wo auf der Welt sie sich befanden. Dann fehlte Gucci auf einmal. Und seit Mittwoch fehlt er nun Gucci.

Quelle: F.A.Z.
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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