Gus Van Sant dreht für Gucci

Città aperta

Von Maria Wiesner
Aktualisiert am 17.11.2020
 - 12:31
Hauptfigur des Filmprojekts: Perfomerin Silvia Calderonizur Bildergalerie
Gucci präsentiert mit Kult-Regisseur Gus Van Sant einen Episodenfilm. Darin geht es nicht nur um Mode. Perfomerin Silvia Calderoni fordert Geschlechterklischees heraus.

Rom, an einem sonnigen Nachmittag: Eine junge Frau mit Baskenmütze, geblümtem Kleid und weißen Kniestrümpfen, deren Rückseiten den Schriftzug „Gucci“ tragen, schlendert durch einen Flur, setzt Wasser in der Küche auf, räkelt sich vorm Fenster. Dann fährt die Kamera zurück, durchkreist das große Bohème-Apartment mit den Vintagemöbeln und fährt ins Schlafzimmer, wo sich die weißblonde Schauspielerin Silvia Calderoni in einem schwarzen Spitzenbody aus den Laken schält und mit ihrer Morgenroutine beginnt.

Knapp 20 Minuten dauert „At Home“, die erste Episode einer Kurzfilmreihe, die das Modehaus Gucci bis Sonntag unter dem Motto „Guccifest“ online veröffentlicht. Kreativchef Alessandro Michele hat für das digitale Minifilmfestival den amerikanischen Regisseur Gus Van Sant gewinnen können. Er gilt seit seinem Roadmovie „My Own Private Idaho“ aus dem Jahr 1991 als Auslöser des „New Queer Cinema“, jener Strömung unter den amerikanischen Independent-Filmen, die in den neunziger Jahren begann, sich mit queeren Themen zu beschäftigten.

Diese Kooperation ist kein Zufall. Michele geht es zum einen darum, seine Mode perfekt in Szene zu setzen. Er folgt damit dem Valentino-Kreativchef Pierpaolo Piccioli, der 2019 mit Luca Guadagnino den Kurzfilm „The Staggerin Girl“ drehte. Arbeitete Guadagnino mit Hollywoodgrößen wie Julianne Moore und Kyle MacLachlan, so setzt Michele auf seine eigenen Kontakte. Das heißt, wir sehen Models in kompletten Gucci-Outfits durch Straßenzüge und Wohnungsflure stolzieren, nur die warmgedämpfte Beleuchtung lässt ahnen, dass es kein reiner Werbefilm ist. Denn Michele nutzt das Medium Film, um eine Idee zum Ausdruck zu bringen, die bereits in den vergangenen Jahren in seinen Modenschauen für Gucci durchschien: Er spielt mit der Zuschreibung weiblicher und männlicher Modeelemente, setzt auf Androgynität und hinterfragt Geschlechterklischees.

Van Sant ist dafür ein guter Komplize. Er inszeniert die weißblonde Silvia Calderoni als Hauptfigur, lässt die Kamera bei ihren mehrfachen Kostümwechseln (in den 20 Minuten des ersten Filmchens trägt sie mehr als vier Outfits) nicht nur um die Tüllkaskaden ihrer Kleider spielen, sondern beobachtet die geschmeidigen Bewegungen dieser Tänzerin, lässt sie im Spitzenbody eine Yogaübung im Wohnzimmer ausführen, blinzelt auf ihre muskulösen Arme. Calderoni, die für ihre Projekte als Tänzerin und Theaterdarstellerin immer wieder ihren (nackten) Körper als Kunstmittel einsetzt, hinterfragt mit ihrer Performance Geschlechterzuordnungen. Wem das in diesem Kurzfilm entgehen sollte, dem erklärt es der spanische Philosoph und Autor Paul B. Preciado noch einmal.

Preciado erklärt, Silvia schreibt mit

Fast fünf Minuten lang, also gut ein Viertel des Films, spricht er in einem Fernseher, der im Bohème-Apartment läuft, über das Patriarchat, über das Ablegen traditionell zugeschriebener Geschlechterrollen und das „Aufwachen der Monster“, als die man all jene über Jahrhunderte abgetan habe, die nicht ins binäre Geschlechtersystem passten. Silvia macht dabei Yoga, dann spricht Preciado sie aus dem Fernseher heraus direkt an: „In dieser Revolution geht es um Liebe, um die Veränderung und Transformation von Verlangen. Das weißt du, Silvia.“ Und: „Wir erleben eine Zeit, in der die Monster das Wort ergreifen.“ Silvia schreibt mit.

Zu dem Thema erzählt Alessandro Michele bei der Pressekonferenz, die Gucci gemeinsam mit Regisseur Van Sant via Zoom vor ausgewählten internationalen Journalisten abhält, dann nicht mehr viel. Er redet stattdessen über die große Kraft, die in der Mode liegt („schwierig und schnell, wie die Liebe selbst“). Er schwärmt von Silvia Calderoni („eine einzigartige Person, eine Perfomerin“) und von der Zusammenarbeit mit Van Sant („Das Kino braucht Kleider, und die Mode braucht Persönlichkeiten“). Und er erzählt, dass erst der Regisseur Struktur in dieses Projekt gebracht habe. Der antwortet, dass Michele anfangs die Idee hatte, Silvia bis zu zwölf Stunden einfach nur mit der Kamera zu begleiten. Mehrere Monate arbeitete Van Sant das Drehbuch um. „Ich habe darüber die Härte der Quarantäne gar nicht richtig mitbekommen.“

Am Ende drehten sie 20 Tage in Rom, mit Abstand und Nasen-Mund-Schutz. Die Episoden begleiten die weißblonde Künstlerin ins Café, ins Theater, in einen Vintageladen. Van Sant hat dafür gesorgt, dass aus Micheles Idee der Langzeitbeobachtung einer Person am Ende Kunst wurde, ein Hybridfilm, der zwischen digitaler Modenschau und Kunstinstallation über Körperlichkeit oszilliert. Bis Sonntag wird jeden Abend um 21 Uhr eine weitere Kurzfilmepisode veröffentlicht.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot