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Mit 91 Jahren

Modeschöpfer Hubert de Givenchy ist gestorben

Von Alfons Kaiser
 - 17:15

Hoffentlich hat er die letzte Wendung in seinem Modehaus noch mitbekommen. Bei Givenchy herrscht jetzt endlich eine Frau übers Design. Die Kollektion, die Clare Waight Keller vergangene Woche in Paris präsentierte, nahm zwar den düsteren Gothic-Stil ihres Vorgängers Riccardo Tisci auf. Aber sie bezog sich auch auf die guten alten Zeiten der Marke, als man Schönheit noch Schönheit nennen durfte und die Modeschöpfer sich noch nicht mit krassen Entwürfen überbieten mussten.

Hoffentlich also schaut Hubert de Givenchy, der am Samstag im Alter von 91 Jahren gestorben ist, wie sein Lebensgefährte Philippe Venet am Montag mitteilte, aus dem Himmel ein bisschen gnädiger auf den Boden der Tatsachen hinab. Es wäre ihm zu gönnen. Denn als er die Givenchy Couture Group 1988 für schlappe 45 Millionen Dollar an den Konzern LVMH verkaufte und nach sieben weiteren Jahren schließlich 1995 auch als Chefdesigner ausstieg, begann eine wirre Zeit auf dem Laufsteg, unter der er so stark litt, dass er auch Journalisten an seinem Leiden teilhaben ließ.

John Galliano, Alexander McQueen, Julien Macdonald und schließlich seit 2005 Riccardo Tisci versuchten sich als Designer an dem Label, einer der wichtigsten Modemarken überhaupt. So sehr sie die Mode um untragbar ingeniöse Entwürfe bereicherten – so sehr stürzten sie doch die Freunde und erst recht die Schöpfer der alten Pariser Couture in Ärger und Verzweiflung.

Der Couturier stammte eben aus einem anderen Zeitalter. Hubert James Marcel Taffin de Givenchy wurde am 20.Februar 1927 in eine adelige Familie in Beauvais geboren. Der Großvater war Direktor der dortigen Gobelinfabrik. Der von seinem Vater vorgesehenen juristischen Karriere entzog sich der Junge. Denn es war um ihn geschehen, als er das Werk des spanischen Modeschöpfers Cristóbal Balenciaga entdeckte. Schon mit 17 Jahren ging er zum Studium an die École des Beaux-Arts in Paris und arbeitete für Designer wie Robert Piguet, Jacques Fath, Lucien Lelong und Elsa Schiaparelli. Er lernte also bei den wichtigsten Modemachern der Zeit, beeinflusst natürlich auch von Christian Dior, der mit der verschwenderischen Schönheit seines New Look die entbehrungsreiche unmittelbare Nachkriegszeit endgültig beendet hatte.

Im Jahr 1952 gründete Givenchy sein Modehaus. Die wirtschaftlich aufstrebenden fünfziger Jahren mit blühender Filmindustrie schenkten ihm sogleich Erfolge. Mit der um zwei Jahre jüngeren Audrey Hepburn, die er bei den Dreharbeiten zu Billy Wilders Komödie „Sabrina“ (1953) kennenlernte, wurde er groß. „Funny Face“ (1957), „Frühstück bei Tiffany“ (1961), „Charade“ (1963), „Paris When It Sizzles“ (1964) – das sind Filme, in den sich die Schauspielerin und ihr Kostümbildner ohne Worte verstanden haben müssen. Denn kaum jemals – außer vielleicht später bei Richard Gere und Giorgio Armani – wurden der Designer und sein Star öfter in einem Zusammenhang genannt. Wie Audrey Hepburn alias Holly Golightly an der Fifth Avenue steht, Kaffeebecher in der Hand, Haare hochtoupiert, dicke Sonnenbrille auf der Nase, und ins Schaufenster von Tiffanys schaut, lange bevor Donald Trump seinen Tower nebenan hochzog – das war so leicht, so schön, so frech, wie man damals gesagt hätte, dass es einfach nicht zu überbieten war.

Audrey Hepburn war die Antithese zu den vollbusigen Stars der Zeit wie Marilyn Monroe oder Sophia Loren. Ihr Stil passte sich ihrem Körper und ihrer Rolle an. Das kleine Schwarze, knöchellange Hosen, Ballerinas – das war das Gegenteil der aufgedonnerten fünfziger Jahre und nahm die Sechziger stilistisch vorweg. Sie wurde – auch in witzigen Werbekampagnen – zu einem Gesicht des Modehauses, lange bevor die Celebrity-Maschine in Paris angelaufen war. Und sie war die Muse seines ersten Parfums, L’Interdit. Auch durch sie fand Givenchy überhaupt zu seiner Ausdrucksform. Das hatte Einfluss auf viele junge Frauen und brachte ihm Kundinnen wie Grace Kelly, die Herzogin von Windsor oder Jacqueline Kennedy Onassis ein.

Die radikal moderne Schule Balenciagas und Schiaparellis bewahrte Hubert de Givenchy vor aristokratischem Pomp und der Schwere der alten Couture. Seine Kleider waren konstruiert, aber mit klarer Linie, kurz, aber nicht knapp, farbstark, aber nicht poppig. Er war also prädestiniert fürs Prêt-à-porter, zu dessen Begründern er neben Yves Saint Laurent zählt. Und seinen unglaublich klaren Blick für Proportionen behielt er sogar noch in den modisch so schwierigen achtziger Jahren bei.

Dabei blieb er persönlich seinem strengen Habitus mit altmodischen Umgangsformen treu. Im zivilen Leben trug er stets Anzug und Krawatte, auf den Laufsteg hingegen trat er im Schneiderkittel. Chefdesigner mit Allüren gab es damals eben noch nicht. Die Einheit von Besitzer und Schöpfer der Marke war noch gewahrt. Markennamen bis zum letzten auszuquetschen, weil es der betriebswirtschaftlichen Logik gehorcht, lag damals noch nicht im Trend. Nun hat Hubert de Givenchy, der mit der Mode reich wurde und doch bescheiden blieb, den Schneiderkittel endgültig abgelegt. Er starb im Schlaf und soll im engsten Familien- und Freundeskreis bestattet werden.

Quelle: F.A.Z.
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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