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Nachhaltige Modeblogger

Wie sinnvoll sind die „Sinnfluencer“?

Von Paulina Würminghausen
Aktualisiert am 08.09.2019
 - 20:09
Das Bild wurde auf dem Instagram-Account der Nachhaltigkeits-Influencerin Madeleine Alizadeh gepostet.
Auf Instagram vertreiben „Sinnfluencer“ nachhaltige Mode. Diese bringt aber oft nicht mehr, als das Gewissen der Käufer zu beruhigen.

Eine Frau sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und schaut mit halbgeschlossenen Augen und zurückgelehntem Kopf in die Kamera. Ein Strohhut baumelt an ihrem Rücken; das dazugehörige Band klemmt ihre blonden Haare ein. Mit den Fingern zeigt sie auf ihr weißes T-Shirt, dort steht in Großbuchstaben: „ÉTHICAL“. Um sie herum, überall verstreut auf dem holzfarbenen Boden, liegt ein Berg von Kleidung.

Das Bild wurde auf dem sozialen Netzwerk Instagram gepostet. In Zeiten von Fridays for Future, Fleischverzicht und CO2-Emmissionen breitet sich das Thema Nachhaltigkeit auch auf Instagram aus – oder kriegt auf der Plattform noch mehr Aufschwung. Neu ist dabei, dass nicht das Fliegen oder der Fleischverzehr kritisiert werden. Sondern die Bekleidungsbranche, durch den schnellen Kollektionswechsel auch „Fast Fashion“-Industrie genannt.

Das Bild von der Frau mit dem Strohhut und dem riesigen Klamottenberg kritisiert diese „Fast Fashion“-Mentalität – und macht zugleich Werbung für eine Alternative: „Fair Fashion“ oder auch „Slow Fashion“ genannt. Dahinter stecken kleine Unternehmen, die ausschließlich nachhaltig produzieren. Auf Instagram haben sie eine Plattform gefunden, um sich zu vermarkten: 4,5 Millionen Beiträge tauchen auf, wenn man den Hashtag „Slow Fashion“ in die Suchleiste eingibt. Nachhaltige Blogger, sogenannte „Sinnfluencer“, verbreiten die Bekanntheit der grünen Marken.

Zwei Milliarden Kleiderschrankleichen

Shops mit Namen wie „Avocado Store“, „Jan’n June“ oder „Lanius“ bieten umweltbewussten Nutzern Produkte für ihren Lebensstil: Pullover aus Hanf, Bikinis aus recycelten Fischernetzen, T-Shirts aus Bio-Baumwolle. Auf Instagram steht dann auf der Unternehmensseite „Eco Fashion & Green Lifestyle“, oder „guter Style und gutes Gewissen“. Daneben sind viele Pflanzen-Emojis abgebildet.

Doch nicht alle sind von diesem grünen Image überzeugt: „Selbst wenn Kleidungsstücke nachhaltig produziert werden, werden dennoch Ressourcen verbraucht“, sagt Brigitte Zietlow vom Umweltbundesamt. Dabei wird jedes fünfte Kleidungsstück laut einer repräsentativen Greenpeace-Umfrage aus dem Jahr 2015 nie getragen. Insgesamt macht das eine Milliarde ungetragener Kleidungsstücke. Zählt man selten getragene Teile hinzu, kommt man auf insgesamt zwei Milliarden „Kleiderschrankleichen“.

Fast die Hälfte der Befragten sortiert Oberteile und Hosen innerhalb eines Jahres wieder aus. Spätestens nach drei Jahren landen die meisten Sachen auf dem Altkleiderberg. Die globale Bekleidungsproduktion hat sich von 2000 bis 2014 verdoppelt, so Greenpeace. Brigitte Zietlow vom Umweltbundesamt sieht vor allem ein Problem: Kleidung werde nicht mehr wirklich als Wert gesehen. Zumindest in der „Fast Fashion“-Industrie ließe sich das gut beobachten: „Wenn so ein T-Shirt weniger kostet als ein Kaffee, dann macht das was mit einem.“

Man müsse viel mehr über die Menschen aufklären, die diese Kleidung herstellten, meint Zietlow. Über die schlechten Arbeitsbedingungen, aber auch über die aufwendige und lange Produktionskette. Die Textilindustrie wird von den meisten Menschen wohl nicht mit Umweltverschmutzung gleichgesetzt. Laut Greenpeace ist sie aber der zweitgrößte Wasserverbraucher sowie der viertgrößte Produzent von Rohmaterialien. „Am nachhaltigsten ist die Mode, die man am längsten trägt", sagt Zietlow.

6 Monate Wartezeit für ein T-Shirt

Die Influencerin „dariadaria“ bloggt seit 2013 über nachhaltige Mode. Im echten Leben heißt sie Madeleine Daria Alizadeh und kommt aus Wien. Als sie an ihr Telefon geht, ist sie gerade auf den Straßen Berlins unterwegs. Im Hintergrund sind immer wieder laute Krankenwagensirenen zu hören, zwischendurch holt sie sich etwas zu essen. Gleich im Anschluss hat sie schon den nächste Termin. Das Leben einer Influencerin scheint stressig zu sein.

Alizadeh hat 243.000 Follower. Damit ist sie eine der bekanntesten deutschen Nachhaltigkeits-Bloggerinnen. Seit 2017 stellt Alizadeh mit dem Onlineshop „dariadeh“ selbst Kleidung her. Sie kritisiert, dass Menschen durch die ganzen Ökoshops auf Instagram zu noch mehr Konsum angestachelt werden könnten: „Man sollte normale Kleidung nicht einfach durch Grüne ersetzen, sondern erst mal die normale Kleidung reduzieren“, so die Bloggerin.

In ihrem eigenen Shop müssten Kunden auch schon mal bis zu sechs Monaten auf ihr neues Stück warten, hätten zudem generell nicht viel Auswahl. „Wir kommunizieren den Kunden klar: Such dir genau aus, was du kaufst, überlege, was du wirklich brauchst“, so Madeleine Alizadeh. Es sei aber weltfremd, zu fordern, dass Menschen gar nichts mehr kaufen sollten. „Wenn man realistisch sein möchte, muss man einen Mittelweg finden.“

Die Befragung von Greenpeace zeigt zudem: Der am häufigsten angegebene Grund, warum Kleidung aussortiert wird, ist Verschleiß. Das gaben 92 Prozent der Befragten an. „Die Textilien werden immer dünner, ein T-Shirt hält nicht mehr so lange wie früher“, sagt Holger Cebulla, Textiltechnologe an der TU Chemnitz. Die schlechte Qualität führe dazu, dass die Kleidungsstücke im Recycling unbrauchbar würden. Laut Cebulla treffe das auch auf „Fair Fashion“-Produkte zu – weil neue Materialien noch nicht weit genug erforscht seien. Die Investoren fehlten, so Cebulla.

Ein unbrauchbarer Materialmix

Denn nicht nur die Produktion macht der Umwelt zu schaffen: Ein Mix aus verschiedenen Materialien lässt das Textilrecycling an seine Grenzen stoßen. Martin Wittmann vom Fachverband Textilien erklärt: „Das Faserrecycling befindet sich noch in den Kinderschuhen, nur ein Prozent von den Altkleidern wird wieder zu Textilien gemacht.“ Noch dazu versage nicht nur die Technologie; auch sei das Verfahren teuer, aufwendig und brauche viel Energie.

Auch hierbei sind die grünen Unternehmen auf Instagram nicht viel besser; viele benutzen ebenfalls Materialmixe. Das kleine, österreichische Unternehmen „Margaret and Hermione“ hat bei einem Kimono beispielsweise aufgelistet: 78 Prozent recyceltes Polyamid, 22 Prozent Elastan. Ein blau-weiß kartiertes Sommerkleid mit Häkelband vom „Avocado Store“ verwendet 51 Prozent Baumwolle und 49 Prozent Leinen. Ein Langarmshirt von „Lanius“ besteht zu 55 Prozent aus Hanf und zu 45 Prozent aus Biobaumwolle. Die Liste nicht recycelbarer Produkte durch Materialmixe ist lang.

Der Shop „Nine to five“ wirbt auf seiner Website mit dem „Capsule Wardrobe“-System, bei dem man nur wenige ausgewählte Stücke besitzt, die sich aber gegenseitig ergänzen und vielfältig kombinieren lassen. Der Avocado Store postet regelmäßig Bilder, die aufklären sollen: „Was war dein erster Schritt in Richtung Less Waste?“, fragen sie etwa auf einem dieser Bilder.

Doch viele Shops stellen einfach ein paar Pflanzen-Emojis auf ihre Instagramseite und geben sich ein grünes Design, ihre Produkte haben dann aber wenig mit Nachhaltigkeit zu tun. „Greenwashing“ nennt sich diese Strategie. Eigentlich sind eher große Unternehmen dafür bekannt. Madeleine Alizadeh unterscheidet hierbei zwischen „großem“ und „kleinem“ Greenwashing: Die einen hätten so gut wie gar nichts Grünes in ihren Produkten, die anderen seien zumindest ein wenig nachhaltig – doch aus ihrer Sicht noch nicht genug. Zu Letzterem gehöre laut Bloggerin Madeleine Alizadeh auch Tchibo, eines der größten deutschen Einzelhandelsunternehmen. Auf Instagram postet das Unternehmen viel zu nachhaltigen Themen, zeigt zum Beispiel Erklärvideos über den Wasserverbrauch von T-Shirts.

„Die Unternehmen machen schon viel“

„Tchibo macht mehr als nötig ist, aber sie sind kein grünes Unternehmen“, meint Alizadeh. Tchibo gibt ihr in diesem Punkt sogar Recht. Und das, obwohl das Unternehmen der drittgrößte Anbieter von Bio-Baumwolle auf der Welt ist. Zwar sei das Unternehmen schon sehr weit im nachhaltigen Bereich und habe den Anspruch, eines Tages hundertprozentig nachhaltig zu sein. Aber der Konzern sei schlicht zu groß: „Es gibt nicht die eine Tchibo-Fabrik, sondern wir produzieren in über 400. Da gibt es viele Herausforderungen, an denen wir arbeiten“, sagt Sandra Coy von Tchibo.

Den Vorwurf des Greenwashings weist sie aber klar zurück. Kleine Unternehmen mit begrenzter Produktauswahl hätten es laut Coy möglicherweise einfacher, vollständig nachhaltig zu agieren. „Sie sind als Vorreiter sehr wichtig. Aber sie erreichen nicht die Massen“, sagt die Sprecherin. Der Markt könne sich nur ändern, wenn sich die großen Unternehmen änderten.

„Die Unternehmen machen schon wirklich viel, die Nachhaltigkeitsberichte würden uns im positiven Sinne überraschen“, meint Holger Cebulla. Im Tchibo-Katalog bestehe die Hälfte der Produkte aus Bio-Baumwolle, so der Textiltechnologe. Durch NGOs und öffentlichen Druck seien sie transparenter geworden. Brigitte Zietlow vom Umweltbundesamt meint: Viele würden zwar dem Nachhaltigkeitstrend hinterherlaufen, um neue Kunden zu gewinnen oder Kunden zu halten. Aber: „Nachhaltig zu werden, ist ja – egal welcher Grund dahinter steht – gut.“ Trotzdem sei Greenwashing nicht kleinzureden – weil manchmal auch gar nicht erst gehandelt werde, meint Zietlow.

Ein „Siegel-Dschungel“

Um Greenwashing zu verhindern, gibt es verschiedene Forderungen. Die Recyclingindustrie fordert höhere Mehrwertsteuern auf umweltschädliche Materialien, aber auch Mindestquoten für Faseranteile seien ein Ansatz: „Die Herstellerverantwortung muss eingefordert werden“, so Martin Wittmann vom Fachverband Textilirecycling. Unternehmen müssten für das Recycling ihrer Produkte finanziell aufkommen oder Gebühren pro verkauftes Kleidungsstück zahlen.

Die Politik setzt bisher, ähnlich wie in der Lebensmittelindustrie, vor allem auf die Freiwilligkeit der Unternehmen. Viele Vorschriften zum Ressourcenschutz gibt es bislang nicht. Zietlow verspricht sich von verbindlichen Maßnahmen aber mehr Wirkung: Diese könnten auch Unternehmen dazu bringen, sich zu ändern, die das Thema Nachhaltigkeit bisher noch nicht auf der Agenda hätten.

Ein einheitliches Siegel könnte Klarheit schaffen und es Konsumenten leichter machen, tatsächlich nachhaltige und fair produzierte Kleidung zu kaufen. Im September diesen Jahres soll das Textilsiegel „Grüner Knopf“ in einer Pilotphase eingeführt werden. Bereits 2014 kündigte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ein entsprechendes Projekt an, seitdem wurde die Einführung mehrfach verschoben – laut Müller wegen großen Interesses der Unternehmen.

Die Diskussion um den grünen Knopf

Es ist das erste staatliche Siegel, das sowohl soziale als auch ökologische Kriterien umfasst. Aber: Dadurch, dass verschiedene Labels zugelassen würden, wären diese Kriterien oftmals sehr schwammig formuliert, meint Brigitte Zietlow. „Alles ist offen gehalten, Abwasserstandards sollen beispielsweise eingehalten werden – aber ein genauer Wert wird nicht genannt.“ Auch das Prüfverfahren wird laut einem Bericht der „Welt“ kritisiert: Es sei zu aufwendig und die Bewertung undurchsichtig. „Mehr Schein als Sein“ betitelte die Kampagne für saubere Kleidung ihre Stellungnahme und warnte ebenfalls vor einer „Irreführung der Verbraucher“. Der Grüne Knopf würde zwar „öko-faire Produktion in der gesamten Wertschöpfungskette“ suggerieren; tatsächlich setze er sich aber lediglich mit zwei Bestandteilen derselben auseinander.

„Als Verbraucher bin ich da aktuell in einem Siegel-Dschungel verloren“, sagt Thomas Engelke von der deutschen Verbraucherzentrale (VZBV). Zwar sei der Konsument in der Verantwortung zu entscheiden, was er kaufe und was nicht. Diese Verantwortung könne er aber momentan nicht wahrnehmen: Man sehe der Kleidung nicht an, ob sie wirklich nachhaltig sei. Stattdessen müsse sich der Verbraucher durch die Produktangaben der verschiedenen Unternehmen durcharbeiten. „So ist der Verbraucher überfordert. Damit darf er nicht alleine gelassen werden.“ Er sieht die Regierung in der Pflicht, einheitliche Standards zu setzen. Grüne Pflanzenemojis auf Instagram könnten dann hinterfragt werden.

Quelle: FAZ.NET
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