Zum Tod von Issey Miyake

Sein Name bleibt lebendig

Von Alfons Kaiser
09.08.2022
, 17:32
Da zeigte er seine Mode schon seit zwei Jahrzehnten in Paris: Issey Miyake nach einer Schau im Jahr 1994
Issey Miyake wurde mit seinen Plisseekleidern berühmt. Wie am Dienstag bekannt wurde, ist der japanische Designer am vergangenen Freitag im Alter von 84 Jahren gestorben.
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In der ersten Reihe bei den Modenschauen trägt ihn eigentlich nur noch Suzy Menkes. Die legendäre Kritikerin fühlt sich sichtlich wohl in den weit geschnittenen und streng plissierten Kleidern von Issey Miyake. Das kann man so oder so verstehen: Ist diese Kleidung nur noch für alte Frauen? Oder sind das modische Entwürfe, die man sogar noch tragen kann, wenn man auf die 80 zugeht? Man muss es wohl so verstehen: Issey Miyake ist zum Klassiker geworden.

Nun ist der Designer, der sich längst aus dem Klassikerdasein ins Privatleben zu­rückgezogen hatte, ganz verstummt: Am Dienstag wurde bekannt, dass Miyake am vergangenen Freitag im Alter von 84 Jahren an den Folgen von Leberkrebs gestorben ist. An der Beisetzung nahmen nur Verwandte teil. Eine Gedenkfeier ist nach Angaben seiner Marke nicht geplant.

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„Eine moderne und optimistische Form der Kreativität“

Der stille Abschied des Designers, der neben Rei Kawakubo, Yohji Yamamoto und Kenzo Takada zu den größten japanischen Modemachern gehörte, passt ins Bild eines ruhigen, konzentrierten, arbeitsamen Mannes. Der in sich gekehrte Designer brauchte die Mode, um aus sich herauszukommen. Deshalb ist es kein Zufall, dass die Falten seiner Entwürfe dreidimensional aus der textilen Oberfläche heraus­ragen – wie Mitteilungen an die Außenwelt, auch wie ein scharfkantiger Schutz gegen die Zumutungen des Lebens.

Es ist wohl keine biographistische Überheblichkeit, den Grund für seine Mode im Trauma seines Lebens zu suchen. Der Junge, der am 22. April 1938 in Hiroshima geboren wurde, erlebte die Explosion der Atombombe am 6. August 1945 als Siebenjähriger in der Schule. „Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich immer noch Dinge, die niemand jemals erleben sollte“, schrieb er später. „Ich habe, wenn auch er­folglos, versucht, sie hinter mir zu lassen, und ziehe es vor, an Dinge zu denken, die man erschaffen kann, anstatt sie zu zerstören, und die Schönheit und Freude bringen. Ich habe mich für das Bekleidungsdesign entschieden, auch weil es eine moderne und optimistische Form der Kreativität ist.“

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Die Erinnerungen blieben

Viele Familienmitglieder kamen ums Le­ben. Seine Mutter starb nach drei Jahren an den Folgen der Strahlung. Er selbst entwickelte seit dem zehnten Lebensjahr ein Knochenmarkleiden und hinkte lebenslang. Die Urerfahrung zu verdrängen war ihm unmöglich. Die Erinnerungen an das helle, rote Licht, die schwarze Wolke, die panisch fliehenden Menschen blieben. Er wollte nicht bezeichnet werden als „der De­signer, der die Bombe überlebt hat“. Vielleicht auch deshalb die Anstrengung, eine Marke aufzubauen, die mit ihrem singulären Stil einen anderen Ruf begründete.

Eigentlich wollte er Tänzer oder Sportler werden. Die Modezeitschriften seiner Schwester brachten ihn auf einen neuen Le­bensweg. Nach dem Designstudium an der Tama-Kunsthochschule in Tokio arbeitete er in Paris für Guy Laroche und Hubert de Givenchy sowie in New York für Geoffrey Beene. Schließlich gründete er 1970 in Tokio sein Miyake Design Studio. Gegen die Arbeit der Couturiers, die ihm zu statisch vorkam, setzte er als Reflex auf seine sportlichen Anfänge seine Rolle als Designer, nämlich „etwas zu entwerfen, das im wirklichen Leben funktioniert“.

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„Pleats Please“

Kein Wunder, dass er seine in den Achtzigerjahren entwickelte neue Art, Falten zu legen, an Tänzern auf ihre Bewegungs­freiheit testete. Es funktionierte gegen jede Wahrscheinlichkeit. Während mit dem Nie­dergang der Couture immer mehr Plisseebrennereien aufgaben, fing er erst richtig mit dem Plissieren an. Seine Kleider und Blusen fielen mit den Falten in stets verschiedener Form, changierten somit auch in ihren Farben und waren wegen des Ziehharmonika-Effekts äußerst bequem. „Pleats Please“ hieß seine Linie – sie wurde zu einem geflügelten Wort.

Bei all der insularen Identität des japanischen Designs gliederte sich Miyake ein in die Reihe japanischer Designer, die in den Siebzigern nach Paris kamen. Rei Kawakubo, die mit Comme des Garçons die größten Form­experimente wagte, und ihr Partner Yohji Yamamoto, der ungefähr so viele Schwarz-Schattierungen kennt wie Eskimos Wörter für den Schnee, verkörperten mit ihrem „post-atomic look“ die düstere Seite des Lebens. Kenzo mit seinen Farben und Miyake mit seiner Formenfreude schufen lebendige Looks, ohne den avantgardistischen An­spruch auf­zugeben. Es war gewissermaßen der auf links gedrehte post-atomare Stil. Seiner Zeit voraus war Miyake auch mit fortschrittlichem Casting. 1976 veranstaltete er eine Schau nur mit schwarzen Models. Lange bevor die Grauhaarigen in Mode kamen, ließ er Achtzigjährige über den Laufsteg gehen.

Sportlich, einfach, praktisch

So etwas hatte man in Paris, wo sich Yves Saint Laurent gerade zum Liebling der Bourgeoisie entwickelte, noch nicht ge­sehen. Bis in den Achtzigern die Belgier um Dries Van Noten und Martin Margiela kamen und in den Neunzigern die Angloamerikaner von Marc Jacobs bis John Galliano, waren die Japaner die einflussreichsten Ausländer im damals noch abgeschotteten Modekosmos. Vor dem Zeitalter kultureller Übernahmen gab es nun erst einmal grandiose kulturelle Übergaben.

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Noch mit seiner letzten großen Erfindung, A-POC („A Piece of Cloth“), verbindet er fernöstliche kollektivistische Vorstellungen mit westlichem Individualismus: Im Oktober 1998 traten in Paris 23 Models in einem einzigen langen Stoffschlauch auf, der sich wiederum mit der Schere in Einzelkleider zerlegen ließ. Da ist es fast schade, dass Miyake nicht für solche komplexen Ideen berühmt wurde, sondern für den schwarzen Rollkragenpullover, den er für seinen Freund Steve Jobs, den Apple-Gründer, entworfen hat. Sportlich, einfach, praktisch: Darin glich er dem amerikanischen Minimalismus-Fan.

Nach der Jahrtausendwende zog er sich zurück und überließ dem kongenialen Dai Fujiwara das Feld. Modisch verlor die Marke trotzdem an Geltung. Mit den Parfums bleibt sein Name aber lebendig. Prägend war gleich der erste Duft von 1992: L’eau d’Issey, im Französischen ein Wortspiel mit „l’odyssée“. Dabei war der lange Weg dieses Manns – aus dem katastrophischen Urerlebnis in die glückliche Selbstbescheidung – keine Irrfahrt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaiser, Alfons
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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