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Schauspielerin Janelle Monáe

„Ich würde auch gerne Fehler machen dürfen“

Von Patrick Heidmann
Aktualisiert am 22.05.2020
 - 13:02
Janelle Monáe in der Hauptrolle der zweiten Staffel von „Homecoming“ als Soldatin Jackie
Janelle Monáe ist aus Filmen wie „Moonlight“ oder „Hidden Figures“ bekannt. Im Gespräch erzählt die Schauspielerin von der Identitätskrise ihres neuen Filmcharakters, den Hürden für Schwarze in Hollywood und ihrem Treffen mit Julia Roberts.

Zehn Jahre ist es her, dass Janelle Monáe ihr Debütalbum „The ArchAndroid“ veröffentlichte und sich prompt als eine der spannendsten modernen Soul- und Funk-Künstlerinnen ihrer Generation etablierte. Zwei weitere Alben, etliche Grammy-Nominierungen und zahllose Aufsehen erregende Videos und Kostüme später ist die Tochter einer Putzfrau und eines LKW-Fahrers aber auch als Schauspielerin erfolgreich. Nach Auftritten in Filmen wie „Moonlight“, „Hidden Figures“ oder „Willkommen in Marwen“ ist die 34-jährige ab dem 22. Mai in der Hauptrolle der zweiten Staffel der Serie „Homecoming“ bei Amazon Prime zu sehen. Und auch im Kino laufen demnächst wieder Filme mit ihr: ab dem 9. Juli in „Harriet“ und im Herbst dann im Horrorfilm „Antebellum“. Wir hatten die Gelegenheit, mit Monáe per Zoom ein Gespräch zu führen.

Miss Monáe, als Musikerin sind Sie an Erfolg gewöhnt und auch als Schauspielerin nach „Moonlight“ oder „Hidden Figures“ kein Neuling mehr. Aber mit „Homecoming“ tragen Sie nun erstmals eine Serie als Hauptdarstellerin auf Ihren Schultern – und treten auch noch in die Fußstapfen von Julia Roberts, die in der ersten Staffel zu sehen war. Waren Sie eingeschüchtert?

Mich darauf einzulassen, war aufregend und nervenzehrend gleichzeitig. Julia ist nun einmal eine Ikone und war obendrein in der ersten Staffel fantastisch. Glücklicherweise hatte sie aber auch Vertrauen in mich. Denn als Executive Producer ist sie ja weiterhin an der Serie beteiligt und hat persönlich mit darüber entschieden, wer die Hauptrolle der zweiten Staffel bekommt. Allein das zu wissen, empfinde ich als riesiges Kompliment.

War Roberts aktiv in die Entstehung der neuen Folgen involviert?

Das nicht, aber sie hat uns am Set besucht. Ich war ihr vorher nie begegnet und entsprechend nervös. Wir wussten, dass sie kommt, nur nicht genau wann. Mitten während einer langen Szene hörte ich dann irgendwann dieses unverkennbare Lachen, noch bevor ich sie sehen konnte. Das war schon was Besonderes.

Die Figuren, die Sie bislang gespielt haben, strahlten immer Stärke und Selbstbewusstsein aus. Für Jackie in „Homecoming“ gilt das nun nicht unbedingt, schon weil sie ihr Gedächtnis verloren hat und nicht weiß, wer sie ist. Haben Sie das als Herausforderung empfunden?

Ja, Jackie hat mir einiges abverlangt. Ich würde nicht sagen, dass sie nicht stark ist, denn eigentlich will ich in allen meinen Figuren ihre Stärke genauso zum Vorschein bringen wie ihre Verletzlichkeit. Aber bei Jackie fand ich es so schwierig, dass sie auf der Suche nach ihrer Identität so viele Entscheidungen trifft, die ich persönlich kaum nachvollziehen konnte. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass eben alle ihre Erinnerungen weg sind. Doch bis ich mich in ihren Kopf hineingefunden hatte, brauchte es wirklich etwas.

Wie sind Sie vorgegangen?

Ich habe mir Filme wie „Memento“ oder auch die „Bourne“-Thriller angeschaut. Und natürlich habe ich das Internet durchforstet nach allem, was mit Amnesie und Gehirntraumata zu tun hatte. Außerdem habe ich mich mit der psychischen Verfassung von Veteranen beschäftigt, denn auch Jackie war ja Soldatin. Und was soll ich sagen: es ist oft erschreckend, wie wir mit den Männern und Frauen umgehen, die aus dem Krieg zurück nach Hause kommen. Das wurde mir noch einmal sehr deutlich.

Herauszufinden, wer man wirklich ist, ist im übertragenen Sinn eine Aufgabe, vor der wir alle stehen...

Oh ja, und ich glaube, ganz fertig ist man damit nie. Man findet doch immer wieder neue Bruchstücke über sich selbst heraus, denken Sie nicht? Ich jedenfalls fühle mich dauerhaft auf Reisen, immer unterwegs, mehr über mich selbst und die Geheimnisse des Lebens herauszufinden. Außerdem ist es ja nie in Stein gemeißelt, was oder wer man sein kann oder will. Im Grunde wache ich jeden Morgen auf ohne zu wissen, wer ich bin. Und schon die erste Entscheidung des Tages – was gibt’s zum Frühstück – hat einen Einfluss darauf, wer ich an diesem Tag bin (lacht).

Apropos auf Reisen: Wie kam es eigentlich, dass Sie irgendwann den Weg Richtung Schauspielerei eingeschlagen haben?

Das war eigentlich gar nicht so überraschend, schließlich bin ich nach der High School an die American Musical and Dramatic Academy in New York gegangen und habe dort Schauspiel studiert. Und schon zu Schulzeiten in Kansas war ich im Drama Club, wo wir mit Monologen auf der Bühne standen und sogar an Wettbewerben teilgenommen haben. Ich habe auch in Musicals mitgespielt, Shakespeare-Kurse belegt oder zu Hause mit meinen Cousins und Cousinen kleine Familienstücke inszeniert. Für mich war das immer ein Weg, mit meiner eigenen Realität klarzukommen.

Wie meinen Sie das?

Es gab in meiner Jugend vieles, was ich verarbeiten musste. Ich verlor Familienmitglieder und Freunde, die Opfer von Waffengewalt wurden. Mein Vater war darüber hinaus immer wieder im Gefängnis. Das war nicht immer einfach. Mich zum Beispiel in Phantasiewelten von Musicals zu flüchten, tat da oft gut. Noch heute hilft mir Kunst dabei, das Leben erträglicher zu machen. Und um Ihre Frage zurückzukommen: selbst als ich mich für viele Jahre auf die Musik konzentrierte, war die Liebe zur Schauspielerei, zu Film und Theater nie weg. Ich wollte immer mehr schaffen als bloß einen Song oder bloß ein Konzert. Mir ging es seit jeher um größere Ideen und um das Kreieren ganzer Welten.

Als Musikerin haben Sie immer auch viel Wert auf das Visuelle gelegt, nicht zuletzt in Ihren Kostümen und Videos. Ist es nicht schwierig, als Schauspielerin plötzlich so gar keinen Einfluss mehr auf den Look Ihrer Arbeit zu haben?

Das ist schon zu ertragen (lacht). Das andere mache ich ja weiter – und meinen eigenen Look habe ich sowieso. Außerdem ist beim Film oder einer Serie die Arbeit ja im besten Fall kollaborativ. Im Fall von „Homecoming“ zum Beispiel haben sich die Autoren Eli Horowitz und Micah Bloomberg und der Regisseur Kyle Patrick Alvarez immer wieder mit mir hingesetzt und ihre Vision für die Staffel durchgesprochen, auch unter visuellen Aspekten. Meine Meinung war ihnen dabei spürbar wichtig, was ich sehr zu schätzen wusste. Natürlich bin ich nicht die, die entscheidet, welches Kostüm meine Figur trägt. Aber zumindest ist es nicht so, dass ich gar nicht mitreden kann.

Allein der Blick auf Ihre Projekte als Schauspielerin zeigt, dass sich in Hollywood endlich etwas tut in Sachen Diversität. Würden Sie von nachhaltigen Veränderungen sprechen?

Ich hoffe zumindest sehr, dass es nicht nur eine performative Inklusivität ist, die wir gerade erleben. Also dass diese Diversität nicht nur oberflächlich und halbherzig gehandhabt wird, weil das Thema gerade en vogue ist, sondern wirklich verstanden wird, warum sie richtig und notwendig ist. Wirklich dauerhaft wird die Veränderung erst sein, wenn immer mehr Menschen, die nicht weiße heterosexuelle Cis-Männer sind, auch in den Schaltpositionen sitzen und so genannte Minderheiten ihre eigenen Projekte produzieren und finanzieren können. Aber mir scheint schon, dass wir auf einem guten Weg sind. Dass jemand wie Julia Roberts sagt: „Lasst uns als Protagonistin die junge Schwarze nehmen, die noch nie eine Serien-Hauptrolle hatte“ – das ist nicht nichts. Auch wenn ich noch weit davon entfernt bin, die gleichen Freiheiten zu haben wie sie.

In welcher Hinsicht?

Julia ist eine Ikone und hat viele unglaubliche Erfolge gefeiert. Und wenn sie mal etwas verbockt oder einen Film dreht, den niemand sehen will, dann wird ihr das nachgesehen und sie bekommt die nächste Chance. Diesen Luxus haben viele Schauspielerinnen nicht, die eine person of color, transgender oder auch offen queer sind. Wir haben oft das Gefühl, absolut perfekt und erfolgreich zu sein, um unseres gleichen nicht weiterer Möglichkeiten zu berauben. Das ist ein ganz schön großer Druck, der hoffentlich weniger wird, je größer die Vielfalt wird. Denn ich würde auch gerne Fehler machen dürfen und trotzdem weiter Angebote bekommen.

Quelle: FAZ.NET
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