Zazi Vintage x Afghanistan

„Ich wünschte jeder könnte Kleidung so sehen, wie ich sie sehe“

Von Anna Wender
Aktualisiert am 13.11.2020
 - 20:23
Jeanne de Kroon ist Designerin von Zazi Vintage. Ihr Label steht für ethische Mode.zur Bildergalerie
„Zazi Vintage“ tut mehr, als einfach nur aus alten Stoffen neue Kleider zu nähen. Im Interview spricht Designerin Jeanne de Kroon darüber, warum gerade Afghanistan für sie interessant war und was Hühner mit ethischer Mode zu tun haben.

Oft reicht es uns zu wissen, dass ein Label nachhaltig produziert oder sich für Nachhaltigkeit einsetzt. Wie genau es diese Nachhaltigkeit umsetzt, darüber machen sich die wenigsten Gedanken – unser Gewissen ist schließlich schon mit einem vielversprechenden Logo beruhigt. Dabei gerät in Vergessenheit, dass Kleidung nicht nur von Maschinen, sondern von Menschen unter meist miserablen Arbeitsbedingungen gefertigt wird.

Jeanne de Kroons Idee von Nachhaltigkeit geht über ein grünes Logo und Bio-Baumwolle hinaus. Ihr Label Zazi Vintage steht für ethische Mode, Nachhaltigkeit ist für sie selbstverständlich. Seit der Gründung 2016 arbeitet sie mit NGOs und Kooperativen, unter anderem in Indien, Usbekistan, Tadschikistan und in der Mongolei zusammen. Dort setzt sie sich für Frauen in der Bekleidungsindustrie ein, wirtschaftlich wie sozial. Ihr nächstes Projekt führt Jeanne de Kroon nach Afghanistan, wo sie zusammen mit der Initiative der Vereinten Nationen für ethische Mode (EFI) die Brücke zwischen traditionsreichem Kunsthandwerk und dem internationalen Lifestylemarkt schlagen will. Unterstützung bekommt sie dabei von Samina Ansari, einer gebürtigen Afghanin und Gründerin des Unternehmens „Avyanna-Diplomatie“. Sie verbindet den internationalen Markt mit dem afghanischen Handwerk und der Industrie. „Avyanna“ heißt „starke und schöne Frau“ und ist eine Ode an die Schönheit Afghanistans. Diese soll, zusammen mit der afghanischen Tradition und ihren Schätzen, ethisch und nachhaltig in die Welt getragen werden, zum Beispiel in Form des handgefertigten „Afghan Coats“.

Afghanistan wird meistens als Risikogebiet gesehen und mit Krieg in Verbindung gebracht, warum haben Sie sich für ihr Projekt für dieses Land entschieden?

Die Frage müsste lauten: Warum nicht dieses Land? Seit Jahren herrscht in Afghanistan Krieg und genau so lange hören wir die immer gleichen Geschichten der Zerstörung. Genau dieses Narrativ muss unbedingt verändert werden. Wir müssen anfangen, die Menschen dahinter zu sehen. Sie sind nicht nur Opfer des Krieges und der Umstände dort, sondern talentierte Menschen, mit unglaublicher Kraft und unglaublichem Wissen, von denen wir viel lernen können. Unsere Frage war: Wie können wir der Welt ihre Geschichte und Handwerkskunst mitteilen, um positive Veränderung zu bringen.

Wie kamen Sie überhaupt nach Afghanistan?

Vor fünf Jahren, als ich mit Zazi angefangen habe, lernte ich in Indien diese unglaublich inspirierende afghanische Familie kennen. Sie waren Vintage-Händler. Ich traf sie in einem kleinen Shop, einem Raum voller Stoffe, und habe mich sofort in ihre Geschichten verliebt. Wir haben Safran-Tee getrunken und Mandeln gegessen, während Sie mir Videos von tanzenden Frauen in wunderschönen Röcken zeigten. Ich habe Afghanistan bis dahin noch nie so gesehen und fragte mich, warum.

Und mit dieser Familie arbeiten Sie jetzt zusammen?

Genau, mit der zweiten Generation. Sie sind in etwa so alt wie ich und es hat eigentlich damit angefangen, dass ich aus Vintage-Stoffen aus der ganzen Seidenstraße Kleider machte. So kam Zazi überhaupt zustande. Die ersten Kleider waren 100 Prozent upgecycelt – viele sind es auch heute noch. Irgendwann bin ich tiefer in die afghanische Lieferkette eingetaucht. Seit 2018 ist die UN-Initiative für ethische Mode unser Hauptpartner in Kabul. Sie arbeiten mit den unglaublichsten Projekten zusammen, von einem weiblich geführten Seidenwebereibetrieb bis hin zu einer Naturfarbenmeisterin, die mit natürlichen Elementen Stoffe färbt. Eines der Unternehmen – Tarsian & Blinkly – stellt nun auch unsere Mäntel her.

Die Sensibilität für das Thema Cultural Appropriation wächst.

Die Frage war immer, wie kann ich mit Zazi nicht appropriaten, sondern appreciaten. Wenn man mit einem Land wie Afghanistan zusammenarbeitet ergibt es nur Sinn, wenn man zusammen an Produkten arbeitet, die Teil des traditionellen Handwerks sind. Produkte, die wirklich die Geschichte der Kultur erzählen, die sie hervorbringt. Da ich nicht aus Afghanistan komme, habe ich die Verantwortung, alle Stimmen mit einzubeziehen. Wenn man mit Kunsthandwerkern arbeitet, anstatt mit Fabriken, kann man die Beziehung „Designer versus Produzent“ aufheben und als eine Gemeinschaft, Geschichten durch Stoff erzählen. Die Produkte, die wir in Afghanistan kreieren, erzählen Geschichten vom lokalen afghanischen Handwerk, aber auch davon, dass Kabul als Zentrum der Seidenstraße alle Arten von Kunsthandwerk und Geschichten vereint. Unser Team, hinter und vor der Kamera, repräsentiert alle möglichen Kulturen, die dann in unseren Kleidungsstücken zusammenfließen.

Sie arbeiten auch mit Samina Ansari, Gründerin des Unternehmens „Avyanna-Diplomatie“ zusammen. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Anfang dieses Jahres, als wir alle zuhause festsaßen, bekam ich eine E-Mail von Samina Ansari. Sie erzählte von ihrer Diplomatie-Firma, die internationale Marken mit der afghanischen Lieferkette verbindet. Ihr Fokus liegt ebenfalls darauf, die Wahrnehmung, es drehe sich alles in Afghanistan nur um Krieg, hin zu etwas Positiven zu wandeln. Wir schrieben über Import und Export, ein wirklich schwieriges Thema in Afghanistan. Wir verabredeten ein Telefonat via Zoom, mein Team und ich dachten, mit dieser netten „Import-Export-Lady“ zu sprechen, und dann erschien auf einmal dieses Supermodel auf dem Bildschirm – ich war so geflasht von ihr. Ein echter Sonnenschein. Irgendwann fragte ich sie, ob sie auch für Zazi modeln würde, obwohl ich dachte, dass sie doch bestimmt Wichtigeres zu tun hat – aber sie hat ja gesagt.

Das Kampagnenshooting fand auch in Afghanistan statt. Wie schwer war es, ohne vor Ort zu sein, so ein Projekt voranzubringen?

Es war nicht leicht, weil wir eben nicht einfach mal so nach Afghanistan fliegen konnten. Auf der Suche nach Fotografen wurden wir bei den Vereinten Nationen fündig. Ihre Flüchtlings-Agentur, die UNHCR, bildet lokale und geflüchtete Fotografen aus. Mit drei von ihnen – Freshta, Marifa und Morteza – haben wir zusammengearbeitet. Fünf Tage lang haben sie in und um Kabul fotografiert. Trotz der Friedensverhandlungen ist Kabul eine wahnsinnig gefährliche Stadt, es kommt immer wieder zu Anschlägen. Und da ist diese Gruppe junger Leute, die wie selbstverständlich dort lebt und arbeitet. Nach den Shootings schickten sie Bilder und Videos in Restaurants und Bars und alle waren glücklich… und auch ich war glücklich, weil es genau das ist, was Menschen von Afghanistan sehen sollten. Eine Geschichte ist erst kraftvoll und komplett, wenn sie von allem erzählt. Ich hoffe, dass die Menschen mit diesen Bildern ihre Sicht auf Afghanistan ändern. Mir haben sie die Augen geöffnet.

Zazi Vintage steht für ethische Mode. Was bedeutet das?

Bei ethischer Mode geht es darum zu verstehen, wer diese Frauen sind, die deine Kleidung nähen. Was sind das für Menschen und was sind ihre Träume. Ich wollte immer herausfinden, wie ich die Geschichten dieser Menschen, ihre Kultur und ihr Handwerk auf einen Markt bringen kann, der es ja schon gewohnt ist, mit Geschichten zu arbeiten und zu kommunizieren. Man muss ihnen einfach eine Plattform geben. Und das ist die Verantwortung, die alle Marken haben und der sie nachgehen müssen: Nicht nur einfach irgendwo produzieren lassen, sondern mit dem lokalen Handwerk arbeiten. Wir in Europa haben unser Handwerk zum Teil verloren. In Afghanistan oder auch in Indien ist es noch Teil des Alltags. Ihre Arbeit hält ihre Kultur am Leben. Es war ein langer Prozess für mich zu verstehen, wie man das am besten umsetzt und weitergibt.

Warum haben Sie sich für eine Neuauflage des „Afghan Coats“ entschieden?

Als ich die afghanische Familie kennenlernte, erzählte ich ihnen, dass ich in Berlin lebe. Ihre Reaktion war: „Oh, Berlin, dort ist es sehr kalt.“ Sie meinten, dass ich dann einen guten Mantel bräuchte und sie hatten Recht. Zu diesem Zeitpunkt trug ich einen einfachen schwarzen Mantel, nicht sehr aufregend. Sie erzählten mir, dass sie mit einer Familie zusammenarbeiten, die auch die Mäntel hergestellt hat, die jeder in den Siebzigern trug. Also überlegte ich, wie wir den Siebziger-Jahre-Afghan-Coat herstellen können, nur mit den Stoffen, die wir in Afghanistan finden. Jeder Mantel ist ein Kunstwerk und einzigartig. Ich glaube, das Schönste daran sind die Geschichten, die mit den Stücken daherkommen und mit der Welt geteilt werden. Man trägt nicht nur ein Kleidungsstück, sondern auch die ganze Geschichte dahinter.

Was passiert grade in der Mode und auf dem Fast-Fashion-Markt, und was will Zazi Vintage verändern?

Als ich aufgewachsen bin, bedeutete Mode für mich Supermodels: Glossy, Glamour, Glitter. Es dauert eine Zeit diese Normen, die wir von der Modebranche grade kennen, aufzubrechen. Dieses Jahr war und ist dafür sehr wichtig. Durch die Black-Lives-Matter-Bewegung zum Beispiel haben wir angefangen, Geschichten Anderer zu hören und zu begreifen. Wie können wir unsere Plattform für alle Menschen zugänglich machen, egal welche Größe, Form, Nationalität oder welchen Hintergrund sie haben? Zurzeit sind weltweit 80 Prozent der Menschen, die unsere Kleidung herstellen, nicht-weiße Frauen, die alles andere als gut bezahlt werden. Ich hoffe, dass die Menschen anfangen, sich Gedanken darüber zu machen, wer ihre Kleider näht und, dass wir den Blick vom Model zum Hersteller verlagern und lernen, uns in die wahren Geschichten hinter unseren Kleidungsstücken zu verlieben. Wir lernen grade andere wahrzunehmen. Der nächste Schritt ist, noch tiefer einzutauchen, weil niemand gleich ist, bis alle gleich sind und niemand gesehen wird, bis alle gesehen werden.

Wenn etwas nachhaltig hergestellt wurde, denken viele an Bio-Baumwolle und T-Shirts, die nicht von Kinderhänden in Bangladesch gefertigt wurden. Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit und wie setzt Zazi Vintage das um?

Als ich 2016 angefangen habe, war das Thema Nachhaltigkeit nicht so wichtig wie heute. Wenn ich ein Kleidungsstück sehe, sehe ich auch die Hände, die es gemacht haben. Viele Menschen können dazu keinen Bezug herstellen. Das findet auf vielen Ebenen statt. Seit April halte ich beispielsweise Hühner, die aus einer Legebatterie kommen. Bis dahin waren Hühner für mich praktisch nicht existent. Wenn ich ein Ei gesehen habe, habe ich nie an das Huhn dahinter gedacht. Und jetzt sehe ich sie jeden Tag – sie haben Persönlichkeiten entwickelt, als würden sie die ganze Zeit Witze reißen. Immer wenn ich jetzt ein Ei sehe, muss ich an das Huhn denken, von dem es kommt. Und genau so ist es mit allem, das wir konsumieren. Der nächste Schritt ist eine Bewusstseinsverschiebung und -veränderung. Ein Stück Polyester hängt auch mit der Ölindustrie zusammen, der Amazonas wird dafür gerodet. Wenn ich ein Produkt kaufe, kaufe ich auch seine Geschichte und trage sie auf meinem nackten Körper.

Was bedeutet für Sie „Female Empowerment“?

Es geht nicht darum, Männer nachzuahmen oder zwanghaft zu versuchen, in ihre Rolle zu schlüpfen. Für mich bedeutet Female Empowerment auch, dass wir unsere Fürsorge und die Verbindung füreinander und zur Mutter Erde verloren haben. Wir wertschätzen weibliche Attribute nicht genug und befinden uns in einer sehr toxischen Beziehung zwischen uns und der Erde. Die Female-Empowerment-Revolution ist auch die Nachhaltigkeitsrevolution und die Klimarevolution – es hängt alles zusammen. Frauen haben eine unglaubliche Power, die gesehen werden muss. Deshalb arbeiten wir auch nur mit Frauen zusammen.

Sie sagen, jedes Lieblingskleiderstück erzählt eine Geschichte. Was ist Ihr Lieblingsteil und was ist die Geschichte dahinter?

Das ist ein Schal! Letztes Jahr habe ich eine Zeit bei den „Huni Kuin“ verbracht. Sie sind ein indigenes Volk in Brasilien und leben im Einklang mit der Natur. Als ich dort ankam, träumte ich jede Nacht von einer Spinne, ohne zu wissen, was sie bedeutet. Die Leiterin der Frauengemeinschaft erzählte mir dann, dass die Spinne die „göttliche Spinne“ repräsentiert. Alle Frauen der Gemeinschaft haben sie irgendwann in einer Vision gesehen. Durch sie entdeckten ihre Vorfahren die Baumwollpflanze und lernten, aus ihr Kleidung herzustellen. Die Spinne ist ein Symbol für weibliches Handwerk, Weberei und der magischen Kraft der Frau geworden. Zurück in Holland erzählte mir mein Vater, dass „de Kroon“, mein Nachname, im 17. Jahrhundert ein Teil einer Webmaschine war. Ich fand heraus, dass ich aus einer Weberfamilie stamme. Alles fügte sich zusammen. Wenn wir ein Kleidungsstück von einem besonderen Menschen bekommen, verbindet es uns für immer und gibt uns eine Art Verantwortung demgegenüber. Durch den Schal der Huni Kuin, bin ich für immer mit ihnen und ihrer Geschichte verbunden.

Sie reden nicht von Kollektionen, sondern von Kapiteln. Was ist ihr nächstes Kapitel und was sind ihre Pläne für die Zukunft?

Ich wünschte jeder könnte Kleidung so sehen, wie ich sie sehe. Ein wichtiger Schritt für mich ist es, zu lernen, wie ich Kleider kreieren kann, die wieder zur Erde zurückkehren, ohne auf ihr irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Nächstes Jahr werden wir mit Nina Gualinga zusammenarbeiten. Sie ist Aktivistin und setzt sich für die Rechte der indigenen Völker im ecuadorianischen Amazonas ein. Es sind kleine Schritte, aber es ist ein ganz großer Traum von mir, mit ihr und den Frauen dort zusammenzuarbeiten. Für mich personifizieren sie Female Empowerment in jeder Hinsicht. Sie beschützen die Erde und kämpfen für die kommenden Generationen. So viele Ideen und so viele Träume – aber ich glaube, wir müssen einfach abwarten, was passiert. Jetzt grade ist es schön, einfach mal wieder zuhause zu sein.

Quelle: FAZ.NET
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