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Made in Kongo

Schöne Kleider für schlimme Zeiten

Von Thembi Wolf
 - 21:29
„Wenn wir warten, bis es unserem Land bessergeht, fangen wir nie an“: Mapendo Sumuni vor ihrer Boutique im Kongo.zur Bildergalerie

Das Motorrad-Taxi, auf dem Mapendo Sumuni angedüst kommt, staubt beim Bremsen. Mit erstaunlicher Erhabenheit und Grazie steigt die 35 Jahre alte Designerin vom Rücksitz der wackeligen Maschine und bohrt die Absätze ihrer hohen Schuhe in den Boden der Hauptstraße. Ihre Zöpfe sind adrett auftoupiert, sie trägt dezenten Silberschmuck. Küsschen links, Küsschen rechts, Sumunis Englisch hat einen charmanten französischen Akzent.

Hält man den Atem an und den Kopf still, könnte man meinen, Mapendo Sumuni sei an einem sonnigen Tag in einem Pariser Café am Rande der Modewoche zum Interview verabredet. Stattdessen steht sie mitten in der Regenzeit in Goma, in der Provinz Nordkivu der von gewaltsamen Ausschreitungen geprägten Demokratischen Republik Kongo. Dort, wo die Straßen aus Lehm und Schotter sind, an der Ecke die weißen UN-Fahrzeuge warten, mit Blauhelmsoldaten, die Gewehre auf dem Schoß. Wo sich der warme Geruch des letzten Regengusses mit dem leicht fauligen Duft der Südfrüchte mischt, die Frauen hier am Straßenrand verkaufen, aus riesigen Bastkörben, die sie zwischen Schopf und Stirn balancieren.

Hier hat Mapendo Sumuni einen unscheinbaren Hof gemietet. In einem Holzhaus arbeiten acht Näherinnen für sie. Etwa ein Dutzend weitere kommen als Aushilfen, wenn viel zu tun ist. Sie nähen Kleider, Hosen, Kissen und Laptoptaschen aus kongolesischen Stoffen. Ein paar Straßen weiter werden die Sachen in einem Ladengeschäft verkauft, das so winzig ist, dass man es in drei Schritten ablaufen kann. In den letzten Jahren ist aus der kleinen Boutique Kivu Nuru trotzdem eine Instanz in Goma geworden. Hier werden stilbewusste junge Menschen, die traditionelle Muster und moderne Schnitte suchen, ebenso fündig wie verarmte Hausfrauen, die eine stundenlange Busfahrt vom Stadtrand auf sich nehmen, um bei Sumuni ihren handgemachten Schmuck anzubieten.

„Ich lasse den Krieg nicht definieren, wer ich bin“

Manchmal sagt Mapendo Sumuni Sätze wie aus einem amerikanischen Marketinghandbuch: „Wir sind kein Kleiderstand. Bei uns gibt es Fashion. Schnitte. Innovation.“ Sie spricht von Aufträgen, Logistik, von Werbemaßnahmen. Gerade beschäftigt sie der Aufbau internationaler Vertriebswege. Das klingt seltsam entrückt an einem Ort wie Goma. Sumuni weiß das. Als sie ihren ersten Krieg erlebte, war sie zwölf Jahre alt. Aber sie sagt auch: „Ich lasse den Krieg nicht definieren, wer ich bin; wenn wir mit dem Umsetzen unserer Ideen warten, bis es unserem Land bessergeht, fangen wir nie an.“ Es ist allein Mapendo Sumunis Geschäftssinn und Entschlossenheit zu verdanken, dass ein so unwahrscheinlicher Ort wie die kleine Boutique überhaupt existiert.

Kongo gilt schließlich als eines der größten Pulverfässer auf dem afrikanischen Kontinent. Dabei versprachen noch vor zehn Jahren die ersten demokratischen Wahlen, dem Land den Weg in den Frieden zu ebnen. Da Präsident Joseph Kabila keine Neuwahlen ausruft, obwohl seine Amtszeit seit vergangenem Dezember zu Ende ist, liegt der nächste Bürgerkrieg täglich in der Luft.

Aus Stoffresten Armreifen und Ketten zu fertigen

Sumunis Familie war weder reich noch arm, die Tochter eine aufmerksame Beobachterin modischer Phänomene. „Ende der Neunziger waren diese Röcke stylisch, die auf der einen Seite einen Schlitz haben. Alle hatten die“, sagt Sumuni heute. Aber soviel der Vater auch arbeitete, er konnte dem Mädchen nicht dieselben Kleider kaufen, wie ihre Freunde sie trugen. Also nahm ihre Mutter Sumuni mit auf den Flohmarkt, suchte einen alten Rock für etwas weniger als einen Dollar und zeigte der Tochter, wie er mit ein Paar Schnitten und Stichen umzunähen war. „Den habe ich noch“, sagt Sumuni und lacht.

Beim bislang letzten Krieg, den sie erlebte, 2012, ist Sumuni schwanger. Als der Babybauch zu sehr im Weg ist, nimmt sie vier Monate Urlaub von ihrem Job. Aus Langeweile beginnt sie, aus Stoffresten Armreifen und Ketten zu fertigen. Freunde und Fremde sprechen sie darauf an. Sie nimmt kleine Aufträge an und muss in ihrer Wohnung bald eine kleine Ecke einrichten, um neue Modelle auszustellen. Bald hat sie jeden Tag das Wohnzimmer voller Kundinnen und beschließt, sich selbständig zu machen. Den Mutterschaftsurlaub will sie nutzen, um an einem Businessplan zu feilen.

Flucht vor Krieg und Terror

Mapendo Sumuni ist im November 2012 allein im zweiten Stock ihres Stadthauses, mitten in Goma, als sie die ersten Schüsse hört. Die Rebellen der Bewegung M23 haben die Stadt erobert. Die Vereinten Nationen sprechen später von tagelangen, massiven Menschenrechtsverletzungen, sexueller Gewalt und Rekrutierung von Kindersoldaten. Erst weiß Mapendo Sumuni nicht, was sie tun soll. Dann flieht sie zu Fuß. Über die lehmigen Straßen bis zum Camp der UN-Mission Monusco, ihres damaligen Arbeitgebers.

Sumuni versteckt sich für ein paar Wochen bei ihrer Familie in Bukavu, einer Großstadt ein Stück den Kivusee hinab. Aber sie möchte ihr Kind in Goma bekommen. „Es ist schlecht, wenn unsere Kinder lernen, dass wir Angst vor der Zukunft haben.“ Also kehrt sie zurück in die kaputte, traumatisierte Stadt – mit einem Businessplan. „Man hat mir gesagt: Mapendo, dieses Land wird immer schlechter.“ Ob sie wirklich glaube, dass jetzt der richtige Moment sei, um ein Modegeschäft zu eröffnen. Statt Kleidern solle sie lieber Bier verkaufen, rät ein Verwandter. Sumuni denkt: Jetzt erst recht. Sie will Arbeitsplätze schaffen und lokalen Kunsthandwerkern eine Plattform bieten. Kivu Nuru heiße „Licht der Vergessenen“, sagt Mapendo Sumuni. Wer vergessen wurde, sagt sie nicht. Vielleicht die Künstler, die Frauen, die vielen Toten, um die gar nicht recht getrauert werden kann, weil auf einen Konflikt hier immer gleich der nächste folgt.

Passende Marketing für die Europäer

Am Anfang nimmt Sumuni alles in Kommission, auch in schlechter Qualität. Spielzeug aus altem Draht, Schmuck aus Plastik. „Das hier ist euer Ort“, sagte Sumuni zu den Künstlern. Sie finanziert Miete und Strom, Werbung und Einrichtung. Erst wenn die Künstler etwas verkaufen, bekommt Sumuni eine Provision. Ihre eigenen Entwürfe gibt sie bei Näherinnen in Auftrag. Die Wände des kleinen Ladens füllen sich mit gemalten Kleinformaten, die Jagdszenen und Hochzeiten zeigen. Sumuni nimmt die Bilder in Kommission, obwohl sie weiß, dass sie kaum eines verkaufen wird. „Die Leute sollen sehen, wie es noch vor zehn oder sechzig Jahren hier war. Wegen des Bürgerkrieges haben die Menschen keine Zeit, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, als zu essen und zu überleben. Unsere Kultur verschwindet.“

Der Laden läuft nur langsam an. Irgendwann stößt Sumuni im Internet auf Bilder von europäischen Weihnachtsmärkten: Glühwein, Süßigkeiten, und nebenbei wird Handarbeit verkauft. Sumuni überzeugt den Besitzer des „Le Chalet“, eines malerischen belgischen Restaurants direkt am Kivusee, in dem die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen und UN-Soldaten sich zum Trinken und Tanzen treffen. Die Belgier organisieren Brot, Konfekt und heißen Wein. Sumuni stellt Skulpturen und Bilder ihrer Künstler aus. Es gibt kongolesische Trommler und Rad schlagende Akrobaten. Nicht nur die Expats kommen, auch die kongolesische Mittelschicht vergnügt sich hier. Für Sumuni ist es auch eine Marketingaktion. „Wenn du dich nur auf Expats verlässt, gehst du pleite“, sagt sie und lacht.

Weihnachtsmarkt im Kongo

Heute ist der Weihnachtsmarkt aus Goma nur schwer wegzudenken. So wie die extravaganten Modenschauen und das Kivu-Nuru–Dîner-en-blanc, zu dem die Gäste ganz in Weiß gekleidet unter dem kongolesischen Sternenhimmel zusammenkommen.

Seit der Laden läuft, hat Mapendo Sumuni die kleine Werkstatt ein paar Straßen weiter dazugemietet. Die Näherinnen können gemeinsam an den antiken Nähmaschinen arbeiten und tratschen. An die Wände des Holzverschlags sind Schnittmuster von italienischen Internetseiten gepinnt, alte Modefotografien und Bilder schwarzer Models in Abendkleidern.

Wenn Sumuni den Laden und die Werkstatt am Abend abschließt, nimmt sie oft etwas Stoff und einen Entwurf mit nach Hause und bastelt weiter, bis es dunkel wird. Und nachts klickt sie sich im Internet durch die Online-Ausgabe der „Vogue“, um zu sehen, was die nächste Saison bringt.

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Die Recherche dieses Textes wurde ermöglicht durch ein Stipendium der „International Women's Media Foundation“.

Quelle: F.A.S.
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