KaDeWe

Mit allen Sinnen einkaufen

Von Inge Kloepfer
29.11.2021
, 14:40
Auf das Treppenhaus im KaDeWe ist Kaufhaus-Chef André Maeder besonders stolz.
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In Berlin wurde das KaDeWe aufwändig renoviert. Kann das Kaufhaus-Konzept heute noch funktionieren?
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Es gibt Menschen, die glauben noch ans Kaufhaus. Und das selbst im Zeitalter des Internets. Der österreichische Unternehmer René Benko ist so einer oder auch Tos Chirathivat, der Vorstandschef der thailändischen Central Group, die mit Kaufhäusern in den vergangenen 80 Jahren ein Milliardenvermögen aufgebaut hat. Die beiden stemmen gemeinsam 150 der insgesamt rund 300 Millionen Euro, mit denen seit ein paar Jahren das Berliner KaDeWe von Grund auf renoviert wird. Die andere Hälfte tragen die Partner, also jene Labels, die vom KaDeWe lizenziert sind: Gucci, Dior und Louis Vuitton zum Beispiel, die dort wie viele andere Marken ihre Verkaufsflächen neu bauen.

„So wie wir jetzt umbauen, geschieht das nur alle 30 bis 40 Jahre“, sagt der Schweizer André Maeder, seit 2014 Chef der KaDeWe-Gruppe, zu der nicht nur das KaDeWe, sondern auch das Kaufhaus Oberpollinger in München und das Alsterhaus in Hamburg gehören. „Wenn nicht nur die Gesellschafter, sondern auch die Partner an dieses Konzept glauben, dann kann es nicht ganz falsch sein.“ Für alle drei Häuser zusammen beläuft sich die Investitionssumme auf eine halbe Milliarde Euro. Das Flaggschiff aber, das „Kaufhaus des Westens“, bekommt den größten Anteil.

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Der Kaiser kam nicht

Das KaDeWe hat als Kaufhaus immer funktioniert – immer wieder auch mit Sonderkonjunktur. Und das, obwohl es zunächst nicht danach aussah. Ausgerechnet das überschaubare Berliner Vorstädtchen Schöneberg hatte sich der aus Baden-Württemberg stammende, in Berlin lebende Kaufmann Adolf Jandorf für den Standort seines ersten Luxuskaufhauses ausgesucht und 1907 dessen Tore geöffnet. Der Kaiser kam nicht, dafür aber noch im Herbst desselben Jahres für zwei Tage König Rama V. aus Thailand, das seinerzeit noch Siam hieß. Dreizehn Jahre später stand Jandorfs Kaufhaus dann im Zentrum des Berliner Westens, als Schöneberg Teil der Hauptstadt wurde. Der Umsatz stieg beständig.

Nur, wer braucht heute noch ein Kaufhaus? „Ein Marktplatz wie früher in der Antike auch, auf dem man Freunde getroffen, sich unterhalten, etwas getrunken und vielleicht auch etwas gekauft hat, den brauchen die Menschen auch in Zukunft“, sagt Maeder. In der KaDeWe-Gruppe sind sie überzeugt, dass sich die Kunden von heute nicht mehr bewusst für das Internet oder das stationäre Geschäft entscheiden. „Die neue Generation wird vor allem digital unterwegs sein. Aber sie will trotzdem mit allen Sinnen etwas erleben.“ Wer das KaDeWe besucht, der sieht, wovon Maeder spricht. Die Etagen sind gefüllt, oben in der „Food Hall“ tobt am Wochenende das Leben, sie ist zu einem Treffpunkt vieler junger Erwachsener geworden.

KaDeWe-Chef Andre Maeder
KaDeWe-Chef Andre Maeder Bild: Matthias Lüdecke

Das Internet sieht in der KaDeWe-Gruppe kaum einer als Gefahr für das Erlebniskaufen. Die Zahlen scheinen das zu bestätigen: Das Kaufhaus lebt, allen voran das KaDeWe, das in einer Liga mit Harrods oder Selfridges in London spielt. Gut 400 Millionen Euro Umsatz wurden dort 2019 noch vor der Pandemie erwirtschaftet bei 12 Millionen Besuchern im Jahr. In der Spitze strömten schon mal 50.000 an einem Tag durch die sechs Etagen. Zusammen mit dem Alsterhaus und Oberpollinger belief sich der Umsatz auf etwas über 600 Millionen Euro. Seit der Öffnung nach dem Lockdown im Mai liegen die Monatsumsätze nach Angaben von Maeder inzwischen wieder auf dem Niveau von 2019 – allerdings pandemiebedingt (noch) bei 25 Prozent weniger Besuchern. Es fehlen schließlich zum größten Teil die Touristen. Aber der Einzelne gibt mehr aus. „Wir haben immer gesagt, dass wir mit dem Umbau mit den Bestandshäusern 2025/26 bei einer Milliarde sein werden“, sagt Maeder. Allein das KaDeWe habe bei vollendetem Umbau ein Potential von 650 Millionen Euro Jahresumsatz – und sei die drittwichtigste Sehenswürdigkeit Berlins.

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In der Nazizeit wurde es schwierig

Eine Sehenswürdigkeit war es übrigens schon immer – mit einer wechselvollen Geschichte. Ende der 20er-Jahre verkaufte Jandorf seine Firma an das jüdische Handelsunternehmen Hermann Tietz OHG. In der Nazizeit wurde es schwierig. Zwei Auseinandersetzungsverträge drängten die jüdische Familie sukzessive aus dem Unternehmen. Die Hermann Tietz OHG wurde zur Hertie GmbH, die fortan das Kaufhaus führte. Und die hielt dessen Tore offen, solange es ging. Erst als im November 1943 ein amerikanisches Kampfflugzeug in das Gebäude stürzte, war Schluss. Die Wiedereröffnung zunächst der ersten beiden Etagen 1950 versetzte die Berliner dann derart in Euphorie, dass schon nach wenigen Minuten die Türen wegen Überfüllung wieder geschlossen werden mussten. Das könnte vor Weihnachten dieses Jahres vielleicht sogar wieder passieren, weil dann auch die oberste, die sechste, Etage endgültig fertig ist.

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Zentrum des Umbaus ist die neue Rolltreppe, entworfen vom Büro des Stararchitekten Rem Koolhaas. Eigentlich keine Rolltreppe, sondern ein spektakuläres holzvertäfeltes Kunstwerk, eine Skulptur, die sich im Gebäude in die Höhe schraubt. Koolhaas hatte schon 2015, als die Umbaupläne konkret werden sollten, das KaDeWe in vier sechsstöckige Quadranten oder Türme eingeteilt, die untereinander verbunden sind – ein jeder noch einmal mit eigener Rolltreppe. Mit den Würfeln hat Koolhaas eigene vertikale Welten vorgesehen. Sie tragen die Überschriften „Casual“, „Formal“, „Design“ und „Contemporary“. Das funktioniert dann so: Hält man sich nur in einem Würfel auf und fährt von oben nach unten oder umgekehrt, bleibt man in ein und derselben Lifestyle-Welt. Schlendert man indes horizontal durch die Etagen, dann gelangt man von einer in die andere. „Sehr gut lässt sich das Konzept am Essen erklären. Im Design-Würfel trinkt man oben in der Food Hall Champagner oder isst Sushi. In der Casual-Welt hingegen bekommt der Kunde Steak und Pommes Frites.“

Das Grundprinzip ist der Shop im Shop

Mit dem Siegeszug des Internets taten sich viele Kaufhäuser schwer. Das KaDeWe aber war nicht unterzukriegen, selbst dann nicht, wenn die Eigentümer in die Knie gingen. Hertie wurde 1994 von der Karstadt Warenhaus AG übernommen, die 1999 als KarstadtQuelle AG firmierte und von 2007 an Arcandor AG hieß. Das KaDeWe war das Vorzeigehaus der Gruppe. Zwei Jahre später war Arcandor insolvent. Nach zähen Verhandlungen übernahm schließlich der deutsch-amerikanische Investor Nicolas Berggruen den Konzern und damit auch das KaDeWe, allerdings nicht die Immobilie. Die kaufte Ende 2012 der österreichische Investor René Benko über seine Signa Holding, angeblich für 500 Millionen Euro. Dazu übernahm er das Münchener Kaufhaus Oberpollinger und fünfzehn andere Karstadt-Häuser für weitere 600 Millionen. Im August 2014 ging schließlich der gesamte Warenhauskonzern in Benkos Holding auf. Benko trennte das KaDeWe sowie die anderen Luxushäuser Oberpollinger und Alsterhaus vom Rest des Warenhauskonzerns ab. Seither firmieren die drei Spitzenhäuser unter dem Label KaDeWe Group. Ein halbes Jahr später verkaufte Benko 50,1 Prozent daran an die thailändische Central Group. Die Immobilie im Herzen Westberlins aber gehört noch immer ihm.

Das Grundprinzip des KaDeWe ist der Shop im Shop. Genau so wurde es schon 1907 von seinem Gründer Jandorf konzipiert. Doch gäbe es nur die einzelnen Marken mit ihren individuellen Verkaufsflächen, wäre das KaDeWe kaum etwas anderes als eine Shoppingmall. Es muss nach Einschätzung von Maeder noch sehr viel dazukommen, damit das Konzept Kaufhaus funktioniert. Da finden sich zunächst zwischen den von Marken belegten Shops großzügige Multi-Label-Flächen mit kuratierter Ware, die die KaDeWe-Chefeinkäufer eigens aussuchen. Außerdem gibt es im ganzen Haus 200 sogenannte Pop-ups. Das sind immer wechselnde Flächen auf den Etagen mit Sonderkollektionen unterschiedlicher Hersteller. Die sollen die Abwechslung befördern: gucken, erleben, kaufen. Natürlich immer wieder vorbeischauen. Dazwischen ein Glas Sekt oder einen Kaffee trinken, und das nicht nur oben in der berühmten Food Hall, die künftig auf zwei Geschossen Restaurants mit spezialisierten Feinkostanbietern von Schokolade bis Fisch vermischt. Vielmehr gibt es schon im Erdgeschoss Möglichkeiten, sich niederzulassen. Insgesamt 20 Restaurants und Bars führt das Haus. Die bleiben bis Mitternacht geöffnet. Sie sind mit Aufzügen auch dann erreichbar, wenn die Verkaufsfläche längst geschlossen ist.

Zum KaDeWe gehören auch die Dienstleister: vom Friseur über die Brow- und Nail-Bar bis hin zum Schneiderservice, der in einer halben Stunde Hosen und Kleider anpasst. Neu sind die VIP-Shopping-Kabinen mit einem eigenen Team, die man vorab buchen kann, um sich dort Produkte vorführen zu lassen. Der Service ist kostenlos. Das alte, neue KaDeWe verfügt sogar über einen eigenen ­MO­MA-Store, einen Ableger aus dem berühmten Museum of Modern Art, den einzigen außerhalb New Yorks.

Nur, was ist das KaDeWe jetzt eigentlich genau? „Das KaDeWe ist ein Lifestyle-Haus mit großem Erlebniswert“, sagt Maeder. Nun gut, so könnte man es nennen. Und so könnte es tatsächlich funktionieren.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kloepfer, Inge (ink.)
Inge Kloepfer
Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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