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Recycelte Pullover

Aus alt mach nicht so einfach neu

Von Quynh Tran
 - 08:37

Winterschlussverkauf: Neben den Trendartikeln der Saison, Karomuster, Stücken aus Samt, arktischen Parkamänteln, sieht man jetzt auf den Stapeln in den Läden der Modeketten Kaschmirpullover. Bei H&M, bei Uniqlo, bei Zara. Nun, zum Ende des Winters sind sie schon schnell mal ab 30 Euro das Stück zu haben. Diese Stapel zeigen vielleicht ein anderes Bild, aber Tatsache ist, dass die Nachfrage nach Kaschmir in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist.

Die Wolle hat eine besonders hohe Wärmerückhaltfunktion, sie ist also praktisch. Und angenehm zu tragen. Zugleich ist die feine, besonders weiche Wolle längst kein Luxusprodukt mehr, sondern, oft in minderer Qualität, auch in Billigsegmenten zu finden. Und, das ist nun mal der Kreislauf, wenn es um Bekleidung geht, je mehr Angebot da ist, desto mehr Ausschussware und Abfall gibt es auch anschließend. Wenn sich immer mehr Menschen günstige Pullover statt aus kratziger Wolle aus Kaschmir kaufen, dann werden diese irgendwann abgetragenen Teile auch so aussortiert, als wären es billige T-Shirts. Nur handelt es sich dabei eben um eine besonders wertvolle Ressource.

Denn im Gegensatz zu normaler Wolle, bei der das Schaffell mehrmals im Jahr komplett geschoren werden kann, wird für die Kaschmirwolle nur einmal im Jahr zum Fellwechsel das feine Unterhaar der Kaschmirziege ausgekämmt. Etwa 150 Gramm gibt eine Ziege. Für einen Pullover wird das Haar von etwa drei bis fünf Ziegen gebraucht. Zum Vergleich: Das geschorene Fell eines Schafs reicht für bis zu fünf Pullover – die Kaschmirproduktion erfordert also einen viel höheren Ressourcenaufwand als ähnliche Textilien. Und sie ist auch deswegen umweltbelastend, weil die Tiere, die vor allem in China und der Mongolei gezüchtet werden, das Gras mit der ganzen Wurzel ausreißen und mit den scharfen Hufen den Grund aufwühlen – zurück bleibt ein Boden, der nicht mehr bewirtschaftbar und für Erosion anfällig ist.

Wiederverwertung der Luxusfaser

Das sind die unangenehmen Fakten. Angesichts der ökologischen Folgen der Kaschmirhaltung und der von der Modeindustrie immer wieder heraufbeschworenen baldigen Kaschmirknappheit würde ein effizientes Wiederverwerten für die Luxusfaser naheliegen. Wenn Recycling in der Mode schon längst ein wichtiges Stichwort ist, dann müsste das doch auch bei Kaschmir eine Rolle spielen.

Sucht man nach recyceltem Kaschmir, finden sich im Internet zunächst Anleitungen, wie man alte Kaschmirteile zu Accessoires oder Kuscheltieren näht. Das bieten mittlerweile auch kleine Manufakturen an, wie etwa Turtle Doves oder Belinda Robertson aus Großbritannien. Der Kunde kann alte Pullover zur Umverarbeitung einschicken. Daraus werden dann Handschuhe oder Stulpen.

Aber allmählich setzt auch auf industrieller Ebene ein Nachdenken über die Wiederverwertung von Kaschmir ein. So gehörte zu den ersten das britische Unternehmen Marks & Spencer, das 2011 mit Hilfe von Oxfam in deren Läden ausgetragene Kaschmirbekleidung gesammelt und in italienischen Spinnereien zu neuem Stoff für Mäntel gemacht hat.

Auch Ketten wie Hessnatur, Marc O’Polo, Patagonia oder Arket bieten mittlerweile Pullover und Accessoires an, die aus recyltem Kaschmir hergestellt sein sollen. Schaut man allerdings genauer hin, so besteht das genutzte Material nicht aus Altkleidung, sondern aus Verschnitten aus Textilfabriken, die in italienischen Spinnereien neu verarbeitet werden. Das hat auch finanzielle Gründe, so weiß es Giusy Bettoni, Geschäftsführerin von „Creativity, Lifestyle and Sustainable Synergy“ (kurz: Class), eine Organisation, die eine Handvoll Spinnereien in Norditalien mit dem Siegel Re.Verso zertifiziert.

Es ist ein Siegel für recycelten Kaschmir. „In einigen Ländern wird Textilmüll mittlerweile besteuert“, sagt Giusy Bettoni. „Warum sollte man also doppelt verlieren, indem man für die Textilverschnitte bezahlen muss, wenn man sie wegschmeißt, und gleichzeitig wertvolles Rohmaterial, das nie benutzt wurde, verliert.“ Unternehmen wie Gucci, Stella McCartney, Filippa K und Patagonia nutzen mittlerweile diesen zertifizierten Kaschmir. Auch dieses Material kommt von Produktionsverschnitten, die sonst im Müll landen würden.

Italienische Region mit Tradition des Lumpensammelns

Wie aber steht es um die Wiederverwertung von schon getragenen Kaschmirprodukten? „Bereits die Erstverarbeitung von Kaschmir ist aufwendig, da die Rohfaser sehr empfindlich ist“, sagt Kim-Ho Phan, einer der weltweit führenden Kaschmir-Experten, der lange beim Deutschen Woll-Institut tätig war und heute ein eigenes Labor für Echthaar-Analyse unterhält. „Selbst die höchste Qualitätsstufe hat nur eine mittlere Länge von etwa 40 Millimeter und ist damit viel kürzer als andere Wollarten.“ Schon beim ersten Spinnen und bei weiteren Verarbeitungsstufen leide sie weiter und werde noch kürzer. „Das Recyceln eines von vornherein so empfindlichen und so kurzen Materials ist technisch problematisch, und bisher bleibt die Qualität unzureichend.“

Schwierigkeiten beim echten Recyceln räumt auch die Marke Arket, die zur H&M-Gruppe gehört, ein: „Wir haben nur sehr wenige reycelte Kaschmirprodukte, die von unserem Zulieferer Novotex kommen. Die Hauptbedenken liegen in der Qualität von recyceltem Kaschmir.“ Diese zu halten sei schwierig, wenn das Rohmaterial nicht kontrollierbar ist. „Abgesehen davon ist der Wiederverwertungsprozess aber ähnlich wie bei anderem Recycling: Es werden abgetragene Pullover und Produktionsreste gesammelt, ausgekämmt, und mit einem Anteil neuer Rohfasern verwoben.“

In der Region um den Prato bei Florenz hat das Lumpensammeln Tradition. Schon um 1900 begannen Webereien, alte Stoffe neu zu verwerten, was gerade in der Ressourcen-Not nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Hochphase führte. „Seit den sechziger und siebziger Jahren wurde hier recycelte Wolle entwickelt“, erklärt Daniele Fiesoli, dessen gleichnamige Marke zu den wenigen gehört, die neue Pullover aus alten fertigen lassen. „Die Region bleibt eine führende Kraft in der Spinnerei, aber auf die Idee, ein so edles Material wie Kaschmir wiederzuverwerten, ist bis vor kurzem niemand gekommen.“

„Es ist eine Frage der Technologie“

Weil das Material so fein ist, stärkt Daniele Fiesoli seinen Altkaschmir bei jedem Pullover mit fünf Prozent Merinowolle. Denn, das ist auch Teil des Problems: Je öfter der empfindliche Kaschmir wiederverwertet wird, desto dünner und strapazierter wird er. Der mechanische Prozess hinterlässt seine Spuren. Aber man kann ja andere Fasern verweben, so wie Fiesoli es hält. Der Aufwand erklärt auch, warum es bisher so wenige Ansätze gibt, ein so hochwertiges Material neu zu verarbeiten.

„Es ist eine Frage der Technologie, aber wir erwarten in diesem Bereich in der kommenden Zeit noch sehr viele Innovationen“, sagt auch Giusy Bettoni von Class. Noch sind es nur einige wenige italienische Spinnereien, die Kaschmir recyceln, und nur einige wenige Marken, die es nutzen. Aber das Bild könnte sich angesichts der zunehmenden Nachfrage und der ökologischen Folgen bald ändern. Bis dahin bieten Anlaufstellen wie die sogenannte Kaschmirklinik der Münchner Marke Allude oder Reparaturdienste wie „Cashmere Doc“ Abhilfe für kleine Fehler und Löcher im Pullover. Was noch repariert werden kann, muss man schließlich nicht gleich aussortieren.

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Paris Fashion Week
Wo Mode geatmet wird

Quelle: F.A.S.
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