Kilian Kerner im Interview

„In der Kollektion spielt Corona keine Rolle“

Von Anna Wender
21.01.2021
, 10:23
Kilian Kerner feiert sein 20. Jubiläum auf der Berliner Fashion Week. Im Interview spricht der Designer über Realitätsflucht als Inspiration, warum Klopapier auf den Laufsteg gehört und wie durch Corona Freundschaften zerbrochen sind.

Herr Kerner, auf der Berliner Fashion Week findet Ihre 20. Show statt. Was können wir uns unter Ihrer Jubiläumskollektion „Traumwelten“ vorstellen?

Es werden Double-Layer Effekte zu sehen sein mit vielen transparenten Stoffen, unter denen man immer noch etwas entdecken kann. Vieles wird sehr fließend sein, aber man wird starke Brüche erleben, vor allem, was das Styling angeht. Neben Latex-Socken wird sehr viel Schwarz dabei sein, mit Prints und Webungen, die an den Nachthimmel erinnern. Die Kollektion spiegelt die Traumwelt wieder, die ich mir in den letzten Monaten geschaffen habe, um aus dem Alltag und der Realität zu flüchten. Sie ist friedlich, ruhig und aufgeräumt – und vor allem spielt Corona keine Rolle.

Wie kamen Sie auf diese Idee?

Als die Corona-Krise anfing, ist bei mir alles zusammengebrochen. Innerhalb von zehn Tagen wurden alle Kooperationen oder Designaufträge gecancelt. Ich habe die Situation von Anfang an total ernst genommen, bin strikt zu Hause geblieben und habe niemanden mehr getroffen. Am Anfang haben ich und eine Freundin sogar noch gedacht, dass wir im Mai schon wieder nach Paris zu den French Open fahren könnten. Da dachte ich noch, das würde schnell vorbei gehen. Aber als man gemerkt hat, dass dem nicht so ist, lag ich irgendwann auf der Couch und wusste nicht mehr, was ich jetzt machen sollte. Da kam mir die Idee, mir eine eigene Traumwelt zu erschaffen und das als Thema für meine neue Kollektion zu nehmen.

Hat die Show ein Highlight?

Wir machen uns auf dem Catwalk über die Hamsterkäufer lustig. Durch eine Kooperation mit Hakle wird es eine limitierte Edition Klopapier mit Hamstern darauf geben. Die Models tragen große Plastiktaschen, gefüllt mit Klopapier und kleinen Stoffhamstern. Auf einmal ist Klopapier nämlich ein Luxusgut, was ich wirklich extrem seltsam finde – und deswegen nehmen wir es mit auf den Laufsteg. Außerdem werden mit Tausenden Glitzersteinen beklebte Wasserflaschen von Staatl. Fachingen, wie Crossbody Bags getragen.

Es lief auf einmal alles anders. Welche Hürden mussten Sie überwinden?

Wie überall fanden Meetings auf einmal online statt. Alles funktionierte nur noch über E-Mail und Telefon und ich habe mich mit niemandem getroffen. Komischerweise – oder auch Gott sei Dank – hatte ich, was Stoffbestellungen anging, keine Probleme. Diesbezüglich hatte ich große Angst, weil ich das von vielen gehört hatte. Das Reduzieren der Kontakte war natürlich schwierig, gerade wenn es um Fittings geht. Aber es hat super funktioniert. Die Kollektion selbst war keine Herausforderung, sondern eher das Menschliche, wie es einem persönlich in der Zeit selbst ging.

Wie läuft eine Anprobe zu Pandemiezeiten ab, ohne dass sich Models im Treppenhaus auf die Füße treten?

Die Models kommen im Stundenrhythmus und werden, anders als sonst, wahnsinnig lange an den Tagen dort sitzen und warten müssen – aber wir wollen natürlich für jeden das Risiko so gering wie möglich halten. Wir haben eine Location für das Fitting gebucht, in der man durch mehrere Räume geht, sodass die Models sich nicht über den Weg laufen. Wir werden alle ständig getestet und auch das Team verlässt das Hotel, in dem alle untergebracht sind, nur wenn es wirklich sein muss.

Und das Casting? Wie lief das ab?

Es gab kein Casting. Ein Casting ist gerade undenkbar. Wir arbeiten mit Models, die wir kennen und mit denen wir auch schon zusammengearbeitet haben. Wenige sind über Videos dazu gebucht worden.

Viele Designer sind angesichts der vergangenen Monate auf Loungewear umgestiegen. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Nein, so etwas wird man bei mir nicht sehen. In der Kollektion spiegelt sich einfach nur wider, dass ich versucht habe, Realitätsflucht zu betreiben, um schöne Momente zu erleben. Ich habe nicht Tausende Jogginghosen entworfen, ganz im Gegenteil. Bei den Frauen wird man fast ausschließlich Kleider finden – also im Prinzip der genaue Gegenentwurf zu dem, was man momentan zu Hause trägt. Auch natürlich in der Hoffnung, dass es bald vorbei sein wird.

Wie hat sich Ihr Leben als Designer verändert?

Ich würde das nicht nur auf das Designer-Sein beziehen, sondern generell auf das Mensch-Sein. Insgesamt hat sich ja alles verändert. Durch Corona sind bei mir Freundschaften kaputt gegangen, weil ich sehr streng bin, was die Corona-Regeln angeht. Ich habe einfach gesehen, dass viele zu lasch mit der Situation umgehen und weiterhin Partys feiern, Fotos davon posten und die Situation einfach nicht ernst nehmen. Ich wurde deswegen sehr wütend und habe mit Leuten den Kontakt abgebrochen – und das ist auch so geblieben. Auch wenn man nicht alle Entscheidungen der Politik versteht, sollte man sich doch bitte einfach an die Regeln halten. Wir haben jetzt ein Silvester und ein Weihnachten so erlebt und damit es kein zweites wird, sollten wir uns zusammenreißen und vor allem zusammenhalten.

Ziehen Sie auch Positives aus der Situation?

Ich versuche sehr positiv zu bleiben, auch was die Show angeht. Viele meinen oft, dass sie ja nur online stattfindet und zweifeln an, ob das alles so funktioniert. Da muss ich ganz klar sagen: Haltet die Klappe, es findet online statt und das ist gut so und besser, als wenn gar nichts stattfinden würde. Bei mir hat sich zum Glück ab Mitte Oktober auch alles wieder verändert. Alles, was so negativ war, hat sich wieder ins Positive gekehrt. In den nächsten Wochen steht so viel Arbeit an, dass ich kaum eine Pause habe. Aber ansonsten ziehe ich nichts Positives aus Corona, nein.

Ihre Show wird live übertragen und dadurch für alle erlebbar. Glauben Sie, die Fashion Week verliert dadurch an Exklusivität?

Nein, das ist ein Trugschluss. Die Shows wurden vorher ja auch schon live übertragen, das wurde nur bisher nicht so groß kommuniziert. Und überhaupt: Was ist denn heutzutage durch Social Media noch exklusiv? Selbst die Menschen in der ersten Reihe filmen Live-Videos für Instagram. So sehen es die Leute, die es am Ende tragen sollen, auch auf direktem Weg.

Anders als andere Designer sind Sie in den sozialen Netzwerken eher zurückhaltend. Welche Rolle spielt Instagram in Ihrem Leben?

Mich hat Instagram tatsächlich noch nie interessiert. Wenn ich es nicht machen müsste, hätte ich es schon lange aufgegeben. Das erste Mal, dass ich ein bisschen Lust verspürt habe, aktiver zu sein, war jetzt zum Jubiläum, einfach um einmal auf die letzten 19 Shows zurückzuschauen. Ich habe noch nie so viel hintereinander gepostet wie in den letzten Wochen. Ich bin niemand, der sich selber gerne in den sozialen Medien präsentiert – mein Privatleben geht niemanden etwas an. Ich kann mich auch nicht vor eine Kamera stellen und irgendein Gewinnspiel ankündigen – das bin ich einfach nicht.

Sie hatten 2018 keine Lust mehr auf die Oberflächlichkeit der Modetruppe. Warum sind Sie nach drei Jahren im Januar 2019 zurück auf die Fashion Week gekommen?

Ich bin morgens aufgewacht – hatte die Idee mal wieder eine Kollektion auf den Laufsteg zu bringen – und habe das dann einfach gemacht. Es steckte auch gar nicht die Absicht dahinter, das jede Saison zu machen. Die Lust ist erst wieder gekommen, als ich gemerkt habe, dass es auch anders geht als früher. Ich sehe es als eine Kooperation mit mir selber, ohne 40 oder 50 Mitarbeiter und tausend eigene Stores. Es ist eine ganz andere Herangehensweise. Es macht mir einfach Spaß, neben meinen Kooperationen auch Dinge für „mich“ zu entwerfen.

Sie sind ein intuitiver Mensch.

Auf jeden Fall. Ich bin damals Ende Oktober, Anfang November aufgewacht und habe mir vorgenommen: Ich mache im Januar eine Show. Da haben alle gesagt, ich hätte einen Knall und wie das denn funktionieren solle innerhalb von drei Monaten. Ich bin aber der Meinung, wenn man etwas will, kann man alles erreichen.

Haben Sie sich in diesen drei Jahren verändert oder das Business?

Beides. In der Zeit, in der ich der Modewoche fernblieb, haben soziale Medien enorm an Relevanz gewonnen. Als ich im Jahr 2016 meine letzte Show hatte, gab es Instagram natürlich schon, aber es hatte noch nicht den Stellenwert, den es 2019 bekommen hatte. Ich war vor allem geschockt, wie jung die erste Reihe geworden war und wie sich alles gedreht hat, wer plötzlich wichtig war und wer nicht. Ich konnte am Anfang gar nicht damit umgehen. Vor allem, dass es auf einmal wichtiger sein soll, mit einem Influencer zu reden als mit einem Journalisten. Da bin und bleibe ich old school. Ich habe einmal eine Geschichte von Annette Weber gehört, die plötzlich in Paris in der dritten Reihe gesessen hat und vor ihr 20 Jahre alte Influencer – das würde bei mir nicht passieren. Das hat sich sehr verändert und missfällt mir.

Würden Sie sagen, dass der Modezirkus noch oberflächlicher geworden ist?

Ja. Schon alleine, weil ich es nicht jedem Influencer abnehme, dass er zur Show kommt, um sie sich anzusehen, sondern nur um Fotos von sich zu posten. Es gibt auch da coole Leute, keine Frage. Man muss und kann sich ja auch darum kümmern, dass es nicht so ist. Meine PR-Managerin und ich sind uns da zum Glück einig.

Die Messen werden im Sommer nach Frankfurt ziehen, die Schauen sollen in Berlin bleiben. Glauben Sie, dass das funktioniert?

Durchaus. Vor rund zehn Jahren sind die Einkäufer auch noch zu den Shows gegangen. Da war es gut, dass alles gleichzeitig stattfand. Aber heute sind auf den Schauen ganz andere Leute vertreten als auf den Messen. Jetzt sehe ich eher die Chance darin, endlich einen besseren Termin zu bekommen und nicht mit den internationalen Schauen konkurrieren zu müssen. Wir haben als Designer schon immer kritisiert, dass wir zur gleichen Zeit wie die Pariser Couture laufen. Das ist doch klar, dass die internationalen Leute dann eher dort hingehen. New-York-Times-Kritikerin Suzy Menkes war damals in Berlin begeistert, hat aber auch gesagt, dass wir diesen Termin ändern müssen, da sonst nie alle kommen könnten. Und genau das geht jetzt.

Sorgt Corona vielleicht für die langersehnten Änderungen in der Modebranche?

Wir haben jetzt die Chance, alles zu entschleunigen. Als ich noch im Wholesale-Geschäft war, wurden im Dezember die Sommerkleider ausgeliefert. Warum liefert man eine Sommerkollektion nicht Mitte April, sondern im Dezember, wenn die Leute gerade anfangen, Mäntel zu kaufen? Man muss keine zwölf Kollektionen im Jahr machen.

Was sind Ihre Träume für die Zukunft? Auf was können wir uns freuen und auf was freuen Sie sich?

Ich möchte gerne wieder mehr in die Sport- und Tennis-Design Richtung gehen. Ich habe schon einmal eine Tennis-Kollektion gemacht.

Tennis ist eine feste Konstante in Ihrem Leben.

Auf jeden Fall. Ich spiele Tennis seitdem ich fünf bin und das ist auch das, was mir neben dem Beruflichen am meisten während der Pandemie fehlt. Man konnte monatelang nicht mehr richtig Tennis spielen, Turniere haben nicht stattgefunden. Dass auf einmal beides weggefallen ist, Mode und Tennis, das war schon schwer.

Es wird nach Ihrer Show keine Aftershowparty geben. Was werden Sie stattdessen machen?

Es ist alles komplett anders und ich bin auch ein bisschen traurig darüber. Die Show ist ein Jubiläum und zugleich die allererste Show, bei der meine Mutter anwesend sein wird. Deshalb versuche ich jetzt gar nicht viel darüber nachzudenken, was nach der Show sein wird. Man kann sich ja nicht mit dem Team irgendwo hinsetzen, etwas essen gehen und den Tag ausklingen lassen. Ich muss nach meiner Jubiläumsshow alleine nach Hause. Das wird wahrscheinlich das Komischste werden. Klar hätte ich gerne eine Aftershow-Party gehabt und das Jubiläum groß gefeiert, aber das hole ich dann in der nächsten oder der übernächsten Saison einfach nach, wenn es wieder möglich ist. Ich bin einfach nur froh, dass die Show überhaupt stattfindet.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot