Kunstpfarrer Mennekes wird 80

Im Auge des Bildersturms

Von Patrick Bahners
06.03.2020
, 10:15
Pater Friedhelm Mennekes fand erst als Spätberufener zur Kunst.
Friedhelm Mennekes fand erst als Spätberufener zur Kunst. Er hat das Zeug zum Schutzpatron der Kuratoren. Nun feiert der Wandler zwischen Kunst und Religion seinen 80. Geburtstag.
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In der Kunst-Station Sankt Peter, der seit 1987 für Kunstausstellungen genutzten Pfarrkirche der Jesuiten in Köln, ist derzeit keine Kunst zu sehen. Denn es ist Fastenzeit, und in St. Peter wird der Brauch der „großen Verhüllung“ praktiziert. Alle Bildwerke, die Altarbilder und Kruzifixe, aber auch die Fenster, werden mit grauen Tüchern verdeckt. Pater Friedhelm Mennekes, der Gründer der Kunst-Station, hat diese Übung des Bildentzugs mit der ihm eigenen Radikalität auf den paradoxen Begriff eines zeitweiligen oder wiederkehrenden Ikonoklasmus gebracht. Der Bildschmuck der Kirche wird (scheinbar) zerstört, damit er nicht ablenkt von der Vorbereitung auf die Feier des Todes Christi.

Die Ausstellung, mit der Pater Mennekes in 21 Jahren als Kölner Kunstpfarrer den größten Anstoß erregte, konnte 1994 gerettet werden, indem sie nachträglich ins Ritual der Verhüllung einbezogen wurde. In die Apsis hängte Mennekes die Marmorskulptur „Gekreuzigter (Torso)“ von Alfred Hrdlicka. Hinter dem Altar zog die Figur wie von selbst alle Blicke auf sich, und verstärkt wurde der Effekt noch dadurch, dass ja alle anderen Gekreuzigten in der Kirche, einschließlich des Patrons auf dem berühmten Gemälde mit dem Martyrium des Apostelfürsten von Peter Paul Rubens, eingehüllt waren. Dass Hrdlicka das Geschlechtsteil des geschundenen Männerkörpers nicht weggelassen hatte, wurde dem bekennenden Marxisten als Missionsaufruf für die Homosexualität ausgelegt. In Abstimmung mit Kardinal Meisner wurde Hrdlickas Werk nicht entfernt, sondern ebenfalls bedeckt – und war unter dem Leichentuch, wie Guido Schlimbach in seiner Dissertation über die Kunst-Station herausarbeitet, erst recht als Christusfigur zu identifizieren.

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Quadrate als moderne Ikonen

Friedhelm Mennekes fand erst als Spätberufener zur Kunst, als Pfarrer im Frankfurter Stadtteil Nied, der so stark von der Arbeiterschaft geprägt ist wie seine Vaterstadt Bottrop. Eine Ausstellung in Nied widmete er dem berühmten Maler aus Bottrop, Josef Albers, der seine Quadrate als moderne Ikonen verstanden hatte.

Leistete Mennekes der Bilderverehrung Vorschub, indem er in St.Peter nur autonome Kunst zeigen wollte? Der Kult des Künstlers hat am Ort Tradition: St. Peter ist die Taufkirche von Rubens. Die von den Franzosen geraubte „Kreuzigung Petri“ wurde von den Kölnern 1815 in einer Prozession in die Kirche heimgeführt, und als Mennekes das Gemälde 1988 aus der Vergitterung befreite, wurde es in einer Prozession von Künstlern an seinen neuen Platz gebracht.

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Seit Pater Mennekes 2008 das Amt des Pfarrers niederlegte, hat man ihn nur vier oder fünf Mal in St. Peter gesehen. Er hat das Zeug zum Schutzpatron der Kuratoren, der Pilger im Dienst der Kunst, deren Werke die Erinnerungen sind, die sie hinterlassen. Dieser Wanderer zwischen Religion und Kunst feiert am Freitag seinen 80. Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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