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Tasche in Aldi-Design

Viel Lärm um eine Luxustüte

Von Maria Wiesner
Aktualisiert am 19.01.2020
 - 18:16
Jetzt auch noch Designer: Schauspieler und DJ Lars Eidinger
Lars Eidinger hat eine teure Tasche entworfen, die aussieht wie eine Aldi-Tüte. Warum das nur der letzte Auswuchs eines gar nicht so neuen Modetrends ist.

Twitter hat ein kurzes Gedächtnis und ein großes Bedürfnis danach, sich über irgendetwas aufzuregen. Nur so ist die Empörung zu erklären, die sich dort derzeit unter dem Hashtag #Eidinger ausbreitet. Für alle, die an diesem Wochenende etwas vernünftiges mit ihrem Leben angestellt haben, aber Montagmorgen trotzdem in der Kaffeeküche mitreden wollen: Der Schauspieler und DJ Lars Eidinger hat eine Tasche entworfen, die einer Aldi-Tüte ähnelt.

Sie trägt die typischen Streifen des Günter-Fruhtrunk-Designs, ist aus Leder und kostet 550 Euro. Für die Werbekampagne dazu hat Eidinger sich vom Fotografen Benjakon aufnehmen lassen, mal auf einem Kaugummi-Automaten stehend, mal die Leder-Luxus-Tüte über den Kopf gestülpt in einem Einkaufswagen sitzend, mal vor dem Schlafplatz eines Obdachlosen.

Besonders dieses Bild erhitzt nun die Gemüter. Man wirft Eidinger Zynismus und Geschmacklosigkeit vor und fragt sich, ob das noch Kunst sei. Letzteres lässt sich schnell beantworten: Nein, ist es nicht. Es ist nur die letzte Spitze eines Modetrends, der schon seit Jahren von den Laufstegen in die Großstädte gespült wird. Man erinnere sich nur an die McDonald‘s-Kollektion von Moschino (2014), den überdimensionalen blauen Ledershopper von Balenciaga für mehr als 2000 Dollar (2017), dessen Design eine Hommage an Ikeas blaue Plastiktüten nahe legte oder das DHL-Shirt von Vetements (2017), das man für rund 350 Euro kaufen konnte und das dem Paketbotenoriginal bis auf minimale Abweichungen glich.

Wer zur exzentrischen Avantgarde gehören wollte, trug in den späten 2010er Jahren also plötzlich teure Streetwear, die sich prekäre Symbole aufprägte. Stars wie Katy Perry, Rihanna oder Kanye West waren Fans. Besonders die Entwürfe des Vetements-Kollektivs um den georgischen Designer Demna Gvasalia stellten eine lässige Gleichgültigkeit gegenüber Regeln und Konventionen aus. Alltägliches wurde dekonstruiert und neu zusammengesetzt; man liebte die Provokation durch Kleider, die sich am Rande der Hässlichkeit und manchmal sogar der Legalität bewegten. Egal ob das ein simples schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Haute Couture“ war, glänzende Daunen-Jacken, die Models zu Michelinmännchen machten oder Capes mit der Aufschrift „Polizei“, deren Tragen in Deutschland für Ärger mit der echten Polizei sorgte.

Natürlich kann man das alles auf den Geist von Martin Margielas Mode-Dekonstruktionen zurückführen, der Nähte nach außen drehte und Kanten offen ließen. Mit viel gutem Willen kann man diesen Trend sogar mit Marcel Duchamps Ready-Mades vergleichen (dessen Humor für zufällige Alltagsgegenstände er teilt) oder in der Idee, billigste Vorlagen in teuren Trash zu verwandeln, die ultimative Konsumkritik sehen. Am Ende ist es vor allem eins: nichts neues. Und so bleibt Lars Eidingers provokantes Foto mit Luxus-Aldi-Tasche vor Obdachlosenschlafplätzen vor allem ein gutgetimter PR-Stunt für eine Ledertasche, die sicherheitshalber in limitierter Auflage herausgebracht wurde. Denn wer sich ganz ironisch eine Luxus-Aldi-Tüte kauft, will vor allem nicht, dass am Ende noch jeder damit herumläuft.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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