GNTM-Kolumne

Finaaaaale, oho!

Von Marie von den Benken
20.05.2022
, 08:19
Mutter und Tochter: Leni Klum ist in dieser Woche Gastjurorin bei Germany’s next Topmodel.
Die 16. Folge von Germany’s Next Topmodel ist eine rührselige Familienzusammenführung. Außerdem wird es nochmal brandheiß: Wer kann auch mit Feuer unterm Hintern laufen und wird ins Finale einziehen?
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Sechszehn Wochen Tränen, Drama, Zickenkrieg, Enttäuschungen und Wut liegen hinter uns. Und neben den Reaktionen auf diese Kolumne gab es ja auch noch die Models bei GNTM. Hoffnungsfroh in Griechenland gestartet, gelang zumindest Anita, Lieselotte, Noëlla, Luca, Lou-Anne und Martina der Durchmarsch bis ins Halbfinale. Ein Drittel der Semifinal-Teilnehmerinnen sind Best Ager, ein Drittel ist blutsverwandt, eine Kandidatin nur 1,65 Meter groß. Vor lauter Diversity fühlt sich das Klischee des großen, dürren, blonden Lena-Gercke-Klons, das dieses Format maßgeblich geprägt hat, bereits wie ein alter, weißer Mann.

Als das Eintracht Frankfurt der 2022er Staffel GNTM darf sich vor allem die 66-jährige Lieselotte fühlen. Angetrieben von Heidi Klum (dem Oliver Glasner der Modelbranche) hat sie eine Transformation durchlebt, gegen die Fynn Kliemanns Verwandlung vom Vorzeige-Gutmenschen zum Kim Jong-un der Social Media Bubble wirkt, wie zwei Songs von Modern Talking: Mit bloßem Gehör nicht auseinander zu halten.

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Motivation aus der Heimat

Hatte Lieselotte in der ersten Hälfte der Topmodel-Saison noch bei jedem Catwalk-Auftritt den oft etwas verstörenden Eindruck hinterlassen, sie würde GNTM mit einem Ausbildungsprogramm für pantomimische Improvisation verwechseln, kassierte sie in den vergangenen Wochen von Heidi Klum stets größere Lobhudeleien als Richard David Precht von Markus Lanz. Zur Belohnung gibt es heute eine Videobotschaft ihres Sohns Patrick. Mithalbfinalistin Martina attestiert staunend, der wäre „so süß wie Thomas Hayo“. Wie sie darauf kommt, bleibt ihr Geheimnis. Patrick trägt kein Schwarz und spricht statt Denglish eher Berlinerisch. Aber gut, so wie Martina mit ihrer Tochter Lou-Anne mitunter umgeht, könnte man vermuten, sie hätte sich schon immer mal einen Sohn gewünscht.

Kandidatin Luca in der Maske
Kandidatin Luca in der Maske Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Aber auch die anderen Kandidatinnen dürfen sich über motivatorische Worte aus der Heimat freuen. Anita etwa geht der Clip ihrer besten Freundin auch strategisch ans Herz: „Ich habe mich über ihr Gesicht gefreut“. Verständlich. Gerade als Model kann es nie schaden, ein Ersatzgesicht parat zu haben. Der Freund von Luca hingegen hat vor lauter Aufregung Wortfindungsstörungen und nennt eine Pole-Stange versehentlich Strip-Stange. Warum er mit seiner Freundin, die er seit 16 Wochen nicht gesehen hat, in der Öffentlichkeit als erstes über erotische Stimulationstänze mit Entkleidungshintergrund sprechen möchte, bleibt unklar.

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Das Shooting am Folgetag beginnt ebenfalls erkenntnisreich: Lieselotte spricht zwar kein Englisch, aber dafür auch kein Kleidisch. Beim traditionellen Outfitcheck vor dem Styling erklärt sie jedenfalls: „Also ich kann das Kleid nicht verstehen“. Da hilft auch Google-Translate nicht. Selbst die Hoffnung, Mario Barth könne eventuell den Gastjuror geben und mit seinem neuen Buch „Kleid – Frau; Frau – Kleid“ helfen, zerschlägt sich schnell. Barth verfügt nämlich beim Thema Modeln über noch weniger Expertise als beim Thema Comedy.

Kandidatin Luca beim Shooting in der Schwebe
Kandidatin Luca beim Shooting in der Schwebe Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Statt Barth hat Heidi Klum daher jemanden dabei, der „Kennta Kennta“ nur als Imperativ beim Kanufahren kennt. Germany´s Next Toptochter Leni Klum. Abgerundet wird die rührselige Familienzusammenführung von Fotograf Kristian Schuller, den Heidi Klum während der letzten 17 Jahre letztendlich öfter gesehen hat als den leiblichen Vater von Leni. Im Synapsen-Kollaps dieser Überdosis Anverwandtschaft zittert man einige unruhige Minuten lang, es könne jeden Moment spontan Tom Kaulitz ins Bild springen und die neue Tokio Hotel Single „Ich habe heute leider kein Foto für Dich“ performen.

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Ein Stuhl, der Deinen Namen trägt

Entdramatisiert von der behaglichen Aura des „Bring your Family to Work”-Days verläuft das Halbfinale ungewöhnlich harmonisch. Leni Klum liebt die Kulisse, Lieselotte, Kristian Schuller, Anita und vor allem die künstlichen Nägel ihrer Mutter. Der vorläufige Entzückungs-Höhepunkt ist erreicht, als Leni fassungslos vor Euphorie kreischt: „Da ist ein Stuhl mit meinem Namen drauf!“ So viel Begeisterung für etwas, auf dem „Leni“ steht, gab es nicht mehr, seit Flavio Briatore 2009 Seals Adoptionsantrag in der Post hatte.

Leni und Heidi Klum
Leni und Heidi Klum Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Kaum hat Leni Klum ihren ersten Arbeitstag überstanden, ist es auch schon wieder vorbei mit liebreizender Friedfertigkeit. Soeben zurück in der Model-Villa, zeigen sich Lou-Anne und Mutter Martina weniger einträchtig. Martina erläutert, ihre Tochter hätte auch schon früher ganz ohne Klum-Katalysator Modelkarriere machen können. Lou-Anne hat etwa so viel Bock auf Diskussionen über theoretische Optionen der Vergangenheit, wie Robert Lewandowski auf ein weiteres Jahr FC Bayern. Im Deeskalationsmodus rennt sie empört aus dem Zimmer. Martina bleibt perplex auf der Couch und wundert sich: „Jetzt stehe ich da wie der Ochs vorm Tor“.

Die Models haben Feuer unterm Arsch

Zeit für einen abendfüllenden Rosenkrieg bleibt nicht, denn schon am nächsten Tag steht bereits der letzte Elimination-Walk auf dem Programm. Feuerwehrfrau Leni erklärt dem staunenden Model-Sextett, ihren letzten Runway-Auftritt der Präfinalphase absolvierten sie heute im brennenden Unterrock. Viele männliche Fans hatten sich gewünscht, es solle ein bisschen feuriger zugehen. Ein Konstrukt aus Wunderkerzen, die mit einem Bunsenbrenner entflammt werden und dann um den Hüftbereich abfackeln, war damit aber wohl nicht gemeint.

Kandidatin Lou-Anne lässt auf dem Laufsteg die Funken sprühen.
Kandidatin Lou-Anne lässt auf dem Laufsteg die Funken sprühen. Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Erschwerend kommt für die Final-Aspirantinnen hinzu, dass ausgerechnet Leni Klum ihnen die kommenden Aufgaben erklärt. Ihrer vor Stolz platzenden Mutter (ja, Martina, da bitte mal eine Scheibe von abschneiden!) berichtet sie hernach aufrichtig freudig erregt: „Ich habe mit die gesprochen auf die Kleidern, weil die hatten nicht gewisst, dass Feuer ist auf die Klamotten“. Lenis Muttersprache ist Englisch – und Deutsch hat sie augenscheinlich da gelernt, wo Thomas Hayo Denglish-Kurse gibt.

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Klar, Rock und Feuer gehören irgendwie zusammen. Normalerweise allerdings in Form von E-Gitarren und Pyrotechnik und weniger in Form von Kleidungsstücken und Tischfeuerwerk. Dafür ist aber für absolute Chancengleichheit bei der letzten Entscheidung vor dem Finale gesorgt: Alle Models sind vollkommen abgebrannt, wenn sie vor Heidi und Leni ankommen. Keine guten News für ihre Vermögensberater, hinsichtlich des Spannungsbogens aber durchaus quotenfreundlich und feuerwehrschonend.

Keine Jobs, kein Finale

Die Outfits fühlen sich im Prinzip an wie die Tabelle der Fußball-Bundesliga: Oben ziemlich sexy, aber unten brennt es lichterloh. Plus: irgendwer muss absteigen. Entsprechend fragil ist die Stimmung bei den Kandidatinnen. Zwar haben alle ihren Walk abschließen können, ohne einen Großeinsatz des Los Angeles Fire Departments auszulösen. Dennoch ist sich kein Model absolut sicher, ob sie bei Leni und Heidi statt dessen ein Feuer der Leidenschaft entfachen konnte. Die Moderationsgruppe Klum weiß: Sechs sells, weswegen sie das halbe Dutzend Halbfinalistinnen zur Verkündung einzeln antreten lassen. Ohne viel Prosa schickt Chefjurorin Heidi als erstes Martina und Luca ins Finale am kommenden Donnerstag. Und auch Lou-Anne komplettiert die Familienfestspiele um das „Harper´s Bazaar“ Cover.

Auch Kandidatin Anita muss sich im Wallekleid ablichten lassen.
Auch Kandidatin Anita muss sich im Wallekleid ablichten lassen. Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Besonders unsicher wirkt Anita. Ihr wurde attestiert, sie wäre „deutlich schneller gelaufen als die anderen“. Da Heidi Klum jedoch erfahrungsgemäß ein Topmodel und keine Sprinterin sucht, bleibt Anitas Zuversicht überschaubar. Das im Laufe der Staffel zur Ich-AG mutierte Dorfmädchen ist nebenbei auch noch verzweifelt auf Wohnungssuche, denn sie würde sogar „gerne ins Finale einziehen“. Anitas Vorteil: Heidi Klum hat eine karitative Ader und überreicht ihr feierlich den Mietvertrag für die Finalshow.

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Zum Showdown um den letzten Platz im Finale treten Noëlla und Lieselotte vor das Klum-Tribunal. Nach mehrmonatiger intensiver Recherche ist es meinem 40-köpfigen Investigativteam gelungen, eines der letzten Geheimnisse der TV-Branche aufzudecken. Ich weiß, es klingt verrückt und kommt vollkommen unerwartet, aber: Auch dieses Jahr kann nur eine Germany´s Next Topmodel werden. Diese spektakuläre Wendung im GNTM-Game bedeutet im Umkehrschluss: Statistisch betrachtet ist es möglich, dass weder Noëlla noch Lieselotte den Finaltag erleben werden.

Getreu einem weiteren Traditionsmuster im Auswahlverfahren nimmt Heidi Klum Lieselotte aus dem Rennen: Ein Model ohne Job ist kein Model. Die logische Erweiterung dieses Credos lautet: Eine Lieselotte ohne Job ist keine Finalistin. Würde jede Branche mit so klaren Regeln operieren, hätten wir es vermutlich alle leichter. Sicher ist: Kommenden Donnerstag steigt das große Finale. Und ich werde für Sie dabei sein. Bis dahin!

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Marie von den Benken ist Model, Autorin und Influencerin. Für FAZ.NET wirft sie regelmäßig einen kritischen Blick auf die aktuelle Staffel von Germany’s Next Topmodel.

Quelle: FAZ.NET
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