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Luca Guadagnino

„Ich habe in meinem Traumhaus gedreht“

Von Maria Wiesner, Crema
 - 14:35
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Crema ist Italien, wie man es sich vorstellt. In den Cafés trinken alte Männer Espresso, Fahrräder rattern über die gepflasterten Straßen in Richtung Dom, zwei Damen schlendern in schönen Schuhen an Schaufenstern vorbei, die noch mehr schöne Schuhe anbieten. In den Scheiben spiegelt sich das milde Frühlingssonnenlicht, das es nur hier gibt, südlich der Alpen. Es ist vielleicht sogar so, dass in Crema jeden Tag die Sonne scheint.

So sieht es zumindest in Luca Guadagninos Film „Call Me By Your Name“ aus. Da weht der italienische Sommerwind direkt von der Leinwand. Der Regisseur hat den Film in der lombardischen Stadt rund eine Autostunde südöstlich von Mailand gedreht. Das hatte für ihn einen großen Vorteil: Er konnte von zu Hause aus arbeiten. Luca Guadagnino wohnt in Crema im zweiten Stock eines alten Palazzo aus dem 17. Jahrhundert, den er liebevoll hat renovieren lassen.

„Ich arbeite gern von zu Hause“, sagt er. Kein Wunder, diese Räume würde man nur ungern verlassen. Guadagnino führt durch ein helles Zimmer, das von einem langen Tisch dominiert wird, an dem drei Designer an ihren Macs sitzen. Gerade arbeite er an einigen Projekten als Interieur-Designer, „mit diesem wundervollen Team junger Leute“. Design ist seine zweite Leidenschaft neben dem Filmemachen. „Es ist alles eine Frage der Zeit und wie man sie nutzt“, sagt er. „Ehe ich mich langweile, probiere ich lieber etwas Neues, das mich interessiert.“

Ein Auge für ausgefallene Details

Also auch Architektur. Sie müsse strukturiert sein, auch verspielt, und sie müsse Gefühle hervorrufen und Kontraste bieten. Das sieht man schon an seiner eigenen Wohnung. Barocke Deckenfresken, Wände in Abendhimmelblau, japanische Vogelzeichnungen, grüne Türen mit Blumenmustern, die Farbe aufgeraut und leicht verwittert. Den meisten Platz nimmt ein Sofa mit fliederfarbenem Baumwollstoff ein. Guadagnino nimmt in einem malvenfarbenen Samtsessel Platz.

Er hat ein Auge für ausgefallene Details. Das sieht man in jedem seiner Filme. In „I Am Love“ (2009) seziert er die emotionale Kälte einer reichen Mailänder Industriellenfamilie anhand ihrer teuren Wohnungen. In „A Bigger Splash“ (2015) eskaliert Leidenschaft zum Mord in einer Jetset-Villa auf der Insel Pantelleria. Und in „Call Me By Your Name“ (2017) entdeckt ein Junge Sexualität und erste Liebe in der elterlichen Villa in der Lombardei.

Trilogie über Liebe und Verlangen

Der Stil ist in seinen Filmen ein erzählerisches Mittel. Die drei Filme könnten eine Trilogie über Liebe und Verlangen bilden. Wie kaum einem anderen Regisseur gelingt es ihm, pure Sinnlichkeit zu transportieren. Die Stoffe sind von greifbarer Intensität, die Natur atmet von der Leinwand. „Call Me By Your Name“ erinnert an die erste große Liebe, nimmt die Zuschauer in einen italienischen Sommer mit, zwischen grünen Wiesen und kühlen Villenzimmern. Das gleichnamige Buch von André Aciman, das als Vorlage diente, spielt auf Sizilien. Auf der Suche nach einem geeigneten Drehort hatte Guadagnino erst mit Ligurien geliebäugelt, sich aber dann für zu Hause entschieden.

„Der Film spielt ja in den achtziger Jahren. Ich wollte also dieses Italien im Hintergrund, das es eigentlich nicht mehr gibt. Das Haus, in dem wir gedreht haben, ist im wahrsten Sinne des Wortes mein Traumhaus. Nun, so viel Privates will man ja eigentlich gar nicht erzählen, aber das will ich Ihren Lesern nun doch verraten: Mein Lebenstraum ist es, einen Garten zu besitzen. Dann habe ich dieses Haus gesehen, weil es mir ein Bekannter zum Kauf vorschlug. Ich hatte dafür jedoch nicht genug Geld. Das Haus aber verfolgte mich, ich habe davon geträumt. Und dann habe ich festgestellt, dass es eben doch kein Traumhaus ist: Da ging eine laute Straße vorbei, die Gegend drumherum ist etwas schmutzig. Also dachte ich, dass es wohl das beste sei, den Traum zu sublimieren, indem ich aus diesem Traumhaus mit dem Traumgarten den Ort machte, an dem diese Familie im Film leben könnte. So habe ich es immerhin ein Stück besitzen können.“

„Call Me By Your Name“ hatte im vergangenen Jahr während der Berlinale seine Europapremiere. Der Film erzählt die Coming-of-Age-Geschichte des jungen Elio (Timothée Chalamet), der den Sommer in der Villa seiner Eltern verbringt. Sein Vater ist Archäologieprofessor und lädt für einige Monate den jungen Amerikaner Oliver (Armie Hammer) als seinen Assistenten ins Haus ein. Elio soll Oliver die Gegend zeigen und entwickelt schon bald Gefühle für den schönen jungen Mann von der amerikanischen Ostküste. Das Premierenpublikum war bewegt von der intensiven Liebesgeschichte. Die Szene am Ende, wenn Elios Vater sich zur Homosexualität seines Sohns äußert, ist emotional so mitreißend, dass ein alter italienischer Filmkritiker während des Abspanns eine Packung Taschentücher brauchte, um seine Tränen zu trocknen.

„Wenn man einen Film macht, braucht man Bewusstsein und Engagement für ein Thema und eine Idee davon, was man eigentlich sagen will. Und gleichzeitig muss man die Dinge so machen, dass sie sogar einen selbst überraschen. Ich glaube nicht daran, dass man sich vorher im Labor einen emotionalen Film ausdenkt. Mir war bewusst, was auf dem Spiel stand. Ich wollte sicher sein, dass alle Elemente in dem Film perfekt stimmen, alle Schauspieler ihr Bestes geben. Dann kann das funktionieren. Wenn man mit Absicht versucht, Emotionen hervorzurufen, dann wird das zynisch oder falsch. Man muss sich überraschen lassen. Mit all denen, die an dem Film mitgearbeitet haben, kann man es schaffen, dass er emotional wird. Dann klickt etwas beim Publikum.“

Wie meistens bei Filmen auf Festivals sollte noch gut ein Jahr vergehen, bevor er in den deutschen Kinos gezeigt wurde. Auf Filmfestivals in Australien, Kanada, Spanien und Amerika lief er erfolgreich. Es entstand, und das ist heute selten, ein Hype, noch bevor die PR-Maschinerie zur Vermarktung ansetzte. Einen besonderen Coup landete Guadagnino mit der Besetzung Armie Hammers, der mit seiner Doppelrolle als beide Winklevoss-Zwillinge in „The Social Network“ bekannt wurde und den jungen amerikanischen Uni-Assistenten spielt, in den sich der siebzehnjährige Elio verliebt. So sensibel hat man den hypermaskulinen Armie Hammer noch nicht gesehen.

„Ich hatte 'The Social Network' gesehen, in dem Armie diese beeindruckende Doppelrolle spielt und so herrlich nach Ivy-League aussieht. Vor einigen Jahren habe ich ihn getroffen, und er war sehr nett. Als ich dann das Drehbuch für 'Call Me By Your Name' hatte, schickte ich es ihm. Erst wollte er mir absagen, aber als wir dann miteinander telefonierten, sagte ich irgendetwas, das ihn überzeugt hat. Keine Ahnung, was. Aber er sagte am Ende zu. Er versteckt seine tiefe Melancholie gut, aber ich habe versucht, sie herauszukitzeln. Ich will den echten Menschen haben. Das erfordert viel Vertrauen, und man muss die Schauspieler antreiben, aber das hat dann geklappt. Der Dreh an sich ist für mich eine furchtbare Zeit, Regie führen ist für mich nicht der Inhalt meines Lebens. Drehbuch schreiben, die Szenen am Ende schneiden, das mag ich viel mehr. Daher ist für mich das Casting so wichtig, da geht es um Menschen, die man liebt, die eine Faszination ausstrahlen. Es geht dabei nicht um sexuelle Grenzüberschreitung, sondern von der Leidenschaft für die Personen, mit denen man arbeitet. Damit kommt auch die Leichtigkeit auf die Leinwand. Das lernt man aber erst mit der Zeit. Wenn Sie sich den Kanon der westlichen Filme ansehen, dann fällt doch auf, dass viele Regisseure immer wieder mit den gleichen Schauspielern gearbeitet haben. Wie sonst will man sich erklären, welche Magie zwischen Fellini und Mastroianni herrschte, wenn nicht mit gegenseitiger Leidenschaft.“

Muse Tilda Swinton

Seine eigene Muse hat er vor Jahren in Tilda Swinton gefunden. Mit ihr drehte er drei Filme. Für „A Bigger Splash“ änderte er auf ihren Wunsch sogar das Drehbuch. Sie erzählte die Geschichte in Venedig einmal so: „Luca kam mit dem Drehbuch, aber ich hatte eigentlich überhaupt keine Lust, in dem Jahr einen Film zu machen, ich wollte einfach nicht sprechen. Also sagte er: Gut, dann sprichst du eben nicht.“ Im Film hat ihre Figur, eine Rocksängerin, gerade eine Stimmband-Operation hinter sich und gibt mehr als zwei Stunden lang fast keinen Laut von sich. Ob die Beziehung zu Swinton diese Magie habe, von der er sprach? Da wird er fast schon verlegen, findet es anmaßend, so etwas zu behaupten, da müsse man Tilda schon selbst fragen. Sie bezeichnete seine Filme einmal so: „Aufpoliert und geschliffen sind die letzten Begriffe, mit denen ich seine Arbeit beschreiben würde, und das meine ich als großes Kompliment. Da ist nichts geglättet, verborgen oder unterdrückt. Vielmehr gibt es eine sensible Ursprünglichkeit und Impulsivität, etwas Heidnisches und zutiefst Wildes.“

Drehbuch, Regie, Besetzung und Schnitt bestimmt er selbst. Man könnte Guadagnino als Autorenfilmer der alten Schule im Sinne François Truffauts sehen. Er selbst bezeichnet sich lieber als Kontrollfreak. Darüber hinaus ist er ein Vertreter des politischen Kinos. In seinen Filmen bricht immer wieder aktuelle Politik in die sinnliche Ästhetik. Im Thriller „A Bigger Splash“ ist es die Flüchtlingskrise, die in die glänzende Welt der reichen Protagonisten eindringt, in „Call Me By Your Name“ beginnt gerade die Ära der Sozialisten unter dem Ministerpräsidenten Bettino Craxi, der später der Korruption überführt wurde. Guadagnino recherchiert für seine Filme genau und versteckt Hinweise in kleinsten Details. Als Elios Eltern fernsehen, sieht man für einen Moment Beppe Grillo, der die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien anführt und sich zu Beginn der achtziger Jahre tatsächlich noch als Satiriker im italienischen Fernsehen über die Sozialisten lustig machte.

„Eine politische Einstellung ist beim Filmemachen Voraussetzung. Alles ist politisch. Selbst die größten romantischen Komödien der neunziger Jahre sind politisch. Aktualität ist nicht der politische Aspekt meiner Arbeit. Es geht mehr darum, eine Geschichte in einer bestimmten Umgebung zu erzählen. Wenn man also einen Film dreht, der im Sommer auf der Mittelmeerinsel Pantelleria spielt, dann muss einem bewusst sein, dass an den Ufern der Insel Boote mit Flüchtlingen ankommen. Wenn man einen Film dreht, der im Juni 1983 in einer Intellektuellen-Familie spielt, dann müssen die politischen Ereignisse hineinspielen. Ich will das alles organisch gestalten, wie das Hintergrundgeschehen die Protagonisten beeinflusst. Politisch ist für mich, was das Publikum am Ende aus meinem Film mitnimmt. Politisch an 'Call Me By Your Name' ist die Unvoreingenommenheit dem Fremden gegenüber und die Fähigkeit, dieses Fremde ohne Rückhalt zu lieben. Keiner wendet moralische Codes an, die von Religion oder Herkunft beeinflusst sind. Alle hören darauf, wer man ist und was man fühlt. Ich glaube auch daran, dass man Verlangen nicht wegsperren kann. In diesem Film geht es nicht vordergründig um Homosexualität, sondern darum, ehrlich damit umzugehen, was man begehrt. Elio, Oliver und ihre Freundin Marzia sind alle ehrlich in ihrem Verlangen. Und sie sind damit ihrer Zeit und Italien im Allgemeinen weit voraus. Natürlich ist es schlimm, noch immer kein Gesetz für die gleichgeschlechtliche Ehe zu haben. Aber das mit dem fehlenden Folterverbot finde ich noch gravierender, nur so konnten Dinge wie 2001 in Genua während der G8-Proteste überhaupt geschehen, als in einer Kaserne der Staatspolizei festgenommene Demonstranten gefoltert worden sein sollen. Ich bin zu verwirrt und verbittert über das, was in Genua passiert ist, um mich vollkommen auf die Gleichberechtigung und gleiche Eherechte konzentrieren zu können. Leute, die damals unter Silvio Berlusconi in der Regierung waren, sind immer noch da. Wir sollten uns deshalb nicht auf unsere kleinen privaten Triumphe zurückziehen, wenn es noch immer solch eine öffentliche Wunde gibt. Würde der Film 2001 spielen, hätte Elio sicherlich an den Demonstrationen teilgenommen.“

Guadagnino redet ruhig und nimmt sich Zeit, seine Gedanken zu formulieren. Beim Politischen aber ist er aufgebracht und rutscht auf dem Sessel hin und her. Mit Fremdheit musste er sich immer wieder auseinandersetzen. In Palermo geboren, wuchs Guadagnino in Äthiopien auf, wo er seine Liebe zum Kino entdeckte. Er war drei Jahre alt, als er auf dem Schoß seiner Mutter „Jason und die Argonauten“ sah. Die Stop-Motion-Effekte hinterließen bleibenden Eindruck.

Der zweite Film, den er sah, war „Lawrence von Arabien“. Auch der blieb im Gedächtnis, die „Größe des Imaginären“ habe ihn fast erschlagen. Das Medium faszinierte ihn. Mit neun Jahren bekam er eine Super-Acht-Kamera geschenkt und begann mit eigenen Aufnahmen. Die Familie zog zurück nach Sizilien. Kurz nach dem Schulabschluss überlegte er, auf eine Filmhochschule zu gehen.

„Der französische Regisseur Jean-Marie Straub drehte damals gerade 'Der Tod des Empedokles' auf Sizilien. Meine Kunstlehrerin stellte uns vor, ich war 19, und sie fragte Straub: ,Sag, sollte Luca zur Filmschule gehen?' Er sagte: ,Großer Gott, nein!' Das hat einen solchen Eindruck hinterlassen, dass ich es nie getan habe. Alles, was ich kann, habe ich mir selbst beigebracht. Fassbinder hat mal gesagt, dass seine Universität ein Betamax-Rekorder und VHS-Kassetten waren. Das ist bei mir ähnlich. Ich habe viele Bücher über Kino und viele Interviews mit Regisseuren gelesen und viele Filme gesehen. So habe ich überhaupt keine Hierarchien entwickelt. Das hat mich an der Universität schockiert, als ich doch einen Kursus in Filmgeschichte belegt habe. Da gab es einen Kanon und Listen. Ich hatte die Filme schon alle gesehen, aber die Rangfolge hatte für mich keinen Sinn. Da faszinierte mich Fassbinder mehr, der unkonventionell und ohne große Studios arbeitete. So kann Kunst noch roh sein.“

Während er all das erzählt, ist man immer wieder abgelenkt. Nicht nur der Sessel ist malvenfarben. Die Wände dahinter schaffen einen Kontrast in dunklem Lila, ein Heizkörper nimmt die Farbe noch eine Nuance dunkler auf und verwandelt sie in Dunkelblau. Als wäre das nicht genug des Farbspiels, sitzt Luca Guadagnino in diesen Kontrasten in einer abendhimmelblauen Hose, mit mauvefarbenen Socken, bordeauxroten Matrosenschuhen und einem gleichfarbigen Pullover. Darauf aufmerksam gemacht, schaut er erstaunt an sich hinunter und betrachtet Sessel und Wand: „Das hab ich wirklich nicht mit Absicht gemacht!“ Man kann sich vorstellen, wie sich der Stil so leichtfüßig in seine Filme schleicht.

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Kinotrailer
„Call Me By your Name“

„Call me by your name“ läuft seit Anfang März auch in Deutschland im Kino.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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