Marcio Kogan für Minotti

Ein Sessel mit einer langen Geschichte

Von Peter-Philipp Schmitt
27.10.2020
, 06:26
Es hätte auch anders kommen können: Der brasilianische Architekt Marcio Kogan entwirft heute Gebäude und widmet sich zudem der Inneneinrichtung. Der Schalensessel Daiki ist schon seine zweite Arbeit für die italienische Marke Minotti.

Danach gefragt, was es braucht, um ein Marcio Kogan zu werden, antwortete der brasilianische Architekt in einem Interview mit der italienischen Zeitschrift „klat“: „Das Rezept ist ganz einfach: Finde einen Vater namens Aron und eine Mutter namens Judith.“ Ganz so einfach war es dann doch nicht, zum erfolgreichen Architekten wurde Kogan über einige Umwege. Dabei war schon sein Vater ein aufstrebender Architekt, der in São Paulo, wo Marcio Kogan 1952 geboren wurde, ein bis heute alles in der Stadt überragendes Gebäude mitentwarf: den 170 Meter hohen Wolkenkratzer Mirante do Vale.

Der Bau von Waldomiro Zarzur und Aron Kogan, den die Paulistas spöttisch Palácio Zarzur Kogan nennen, ist zweckmäßig und wenig ansehnlich. Das brachten die fünfziger Jahre und ihr Internationaler Stil so mit sich. Tragischerweise wurde Aron Kogan kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes 1961 mit gerade einmal 37 Jahren ermordet.

Sein erster Spielfilm war ein Flopp

Marcio Kogan war damals neun Jahre alt. Und er war und blieb auch danach ein schlechter Schüler. Das änderte sich erst, als er mit 16 Jahren durch Zufall in einem Kino landete. Er sei wie so oft ziellos durch die Straßen São Paulos gelaufen, als es heftig anfing zu regnen. „Ich suchte Schutz in einem Kino, wo ich einen Film sah, der mein Leben veränderte: Ingmar Bergmans ,Das Schweigen'“, erzählte Kogan in dem „klat“-Interview im Jahr 2016. Er habe sich Johan, einem zehnjährigen Jungen, in dem Film nahe gefühlt, trotz Johans Qualen und seiner Einsamkeit, die sich in dem Schwarz-Weiß-Film besonders eindrücklich zeigten. „Ich verstand aber in dem Moment, wie wichtig Kunst für unser Leben ist.“

Und so wandte er sich Film und Architektur gleichermaßen zu. Mit einem Freund, Isay Weinfeld, drehte er in den siebziger Jahren eine Reihe von Kurzfilmen und schließlich sogar 1988 einen Spielfilm mit in Brasilien sehr bekannten Sängern und Schauspielern wie Mira Haar und Carlos Moreno, Rita Lee und Fernanda Montenegro. Doch „Fogo e Paixão“ („Feuer und Leidenschaft“) floppte, der studierte Architekt verlor nicht nur viel Geld, sondern auch sein Architekturbüro, das er gerade erst gegründet hatte. „Ich musste von vorne anfangen und entschied mich, fortan nur noch Architektur zu machen.“

Inzwischen ist Marcio Kogan einer der wichtigsten Architekten Brasiliens mit Aufträgen aus aller Welt. Er experimentiert viel, folgt aber in vielem dem großen Oscar Niemeyer, der als Meister des brasilianischen Modernismus gilt. Und noch ein Vorbild zitiert er gerne: die in Italien geborene Architektin Lina Bo Bardi. Sie hat zahllose Spuren in ihrer Wahlheimat São Paulo hinterlassen, etwa das „schwebende Museum“ Museu de Arte und das Kultur- und Sportzentrum Fábrica da Pompéia. Wie so viele Architekten hat Lina Bo Bardi darüber hinaus immer wieder Inneneinrichtungen und einzelne Möbel entworfen, zum Beispiel den Schalensessel Bowl (Arper).

Auch Kogan ist nicht ausschließlich bei der Architektur geblieben. Mit seinem Studio MK27 hat er nun ebenfalls einen bequemen Sessel entwickelt. Daiki ist schon seine zweite Arbeit für die italienische Marke Minotti. Von ihm stammt bereits das Sofa Quadrado aus dem Jahr 2018. Das modulare System, das Teil der Outdoor-Kollektion von Minotti ist, wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem German Design Award 2019.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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