GNTM-Kolumne

I’m a Denglishman in New York

Von Marie von den Benken
06.05.2022
, 08:01
Bekanntes Gesicht: Thomas Hayo wieder an Heidi Klums Seite
Thomas Hayo kehrt zu „Germany’s Next Topmodel“ zurück und schickt die Kandidatinnen ins Trainingslager. Ob die 14. Folge der Modelcastingshow großes Tennis war, berichtet unsere Kolumnistin.
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Woche vierzehn bei Germany´s Next Topmodel – und Plusquamperfekt-Göttin Heidi Klum hatte endlich meine Gebete erhört gehabt: Thomas Hayo ist zurück! Die Jury-Ikone. Die Denglish-Diva. Der einzige Mann, der seit 17 Staffeln konsequent Jon Bon Jovis Frisur aus dem Jahr 1994 aufträgt. Der Man in Black der Fashion-Szene. Also, wenn die Men in Black Schlabbershirts statt Maßanzüge tragen würden und mit Anglizismen blitzdingsen. Endlich hat das GNTM-Chronistinnen-Leben wieder einen Sinn. Für echte Fans des TV-Trainingslagers für Laufsteg-Welpen und Catwalk-Azubis ist das wie Thomas Gottschalks Gesichtsausdruck zu Theresia Fischers Hochzeit im GNTM-Finale 2019 und Weihnachten zusammen.

Vor Hayos Comeback am Laufsteg gibt Klum vier der verbliebenen acht Kandidatinnen aber noch schnell einen Eiskaffee aus. Vier von Acht, oder wie der durchschnittliche „Sommerhaus der Stars“-Teilnehmer sagt: „Das müssten etwa 20 Prozent sein“. Anita, Lena, Lieselotte, Lou-Anne, Luca, Martina, Noëlla und Vivien sind noch da. Statistisch betrachtet ist es also wahrscheinlicher, dass Richard David Precht nie wieder gemeinsam mit Markus Lanz einen Podcast aufnimmt, als dass keine einzige Kandidatin ins Finale einzieht, deren Name mit „L“ beginnt.

In dieser Woche noch mit an Bord: Die Kandidatinnen Lena, Noella, Lieselotte, Lou-Anne und Martina
In dieser Woche noch mit an Bord: Die Kandidatinnen Lena, Noella, Lieselotte, Lou-Anne und Martina Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Bis es so weit ist, dürfen aber erstmal Noëlla, Anita, Lieselotte und Lou-Anne zum Eiskaffee-Casting. Die ersten Pluspunkte der Woche sammelt Anita. Sie begeistert das Eiskaffee-Team mit Einfallsreichtum: „Ihre Idee mit dem Gesicht fand ich super“. Darauf muss man auch wirklich erstmal kommen: zum Shooting sein Gesicht mitbringen. Anita, diese Casting-Füchsin.

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Drei Wünsche frei bei der Eiskaf-Fee

Lieselotte punktet dezenter und hat daher auch keine Chancen auf den Job. Zum Glück weiß sie aber, woran das lag: „Das Thema war ‚Wichtig ist, wer du bist‘ und ich bin authentisch geblieben“. Gut, ihr erster Satz beim Casting war: „Ich bin heute eine blonde Italienerin“. Authentisch sein und sich dann als Italienerin verkleiden ist ein bisschen wie Veganer zu sein und dann jeden Morgen einen Smoothie aus Schweinenacken zu frühstücken. Entsprechend verständnislos reagiert das Emmi-Team. Vielleicht war der Leistungsabfall aber auch Absicht und Lieselotte wollte den Job gar nicht, weil Eiskaffee aus Einweg-Kunststoffbechern ungefähr so nachhaltig ist, wie jede Nacht den Motor seines Autos anzulassen, um den Nachbarn zu zeigen, dass einem die extrem hohen Spritpreise egal sind.

Kandidatin Anita in der Maske
Kandidatin Anita in der Maske Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Am Ende holt sich Noëlla den Job. Die Eiskaffee-Vertreterinnen finden: „Mit ihrer gelassenen Attitude ist sie genau richtig“. Stichwort Attitude. Sie wissen ja: Wenn man drei Mal laut „Attitude“ in den Badezimmerspiegel ruft, erscheint Thomas Hayo und bringt ein signiertes Exemplar seiner neuen Biographie „Drei Farben - Schwarz“ vorbei. Um kurz vor dem Endspurt der 17. Staffel endlich auch mal die körperliche Ertüchtigung der Teilnehmerinnen in den Vordergrund zu stellen, ruft Hayo das Mannequin-Oktett zu den ersten offiziellen Bundesmodelspielen.

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Spiel, Satz, Freak

Freunde des gepflegten Topspins wissen: Tennis gilt als der weiße Sport. Attitute-Avenger Hayo erscheint daher? Genau: komplett in Schwarz. Das Einzige, was weniger Varianz als die Garderobe von Thomas Hayo zeigt, ist Til Schweigers Portfolio an Gesichtsausdrücken. Gerade was die Klimaverträglichkeit angeht, hat es in der emissionsseitig etwas komplizierten Fashion-Branche natürlich auch etwas beruhigend Nachhaltiges, 17 Staffeln lang rigoros immer dasselbe Outfit zu tragen.

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Was die Farbwahl angeht, ist man bei den Kandidatinnen weniger kompromissbereit. Sie tragen streng weiße Brautkleider. Da möchte GNTM-CEO Heidi Klum natürlich in der Styling-Relevanz nicht die zweite Geige spielen und trägt ein Outfit, das aussieht, als hätten die Kleiderschränke von Jorge González und Harald Glööckler ein Kind gezeugt. Gastjuror Hayo zeigt sich unbeeindruckt und für das Tennis-Training perfekt vorbereitet. Er hat „sogar eine Ballmaschine dabei“. Die ist so gut, normalerweise macht sie den Wiener Opernball oder den Semperopernball. Heute nebenbei also den Topmodel-Debütantinnenball.

Sportlich: Die Kandidatinnen, hier zu sehen Martina, müssen sich auf dem Tennisplatz beweisen.
Sportlich: Die Kandidatinnen, hier zu sehen Martina, müssen sich auf dem Tennisplatz beweisen. Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

Auch hinter der Kamera kehrt heute ein alter Bekannter zurück: Fotograf Max Montgomery, der als einer von Heidi Klums 351 Lieblingsfotografen aus dem GNTM-Kosmos noch weniger wegzudenken ist, als der Satz „Nur eine kann Germany´s Next Topmodel“ werden. Montgomery trägt zur Feier des Tages einen sommerlichen Schlapphut und Sonnenbrille. Für den Rest des Abends befürchtet man, er könne jeden Moment einen Kameramann anschreien: „Sie haben mich ins Gesicht gefilmt! Das dürfen Sie nicht! Sie begehen gerade eine Straftat!“

Tennis-Diaspora in der Model-Villa

Was Hayo bei aller Vorfreude nicht mit einkalkuliert hat: Keines der Models hat jemals Tennis gespielt. Die ersten Gehversuche sehen daher aus, als versuchten bewegungsoriginelle Brautjungfern mit verbundenen Augen einen nicht vorhandenen Sparringspartner K.O. zu schlagen. Die Nachwuchs-Steffi-Grafs zeigen sich so zielsicher, wie Heidi Klums Urteilsvermögen, wenn sie die Leistungen von Lieselotte bewerten soll. Vivien bleibt trotzdem siegessicher: „Martina sollte sich warm anziehen“. Warme Brautkleider sind aber selten. Entsprechend verkrampft läuft Martinas Shooting ab. Zwar trifft sie den einen oder anderen Ball, im Gesamtbild wirkt ihr Bewegungsablauf allerdings weniger wie ein Schlagen des Balles, sondern eher wie ein Verprügeln.

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Bevor die GGF (Gewerkschaft gelber Filzbälle) wegen Gewalt am Arbeitsplatz Klage gegen GNTM einreicht, lenkt Heidi Klum schnell mit der Ankündigung ab, heute würden jeweils zwei Kandidatinnen gegeneinander antreten. Dabei klärt sie auch über ein überraschendes neues Regeldetail auf: „Jedes Doppelteam besteht aus zwei Konkurrentinnen“. Gut, dass Klum diese verblüffende mathematische Individuallösung vorab erklärt, wo doch Duos sonst zumeist aus drei Teilnehmerinnen bestehen.

Wimbledon für Catwalk-Novizinnen

Sehr viel größer als auf die Tennis-Skills der Models ist die Spannung darauf, wie effizient Thomas Hayo seine Kernkompetenz einbringen kann: Exzessives Alltags-Denglish für Fortgeschrittene. Und was soll ich sagen: Thomas Hayo liefert. Oder wie er sagen würde: Thomas Hayo delivers. Er legt einen Anglizismusbrei-Tsunami auf den Center Court, bei dem Lothar Matthäus schon nach drei Sekunden mit Synapsen-Infarkt den Notarzt gerufen hätte. Und auch Lieselotte guckt, als wünschte sie sich in ihr Eistee-Fiasko vom Vortag zurück. Aus diesem Füllhorn der angewandten Sprachmelange ragt dieses Bonmot für die Ewigkeit heraus: „You know, I give you a kleiner Tipp”. You know, Thomas, you are mein Hochlicht of jede Season.

Im Wettlauf: Beim Tennisspielen bleibt es nicht.
Im Wettlauf: Beim Tennisspielen bleibt es nicht. Bild: ProSieben/Sven Doornkaat

In der Competition birgt vor allem das Duell Luca vs. Noëlla Kultpotenzial. Noch euphorisiert von ihrem Eiskaffee-Triumph kündigt Noëlla an: „Ich werde Luca rasieren“. Blöd nur: Heute ist gar kein Venus-Shooting. Die Eiskaffee-Prinzessin ist aber offensichtlich eine Turniermannschaft. Als Montgomery losknipst, trifft sie plötzlich mehr Bälle und triumphiert mit dem besten Bild der Challenge. Das beste Bild mit Brautkleid auf dem Tennisplatz klingt im ersten Moment ein bisschen wie der lustigste Schornsteinfeger in Ostwestfalen, aber immerhin ist in Kombination mit dem Eiskaffee-Triumph das Weiterkommen gesichert.

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Run Baby Run

Das Sport-Martyrium ist mit einem Tag auf dem Tennisplatz natürlich nicht abgeschlossen. Am Folgetag wartet der berühmte Elimination-Walk mit einer ungewöhnlichen Kulisse auf. Ein Sportstadion mit Laufbahn. 100-Meter-Sprint statt eleganter Haute-Couture-Spaziergang. Auch bei den Usain-Bolt-Gedächtnis-Läufen treten die Models wieder als Duos gegeneinander an. Erst 100 Meter springen, dann 20 Meter Catwalk. Eine vollkommen authentische Aufgabe für ein Model, wie sie in der echten Fashion-Welt andauernd vorkommt. Der Hauptarbeitsplatz eines erfolgreichen Fashion-Models heißt ja nicht umsonst Run-Way.

Die meisten Sprint-Duelle geraten zu Kopf-an-Kopf-Rennen. Sehr eng beieinander sind beispielsweise Lou-Anne und Anita. Kaum das Herzschlagfinale überstanden, fragt Klum ihren Sitznachbarn Hayo, welcher Walk ihm besser gefallen hätte. Der zeigt sich von der philosophischen Tiefe von Klums Frage beeindruckt: „Das ist eine interessante Frage“. Und so überraschend. Stolz kichert Klum, die Markus Lanz der Model-Talkshows, in sich hinein. Panik dagegen beim Publikum zu Hause. Bahnt sich da etwa ein neuer Podcast-Blockbuster an? Klum und Hayo ab jetzt wöchentlich im Deeptalk?

Den größten Abstand zwischen zwei Sprint-Duellantinnen erläuft sich Lena. Sie kommt etwa 23 Minuten vor Lieselotte ins Ziel. Kurz denkt man: Wow, Lieselottes Lauf sieht echt gut aus in Zeitlupe. Ist dann aber doch Echtzeit. Okay, sie ist auch 66 Jahre alt. In dem Alter ist man meisten ja bereits froh, wenn man auf den 100 Metern Laufstrecke nicht zu viele Pinkelpausen einlegen muss. Apropos Pause: Eine längere legt ab jetzt Lena ein. Heidi Klum offeriert ihr kein Foto. Von der Zielstrecke direkt zum Kofferpacken. Ob es sie tröstet, dass Pur mal ein Lied über sie geschrieben haben, in dem sich Seelen aneinanderreiben? Das habe ich vielleicht nächste Woche schon für Sie rausgefunden, wenn es um den Einzug ins GNTM-Halbfinale geht. Bis dann!

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Marie von den Benken ist Model, Autorin und Influencerin. Für FAZ.NET wirft sie regelmäßig einen kritischen Blick auf die aktuelle Staffel von Germany’s Next Topmodel.

Quelle: FAZ.NET
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