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Mode-Ikone Michelle Elie

„Ich passe in keine Kategorien“

Von Quynh Tran
Aktualisiert am 22.05.2020
 - 18:05
Designerin und Mode-Ikone Michelle Elie sammelt Entwürfe des Modelabels Commes des Garçons.zur Bildergalerie
Michelle Elie hat vor Kurzem ihre Ausstellung im Frankurter MAK eröffnet. Im Interview spricht die Mode-Ikone über ihre Anfänge als Model, die Wahrnehmung von Frauenkörpern, und warum ihre Vernissage trotz Corona perfekt war.

Frau Elie, der Titel Ihrer Ausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst beginnt mit „Life doesn't frighten me...“ – was war das Mutigste, was Sie in Ihrem Leben gemacht haben?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Es gab nie etwas, das mich wirklich geängstigt hat. Ich bin in Haiti geboren und die Erfahrungen meines Herkunftslands und meiner Familie sind tief in mir verwurzelt. Mein Vater hat eine typische Einwanderergeschichte: Auf der Suche nach einem besseren Leben hat er alleine ein Boot in die Vereinigten Staaten bestiegen. Meine Mutter ist ihm kurz darauf gefolgt, und wir fünf Kinder waren erst mal in einem katholischen Internat. In Haiti ist das Leben nicht leicht, und es wird in Sprichwörtern gelebt, vielleicht auch, um den alltäglichen Herausforderungen mit etwas Leichtigkeit zu begegnen. Diese Lebensweisheiten haben wir natürlich mitgenommen. Mein Vater war Taxifahrer in New York, meine Mutter trotz all der Schwierigkeiten immer wahnsinnig mutig und modisch, und wir Kinder haben später alle studiert und sind eigene Wege gegangen.

Haben Sie ein Sprichwort, das Sie noch immer begleitet?

Meine Mutter hat immer gesagt: Hinter jedem Berg ist ein anderer Berg. Hat man eine Herausforderung gemeistert, kommt auch schon die nächste. Es ist nie zu Ende. Es bringt einfach nichts, sich zu ängstigen. Selbst wenn wir Angst vor etwas haben, machen wir es trotzdem einfach. Meist sind es nur die Augen, die sich ängstigen, nicht der Verstand oder die Hände oder der Körper.

Wie stark hat Sie Ihre Herkunft geprägt?

Sehr! Ich bin zwar als Kind in die Vereinigten Staaten gekommen, wurde aber nie amerikanisiert. In der Schule habe ich vorgegeben amerikanisch zu sein, weil ich mich anpassen musste. Aber sobald ich das Haus betreten habe und die Tür hinter mir zugemacht habe, war ich ein haitisches Mädchen. Weil ich anders aussah, weil ich anders gekleidet war, einen anderen Akzent hatte.

Und heute?

Ich würde mich tatsächlich als Weltbürgerin bezeichnen. Nationale Zuschreibungen sind nicht mehr zeitgemäß. Ich bin in Haiti geboren, in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, habe Zeit in Südafrika und Frankreich verbracht, und mein Mann ist deutsch. Man verändert sich mit seinen Erfahrungen und lernt, sich weiterzuentwickeln und eine eigene Sprache zu finden. Ich bin Teil einer Diaspora, ich passe in keine Kategorien. Ich kann nicht sagen, ich bin nur das eine. Das wäre auch ziemlich traurig! Auch wenn es leider immer noch Menschen gibt, die so denken.

Sie haben Ihre Karriere in die eigene Hand genommen, als Sie mit 30 Dollar in der Tasche in eine Modelagentur gelaufen sind. Was hat Sie dazu bewegt?

In den neunziger Jahren habe ich die Ausgaben der „Vogue“ gesammelt. Es gab eine Ausgabe mit Linda Evangelista, fotografiert in Griechenland, einfach nur mit einem Hemd und Shorts neben einer alten griechischen Dame in dieser wundervollen Landschaft. Ich habe tagelang davon geträumt, und irgendwann dachte ich, vielleicht kann ich das auch. Zumindest könnte ich es einfach versuchen. Damals gab es offene Castings, immer dienstags und donnerstags von neun bis mittags. In die großen Agenturen habe ich mit meinem Gesicht und meinem Körper nicht gepasst, aber es gab eine Agentur in Downtown, „Boy Girl“, die auf Editorial-Models spezialisiert war. Ich lief mit meinem Modelbuch rein und wurde genommen.

Das war die Supermodel-Ära. Wie hat es sich angefühlt, nicht reinzupassen?

Das Modeln war für mich wie ein Spielplatz, auf dem ich mich ausprobieren konnte. Für den Laufsteg war ich zu klein und für gut bezahlte Kampagnen nicht kommerziell genug. Ich musste mit dem arbeiten, was ich hatte und bekam Aufträge für Kataloge und Magazine. Ich hatte immer eine Tasche mit meinen eigenen Perücken und meinem eigenen Make-Up dabei, weil sie damals nicht meine Hautfarbe hatten. Die Agentur hat mich nach Südafrika geschickt, dann nach Miami Beach, zwischendurch war ich einige Jahre in Paris, wo ich mich in Schauen von Jean Paul Gaultier geschlichen habe. Es war großartig, ich war in einem Lernprozess und habe jeden Moment genossen. Damals habe ich auch Comme des Garçons entdeckt, was für mich wie eine Erweckung war.

Heute ist Ihre Sammlung von Comme des Garçons-Entwürfen im Museum.

Mein erstes Comme-Outfit habe ich gekauft, nachdem ich 1995 meine erste gut bezahlte Kampagne für Maybelline bekam. Ich wohnte noch bei meinem Eltern und hatte nicht mal ein eigenes Bankkonto. Statt mir von dem Geld eine Wohnung zu leisten, bin ich mit dem Honorarscheck in die Filiale in Soho zum shoppen gegangen. Wer hätte gedacht, dass das der erste Schritt ins Museum war. Damit bin ich am Ende doch in die „Vogue“ gekommen. Es gibt tausend Rezepte, um einen Kuchen zu backen. Wenn das Eine nicht funktioniert, muss man eben ein Anderes wählen.

Was hat Comme des Garçons so anders gemacht?

In den achtziger Jahren hatte man die Yuppie-Ästhetik, dann kam der Börsen-Crash. Die Neunziger Jahre waren der Beginn der Fitnessstudios, Gap und Tom Fords Gucci. Da war dieser Kult, den perfekten, dünnen, sexy Körper zu haben. Alle wollten aussehen wie Supermodels. Auch ich war wie eine Verrückte beim Aerobic, RuPaul und David LaChapelle haben die gleichen Kurse besucht wie ich. Die Mitgliedschaft im Fitnessstudio war wie ein Code. Es war entweder dieser perfekte Körper oder Sneakers und Jogginghosen oder Hip-Hop. Und dann kamen die japanischen Designer und Label, Comme des Garçons, Yohji Yamamoto und Issey Miyake, mit einer komplett anderen Sprache, mit dekonstruierten Schnitten und flachen Schuhen, die sich dieser Kategorisierung einfach total verwehrten. Ich dachte: „Wow, so etwas habe ich noch nie gesehen.“

Wie steht dieser amorphe Design-Ansatz zu Ihrer Wahrnehmung von Körperlichkeit?

Als Frau ist man so fixiert auf den eigenen Körper. Ab dem Moment, in dem sich der Körper beginnt, sich in einen Frauenkörper zu verwandelt, denken Mädchen darüber nach, wie ihr Körper wahrgenommen wird. Sie wachsen mit dem Gedanken auf, dass der Körper sexy sein soll. Aber wer in unserer Gesellschaft ernst genommen werden will, muss seinen Körper verstecken – sonst ist er das Thema, wo immer man als Frau hingeht. Ich habe kleine Brüste und üppigere Hüften und wollte meinen Körper lange reduzieren. In Amerika ist jeder immer auf Diät. Die Deformation in Rei Kawakubos Entwürfen stellt all das in Frage: Was ist mein Körper überhaupt? Wie will ich in ihm leben? Was, wenn er deformiert oder übertrieben ist? Warum auch nicht? Ich habe Frieden damit geschlossen, nicht reinzupassen. Ich entscheide über meinen eigenen Weg und habe meine Stimme durch die Mode gefunden.

Mittlerweile arbeiten Sie selbst als Designerin. Wie entwerfen Sie?

Es gibt diese Geschichte der Sarah Baartman, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts wegen ihres Körpers in Europa als Hottentottenvenus ausgestellt wurde. Ihre Hüften und ihr Hintern, die in ihrer afrikanischen Herkunftskultur vollkommen normal waren, wurden pathologisiert. Auf einmal war sie deformiert. Und dann ist da Kim Kardashian, die für ihre Rundungen gefeiert wird, weil sie berühmt ist und ein Foto von ihr, gemacht von Jürgen Teller, wird zur Kunst erklärt. Wo ist da der Unterschied? Warum gilt der Promi als schön und jemand anderes, der oder die vielleicht dieselbe Figur hat, ist deformiert? Brauchen wir einen öffentlichen Stempel dafür, was akzeptabel oder schön ist? Es ist alles eine Frage der Perspektive. Das bestimmt meine Arbeit. Seit zwei Jahren arbeite ich an Brust- und Po-Schildern, die den Körper feiern sollen, egal, wie er ist. Wir haben nur einen Körper. Für mich ist es mittlerweile zu einem Ritual geworden, ihm bewusst für das Leben zu danken und mit haitischem Huile de Ricin zu massieren, wenn es mir schlecht geht.

Ihre Ausstellung „Life doesn't fighten me. Michelle Elie wears Comme des Garçons.“ wurde während des Lockdowns aufgebaut und gehört wohl zu den ersten, die danach eröffnet wurden. Wie öffnet man in diesen Zeiten?

Ironischerweise war das ausgerechnet der Tag, an dem der Met Ball stattfinden sollte. Ich bin mit meinem Mann und meinen drei Söhnen und einer großen Flasche Champagner nach Frankfurt gefahren, natürlich in Comme des Garçons gekleidet. Wir waren nur zwölf mit Maske, der Museumsdirektor hat auf seinem Handy Musik angemacht, die Kuratorin und Art Direktorin waren auch da, und es war die beste Vernissage, die ich mir hätte wünschen können. Auf dem Heimweg ist unser Auto auf der Autobahn stehen geblieben, und ich bin in einem Haute-Couture-Outfit mit dem Abschleppwagen nach Hause gefahren. Wie meine Mutter sagte, hinter jedem Berg ist ein neuer Berg.

„Life doesn’t frighten me. Michelle Elie wears Comme des Garçons“ ist noch bis zum 30. August im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen.

Quelle: FAZ.NET
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