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Mode der Vielfalt

Bescheidene Kleidung, großes Ziel

Von Katharina Pfannkuch
 - 10:52
Mehr als eine Glaubensfrage: Der Markt für Mode, die nicht zu viel Haut zeigt, wird auch abseits des islamisch geprägten Raums immer wichtiger. Mizaan geht es um diese Klienten. zur Bildergalerie

Selma Lebdiri kommt ohne Umschweife zum Punkt: „Unsere Mode ist für alle Frauen da, ganz unabhängig von ihrem Background“, stellt die 24-Jährige klar, noch bevor das Gespräch im Mannheimer Atelier ihrer Schwester Meriem richtig begonnen hat. Mit ihrem 2012 gegründeten Label Mizaan erhalten die in Algerien geborenen und in der Pfalz aufgewachsenen Schwestern momentan mehr Aufmerksamkeit, als das bei jungen Labels für gewöhnlich üblich ist.

Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass hier zwei junge Frauen am Werke sind, die Kopftuch tragen und Mode machen, die weniger Haut zeigt als das, was bei großen Ketten zu finden ist. Mit religiöser Motivation hat das allerdings weniger zu tun, als viele annehmen, betont auch Meriem Lebdiri, die bei Mizaan fürs Design zuständig ist: „Für ,Modest Fashion‘ interessieren sich so viele Frauen. Wie oft findet man eine tolle Bluse, die aber zu durchsichtige Ärmel fürs Büro hat, oder einen schönen Blazer, der viel zu kurz geschnitten ist? Diese Lücke schließen wir.“

Längst kein Nischenmarkt mehr

Unter dem Begriff „Modest Fashion“ ist Kleidung gemeint, die aktuelle Trends reflektiert, deren Designer aber zugleich mit Silhouetten spielen, auf tiefe Ausschnitte, zu viel Transparenz und kurze Säume verzichten und damit auch den Ansprüchen vieler Musliminnen, Jüdinnen und Christinnen an Mode entsprechen – längst kein Nischenmarkt mehr. Halima Aden gilt als das erste weltweit erfolgreiche Topmodel, das für Fotoshootings und auf dem Laufsteg Kopftuch trägt und damit bereits auf dem Cover der amerikanischen „Vogue“ landete. Ihre Kollegin Gigi Hadi zeigte sich fotogen verhüllt auf der arabischen Ausgabe des Modemagazins. In den Vereinigten Staaten entstehen Labels jüdischer Designerinnen wie Mimu Maxi und Kosher Casual, Luxus-Onlineshops wie Farfetch bieten Tipps für Ramadan-Outfits und mit „The Modist“ ging 2017 eine ganz auf – zwar nicht preislich, aber zumindest optisch – bescheidene Designer-Mode spezialisierte Plattform online.

Auch in Deutschland wächst das Interesse an Kleidung, die schön ist, aber den Körper ihrer Trägerin nicht zur Schau stellt. Das kann auch religiöse Gründe haben: Viele hier aufgewachsene Musliminnen leben ihre Begeisterung für Mode immer selbstverständlicher im Rahmen ihres Glaubens aus. Deutschsprachige Online-Magazine wie „Basma“ informieren über die Trends der mittlerweile weltweit stattfindenden „Modest Fashion Weeks“ und verraten, wie Looks von Prominenten nachgemacht werden können.

Dass diese Mode-Vorbilder keineswegs nur aus islamisch geprägten Regionen kommen, deutet schon darauf hin, dass die Tendenz zu mehr Stoff keine reine Glaubensfrage ist. Midi- und Maxikleider erlebten erst in diesem Sommer jenseits aller religiösen Orientierungen ein großes Comeback. Deutsche Labels für bescheidene und zugleich zeitgemäße Mode sind noch rar gesät. Bei LIA-Fashion etwa gibt es neben langärmligen Maxikleidern auch Turbane; meist führt die Suche aber in Shops für explizit islamkonforme Mode.

Auch Marken wie Dolce & Gabbana und Unternehmen wie Mango und H&M konzentrieren sich bei ihren Ausflügen in den Modest-Fashion-Bereich meist auf muslimische Zielgruppen und wollen diese für gewöhnlich mit Tüchern, Seidenschals und Abayas, locker sitzenden orientalischen Gewändern, in ihre Filialen und Onlineshops locken. Der Ansatz der Lebdiri-Schwestern ist ein ganz anderer: „Uns geht es um Inklusion und nicht darum, Unterschiede zu betonen. Mode verbindet. Wir alle lieben sie“, sagt Meriem Lebdiri. Nach einem kurzen Moment des Überlegens fügt die 31-Jährige lachend hinzu: „Mode ist wie Eis essen.“

Ihre Designs spiegeln diese Idee wider: Die lang geschnittenen Blazer in leuchtendem Rot und warmem Lila aus der aktuellen Kollektion etwa wirken zur farblich passenden, schmalen Hose und High Heels feminin. Mit einer betont weiten Anzughose bekommen sie einen androgynen Touch. Eine einzige Abaya sei unter den rund 160 Teilen der Kollektion – und die gehe eher als Maxikleid durch, sagt Selma Lebdiri. „Wir machen europäische Mode.“ Nur eben solche, die Frauen nicht in aufreizende Püppchen verwandelt. Lederhosen sind bei Mizaan locker geschnitten und Blusen lang genug, dass man sie auch während hektischer Tage nicht ständig zurechtzupfen muss. Momentan wird bis Größe 44 produziert, vor allem in Deutschland und der Türkei, erzählt Meriem Lebdiri.

Die staatlich anerkannte Modedesignerin gründete Mizaan 2012 zunächst allein. „Von Modest Fashion war damals noch nirgendwo die Rede“, erinnert sie sich. In Modemagazinen und Kampagnen großer Labels habe sie sich nie wiedererkannt, in Geschäften habe sie nur selten gefunden, was sie suchte. Also rief sie Mizaan – Arabisch für Gleichgewicht, Balance – ins Leben. Die erste Kollektion stemmte sie von den Entwürfen bis zu deren Anfertigung an der Nähmaschine komplett allein. Seit 2014 bildet sie gemeinsam mit ihrer Schwester Selma die Doppelspitze von Mizaan. Die studierte Kommunikationsdesignerin kümmert sich ums Marketing und den Onlineshop, mit dem sie im September an den Start gingen. Freiberufliche Projektmanagerinnen, eine regelmäßig aus Paris anreisende Art Direktorin und mehrere Aushilfen machen das Team komplett.

Dass Mizaan sich nicht nur an eine Zielgruppe richtet, transportiert auch die Bildsprache des Labels: Models mit Kopftuch posieren neben solchen mit Maßen, die man sonst in Plus-Size-Kampagnen sieht, alle Haut- und Haarfarben sind vertreten. „Die Erfahrung der Ausgrenzung haben wir selbst gemacht“, sagt Selma Lebdiri. Leidend oder gar anklagend klingt das nicht, eher kämpferisch und motiviert. Sichtbarkeit zu schaffen sei das höhere Ziel ihres Labels. Gerade deshalb wollen die Schwestern mit ihrem Unternehmen, das seit diesem Jahr eine GmbH ist und einen Investor hat, auch nicht in einer Nische verharren. Darauf, was andere auf Modest Fashion spezialisierte Labels machen, achte sie bei ihrer Arbeit kaum, erklärt Meriem Lebdiri: „Wir haben unsere eigenen Standards.“

Und die sind hoch: Ganz bewusst streben die Schwestern auf große Verkaufsflächen und auf Messen wie die Gallery in Düsseldorf. „Für ein noch junges und kleines Label wirkt das vielleicht sehr ambitioniert, aber der Erfolg gibt uns bisher recht“, sagt Selma Lebdiri. Anlässlich ihres letzten Pop-Up-Events in der Mannheimer Innenstadt war nicht nur das mediale Interesse hoch, es kamen auch Kundinnen mit ganz verschiedenen Hintergründen. „Frauen aller Altersklassen, mit allen Konfektionsgrößen waren da. Und auch einige mit Behinderung, die es genossen haben, bei uns willkommen zu sein. Für manche von ihnen war es das erste Mode-Event in ihrem Leben“, erzählt Meriem Lebdiri.

Modisch und unternehmerisch ziehen die Schwestern an einem Strang, doch sie lassen einander auch Freiräume: Jede von ihnen hat ihr eigenes Büro. Meriem entwirft in der Mannheimer Textilerei, einem Zentrum für Start-ups aus den Bereichen Mode und Design, Selma koordiniert das Marketing und den Onlineshop von einem gut zehn Minuten entfernten Gründerinnen-Zentrum aus. Selma Lebdiri beschreibt den geschwisterlichen Umgang diplomatisch: „Als Schwestern gehen wir zu 100 Prozent ehrlich miteinander um. So kommen wir oft schneller ans Ziel.“ Beide müssen lachen. Dann geht es für die beiden wieder an die Arbeit. Sie haben schließlich hohe Standards zu erfüllen. Nämlich ihre eigenen.

Quelle: F.A.S.
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