Westen für Männer

So sind wir Deutschen!

Von Jennifer Wiebking
25.10.2021
, 19:35
Rohre verlegen und Schubkarren parken: Die deutschen Männer lieben Westen nicht nur auf der Baustelle.
Die Herrenweste könnte eine bislang unbeachtete Ausnahme der modernen Nationaltracht sein. Designer produzieren sie vor allem für den deutschen Markt – denn vor allem deutsche Männer verstehen Westen.
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Nationale Gepflogenheiten haben in unserer globalisierten und digitalisierten Welt wenig Bedeutung. Wir feiern Halloween und Baby-Shower, während man an anderen Orten auf der Welt in wenigen Wochen wieder bei Glühwein und Lebkuchen auf den German-Style christmas markets steht. Und während wir in diesem Jahr (mal wieder) ohne Wiesn auskommen mussten, war die Stimmung auf dem Oktoberfest in Cincinnati (Ohio) sicher super. Auch die Mode spiegelt diese Haltung: Sandalen von Birkenstock, einst klar uns Deutschen zugehörig, so wie die sehr kurzen Miniröcke im Winter den Britinnen, sind längst Allerwelts-Kleidungsstücke. Nicht nur die Amerikaner tragen Sportklamotten im Alltag, das machen viele Menschen hierzulande heute genauso.

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Die Herrenweste könnte eine bislang unbeachtete Ausnahme der modernen Nationaltracht sein. „Für die deutschen Männer“, sagte eine italienische PR-Frau neulich während einer digitalen Kollektionspräsentation und hielt eine Daunenweste in die Kamera. Vor allem für den deutschen Markt produzierten sie diese Teile, vor allem die deutschen Männer verstehen Westen. Also zum Beispiel Modelle wie jenes in Steppoptik, außen blau, innen gelb, von Woolrich. Oder jenes in Haselnussbraun aus leichter Daune von Herno. Oder das etwas dickere von Stone Island in Rot. Das sind übrigens allesamt Westen italienischer Hersteller.

Und auch die Franzosen machen mit, siehe das Modell in glänzendem Schwarz von Karl Lagerfeld. Alles für uns! Klar, dass auch von den heimischen Herstellern etwas kommen muss, zum Beispiel von Marc O’Polo aus Stephanskirchen mit einer Weste aus seegrünem Cord. So eine Weste ist schon praktisch. Selbst wenn sie mit Kaschmir versehen ist, wie das Modell von Brunello Cucinelli, fügt sie sich dem rauen Charme der Großbaustelle des neuen F.A.Z.-Towers. Wo jetzt noch Rohre verlegt werden und Schubkarren parken, sollen bald mal Redaktionsschreibtische stehen. Die Westen sind schon da, und sie werden bleiben. So sind wir Deutschen eben.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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