Kolumne Modeerscheinung

Nicht euer Ernst?

Von Anke Schipp
27.07.2020
, 07:57
Die Adilette gehört in diesem Sommer zum meistgetragenen Accessoire – auch wenn das nicht jeder erträgt.

Neulich saßen wir mit Freunden in einem Ferienhaus an der Nordsee und hatten eine interessante Diskussion von der Art, wie man sie oft im Urlaub hat, wenn man lange am Frühstückstisch sitzt, die Kinder Monopoly spielen und man sich über Nebensächlichkeiten unterhält. Zum Beispiel über unser Outfit. Einer von uns trug Adiletten mit weißen Tennissocken. „Geht gar nicht“, sagte jemand. „Warum nicht?“, kam zurück. „Ist prollig!“ „Trägt man jetzt“, so die Entgegnung, inklusive eines fragenden Blicks auf mich. Ich wurde als Modeexpertin zu Rate gezogen – und fühlte mich sogleich unwohl.

Einerseits war mir klar, dass die Badelatschen von Adidas gerade angesagt sind, schließlich trägt sie auch meine Teenagertochter. Ich habe sie ihr sogar selbst gekauft, weil sie sie unbedingt haben wollte und alle ihre Freunde sie auch tragen. Aber es fällt mir trotzdem schwer, die weiß-blaue Plastik-Schlappe, die jetzt bei uns zu Hause im Flur steht, als It-Piece zu sehen. Vielmehr stelle ich mir die Frage, was meine Tochter als Nächstes macht: Verliebt sich in einen Dauercamper?

Dazu muss man wissen, dass ich in den achtziger Jahren sozialisiert worden bin. Und nur wer das auch ist, kann verstehen, dass man dem ganzen Achtziger-Trash-Trend nichts abgewinnen kann, es sei denn, man unterzöge sich einer Traumatherapie. Breite Schultern, Dauerwelle, Karottenhose – niemals würde ich das je wieder anziehen. Genauso wenig wie eine Adilette, wobei ich die auch damals nicht trug und Männer, die sie trugen, auch nicht kennenlernen wollte. Sie erinnerten mich entweder an schimmelige Umkleidekabinen im Freibad oder an Menschen, die Vokuhila-Frisuren hatten und Modern Talking hörten.

Sah gar nicht so schlecht aus

Und jetzt? Jetzt ist die Badelatsche, die mit vollem Namen „Adidas Adilette Slipper“ heißt und von Adi Dassler für die Fußballspieler zum Duschen nach dem Spiel entworfen wurde, ein heißes Ding, das von Justin Bieber und angesagten Rappern getragen wird.

Zurück zur Nordsee. Am Tag nach unserer Diskussion stand ich vorm Bäcker in der Schlange, und neben mir an der Straße schälte sich ein gutaussehender Hipster aus seinem Auto. Er trug eine grüne Badelatsche mit gelbem Emblem, dazu gelbe Tennissocken, straff hochgezogen, so dass sie die halbe Wade bedeckte, an seiner Seite eine hübsche Blondine im modischen Jumpsuit. Und wie da so die Sonne auf die beiden schien, eine leichte Brise durch ihre Haare wehte, begann ich mein Trauma ein ganz kleines bisschen zu überwinden. Und musste zugeben: Sah gar nicht so schlecht aus. Und unserem Freund erteilte ich Absolution: Adilette kannste tragen!

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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