Bunte Sonnenbrillen

Wir wollen gesehen werden

Von Jennifer Wiebking
14.06.2021
, 07:59
FFP2-Masken und dunkle Sonnenbrillen passen nicht zusammen. Aber es gibt Alternative, hinter denen die Welt ein bisschen rosiger daherkommt. Die Kolumne Modeerscheinung.

Über Jahrzehnte war die Sonnenbrille mit schwarzen Gläsern ein praktisches Accessoire, das den eigenen Auftritt mit einem Handgriff zum Positiven veränderte. Es gibt Forschung zu dem Thema: Durch die dunklen Scheiben sind Zweifel, Freude, Trauer und Wut, also das, was Mimik auslöst, für andere unsichtbar. Wir wirken unnahbarer, cooler. Wir wirken auch glamouröser, den Stilvorbildern der Vergangenheit, von denen die Berühmtesten ihre Augen wirklich noch vor den grellen Fotoblitzen der Paparazzi schützen mussten, sei Dank. Audrey Hepburn, Jackie Kennedy, James Dean gehörten dazu und prägten nebenbei das Image der Sonnenbrille. Die Kulturwissenschaftlerin Vanessa Gill-Brown wurde an der Nottingham Trent University mit diesen Erkenntnissen vor einigen Jahren promoviert.

Dann kamen die Masken. Auch damit lässt sich zwar die ein oder andere Emotion verbergen, nur passt dazu kaum mehr eine Sonnenbrille mit dunklen Gläsern. Halb inkognito unterwegs zu sein ist eine Sache, das Gesicht vom Kinn bis knapp über die Augenbrauen zu verhüllen, eine andere.

Eine Brille für diese Zeit

Das Problem bahnte sich schon im vergangenen Sommer an, aber damals gab es an vielen Orten im Freien noch keine Maskenpflicht. Die Inzidenz war zudem viel niedriger als jetzt.

Klar geht Sicherheit vor Stil, aber für letzteren gibt es jetzt auch eine Lösung, die im ersten Moment kaum so anmutet. Bunte Gläser! Die erinnern an jene Berühmtheiten, die sie zu ihrem Markenzeichen gemacht haben, Elton John, Johnny Depp. Und sie erinnern an die späten Neunziger und die frühen Tage des neuen Jahrtausends, als ein paar mehr Menschen so rumlaufen wollten, Britney Spears und Brad Pitt und das damalige Traumpaar Posh and Becks zum Beispiel.

Obwohl immer mal wieder von einem Comeback die Rede ist, so richtig Staunenswertes hat diese Ära aus heutiger Sicht bis dato nicht hervorgebracht. Immerhin die Brillen lassen sich nun recyceln. Sie schützen vor dem Sonnenlicht und schotten ihre FFP2-Träger dabei nicht vom Rest der Welt ab. Stattdessen färben sie alles blauer, grüner, rosiger.

Wenn die Sonnenbrille das Jedermann-Accessoire ist, das dem Stardasein schon immer am nächsten kam, dann passen diese Brillengläser, bunt, semi-transparent, aber noch in anderer Hinsicht in die Zeit. Die meisten Stars zieren sich schließlich schon längst nicht mehr, ihr Privatleben darzustellen. Sie dokumentieren ausführlich, wie sie leben, und erzählen von ihren Gefühlen – und sind auch damit Vorbilder. Oversharing ist für viele zu einer Lebenseinstellung geworden. Und die bunten Brillen zeigen dabei deutlicher als die dunklen, dezenten Dinger, wofür die Sonnenbrille ohnehin schon immer stand: Gerade weil wir sie tragen, wollen wir gesehen werden.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot