Kolumne Modeerscheinung

Loungewear? Nein, Dior!

Von Jennifer Wiebking
04.10.2020
, 14:40
Im kommenden Frühjahr dann entspannter: In Paris präsentieren die Designer ihre Lockdown-Arbeiten und zeigen, wie sich die Mode verändert.

Diese Kleider passen noch, wenn man sich im Frühjahr etwas zu ambitioniert dem Brotbacken gewidmet hat. Wenn man sich wegen der Ausgangssperre weniger bewegt hat. In dieser Mode geht es auch nicht in gesteigertem Maße darum, Sozialkontakte zu pflegen. Die Rede ist nicht von Loungewear, sondern von Dior.

Es ist Modewoche in Paris, und die Designer präsentieren ihre Lockdown-Ergebnisse. Die Kollektionen, die sie hier zeigen, sind im Frühjahr und Sommer unter außergewöhnlichen Umständen entstanden. Und so wie in den vergangenen Wochen, anlässlich der Fashion Weeks in New York, London und Mailand, werden sie jetzt auch unter außergewöhnlichen Bedingungen gezeigt.

8000 Neuinfektionen - und eine Schau?

Am Dienstag melden die französischen Behörden 8000 Corona-Neuinfektionen. Ein paar Hartgesottene, darunter Carine Roitfeld und die deutsche Influencerin Leonie Hanne, werden trotzdem um kurz vor 14.30 Uhr an den Tuilerien unter Regenschirmen fotografiert, auf dem Weg zur Schau von Dior. Viel mehr Menschen, als live dabei sind, sitzen aber vor den Bildschirmen, und an sie scheint die Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri gedacht zu haben, mit bunten Luxusversionen von Morgenmänteln, mit weiten Hosen und langen Kleidern, ausgestattet mit flexiblen Gummibändern in der Taille.

Man kann sie als große Abkehr von Christian Diors Wespentaillen-New-Look betrachten, mit dem er zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine neue Mode-Ära einläutete und Geschichte schrieb. So etwas lässt sich in der Form natürlich nicht wiederholen, aber Maria Grazia Chiuris New Look für ein Leben mit dem Virus, soviel kann man festhalten, ist entspannt. Und nachsichtig.

Wird es in Zukunft noch Mode geben?

Was erwartet man auch sonst gerade von neuer Mode? Oder anders: „Wird es in Zukunft noch Mode geben?“ Diese Frage stellte sich der belgische Designer Dries Van Noten zu Beginn des Lockdowns, wie er am Mittwoch anlässlich seiner Digital-Präsentation ebenfalls digital mitteilt. „Einfach. Klar. Nicht langweilig“, das seien die Kriterien gewesen, mit denen er sich dann doch an eine Kollektion gemacht habe, und das Ergebnis, klassische Schnitte mit psychedelisch-optimistischen Farbtupfern, ist so schön, dass man sich darin im kommenden Frühjahr auf ein paar private Feiern im Freien wünscht.

Oder vielleicht mal wieder auf einen offiziellen Termin? Die deutsche Designerin Marie-Christine Statz, die in Paris das Label Gauchere führt, zeigt die Jacken zum Gefühl der Ungewissheit: auf der linken Seite ein klassischer Blazer fürs Meeting und rechts ein Cape, in das man sich verkriechen kann.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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