Modehaus Heilingbrunner

Wenn ein Traditionskaufhaus schließen muss

Von Hannes Hintermeier
15.10.2021
, 09:17
Tochter Martina ist gewissermaßen die Kuratorin einer kleinen Geschichte des deutschen Modehandels.
Ein Textilgeschäft hört auf: Über die letzten Jahre des Modehauses Heilingbrunner in Cham, den Niedergang der Innenstädte – und den Fluch und Segen von Traditionen.
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Ein Gehäuse wie dieses kann ein Gefängnis sein. Mit dicken Mauern und dunklen Gewölben, in denen man als Kind Gespenster und Monster vermutet, mit Dutzenden von Zimmern aus vielen Epochen, mit knarrenden Dielenböden, Linoleum und Teppichböden, verstaubten Speichern, mit Hintertreppen und versteckten Nischen, mit vornehmen Fluren und herrschaftlichen Prunkräumen voller barocker Figuren, und schließlich mit Hunderten Kleiderständern mit Tausenden Hosen, Hemden, Jacken, Kleidern, Blusen, Mänteln, zwischen denen man sich verstecken kann.

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Ein Haus der Lebenden und der Toten, ein Geisterhaus, bewohnt von vielen Geschichten und befeuert von dem Drang, sich immer wieder zu häuten, sich den Zeiten anzuschmiegen, der Familie und sich selbst gerecht zu werden, Schutz zu bieten und Geld zu erwirtschaften, damit seine Bewohner gedeihen und es am Leben erhalten. Ein Gehäuse wie dieses kann auch eine Symbiose sein. So ein Haus, eigentlich sind es drei, die sich ineinander verstrickt haben, steht in der oberpfälzischen Stadt Cham am Marktplatz.

Cham ist eine alte Handelsstadt, ihr Name wird aufs Keltische zurückgeführt. Der Flussname „Chamb“ verweise auf „kambos“ für „krumm“ oder „gewunden“. Als Handelsplatz liegt Cham auf einer alten Route, die von Nürnberg hinüber ins Böhmische, weiter nach Prag und bis nach Moskau führte. Der Regen, ein dunkler Nebenfluss der Donau, umkurvt die kompakte Altstadt wie eine Parabel. Hier, wie überall sonst in Bayern, kann man sehen, wie gut unsere Vorfahren Städte bauen konnten – schon allein, um sich zu schützen –, und wie schlecht die Gegenwart dieses Handwerk beherrscht. Bei der Anfahrt aus dem Süden über die notorisch von Rasern bevölkerte Bundesstraße 20 empfängt einen der übliche Gewerbesiedlungsbrei, hier noch übermäßig garniert mit im kalten Ostwind flatternden Werbebannern, ein regelrechter Flaggenwald des Konsums, billig und ohne jede Feierlichkeit.

Nach so vielen Jahrzehnten müssen Annemarie und Günter Salzberger die Zeitläufte beklagen.
Nach so vielen Jahrzehnten müssen Annemarie und Günter Salzberger die Zeitläufte beklagen. Bild: Hans Mitterer

Schluss, aus, vorbei

Der Marktplatz dagegen zeigt schon ganz gut, was hier alles durcheinandergegangen ist, architektonisch vor allem. Reichlich Leerstand, und manche Geschäfte beklagen die Pandemie mit Plakaten: „Ostbayern sieht schwarz“. Textil Kusch, seit Jahren geschlossen. In der Mitte des Platzes ein Märchen-Brunnen des Bildhauers Joseph Michael Neustifter, der unter anderen den hier geborenen Grafen Nikolaus von Luckner feiert, der es 1791 bis zum Marschall der französischen Armee brachte. Ein ihm zu Ehren komponiertes Kriegslied wurde später zur Marseillaise, weshalb das Glockenspiel im Rathaus von Cham die französische Nationalhymne spielt, jeden Mittag um fünf nach zwölf. Anderes wirkt prosaischer, so hat der Betonklotz, der ein Modeerlebnishaus birgt, eine bunte Luckner- Figur vor dem Eingang postiert, die aussieht, als würde der Marschall gleich vor Langeweile nach hinten umkippen, davor Stadtmobiliar der Neuzeit, Loungemöbel, ein Bücherschrank.

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An der Nordseite des Platzes die drei roten Häuser der Familie Heilingbrunner. Hier hängt kein Schwarzseher-Plakat, sondern eine bittere zweiseitige Abrechnung des Hausherrn, welche Auswirkungen Corona auf die heimische Wirtschaft zeitigt. Nicht von ungefähr verwende man heute das Wort „Klamotten“ und meine damit Wegwerfware. Die Politik verstehe nicht, was sie anrichte. Sie trage zur Zerstörung einer lebendigen Innenstadtkultur bei durch Schwächung des Mittelstands. Und als wären die dunklen Schaufenster Ausdruck dieser Gemütslage, bahnt sich hinter den Mauern etwas an, das eigentlich im Schöpfungsplan solcher Dynastien nicht vorgesehen ist: Das Geschäft wird geschlossen, kein „Sale“ mehr, eine Salve – Schluss, aus, vorbei. Geschäftsaufgabe, keine Nachfolger in Sicht.

Ein Vollsortimenter, wie man früher sagte

Ein solcher Schritt ist in diesen Jahren kein Einzelfall, sondern Symptom für den Wandel vieler historischer Altstädte. Die Frage ist nur, wann? Wird es je den richtigen, selbstbestimmten Augenblick dafür geben? Ursprünglich stammt die Dynastie aus Wasserburg am Inn, dann wurden einzelne Mitglieder nach Moosburg und weiter in den Bayerwald hinauf verheiratet. Stets haben sich die Heilingbrunners für das Gemeinwesen engagiert, Patrizier, die sich als Bürgermeister und Ratsmitglieder verdient machten, eine Josef- Heilingbrunner-Straße im Westen der Stadt kündet davon. Seit dem 18. Jahrhundert ist die Familie in Cham ansässig, 1894 kamen die Häuser in Familienbesitz, sämtliche Brände haben sie schadlos überstanden. Früher fuhren die Bauern mit Fuhrwerken in die Stadt und tauschten hier Flachs gegen Leinen. Seit 130 Jahren ist der Marktplatz 5 ein Textilgeschäft. Ein Vollsortimenter, wie man früher sagte. Damen-, Herren-, Kindermode, Berufskleidung, Bettwäsche, Vorhänge.

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In den großen Zeiten, in den siebziger Jahren, erinnert sich die Chefin Annemarie Salzberger, waren drei Dutzend Personen im Haus beschäftigt. Verkäufer und Verkäuferinnen, Schneiderinnen, Kindermädchen, Köchin, Dienstmädchen, alles, was man braucht, um so eine Maschine am Laufen zu halten. Man war wer, und vor allem war das Geschäft was: Man musste nicht in die nächste Großstadt fahren, um sich angemessen einzukleiden.

Zeugen einer großen Vergangenheit: Einst blühte das Geschäft, nun sitzen die Puppen beschäftigungslos im Laden.
Zeugen einer großen Vergangenheit: Einst blühte das Geschäft, nun sitzen die Puppen beschäftigungslos im Laden. Bild: Hans Mitterer

An der Spitze eines solchen Betriebs zu stehen verpflichtet. Und macht einen jene entscheidende Zentimeter größer, die einem der Glaube wieder nimmt. Bedenke Mensch, dass du katholisch bist und dass Hochmut vor dem Fall kommt. Das ganze Programm halt. Als würde das „Geschäft“ nicht ohnehin dazu neigen, alles zu überwölben, sich seine Betreiber einzuverleiben. Ein echter Kaufmann hört nie zu rechnen auf, und seine Auszeiten sind knapp bemessen.

Da herrschte Zucht und Ordnung

Jeden Tag habe sie ihre Kinder gesehen – eine Stunde lang. Das sagt in der englischen Erfolgsserie „Downton Abbey“ Maggie Smith in der Rolle der Gräfinwitwe. Die Bürgerliche Annemarie Salzberger würde den gleichen Befund formulieren. Nur, dass die 1940 geborene Geschäftsfrau gearbeitet hat, den lieben langen Tag, bis sie abends die Kinder sah. Ihre 80 Jahre sieht man ihr nicht an. Den ganzen Tag treppauf, treppab in diesem verwinkelten Haus mit seinen mehr als 800 Quadratmetern, das hält fit, auch wenn die Knie nicht mehr so recht wollen. Sie ist, wie sich das geziemt im Textilgewerbe, eine gut angezogene, schlanke und gepflegte Erscheinung. Eine geborene Heilingbrunner, ihr Mann Günter Salzberger, zwei Jahre jünger, stammt ebenfalls aus dem Gewerbe. Die Salzbergers, aus Landau an der Isar zugezogen, betrieben in Cham auch ein Textilgeschäft, aber ein nicht ganz so stattliches.

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In seinem Büro steht eine Schneiderbüste, die seine Uniform trägt. Der schneidige Leutnant von der Panzerbrigade im nahen Roding hat seinen ganz eigenen Kopf. Den drei Architekten, die in den siebziger und achtziger Jahren den hinteren Hausteil zur Schwanenstraße hin abreißen wollten, hat er die Tür gewiesen. Annemarie kam als höhere Kaufmannstochter ins Internat zu den Englischen Fräulein nach Regensburg und dann noch für ein gutes Jahr nach Rosenheim, wo sie im Textilkaufhaus Senft eine Ausbildung machte. Die Lehranstalten der Ordensschwestern waren keine Spielplätze zur Gemütsentfaltung, da herrschte Zucht und Ordnung, dafür gab es eine grundsolide schulische Ausbildung. Es sei eine herrliche Zeit gewesen, damals in Rosenheim, schwärmt Annemarie Salzberger, gute Geschäfte mit vielen Kunden, die aus Tirol nach Oberbayern kamen; ein eigenes Fahrrad, Freiheit und eine Perspektive. Doch dann kam die Rückholaktion, sie durfte keine Oberschule besuchen, sondern tat das, was man ihr sagte. Sie fügte sich, kehrte im Alter von 19 Jahren nach Hause zurück und arbeitete im elterlichen Betrieb. Als der Vater sich nicht länger gegen seine Depressionen wehren konnte und aus dem Leben schied, war sie 21. Ihre Großtante habe immer zu ihr gesagt: Du stehst in einer Reihe von starken Frauen. Aber gerade von der Patriarchin fordert das Geschäft seinen Tribut. Sie nahm die Rolle an, sie klagte nicht.

In der Rolle eines Barockpredigers

Das Modekaufhaus Senft hat übrigens 1998 für immer zugesperrt, nach 118 Jahren. Der Patriarch schweigt nicht, er kann nicht anders. Denn Günter Salzberger hat eine rechte Wut auf die Dummheit der Gegenwart, und wie er da so auf der Treppe des überdachten Innenhofs steht, in eine grüne Lodenjacke geschlagen und angriffslustig, hat er sich für die Rolle eines Barockpredigers entschieden, der seiner Gemeinde wortmächtig die Weltlage erklärt. Dabei ist er ganz Sohn dieses widerspenstigen Landstrichs, wir sind hier nicht in einer lieblichen Gegend, sondern in der rauen Oberpfalz. Immer aufs Neue packt ihn die Wut, weil ihn die Zeitgenossen so dermaßen aufregen, dass er sie am Schopf packen möchte, um sie durchzuschütteln, damit sie endlich merken, dass sie in die falsche Richtung rennen. Die Leute fragten ihn ständig, wann er aufhöre. Worauf er sie bescheide, da müssten sie schon da droben anfragen – und dabei zeigt er mit dem Zeigefinger gen Himmel. Lange vor Corona haben der Niedergang und das Ladensterben begonnen. Fuchsteufelswild könnte Salzberger werden, wenn er an die Billigheimer denkt, die Jeans für zehn Euro oder weniger verkaufen. Oder an Kunden, die bei ihm im Laden Hosen probierten, den Strichcode fotografierten, um dann bei einem Online-Händler zu bestellen. Diebstahl sei das, Betrug.

Seit 1969 sind die beiden verheiratet, drei Kinder haben sie bekommen, der Sohn ist Zahnarzt, eine Tochter bei BMW und eine Künstlerin. Es ist Letztere, das mittlere Kind, das sich das Schicksal des Hauses als Ausdruck einer Familiengeschichte am stärksten zu Herzen nimmt. Und wenn man Martina Salzberger durch die Stiegen und Flure auf die Speicher folgt, weiß man, warum. Man erforscht eine verstaubte Schatzkammer, einen begehbaren Super-8-Film. Jede Etage schreit nach einer ordnenden Hand, nach Entrümpelung – aber eben auch nach Bewahren, nach Wertschätzung. Wer in diesen Jahren sein Elternhaus ausräumt, womit viele Babyboomer gerade beschäftigt sind, weiß, was es bedeutet, die Sachen in die Hand nehmen zu müssen, Entscheidungen treffen zu müssen, Geheimnisse aufzudecken.

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Ein Riesengebirge von Arbeit und Abschied

Das ist der Normalfall, der Fall Heilingbrunner ist ein Spezialfall. Ein Museum bundesrepublikanischer Modegeschichte, ohne Kurator. Ganze Abteilungen sind aufgegeben, aber nie geräumt worden. Man geht durch Herrenabteilungen aus den siebziger Jahren, „Derrick“-Szenen steigen aus dem Unbewussten hoch, dann Schulterpolsterexzesse der Achtziger. Der Traum eines jeden Requisiteurs, eine Fundgrube für jede Ausstatterin der Filmindustrie. Und obendrein alles Markenware, solide Qualität, kein Ramsch. In den längst nicht mehr genutzten Repräsentationsräumen zum Marktplatz hin lagert eine beeindruckende Sammlung sakraler Kunst, darunter ein Jesus, der mit seinen Stöpsellocken aussieht, als hätte er bei Bob Marley in der Band gespielt. Auf dem Dachboden liegt neben Kinderwagen, bayerischen Fahnen, Kleiderständern und Puppenhäusern noch Leinen aus den Neunzigern des 19. Jahrhunderts, goldene Kleiderpuppen werben für Rogo-Strümpfe.

Eine Lösung ist nicht in Sicht, nur ein Riesengebirge von Arbeit und Abschied. Das wird ein schwieriges Kapitel in einer an schwierigen Zeiten nicht armen Familiengeschichte. Wie viele Kriegskinder finden die Salzbergers, nach 1945 habe mehr Zuversicht geherrscht als heute, obwohl die Zeiten ungleich schwieriger gewesen seien. Konjunkturdellen habe es immer wieder gegeben, aber auch den großen Aufschwung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als die Tschechen die bayerischen Läden stürmten. Drei große Textilgeschäfte und einen Kurzwarenhändler habe es damals in Cham gegeben, heute zählt Günter Salzberger 28 Textilanbieter in der Stadt, allen voran Aldi und Lidl. Wie soll man da den Leuten erklären, dass Zusammenhalt auch bedeutet, den örtlichen Händler zu unterstützen?

Das Schicksal in Gottes Hand

Keines der Kinder sah eine Zukunft für sich in diesem Geschäft. Die nächste Generation steht an der Schwelle zum Erwachsenenalter, womöglich tragen die Enkel eine Idee in sich, wie es mit dem textilen Erbe weitergehen könnte. Man könne ja auch einfach über den Geschäftsräumen wohnen bleiben, seufzt Annemarie Salzberger. Es hat sich natürlich herumgesprochen, dass hier Schluss sein soll, und aktiv nach Nachfolgern gesucht habe man nicht, aber Interessenten seien schon da gewesen, hätten das „Objekt“ besichtigt. Viel zu kompliziert, viel zu teuer, das barrierefrei umzubauen. Vielleicht ein Seniorenheim?

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Annemarie Salzberger wirkt angesichts der großen Veränderungen, die auf sie zukommen, entspannt. Womöglich könne man mit seiner Zeit auch noch etwas anderes anfangen? Oder man legt sein Schicksal einfach in Gottes Hand, so wie man es all die Jahre versprochen hat zu tun? Draußen auf dem Marktplatz hat jemand Morey Bernsteins okkultistischen Bestseller aus dem Jahr 1973, „Protokoll einer Wiedergeburt“, in den öffentlichen Bücherkasten gestellt. Mal reinlesen, wer weiß. Von sofort an ist dafür genügend Zeit. Anfang September haben die Salzbergers Schilder in die Schaufenster gehängt: „Wir schließen.“ Seitdem hat das Wort Schlussverkauf den Beigeschmack von Wahrheit.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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