Model in der Politik

„Die Art der Performance ist gleich“

Von Frank Pergande
24.04.2021
, 11:18
Sie führt ein Doppelleben: Charlotte Kaiser studiert Politikwissenschaft und arbeitet als Model. Im Interview spricht sie über ihren Weg in den Bundestag, klassische Schönheiten und wo sich Mode und Politik berühren.

Frau Kaiser, wie sind Sie zur Politik gekommen?

Durch Zufall. Oder sagen wir: durch Fügung. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal bei Model United Nations teilgenommen. Das ist ein international mit jungen Leuten besetztes Forum, bei dem die Vereinten Nationen quasi nachgespielt werden. Das gibt es jedes Jahr in Leiden, in den Niederlanden. Jemand war kurzfristig abgesprungen, da fragte mich meine Lehrerin in Worms, ob ich nicht fahren wollte. Das war überhaupt das erste Mal, dass ich mich aktiv mit politischen Themen befasst habe. Und ich habe Feuer gefangen. Model UN kam auch meiner Neigung zu Sprachen entgegen, denn da läuft alles auf Englisch. Und es ist lehrreich, in andere Perspektiven zu schlüpfen, wenn man zum Beispiel China vertreten musste oder den Irak. Da hat sich bei mir ein globales politisches Interesse entwickelt. Und mein Studienwunsch stand fest: Politikwissenschaft.

Sie haben als studentische Mitarbeiterin für den Bundestagsabgeordneten Kai Whittaker von der CDU gearbeitet.

Ich habe mich in meiner Bachelorarbeit mit psychologischen Faktoren beschäftigt: wie es dazu kommt, dass jemand sich klimapolitisch engagiert. Für meine Masterarbeit wollte ich unbedingt praktische Erfahrung im öffentlichen Sektor sammeln, also hinter die Kulissen schauen. Ein Bekannter hat dann den Kontakt zu Kai Whittaker vermittelt. So kam ich auch zur CDU. Ich bin nicht Mitglied der Partei, aber inhaltlich hat das gut gepasst. Ich finde die Klimapolitik von Kai Whittaker mit ihrem ganzheitlichen Ansatz, der immer auch das Soziale mitbedenkt, überzeugender als die der Grünen.

Was haben Sie bei Whittaker gemacht?

Ich hatte mich unter anderem mit den Bürgeranfragen zu beschäftigen. Als es mit Corona anfing, kamen sehr viele Briefe. Ich musste mich mit den Details des Corona-Hilfspakets befassen, in Deutschland und in der EU. Wir hatten mit dem Auswärtigen Amt zu tun, als es darum ging, Leute nach Hause zu holen. Es ging aber auch um ein neues Baugesetz oder Regelungen für Solaranlagen.

Das hat Sie nicht gelangweilt?

Im Gegenteil. Ich habe immer viel gelernt. Mir wurde klar, welche Bedeutung der öffentliche Sektor hat. Der Markt richtet eben nicht alles.

Parteipolitik an sich interessiert Sie nicht?

Ich denke, die Themen heute – etwa die Digitalisierung oder der Klimawandel – lassen sich nicht mehr parteipolitisch lösen. Da müssen viele Akteure aus unterschiedlichen Bereichen an einen Tisch. Ich selbst verstehe mich als Wissenschaftlerin, die eher einen Helikopterblick auf die Dinge behalten möchte. An der CDU interessiert mich einer wie Kai – offen, modern, progressiv. Auch in der SPD und bei den Grünen gibt es natürlich kluge Köpfe. Aber ich bin mir schon bewusst, mit welcher Partei ich die größte Übereinstimmung habe. Mag sein, das liegt daran, dass sich die Inhalte der Parteien oder deren Auftreten geändert haben. Mag aber auch sein, ich bin einfach älter geworden.

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Und das Modeln? Wie kam es dazu?

Auch zufällig. 2015 hatte IMG, eine der großen amerikanischen Agenturen, in den sozialen Medien dazu aufgerufen, Bilder einzuschicken. Da habe ich mitgemacht und wurde angeschrieben. Mit 1,74 Metern bin ich aber für das Modeln eigentlich zu klein. Glücklicherweise kam ich über diesen Weg zu meiner Hamburger Agentur Mega Model Agency. Und von da unter anderem längere Zeit nach Barcelona, Madrid und London. Das Ausland war eine besonders wichtige Erfahrung: das disziplinierte Arbeiten, immer performen, jeden Tag andere Leute am Set. Insgesamt lief es sehr gut. Allerdings musste ich auch feststellen, dass London zum Beispiel damals nicht zu mir gepasst hat. Ich bin eher der „besondere Typ“, und bei der Londoner Agentur gab es viele klassische Schönheiten und entsprechende Anfragen von Kunden. Ich wurde weniger gebucht. Ich hatte noch ein Angebot aus Tokio, aber mir hat die Uni sehr gefehlt. Heute ist das Modeln eine Nebenbeschäftigung, die mir große Freude macht und hilft, mein Studium zu finanzieren.

Konnten Sie die Erfahrungen in die Bundestagsarbeit einbringen?

Eher nebenbei. Kai hat mich mal nach meiner Meinung gefragt, wenn es um seine Anzüge ging. Ich war auch dabei, wenn unser Team Fotos machte oder Videos. Da hieß es: Du hast doch Erfahrung und ein gutes Auge, schau mal drauf. Für mich war es interessant, weil ich da hinter der Kamera stand. Leider hat mir Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir waren dann bald im Homeoffice. Ich habe es bedauert, nicht mehr mit den Kollegen im Paul-Löbe-Haus am Bundestag zu sein. Das Haus hat Atmosphäre und Feeling.

Berühren sich Politik und Modeln auch sonst irgendwo?

In gewisser Weise ja. Man steht viel in der Öffentlichkeit. Und dem, was man dann sieht, sollte die ganze Arbeit, Vorbereitung und Mühe aller Beteiligten im Hintergrund nicht anzumerken sein. Viele Außenstehende haben keine richtige Vorstellung von dem, was die Arbeit von Politikern und Models ausmacht. Auch die Art der Performance ist gleich. Man macht zu 100 Prozent seinen Job, und erst nach vielleicht zehn Stunden, wenn man nach Hause geht, kann man mal wieder an etwas anderes denken. Ich habe schon mit 39 Grad Fieber am Set gestanden und mir nichts anmerken lassen. Ich denke, Abgeordnete erleben mitunter Ähnliches.

Wollen Sie irgendwann in die Politik zurückkehren?

Mein Ziel wäre, später als wissenschaftliche Beraterin im öffentlichen Sektor zu arbeiten, vielleicht bei Parteien. Jetzt bin ich erst einmal an der Duke-Universität in Durham, North Carolina, um mein Masterstudium abzuschließen. Die Duke ist anspruchsvoll, und ich bin nur kurz hier, da habe ich leider keine Zeit fürs Modeln. Ich würde gern noch meinen Doktor anschließen, am liebsten ebenfalls in den Vereinigten Staaten. Dann wäre auch das Modeln wieder interessant. Ich könnte mir eine Agentur in New York oder Los Angeles suchen.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Pergande, Frank
Frank Pergande
Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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