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Modemacher Azzedine Alaïa

Sieht aus wie von heute

Von Alfons Kaiser
 - 21:07
Die Ausstellung präsentiert die Tati-Kollektion von Azzedine Alaïa aus dem Jahr 1991.zur Bildergalerie

Als der tunesische Modemacher Azzedine Alaïa nach Paris kam, musste er klein anfangen. Bei der Gräfin Nicole de Blégiers lebte er seit 1960 im „chambre de bonne“, und als eine Art Mädchen für alles arbeitete er auch für sie. Zum Glück hatte Alaïa im Dezember 1959 Christoph von Weyhe kennengelernt. Der junge deutsche Künstler sollte sich beim Karrierestart als hilfreich erweisen.

Denn über die Gräfin kam der junge Designer, der mit seinen Schneiderkünsten die Frauen begeisterte, der besseren Pariser Gesellschaft näher. Er lernte zum Beispiel Cécile de Rothschild kennen, die wiederum eines Tages sagte: „Azzedine, ich habe eine Überraschung für Sie.“ Und diese Überraschung hieß Greta Garbo.

„Es war unglaublich“, sagt Christoph von Weyhe heute über die große Schauspielerin, die bei dem kleinen Modemacher plötzlich mehrere Kleidungsstücke bestellte, unter anderem einen Damenmantel. Geradezu unglaublich war auch die Folge dieser Bestellung: Christoph von Weyhe musste seinem Freund Azzedine Modell stehen, damit er den Mantel abstecken konnte.

Hunderte Werke des Hamburger Hafens

Christoph von Weyhe, der damals also etwa die Maße von Greta Garbo hatte, erzählt die Anekdote, um die Beziehung zu seinem Partner zu charakterisieren. Mit Azzedine Alaïa, der am 18. November 2017 starb, war er fast sechs Jahrzehnte lang zusammen. Und heute tritt er, manchmal sogar mit Anekdoten, in die Öffentlichkeit, um das Andenken an einen der großen Modeschöpfer von Paris aufrechtzuerhalten, der nicht nur die alten Stars seiner Jugend ausstattete – sondern bis zuletzt auch die Celebritys von heute wie Madonna, Michelle Obama, Naomi Campbell oder Kim Kardashian.

Christoph von Weyhe steht selbst nicht gerne im Fokus. Der Künstler, der lieber an der École des Beaux-Arts studierte, als das holsteinische Gut seines Vaters zu übernehmen, macht Skizzen, steht stundenlang an der Leinwand, malt mehrere Schichten übereinander, mit einem dünnen Pinsel, als ob er schraffieren würde. Sein Lebenswerk: Gemälde des Hamburger Hafens.

Denn was man vielleicht erst wahrnimmt, wenn man aus Norddeutschland fort ist: Hafenansichten sind so vielfältig wie das Licht, die Schiffe, die Anlagen, das Wasser. Und wenn man sie malt, sind sie noch viel schimmernder und schillernder. In den Semesterferien fuhr Christoph von Weyhe nach Hause, mit dem Zug Paris-Kopenhagen, zurück mit dem Zug Kopenhagen-Paris.

„Und wenn der Zug aus dem Hauptbahnhof fährt, fährt er ja zweimal über die Elbe.“ Den Anblick der Norder- und der Süderelbe fand er jedes Mal faszinierend. „Das war so intensiv, dass ich es aufgenommen habe – die Docks, die Architektur, die Schiffe. Es war wie ein Stück Heimat in Paris. Das hat mir hier gefehlt.“ Inzwischen sind es Hunderte Werke vom Hamburger Hafen, mal als Aquarell, mal mit Acrylfarben. Als er anfing, hat er seine Arbeiten noch numeriert, das hat sich dann verloren.

Karl Lagerfeld konnte ihn nicht leiden

Zusammengearbeitet hat er mit seinem Partner wenig; nur Stoffmuster hat er mal für ihn entworfen. Auf jeden Fall teilten sie das Interesse an Kunst. In der Mode hatte Alaïa bald so viel Erfolg, dass die Kunst letztlich nebenher lief. Denn nach seiner Arbeit als Assistent für Dior und bei Guy Laroche, als er also das System kennengelernt und sich selbständig gemacht hatte, liefen ihm die Kundinnen nur so zu. Schnell sprach sich seine Fähigkeit herum, den Körper auch mit Korsagen in ganz neue Form zu bringen und dadurch ungewöhnliche Proportionen zu schaffen. Lady Gaga hat es ihm gedankt.

Nur in einem Zeitgenossen fanden die beiden keinen Freund: Karl Lagerfeld hat sich oft abschätzig über Azzedine Alaïa geäußert, sogar noch nach dessen Tod. Dabei hatten sie ihn schon 1960 kennengelernt. Als die Gräfin Nicole de Blégiers wieder einmal zu ihrem Schloss in Belgien oder einer ihrer Besitzungen in Frankreich aufbrach, fragte Azzedine sie: „Könnte ich mal ein Abendessen in Ihrer Wohnung veranstalten?“ Sie sagte: „Natürlich! Wenn alles heile bleibt.“

Bei diesem Dinner lernte Christoph von Weyhe den jungen Lagerfeld kennen. Beide ahnten allerdings nicht, dass sie sich viel zu erzählen gehabt hätten, denn ihre Väter waren Freunde. Weyhe stammt von einem Gut im Kreis Eutin, und sein Vater lieferte Milch an Otto Lagerfelds „Glücksklee“-Kondensmilchfabrik. „Der Sohn von Otto ist auch in Paris“, sagte Weyhes Vater mal zu ihm, „ihr solltet euch mal kennenlernen.“ Aber das ging gar nicht, denn sein Gegenüber sagte bei dem Dinner nur, dass seine Eltern in Baden-Baden lebten – wohin Otto Lagerfeld mit Frau nach der Pensionierung gezogen war.

Christoph von Weyhe blickt ohnehin lieber in die Zukunft. Er arbeitet an der Stiftung, die Alaïas Werk und seine Sammlung unter anderem von Balenciaga-Kleidern bewahren soll. Dafür wird auch der Keller im Alaïa-Sitz an der Rue de la Verrerie renoviert, so dass es den Ansprüchen der Archivierung genügt. Und dafür hat er nun mit Kurator Olivier Saillard eine Ausstellung organisiert, die Alaïas Tati-Kollektion zeigt. Sie könnte von heute stammen, ist aber schon fast 30 Jahre alt.

Azzedine Alaïa: Une autre pensée sur la mode – la collection Tati. Bis zum 5. Januar 2020, 18 Rue de la Verrerie, Paris

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Kaiser, Alfons
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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