¡Hasta luego, David!

Von CHRISTOPHER MELTZER, Fotos von JULIA VON DER HEIDE

13. Juni 2021 · David Alaba verlässt den FC Bayern. Was bleibt von dem Fußballspieler, der unglaubliche zehn Meisterschaften gewann?

Als er von den Partys im P1 hört, fängt Uli Hoeneß an zu ermitteln. Es ist der Sommer 2012, und der Präsident des FC Bayern ist gerade von einem Mann angerufen worden, der ihm von zwei Fußballspielern erzählt hat, die nachts regelmäßig in München zu sehen seien, vor allem im Club P1, wo die Schickeria der Stadt feiert. Es geht, so hat es Hoeneß später bei einer Mitgliederversammlung verraten, um Franck Ribéry und David Alaba, den Franzosen und den Österreicher. Sie bereiten sich damals tagsüber mit ihrer Mannschaft auf die neue Saison vor. Und nachts?

An der Säbener Straße, wo sich die Bayern-Spieler zum Training versammeln, spricht er Alaba an. „Ich hab‘ gehört, du bist ganz schön unterwegs mit dem Franck Ribéry“, sagt er und konfrontiert ihn mit den Geschichten, von denen sein Informant erzählt hat, von den Partys, vom P1. Alaba antwortet mit Wiener Dialekt: „Herr Präsident, darüber muss i nochdenken.“ Am Tag danach sprechen Hoeneß und Alaba noch mal. „Und, David? Hast du nachgedacht?“, fragt Hoeneß. „Ja, Herr Präsident“, sagt Alaba. „Da muss der Ribéry mit am andern Schwoazen unterwegs g’wesen sein.“  

David Alaba verlässt den FC Bayern. Was bleibt von dem Fußballspieler, der unglaubliche zehn Meisterschaften gewann? Video: Lukas Lechleitner (We Play Forward)

An einem Mittwoch in diesem Februar, es ist kalt in München, steht David Alaba mit Sandalen an den Füßen in einer leergeräumten Boxhalle im Stadtteil Schwabing und stellt sich vorsichtig auf seine Zehenspitzen. Seine Arme liegen seitlich am Körper an. Er sieht aus wie ein Skispringer, den der Wind durch die Luft trägt. Die Fotografin, die vor ihm auf dem Boden sitzt, drückt auf den Knopf ihrer Kamera, bis Alaba das Gleichgewicht nicht mehr halten kann. Er kippt nach vorne. Ein Wort rutscht ihm raus: „Hoppala!“ Dann macht er das, was er in unangenehmen Momenten öfters macht: Er lächelt.

Wenn Alaba, 28 Jahre alt, in der Boxhalle lächelt und spricht, mit seinen weißen Zähnen und seinem Wiener Dialekt, könnte man für einen Moment meinen, dass da immer noch der Schelm steht, der vor fast zehn Jahren mit Franck Ribéry durch die Stadt gezogen ist und danach Uli Hoeneß angeflunkert hat. Doch das täuscht. Da steht nun der wohl berühmteste Sportler Österreichs. Einer, der in den vergangenen Jahren mehr Titel gewonnen hat als die stolzen Skispringer aus seinem Heimatland und so zu einer internationalen Marke geworden ist, die er nicht nur pflegt, indem er mit Fußballschuhen über den Rasen rennt, sondern auch indem er sich in Designer-Sandalen in einer Boxhalle fotografieren lässt. In Zukunft soll diese Marke noch internationaler werden. Am Ende der Saison verlässt David Alaba nach 13 Jahren den FC Bayern. Er wechselt ins Ausland, zu Real Madrid. Und so kann man sich während seiner letzten Tage in München fragen: Was für ein Mensch wird gehen? Und was wird von ihm bleiben?

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Wenn man die Ära Alaba, die in München nun endet, beurteilen will, sollte man sich daran erinnern, wie sie angefangen hat. An einem Tag im Dezember 2007 stellen sich Werner Kern und seine zwei Begleiter an verschiedenen Positionen eines Sportplatzes in der österreichischen Stadt Innsbruck auf. Sie sind aus München angereist und wollen nun aus so vielen Perspektiven wie möglich sehen, was dieser Junge wirklich kann. Er ist erst 14 Jahre alt, spielt an diesem Tag aber für die U18 von Austria Wien. Als Kern, damals Nachwuchsleiter des FC Bayern, in der Halbzeit mit seinen zwei Begleitern zusammenkommt, so hat er es mal in einem Sport1-Interview erzählt, sind sie sich einig: „Mensch, ist das ein Spieler. Der ist super. Den müssen wir holen.“ Es dauert danach nicht mehr lange, bis zu Hause bei den Alabas das Telefon klingelt.

Wo ist für David Alaba zu Hause? Das ist nicht zu überhören, aber wird trotzdem immer wieder übersehen. Ein Beispiel aus der Boxhalle. Als Alaba sich umgezogen hat, kommt ein Handwerker aus dem Keller. Er erkennt, wer da auf seiner Baustelle posiert und will ein Erinnerungsfoto aufnehmen. Als er mit seiner Digitalkamera vor Alaba steht, schaut dieser ihn auf einmal verwundert an. Der Handwerker hat ihn nicht auf Deutsch angesprochen, sondern auf Englisch.

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Es ist leider nicht neu für David Alaba, dessen Mutter auf den Philippinen und dessen Vater in Nigeria geboren wurde, dass man in ihm einen Fremden sieht, weil seine Haut nicht weiß ist. Er ist ein Wiener, aber wird nicht immer wie einer behandelt. Das begann schon in seiner Kindheit im 22. Bezirk der Stadt – und hat trotz allem bis heute nicht aufgehört. In einem zurückliegenden Interview hat er mal gesagt: „Das N-Wort kam immer wieder mal irgendwo vor.“ Und was macht Alaba, als der Handwerker ihn auf Englisch anspricht? Er lächelt.


„Von dem Moment an wollte ich nur zu Bayern München.“
DAVID ALABA

An den Anruf aus Deutschland, der sein Leben verändern wird, kann er sich nicht mehr richtig erinnern, dafür an das Pfingstwochenende 2008. Auf Einladung des FC Bayern fliegt er mit seinem Vater nach München. Als sie am Flughafen ankommen, wartet Werner Kern schon. Er führt sie erst durch die Stadt, dann zur Säbener Straße. Alaba ist beeindruckt. „Von dem Moment an“, sagt er, „wollte ich nur zu Bayern München.“

In der Boxhalle in Schwabing, wo Alaba die Sandalen mittlerweile gegen Sneakers getauscht hat, dröhnt Musik aus Lautsprecherboxen. Als ein neuer Song anläuft, wippt und rappt er mit: „Take me back to the old days.“ Bring mich zurück in die alten Zeiten: Für Alaba sind das auch die Tage im Jugendhaus des FC Bayern, wo er im Sommer 2008 eingezogen ist. Ein bisschen viel Blödsinn habe er dort gemacht, sagt er, aber sportlich steigt er noch schneller auf, als Walter Kern sich das vorgestellt hat. Er spielt so gut, dass der Nachwuchsleiter ihm etwas Ungewöhnliches erlaubt: Alaba darf die Schule, in der er sich stets schwer getan hat, abbrechen. „Er soll sich seine ganzen Erfolgserlebnisse im Fußball holen“, sagt Kern und verfolgt danach, wie sein Plan aufgeht. Am 10. Februar 2010 wechselt Louis van Gaal, der Trainer der Profis, David Alaba im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Fürth ein. Da ist er 17 Jahre und 232 Tage alt.

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Wenn man wissen will, wie David Alaba sich von einem Spieler, der Kommandos entgegengenommen hat, zu einem Spieler entwickelt hat, der sie erteilt, sollte man Michael Reschke fragen. Er war zwischen 2014 und 2017 Technischer Direktor beim FC Bayern und hauptverantwortlich dafür, die Spieler und ihre Entwicklung zu bewerten. Am Telefon fragt Reschke: „Welchen Spieler gibt es international, der auf drei unterschiedlichen Positionen auf Weltklasse-Niveau spielen kann?“ In der großen Welt des Fußballs fällt ihm zur Zeit nur einer ein: David Alaba.

Es sagt viel über Alaba aus, dass er die Champions League schon als Linksverteidiger (2013 in London) und als Innenverteidiger (2020 in Lissabon) gewonnen hat, aber auf seiner Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld meistens nur in der österreichischen Nationalmannschaft spielen darf. Dieser Gegensatz spricht für seine Vielseitigkeit, die Reschke für „brutal außergewöhnlich“ hält, aber vielleicht eben auch für ein Durchsetzungsvermögen, das nur im Zweikampf um den Ball ausgeprägt ist.

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In mehreren Vertragsverhandlungen mit dem FC Bayern, heißt es, sei Alaba ein Mittelfeldplatz in Aussicht gestellt worden, aber erfüllt wurde ihm dieser Wunsch doch nie. Wer wie Reschke einen Spieler erlebt hat, der alle im Verein mit seiner Lebensfreude angesteckt hat, könnte zu dem Schluss kommen: Alaba war zu lieb, um sich mit seinen Vorgesetzten zu streiten. Und trotzdem sollte man sich nicht wundern, dass es in seiner letzten Saison in München doch noch zum großen Zank gekommen ist. Vor einem Jahr hat er nämlich Pini Zahavi beauftragt – einen Mann, der sich für ihn streitet.

Es gibt viele Eigenschaften, mit denen man Zahavi, den berüchtigten Berater, beschreiben kann, aber eines ist er sicher nicht: zu lieb. Er hat als kompromissloser Zwischenhändler viele Millionen verdient – für seine Klienten und natürlich auch für sich selbst. Wenn ein Starspieler wechseln oder einfach nur mit einem Wechsel drohen will, stellt er Zahavi an. Das ist dessen Trademark. Als Zahavi und die Vertreter des FC Bayern wegen einer möglichen Verlängerung von Alabas Vertrag diskutieren, der am 30. Juni dieses Jahres ausläuft, eskalieren die Verhandlungen. Der neue Bayern-Präsident Herbert Hainer verkündet öffentlichkeitswirksam im Live-Fernsehen, dass das Vertragsangebot für Alaba aufgrund einer abgelaufenen Frist, die ignoriert worden sein soll, zurückgezogen wird. Der alte Bayern-Präsident Uli Hoeneß nennt Zahavi daraufhin einen „geldgierigen Piranha“ und wirft Alabas Vater vor, sich von dem Berater beeinflussen zu lassen. Alabas Vater wiederum unterstellt Hoeneß „schmutzige Lügen“ und „dreckige Anschuldigungen“. So geht das weiter, bis irgendwann klar ist: Alaba wird nicht in München bleiben. Was aber bleibt?


Er ist der bisher letzte Spieler aus der eigenen Jugend, der Profi wurde.

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Es gibt in München die Fans, die viel mit David Alaba verbinden werden. Er ist bis heute der letzte Spieler aus der eigenen Jugend, der sich in der Profimannschaft etabliert hat. Er ist zusammen mit Thomas Müller der erste Spieler, der in der großen Geschichte dieses großen Vereins zehnmal die deutsche Meisterschaft gewonnen hat. Er steht für ein Jahrzehnt des Erfolgs. Es gibt aber auch die Fans, die gerne noch mehr mit ihm verbunden hätten. Auf dem Rasen hat er große Spuren hinterlassen. Aber sonst?

Es hat einige verärgert, dass im Vertragspoker mit Alaba mitten in einer Pandemie, in der viele Menschen um Wesentliches fürchten mussten, öffentlich um Millionen gefeilscht wurde, als wäre es das Normalste der Welt. Ging es wirklich ums Geld? Nein, sagt Alaba, mit Geld habe seine Entscheidung nichts zu tun. „Ich möchte was Neues erleben, was Neues sehen.“ Was bleibt aus seiner Sicht? An wen sollen sich die Fans in München erinnern? „An einen Spieler, der wirklich alles gegeben hat. An einen Jungen, der sich hier einen Traum verwirklich konnte und im Herzen hoffentlich immer einen Platz haben wird.“


„Ich möchte was Neues erleben, was Neues sehen.“
DAVID ALABA

Am Tegernsee, wo das Ehepaar Hoeneß wohnt, wird David Alaba diesen Platz immer haben. Das hat mit Uli Hoeneß zu tun, dem Macher in München, der Alaba schätzt, obwohl er sich mit Pini Zahavi zusammengetan hat. Das hat aber auch viel mit Susi Hoeneß zu tun. Als im Dezember 2019 Alabas Sohn zur Welt gekommen ist, hat sie ihm ein Klamottenset vom Tegernsee geschenkt. Das wollte sie unbedingt, denn Alaba war einer ihrer Lieblingsspieler. Er hat sie aber nicht mit den Toren und Trophäen verzückt, sondern mit einer ungewöhnlichen Angewohnheit: An Weihnachten hat er immer persönlich angerufen.

Fotografie: Julia von der Heide
Styling: Markus Ebner
Foto-Assistenz: Stefan Klitzsch
Styling-Assistenz: Evelyn Tye, Mirjana Hecht, Jael Hecht
Fotografiert am 17. Februar 2021 im Boxwerk München

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