Modewoche in Berlin

Die Designer halten die Stellung

Von Celina Plag, Berlin
11.09.2021
, 18:44
Models zeigen die Kreationen des Labels LML Studio bei der Mercedes-Benz Fashion Week im Kraftwerk.
Die Messen sind weg – aber mehr als 70 Designer und Brands haben im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin ihre modischen Ideen für die Zukunft präsentiert.
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Nach der Show ist vor der Show: Die Mercedes-Benz Fashion Week (MBFW) ist zwar vorbei, aber im Flughafen Tempelhof präsentieren an diesem Wochenende im Rahmen der Positions Art Fair auch Modemarken Kollektionen oder künstlerische Positionen, die ersten Labels bereiten sich schon wieder auf immersive Events zur Berlin Art Week vor, und mit der „About You“ läuft sich die Fashion Week für Endverbraucher warm. Zeit, ein erstes Fazit der vergangenen Tage ziehen.

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Mehr als 70 Designer und Brands haben auf der MBFW im Berliner Kraftwerk ihre modischen Ideen für die Zukunft in Gruppenausstellungen, Runway Shows sowie in Panel-Diskussionen präsentiert. Das erste Mal seit gut anderthalb Jahren wieder physisch, wenn auch erweitert um digitale Angebote. Mit Akteuren wie dem Fashion Council Germany, dem Berliner Salon oder dem Reference Festival standen parallel dazu auch jede Menge anderer Akteure auf dem Programm, alle mit einem eigenen Fokus — und einer anderen Zielgruppe.

In Berlin ist das neuerdings ein Grund für Beifall. Schließlich steht die Hauptstadt für modische Vielfalt, für eine grüne Haltung, und für eine Verschmelzung von Mode mit verschiedenen anderen kulturellen Disziplinen wie Kunst, Musik und Nachtleben. Warum hat man so lange versucht, alle in ein starres Kostüm zu quetschen? Die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe hat ihr finanzielles Engagement für die Modewoche in diesem Jahr jedenfalls entsprechend breit gestreut und so die kreative Vielfalt in der Stadt unterstützt.

Kindlich verspielter Blick

Das Fehlen der Mode-Messen, die nach Frankfurt umgezogen sind, fällt kaum auf – als wären sie nie da gewesen. Die jungen bis jung geblieben Designer halten, auch dank der Berliner Subventionierung, die Stellung in der Hauptstadt. Eröffnet wurde die Modewoche wie gewöhnlich mit der Show eines internationalen Nachwuchstalentes, dieses Mal mit der österreichischen Designerin Florentina Leitner. Die Absolventin der Antwerpener Royal Academy of Fine Arts zeigte eine Kollektion, die mit poppigen Volumenkleidern, hautengen Catsuits, Blüten und Schwänen in allen nur erdenklichen Ausführungen — inklusive Federn auf dem Kopf — einen kindlich verspielten Blick auf die Mode der Gegenwart wirft.

Schulmädchen-Referenzen und puffige Bonbon-Ärmel: die Kollektion von Florentina Leitner
Schulmädchen-Referenzen und puffige Bonbon-Ärmel: die Kollektion von Florentina Leitner Bild: dpa

Wer bei den, mal mit Manga-Kopf bedruckten, Ganzkörper-Suits, den puffigen Bonbon-Ärmeln oder Kostümen mit Schulmädchen-Referenzen die kultige Mangaserie Sailor Moon als Inspiriationsquelle vermutete – zumal die Models vor einem an die Wand projizierten Vollmond auf und ab liefen –, der wurde Backstage von der Designerin eines besseren belehrt. Florentina Leitner ging es um Kindheitserinnerungen an Urlaube am Mondsee, die Österreicherin hat dort viele Sommer verbracht. Dennoch war es dann ein Urlaub in der Normandie, in dem die Designerin die Muscheln sammelte, aus denen sie kleine Handtaschen mit dornenartigen Porzellanhenkeln entwarf, und die man sich als witziges Accessoire im Alltag vorstellen kann.

Elegant, aber nicht unterkühlt: Models kurz vor der Show des Labels Fassbender.
Elegant, aber nicht unterkühlt: Models kurz vor der Show des Labels Fassbender. Bild: dpa

Gen Mittelmeer ging es derweil beim Hamburger Label Fassbender. Die Gründer, Christina Fassbender und ihr Bruder Sebastian Steinhoff, übersetzten ein Farbenmeer aus Korall- und Blautönen gepaart mit einem Hauch nordischer Brise in Kleider und Kostüme, die hanseatische Eleganz verkörpern, ohne unterkühlt zu wirken. Darunter etwa taillierte Long Blazer zu luftig weiten Hosen, Mäntel und lange Cardigans zu taillenhohen Jeans. Fassbender engagiert sich seit der Gründung 2017 für mehr Nachhaltigkeit in der Mode. Gefertigt wurde die Kollektion daher etwa aus veganem Leder aus Kaktusseide, aus Baumwoll-Lyocell-Faser, die in Zusammenarbeit mit einer italienischen Manufaktur entwickelt wurde, und aus Denim, das mit rein pflanzlichen und mineralischen Substanzen gefärbt wurde.

Schauspielerin Kate Bosworth war bei Marc Cain zu Gast.
Schauspielerin Kate Bosworth war bei Marc Cain zu Gast. Bild: dpa

Bei Anja Gockel hingen lag „der Strand unter dem Asphalt“, zumindest hat die Designerin ihre Kollektion zum 25-jährigen Jubiläum der eigenen Marke in Anlehnung an den alten Sponti-Spruch der 70er-Jahre benannt. Sinnhaft stand die Mode, die sie im Hotel Adlon zeigte, daher „symbolisch für den Konflikt zwischen engmaschigen Strukturen und der Freiheit des eigenen Lebensglücks“. Modisch setzte Gockel das in einer bunten Farbpalette aus fließenden Blusen und Hosen um, in der sich die Situationistische Internationale vielleicht nicht so wohl gefühlt hätte, dafür aber Gockels Fans und Kundinnen umso mehr.

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Gefeiert wurden Anja Gockel und ihre Mode übrigens gleich doppelt: Neben der Kollektion für die kommende Frühjahr-Sommer-Kollektion als Pressevorführung zeigte Gockel am Abend die neue Herbst-Winter-Kollektion für ihre treuesten Fans. „Meine Kundinnen interessiert, was sie ab jetzt kaufen können und nicht, was im nächsten Jahr passiert“, sagte Gockel. Die Designerin mag recht haben, dass hier eine Strategie für die Zukunft liegen könnte.

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Genderfluide Mode

Um Freiheit ging es auch bei der Tanzperformance mit dem Titel „Keep on Dancing“, die Marc Cain in den UFO Sound Studios präsentierte. Dafür arbeitete das Label aus der Schwäbischen Alb mit dem Choreografen Eric Gauthier vom Stuttgarter Theaterhaus zusammen — und flog, für etwas Extrawirbel vor der Promi-Foto-Wand, die Hollywood-Schauspielerin Kate Bosworth ein.

Dekonstruiert, neu zusammengesetzt und übermalt: Ein Model zeigt Kreationen des Designers William Fan.
Dekonstruiert, neu zusammengesetzt und übermalt: Ein Model zeigt Kreationen des Designers William Fan. Bild: dpa

„Es ist eine Zeit gewesen, wo sich alle zurückhalten mussten. Jetzt wollen wir die Lebensfreude und den Optimismus, die wir in unserer Kollektion zum Ausdruck bringen wollten, auch mit einer Tanzperformance zum Leben erwecken“, erklärte Sonja Balodis, die seit Januar Geschäftsführerin für die Ressorts Marketing und Produkt bei Marc Cain ist — übrigens in einer paritätisch besetzten Führungsspitze. Damit ist man in Bodelshausen, wo Marc Cains eigene Fertigung und Strickerei sitzt, weiter als bei den meisten Berliner Start-ups.

Bei LML Studio ging es auch um Aufmerksamkeit für HIV.
Bei LML Studio ging es auch um Aufmerksamkeit für HIV. Bild: dpa

Viele der hiesigen Designer haben ihre Kollektionen als genderfluid oder unisex entworfen, richten sich also nicht mehr gezielt an nur ein Geschlecht. William Fan ist ein Label, wo viele der luftigen, gestreckten Hemden und Blusen, teils mit asiatischen Design-Anleihen, an Männern und Frauen gleichermaßen gut aussehen. Im Grunde gilt das auch für die langen, eher weiblich konnotierten Abendkleider der Kollektion, die in Schwarz, Tiefblau und Naturtönen gehalten sind.

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Neben Mänteln, Taschen und Accessoires, die Fan meisterhaft beherrscht, steht der Designer immer wieder für kleine Kniffe mit großem Effekt. Neben Blumen-Brokat-Stoffen und Schurwolle ist da zum Beispiel ein Seersucker, bei dem die einzelnen Quadrate des Stoffes überdimensional groß gezogen wurden – und direkt ein Noch-nie-gesehen-Gefühl auslösen. Dieses Mal zeigte Fan außerdem opulenten Stein- und Plastikschmuck, den er über Hemden und zu hoch geklapptem Kragen drapierte. In einer Berliner Neuverfilmung von Marie Antoinette machte sich das gut.

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Passend zum höfischen Gebaren

Höfische Referenzen gab es auch bei Lucas Meyer-Leclère und seinem Label LML Studio. Das passt vor allem zum höfischen Gebären der Berliner Szene mit all ihren Codes und unausgesprochenen Regeln. Der französische Designer, der schon im Designteam von Chanel gearbeitet hat, gestaltet ohnehin Mode für einen Hof voller Narren und Hedonisten, Künstler und exzentrischer Nachtschattengewächse. Da passen seine modischen Liebeserklärungen an das Barock mit Kniebundhosen und Schluppen sowie Longblazern ganz gut. Alles wird mit ordentlich schwarzem Leder gemischt, dekonstruiert und in einem Mix aus gedimmten Farben und Mustern fleißig gelayert.

Meyer-Leclère nimmt dafür stets bereits existierende Mode auseinander, setzt sie neu zusammen und übermalt sie anschließend wild, dieses Mal greift er unter anderem auf Stücke von Budd London, Chanel, Berluti und Dior zurück. Das artistische Niveau ist bei ihm höher als anderswo in der Hauptstadt. „Haute Culture“ nennt der Designer seine Mode. Zurecht. Die Anspielung auf das barocke Leben in dieser Saison ist dabei nicht nur ästhetisch zu verstehen, dem Designer geht es auch um eine neue Höflichkeit: „Ich möchte zeigen, dass auch die Berliner Partykids Manieren haben.“

In handgefertigten Schuhen von Vickerman & Stoya aus Baden-Baden schickte er keine herkömmlichen Models, sondern seine Freunde über den Laufsteg — genau die Zielgruppe, für die seine Mode gemacht ist. Darunter James Janette, Sänger von Wild Daughter, den Stylisten Christian Stemmler und Agnes Gryczkowska, Kuratorin beim Schinkel Pavillon. Neben einem ästhetischen Interesse verfolgt Meyer-Leclère auch ein politisches Anliegen. Unter den Modemalereien fand sich auch „HIV+“ auf mehrere Kleider geschrieben. Damit möchte der Designer auf ein Virus aufmerksam machen, das bis heute mit einem Stigma behaftet ist.

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Abschied vom saisonalen Hamsterrad

Auch bei Richert Beil, dem Duo aus Jale Richert und Michele Beil, wurde die Präsentation der Mode von einer politischen Botschaft begleitet. Das Label inszenierte im Rahmen des Reference Festivals in der vermutlich besten Location der Fashion Week, der Architekturikone „Bierpinsel“, eine „Tagesshow“: Dabei liefen die Models nicht zu Musik, sondern zu den Klängen von aktuellen Nachrichten, die auch auf Bildschirmen übertragen wurden. Die Themen: Naturkatastrophen, Rassismus, die Anerkennung von mehr als zwei Geschlechtern. „Wir haben einen Querschnitt der aktuellen Tagespresse gezogen und sie so zusammengestellt, dass sie einen Überblick über die Thematiken geben, die mehr Aufmerksamkeit benötigen“, hieß es von den Designern. Darin steckt natürlich eine Systemkritik. Der Fokus auf grüne, soziale, gesellschaftskritische Themen passt zur Philosophie des Labels, das laut Richert und Beil „inklusive Kleidung für alle Geschlechter“ entwirft. Das Label hat sich außerdem vom saisonalen Hamsterrad verabschiedet. Ihre Mode soll als eine beständige Kollektion verstanden werden, die nur einmal im Jahr aktualisiert wird.

Manieren? Interesse an Politik? Grüne Zukunft? Auch in der ewigen Partystadt sind „erwachsene“ Themen und Werte angekommen. Kurioserweise wird das ausgerechnet dadurch unterstrichen, dass zur Fashion Week mit Mini Rodini auch ein Baby- und Kidswear-Label seine neue Kollektion den Journalisten und Journalistinnen samt ihren Kindern präsentierte. Dass das schwedische Label ausschließlich mit nachhaltigen Materialien, wie zertifizierter biologischer Wolle, arbeitet, passte bestens. Gründerin Cassandra Rhodin hat vorher als Illustratorin gearbeitet und lässt sich für ihre kunterbunten Prints immer wieder aus ihrer Kindheit inspirieren: Die verbrachte sie bei einer Schaustellerfamilie im Zirkus. Damit dürfte sie sich im herrlich bunten Berliner Modezirkus eigentlich wie zu Hause fühlen.

Quelle: FAZ.NET
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