Möbel-Label TYP

Zwei in Einem

Von Jasmin Jouhar, Fotos Mafalda Rakoš
17.01.2022
, 09:43
Die Stühle von Erich Dieckmann sind zum Großteil in Vergessenheit geraten.
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Bezahlbares Autorendesign, produziert in Europa: Typ heißt die neue Möbelmarke von Helen Thonet und Florian Lambl. Dafür haben sie vergessene Entwürfe aus dem Archiv geholt.
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Am Anfang stand der Stuhl. Als Helen Thonet und Florian Lambl beschlossen, gemeinsam eine Möbelfirma zu gründen, hatten sie nicht den großen Plan oder die schlaue Strategie. Aber sie hatten einen Stuhl, genauer: die Stuhlentwürfe Erich Dieckmanns, die sie für sich entdeckt hatten. Dieckmann gilt als einer der einflussreichsten Möbelgestalter der ersten Jahrhunderthälfte. Er hatte am Weimarer Bauhaus eine Tischlerlehre absolviert und leitete später die Tischlerwerkstätten der Staatlichen Bauhochschule Weimar und der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein Halle. Von den Nationalsozialisten entlassen, starb er schon 1944.

Anders als Marcel Breuer, dessen Stahlrohrmöbel bis heute in großer Zahl produziert werden, gerieten Dieckmanns Arbeiten in Vergessenheit, nur das Fachpublikum kennt heute noch seinen Namen. Das wollten Helen Thonet und Florian Lambl unbedingt ändern. „Dieckmann hat es verdient“, sagt Thonet. Im Oktober starteten sie die neue Möbelmarke Typ. Teil der ersten Kollektion: drei Stuhlmodelle von Dieckmann aus Holz, D1, D1+ und D2. So kurz und nüchtern die Produktnamen sind, so langwierig und komplex war es, die historischen Entwürfe in die Gegenwart zu holen. Dabei bringen die beiden Gründer einiges an Erfahrung in der Branche mit: Helen Thonet ist bei Thonet für Echtheitsbestimmung alter Modelle zuständig, sie hat in die Möbeldynastie eingeheiratet; und der studierte Kommunikationsdesigner Florian Lambl baute als Artdirektor die italienische Möbelmarke Mattiazzi mit auf. Am Ende dauerte es trotzdem drei Jahre, bis die Dieckmann-Stühle reif für die Serienproduktion waren.

Wien: Florian Lambl nahe ihres provisorischen Showrooms; der eigene TYP-Showroom soll 2022 eröffnet werden.
Wien: Florian Lambl nahe ihres provisorischen Showrooms; der eigene TYP-Showroom soll 2022 eröffnet werden. Bild: Mafalda Rakos

Ein Erfolg trotz anfänglicher Komplikationen

„Wir haben viele Rückschläge erlebt“, erinnert sich Thonet, die in Wien lebt, wo Typ seinen Sitz hat. Beim Gespräch in Lambls Berliner Büro ist sie per Videocall zugeschaltet. „Unsere ersten Prototypen waren schlicht zu groß“, ergänzt Lambl. Sie hätten lange keinen der Stühle im Original zur Verfügung gehabt, weil die wenigen erhaltenen Stücke schlichtweg viel zu teuer seien. „Als wir irgendwann doch einen kaufen konnten, haben wir gemerkt: Sie sind ja viel filigraner“, sagt der Designer.

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Mit der Begeisterung für Erich Dieckmann kam Typ also in die Welt – Typ übrigens deutsch ausgesprochen wie „der Typ“. Doch als die Pandemie 2020 das Leben zum Stillstand brachte, mussten Helen Thonet und Florian Lambl den Start der Marke verschieben. Sie nutzten die Gelegenheit, weitere Entwürfe zur Serienreife zu bringen. Neben den drei Dieckmann-Stühlen gehören zur ersten Kollektion nun Sitzmöbel des Bauhaus-Meisters und Künstlers Josef Albers, ein Sofa der 2020 gestorbenen italienischen Architektin und Designerin Cini Boeri und ein Stahlrohrstuhl aus den Dreißigerjahren namens PEL, in einer vom britischen Designer Jasper Morrison verantworteten Version.

Wiederentdeckt haben die beiden Gründer Helen Thonet und Florian Lambl auch Stühle
von dem Bauhäusler Josef Albers.
Wiederentdeckt haben die beiden Gründer Helen Thonet und Florian Lambl auch Stühle von dem Bauhäusler Josef Albers. Bild: Mafalda Rakos

In seinem Berliner Büro hat Lambl mehrere Prototypen und erste Serienmodelle um sich versammelt. Zwischen Schreibtisch, Sofa und Stuhlstapeln bleibt kaum noch freie Fläche. Beim Gespräch sitzt er auf einem PEL mit schwarzem Gestell und olivfarbener Bespannung. Der so einfach wirkende Stuhl erwies sich ebenfalls als ziemliche Herausforderung. Ursprünglich 1931 vom österreichischen Gestalter Bruno Pollock entworfen, produzierte die britische Firma Practical Equipment Ltd (daher PEL) den Stuhl seit 1934 in verschiedenen Varianten. Dabei war es noch der leichteste Teil der Aufgabe, den durchaus eigensinnigen Jasper Morrison für eine Überarbeitung zu gewinnen: Thonet und Lambl hatten gehört, dass der Brite schon lange ein großer Fan dieses Modells ist, er sagte binnen eines Tages zu. Als Problem stellte sich aber die textile Bespannung des Stuhls heraus. PEL sollte draußen so gut wie drinnen funktionieren, die Gründer mussten lange nach einem dafür geeigneten Canvasstoff suchen. Und während früher die Stücke für Rücken und Sitzfläche passgenau einzeln gewebt wurden, gibt es den Stoff heute nur noch von der Rolle. Lambl holt einen der PEL-Prototypen und zeigt, wie sie die Befestigung des Stoffs am Rahmen ausgetüftelt haben. Die Details von Wien und Berlin aus mit Jasper Morrison in London zu entwickeln, zog sich wegen Brexit und Corona hin. „Das waren zum Teil sehr lange Prozesse“, sagt Thonet.

Zurück in die Gegenwart: PEL heißt dieser schlichte Stahlrohrstuhl für drinnen und draußen. Der Entwurf stammt schon aus den Dreißigerjahren, der Brite Jasper Morrison hat ihn für Typ auf den neuesten Stand gebracht.
Zurück in die Gegenwart: PEL heißt dieser schlichte Stahlrohrstuhl für drinnen und draußen. Der Entwurf stammt schon aus den Dreißigerjahren, der Brite Jasper Morrison hat ihn für Typ auf den neuesten Stand gebracht. Bild: Mafalda Rakos

Auch wenn Helen Thonet und Florian Lambl nicht mit dem großen Plan gestartet sind: Dass ihre Möbel in Europa produziert werden sollten, das war ihnen von Anfang an klar. So lassen sie hauptsächlich in Oberitalien fertigen, dort sitzen viele Zulieferer der italienischen Möbelindustrie. Gepolstert wird in der Slowakei. Doch mit diesem Anspruch sind sie auch schon an ihre Grenzen gekommen, etwa bei dem einzigen zeitgenössischen Entwurf der ersten Typ-Kollektion, dem Stuhl Tube aus Aluminiumrohr. Der Charme des Entwurfs liegt im Detail: Die Rohre werden mit Verbindungsstücken zusammengehalten, wie man sie von den Haltestangen in Bussen und Bahnen kennt. Und diese Teile müssen Thonet und Lambl zu ihrem Bedauern aus Asien beziehen, denn aus europäischer Produktion wären sie ein Vielfaches teurer gewesen. Zusammengebaut wird der Stuhl des Wiener Designers Klemens Schillinger aber in Europa.

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Günstiger als manch anderes Stück Autorendesign

An dem kleinen Verbindungsstück zeigt sich das ganze Dilemma des Möbeldesigns: Der Herstellungsort bestimmt häufig den Preis. Und hochwertige Möbel, von Designern gestaltet und in Europa gefertigt, sind für viele Menschen kaum bezahlbar. „Oft ist es doch so: Es gibt ein Produkt, das man toll findet, das man am liebsten hätte“, sagt Florian Lambl. „Aber es ist einfach zu teuer.“ Auch die Typ-Möbel sind nicht billig. „Wir haben unseren Preis“, sagt Thonet. „Qualität und Design müssen stimmen.“ Sie sind aber günstiger als manch anderes Stück Autorendesign. Schillingers Stuhl beispielsweise ist von 189 Euro an zu haben, PEL von 229 Euro, der günstigste Dieckmann-Stuhl von 299 Euro an, und Cini Boeris Sofa Bacone gibt es in der kleineren Variante von 1.199 Euro an.

Wie die beiden das schaffen? Sie achteten darauf, dass in der Produktion möglichst wenig Material verbraucht werde und möglichst wenig Abfall entstehe, sagt Lambl. Das Holz für die Dieckmann-Stühle etwa könne man extrem rational zuschneiden. „Geringe Maschinenkosten, wenige Personalkosten, wir haben schlanke Strukturen.“ Und weil sie ihre Produkte hauptsächlich selbst vertreiben, etwa über die Website und über Instagram, können sie die Händlermarge in der Preiskalkulation einsparen. Dafür müssen sie mit dem Auto quer durch Europa fahren und ihre Möbel vorstellen. „Nun heißt es verkaufen, verkaufen“, sagt Helen Thonet und lacht.

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Außerdem auf der Agenda für dieses Jahr: die Eröffnung des ersten eigenen Typ-Ladens. Geplant ist ein Standort in Wien, ein Café, in dem die Produkte zum Einsatz kommen sollen. „Es wird ,Typ‘ heißen, aber nicht jeder Gast muss wissen, dass eine Möbelfirma dahintersteht“, sagt Thonet. Dieses Konzept zunächst in Wien auszuprobieren liegt für die beiden auf der Hand, schließlich sei in der Stadt die Kaffeehaus-Kultur besonders prägend. Dazu gehört auch der klassische Kaffeehausstuhl.

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Die kulturellen Aspekte von Design zu vermitteln, das ist ihnen ohnehin ein Anliegen. Es gehe um ikonografisches Design, um Produkte, die man ein Leben lang benutzen und vererben könne, sagt Florian Lambl. Dafür brauchen sie nicht den großen Plan oder die schlaue Strategie – Thonet und Lambl verlassen sich oft auf ihre Intuition. „ Wir machen das aus dem Bauch heraus“, sagt Lambl. „Das macht den Spirit aus.“ Etwa als er 2019 Cini Boeri kurz vor ihrem Tod in ihrem Mailänder Atelier besuchte und sich Entwürfe zeigen ließ, die für die Produktion verfügbar wären: „Da hatte ich so ein Gefühl im Bauch“, erinnert er sich. Sofort wusste er: „ Jetzt heben wir einen Schatz.“

Quelle: F.A.Z. Magazin
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