Fortunys Neuanfang

Das sind die Stoffe für große Erzählungen

Von Stefanie Schütte, Fotos Helmut Fricke
04.07.2022
, 14:06
Die Marke Fortuny wird 100 Jahre nach Gründung ihrer Textilfabrik in Venedig wiederbelebt. Auch ihre berühmten Plisseekleider, die schon Sarah Bernhardt liebte, sollen wieder flattern.
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Fortuny – dieses Wort klingt wie ein Versprechen. Glück und Geschick, eben Fortune, beschwört der aus dem Katalanischen stammende Nachname. Wer am Bahnhof von Venedig das Vaporetto besteigt und durch den Canale della Giudecca Richtung Markusbecken fährt, sieht nach wenigen Minuten auf der Steuerbordseite die große Aufschrift am Empfangsgebäude einer historischen Textilfabrik auf der Insel Giudecca. Schon als Sechsjähriger fragte sich Alberto Torsello, was sich hinter den Mauern mit diesem Namen verbergen könnte. Damals wohnte der gebürtige Venezianer mit seiner Mutter gegenüber und blickte täglich auf den Schriftzug. Ein halbes Jahrhundert später ist er angetreten, Fortuny neuen Glanz zu verleihen.

Mariano Fortuny y Madrazo (1871 bis 1949) galt zu Lebzeiten als „Magier von Venedig“. Der gebürtige Spanier, Spross einer Künstlerfamilie, war ein Universalgenie und errang mit seinen Stoffen, seinen Lichtinstallationen und seinen schon von Marcel Proust bewunderten Plisseekleidern Weltruhm. Mit seiner Textilfabrik, die bis heute produziert, hat er ein einmaliges Erbe hinterlassen, nicht nur den Venezianern. Die Fabrik gehört den amerikanischen Brüdern Mickey und Maury Riad.

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Vor wenigen Monaten haben sie Torsello zum neuen künstlerischen Direktor des Hauses ernannt. Der Italiener ist ein bekannter Architekt, der auf den Erhalt und die Erneuerung des historischen Erbes der Stadt spezialisiert ist. Er hat die Scuola Grande della Misericordia und die Fassade des Dogenpalasts restauriert und wurde für sein sensibles Design mit dem Compasso d’Oro ausgezeichnet. Als erste Probe seines Könnens für Fortuny hat er den Showroom der Fabrik neu gestaltet.

Herstellung? Geheim!

Aus dem eigentlich anlässlich der venezianischen Kunsthandwerksschau Homo Faber erdachten Projekt wurde eine Gesamtaufgabe. Und so steht Torsello nun auf dem Fabrikgelände neben der einstigen Getreidemühle Molino Stucky und sieht sich als neuen Dirigenten eines Orchesters. „Ich bin gleichsam in die Tiefe des Meeres eingetaucht, um die Bedeutung von Fortuny zu verstehen“, sagt er. „Ich habe mit den Arbeitern und Angestellten gesprochen, mit dem Chef der Produktion und der administrativen Leitung. Es muss wieder einen Teamgeist geben.“ Die Fabrik existiere auch deswegen schon so lange, weil es stets ein Zugehörigkeitsgefühl gegeben habe.

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Stille herrscht auf diesem Teil der Giudecca. Hier verwirklichten Fortuny, seine Frau Henriette und später auch die Nachfolgerin der beiden, Elsie McNeill, ihre Vorstellungen stoffgewordener Noblesse. 35 Personen arbeiten an Fertigung und Verkauf von Interior-Stoffen, Kissen, Schirmen oder textilen Buchumschlägen – feinen Nischenprodukten, um deren Herstellung seit jeher ein Geheimnis gewoben wird. Kein Externer hat Zutritt zu den Räumen. Das war schon zu Fortunys Zeiten so. Selbst McNeills venezianischer Ehemann, der Conte Gozzi, durfte die Räume nicht betreten.

Die Fenster sind mit Rollos abgehängt, irgendwo erhascht man zumindest einen Blick auf kostbare Stoffrollen, bereit für den Versand. Der sattgrüne Garten mit dem von Contessa Elsie in Auftrag gegebenen alten Schwimmbad verstärkt die meditative Atmosphäre noch. 1922 gründete Fortuny die Fabrik auf dem einstigen Gelände eines Konvents, um in größeren Mengen produzieren zu können. Die exquisiten Fortuny-Kleider wie das Modell Delphos hingegen wurden weiterhin in einem kleinen Atelier in seiner Wohnstätte, dem Palazzo Pesaro degli Orfei, im Sestiere San Marco gefertigt.

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Mit ihren wellenartigen Plissees zählen sie bis heute zu den elegantesten Kleidern der Geschichte. Die Tänzerin Isadora Duncan, die Schauspielerinnen Eleonora Duse und Sarah Bernhardt liebten die fließenden Entwürfe im Stil der Antike. Marcel Prousts modebewusste Romanfigur, die Herzogin von Guermantes, besitzt etliche von ihnen. Fortuny war nicht nur mit Proust befreundet, sondern auch mit vielen anderen Künstlern seiner Zeit: Reynaldo Hahn, Gabriele D’Annunzio, Paul Morand.

Alles schien den Spanier, der 1889 nach dem frühen Tod des Vaters mit seiner Mutter und der Schwester nach Venedig gezogen war, zu interessieren: Malerei, Fotografie, Bühnenbild, Inneneinrichtung, Farbherstellung, Lichttechnik. Für das Theater entwickelte er ein System indirekter Beleuchtung, das als genial galt. Vom Licht war Fortuny regelrecht besessen. Die dichten Plissees seiner Kleider, das Gold, Silber und Kupfer, das er seinen Farben für die Stoffe beimengte – alles diente der Brechung des Lichts, den Reflexionen, die an das bläulichgolden schillernde Wasser der Lagune erinnern.

Und so ist das Licht eine der Säulen von Alberto Torsellos Konzept für den Relaunch der Textilmarke. „Ich bin kein Stoffdesigner“, sagt er. „Aber auch als Architekt denke ich immer an das Licht. Und in Mariano Fortuny fand ich jemanden, der genau darüber arbeitete. Es wäre etwas Anderes gewesen mit Stoffen, bei denen es einfach um Muster ging. Doch diese Stoffe erzählen vom Licht, vom Volumen, von Räumen.“ Eine andere Säule seines Konzepts ist das Thema Theater.

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Wie im Theater inszeniert

Torsello hat die Stoffe, die an Fortunys Bühnenbilder und -kostüme erinnern sollen, wie ein Theater inszeniert. Verborgen unter einer schmalen Eisenkonstruktion, können sie durch lange Ketten in voreinander liegenden Schichten herabgelassen werden. Auch das Motiv „Reisen“ lässt Torsello anklingen. Zwei große Truhen im neuen Showroom erinnern an die Überseekisten, mit denen Mariano und Henriette Fortuny von Venedig aus aufbrachen, um in der Welt Inspiration zu finden. Schon Fortunys Mutter hatte eine große Sammlung von Stoffen verschiedenster Herkunft besessen, von Bildern und von Büchern.

Als Kind schwelgte Mariano Fortuny in einem Universum von Farben und Mustern. In der Fabrik werden ägyptische Baumwolle, Baumwoll-Mako oder Serge-Gewebe wie früher in mehreren Lagen gefärbt und nach den von Fortuny und seiner Frau entwickelten Verfahren bedruckt. Nur bei der Rezeptur der Farben hat sich etwas geändert: Einige der aus organischen Substanzen entwickelten Farben durften später nicht mehr hergestellt werden. Doch immer noch schimmern die Stoffe sanft in den schönsten Tönen, bedruckt mit Mustern der Renaissance, orientalischen Arabesken, afrikanischen Ornamenten, italienischen Blattformen oder goldglänzenden Linien.

Das Verblassen der Marke Fortuny mag für den Fortbestand der Fabrik in einer Hinsicht ein Glücksfall gewesen sein. Alles scheint noch ungestört an seinem Platz zu sein. Die Möbel in der Palazzina, die Elsie McNeill für sich und den Conte auf dem Firmengelände errichten ließ, stehen da wie im Dornröschenschlaf. In ihren Schubladen findet man alte Farben von Fortuny, viele Fotoplatten und frühere Auftragsbücher. Die komplexe Erbfolgegeschichte trug sicherlich zu dem Schattendasein bei. Als Fortuny 1949 starb, versuchte seine Witwe, die Geschäfte zunächst alleine weiterzuführen.

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Sie sah sich jedoch der Aufgabe nicht gewachsen und bat schließlich Elsie McNeill um Hilfe, von der Henriette Fortuny glaubte, nur sie könne Produktion und Vertrieb steuern. McNeill, stilbewusste Inneneinrichterin und amerikanische Repräsentantin von Fortuny, hatte maßgeblich zum internationalen Erfolg der Marke beigetragen. Nach langem Zögern ließ sie sich erweichen und nahm die Dinge in die Hand. Das Wohnhaus mit dem Atelier für die Seidenkleider hinterließ Henriette Fortuny der Stadt Venedig.

Venezianische Magie

Das gespaltene Erbe begünstigte auch, dass in den vergangenen Jahrzehnten ein weiteres Unternehmen mit dem Namen Fortuny entstand, das bis heute Leuchten in der Tradition des „Magiers von Venedig“ verkauft und Seidenkleider und Kimonos in dessen Stil produziert. Elsie McNeill starb 1994. Wie die Fortunys war sie kinderlos geblieben und hatte ihrerseits ihren amerikanischen Anwalt Maged Riad überredet, die Fabrik zu kaufen und nach ihrem Tod ihr Erbe fortzuführen. So fanden sich dessen Söhne plötzlich mit einer unverhofften Verbindung nach Venedig konfrontiert. Erst zwei Jahre nach der Übernahme der Marke von Elsie McNeill habe sein Vater ihm davon erzählt, berichtet Mickey Riad.

„Du kennst doch Fortuny“, so habe er gesagt. Um dann fortzufahren: „Nun, mir gehört diese Marke.“ Mickey Riad war damals 16. Seitdem fühlt sich der New Yorker für die Geschicke der venezianischen Marke verantwortlich. Verluste habe die Fabrik nie gemacht, sagt er. Es habe auch einzelne Projekte mit Modedesignern wie Rick Owens und der Marke Valentino gegeben. Und doch seien ihm vor Rührung die Tränen gekommen, als Alberto Torsello ihm und seinem Bruder sein Konzept für Fortuny vorgestellt habe. Gut 150 Jahre nach Mariano Fortunys Geburt und 100 Jahre nach dem Produktionsbeginn in der Fabrik herrscht Aufbruchstimmung.

Stoffe, Schirme, Kissen – alles soll anders gedacht werden. Sogar eine Wiederauflage der legendären Plisseekleider ist laut Alberto Torsello in Planung. Die Familie Riad arbeite schon seit einigen Jahren an diesem Projekt. Inzwischen scheint die hohe Qualität der Entwürfe von damals erreichbar zu sein. Vielleicht kann neben der Glasbläserei und dem Bootsbau auch die Expertise im Umgang mit Stoffen Venedig einen neuen Weg in die Zukunft weisen. „Made in Venice“ als Synonym für große Handwerkskunst: Der Serenissima, die vom Massentourismus geplagt ist, würde es gut zu Gesicht stehen.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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