New Yorker Modewoche

Optimismus und Mode unter freiem Himmel

Von Chiara Einsath
13.09.2021
, 18:18
Der Designer Prabal Gurung stellte seine Kollektion über den Dächern von New York vor.
Die New York Fashion Week fand nach 18 Monaten Pause erstmals wieder vor Zuschauern statt. Das Publikum war kleiner, die Möglichkeiten begrenzter – aber die Freude umso größer.

„Die Welt schaut auf uns, wenn es um Mode geht“, sagte Kathy Hochul, die frisch ernannte Gouverneurin des Bundesstaats New York, in der vergangenen Woche zur Eröffnung der New York Fashion Week gegenüber der Vogue. Und auch wenn viele das Spektakel pandemiebedingt noch vor ihren Bildschirmen anschauen mussten, ist eins sicher: Die New Yorker Modewoche hatte ihr Comeback. Seit eineinhalb Jahren fand sie erstmals wieder vor Ort statt – wenn auch nicht in voller Pracht. Internationale Gäste konnten nicht anreisen, die Besucherzahlen vor Ort waren begrenzt, und so setzten einige Marken weiterhin auf Online-Livestreams. Die anderen Designer stellten ihre Kollektionen vorwiegend unter freiem Himmel vor.

Der perfekte Zeitpunkt für eine freudige Rückkehr der New Yorker Modewoche sieht anders aus, hat New York doch noch mit der Pandemie und den Auswirkungen der Überschwemmungen nach dem Hurrikan “Ida” vor zwei Wochen zu kämpfen, obendrein fiel die Modewoche mit dem 20. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center zusammen. Doch die Mode begegnete der düsteren Gegenwart mit Optimismus. Am Mittwoch ging es los mit Collina Strada, die ihre nachhaltige Kollektion auf New Yorks größtem Dach-Garten zeigte. Ihr folgte ein Mix aus großen Modehäusern und Jungdesignern, den Abschluss bildeten die Luxushäuser Oscar de la Renta, Tory Burch und Tom Ford.

Einmal wieder Kind sein?

Gerade in unsicheren und unvorhersehbaren Zeiten erinnern wir uns gerne an frühere Tage zurück, suchen Sicherheit in der Nostalgie. Diesen Ansatz drehte Jeremy Scott ins Extreme und schickte die Models mit quietschbunten Kleidern, Röcken und Cropped-Blazern über den Laufsteg, die Kaninchen-, Elefanten-, und Entenmuster zierten. Gigi Hadid nuckelte zum Ende sogar an ihrer Clutch, die wie eine Babyflasche aussah. Auch bei der Location setzte der Modeschöpfer auf eine Rückbesinnung: Die Show fand im Bryant Park statt – eine Hommage an seine Zeit in der Metropole, in der der Park das Herzstück der New Yorker Schauen war. Das Highlight der Show war das Laufstegdebüt von Aaron Philip. 2018 war sie die erste Transperson of Color mit einer Behinderung, die von einer großen Modelagentur vertreten wurde. „Ich hoffe, dies ist erst der Anfang und inspiriert auch andere globale Marken, wirklich daran zu arbeiten, behinderte Talente in ihre Shows aufzunehmen“, so Philip.

Der Kreativdirektor Jeremy Scott erscheint zum Abschluss seiner Moschino Show mit dem Model Aaron Philip auf dem Laufsteg.
Der Kreativdirektor Jeremy Scott erscheint zum Abschluss seiner Moschino Show mit dem Model Aaron Philip auf dem Laufsteg. Bild: dpa

Um Inklusion ging es ebenfalls in Prabal Gurungs Show. Der Designer ließ die Grenzen binärer Geschlechterrollen auf dem Laufsteg verschwimmen. Alle Geschlechter trugen gleichermaßen puffige Kleider, Blazer und seine namhaften Blumenmuster. Er ist bekannt dafür, sich mit Femininität zu beschäftigen, sie zu hinterfragen und neu zu definieren: „Ich habe mich schon immer von Frauen und meinen femininen Freunden inspirieren lassen.“ Die fließenden Stoffe und leuchtenden Farben verkörpern Stärke und Leichtigkeit. Gurung zitiert für seine SS21 Kollektion die US-Amerikanische Moderedakteurin und Schriftstellerin Robin Givhan: „Mädchenhaft zu sein heißt mächtig zu sein, denn Macht wird neu definiert.“

Liebe, Liebe und noch mehr Liebe

Optimistisch in die Zukunft blicken: Das war immer wieder Thema in den Kollektionen und Schauen. Besonders viel Romantik und Positivität war bei Michael Kors’ „Urban Romance“ vorhanden. „Ich denke, wir sind alle bereit, uns auf die einfachen, mächtigen Genüsse der Liebe zu konzentrieren – der romantischen Liebe, der Liebe zueinander, der Liebe zu den Orten, die uns Kraft geben, was in meinem Fall New York City ist“, erzählt Kors mit einem ruhigen und dennoch freudigen Unterton. Die Looks sind geprägt von klassischen Schnitten und einer großen Prise Optimismus. Zwei Outfits fallen durch einen schwarzen Turtleneck mit knallrotem Herz und einer darauf liegenden Hand besonders auf. Eine Hommage an die gemeinnützige Organisation „God’s Love We Deliver“, die Mahlzeiten zubereitet und an schwererkrankte Einwohner in New York liefert. Der Designer arbeitete das erste Mal bereits in den 1980ern mit ihnen zusammen.

In der Michael Kors Kollektion gab es neben gedeckten Farben noch einige Looks in Pastelltönen.
In der Michael Kors Kollektion gab es neben gedeckten Farben noch einige Looks in Pastelltönen. Bild: AP

Optimistisch blickte auch Tom Ford auf seine Kollektion, die am Sonntagabend als letzte Show die Fashion Week beschloss: „Ich denke, dass dies eine hoffnungsvolle Kollektion ist, in einem Moment, in dem wir alle Hoffnung brauchen“, schrieb Tom Ford in seinen Shownotes. Und damit beschreibt der 60-jährige seine Looks der kommenden Frühjahrs- und Sommersaison perfekt. Von Pailletten, zu knalligem Pink, Blau und Grün. Schimmernde Stoffe und sportliche Schnitte – die Designs wirkten wie ein Startschuss in die hoffentlich bald beginnende Post-Pandemie-Zeit.

Trendfarben für das nächste Frühjahr spiegeln Sehnsucht wider

Dass die dominierenden Inspirationen der Kollektionen Hoffnung und Vorfreude sind, trifft den Zeitgeist. Passend dazu verkündete das Farbinstitut Pantone den New York Fashion Week-Trendbericht für SS22. Demnach sollen die Farben der neuen Saison „Ruhe und Komfort mit freigeistigem Optimismus und dem Wunsch nach freudigen Abenteuern“ verbinden. Wie das aussieht? Leuchtende Töne in Pink, Rot und Osterglockengelb ergänzen pastelliges Blau und pudriges Rose. Die ruhigen und feurigen Töne halten die Balance zwischen Aufregung und Ausbruch und dem Bedürfnis nach Vertrautheit und Sicherheit.

Quelle: FAZ.NET
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