Designer Nils Holger Moormann

„Der Verrückte will bleiben“

Von Florian Siebeck
Aktualisiert am 22.11.2020
 - 22:39
Nils Holger Moormann hat er seine Firma an Kristina Münnix und Christian Knorst verkauft.zur Bildergalerie
Der Unternehmer und Designer Nils Holger Moormann über den Verkauf seines Unternehmens, das Entstehen wegweisender Entwürfe und das Gefühl, in Design verknallt zu sein.

Herr Moormann, vor 36 Jahren haben Sie Ihr gleichnamiges Möbelunternehmen gegründet. Nun verkaufen Sie Ihre Anteile. Warum?

Je weiter das Alter voranschreitet, umso mehr Gedanken macht man sich natürlich. Ich bin jetzt stolze 67 und glaube ganz frech, als Autodidakt im Design alles erreicht zu haben, was man erreichen kann und will. Ich habe nichts ausgelassen. Was wäre die Alternative? Immer weitermachen? Immer weiterwachsen? Größe hat mich nie interessiert. Und ist es nicht toll, nicht jemanden bitten zu müssen, die Firma zu übernehmen, sondern eine gesunde Firma in neue Hände zu legen? Jetzt ist der bestmögliche Zeitpunkt. Uns geht es wirtschaftlich so gut, es ist schon fast beängstigend.

Trotz Corona?

Wir haben den höchsten Auftragsbestand unserer Geschichte. Das ist wie eine kleine Sonderkonjunktur. Die Leute bleiben mehrheitlich zu Hause, schauen sich ihre Wände an und wollen etwas ändern. Und fragen sich in schwierigen Zeit nicht nur: Ist das schön? Will ich das haben? Sondern auch: Wieso und warum macht der Hersteller das, wo kommt das her? Das ist alles, was unsere Firma ausmacht. Es freut mich, wenn der Kunde das hinterfragt.

Trotzdem gehen Sie.

Für mich war der Entschluss klar. Ich möchte kein abgehalfterter Kapitän werden, der vergessen hat, am letzten Hafen von Bord zu gehen. Aber ich habe keine Kinder. Meine erste Überlegung war deshalb: anhalten, aussteigen, Firma schließen. Wenn man dann aber eine Nacht drüber schläft, offenbaren sich doch Schwierigkeiten. Mitarbeiter, Zulieferer, Kunden kommen in wirtschaftliche Not, nur weil ich keine Lust mehr habe. Daraufhin habe ich mich auf die Suche nach einem Nachfolger gemacht, wider Erwarten haben sich sogar mehrere Investoren gefunden. Ich hatte vorher nie mit Investoren zu tun, die waren auch alle saunett, aber die sagten Dinge wie: "Sie haben eine tolle Firma, aber Sie sind zu klein. Die Umsätze müsste man in eine andere Dimension bringen." Das fühlte sich nicht gut an.

Dann haben Sie Kristina Münnix und Christian Knorst gefunden: ein Geschwisterpaar, das sich auf die Übernahme von kleinen und mittelständischen Unternehmen spezialisiert hat. Was machen sie anders?

Sie bringen eine lokale Nähe mit, können sich also selbst einbringen. Und: Sie gehen mit ihrem eigenen Kapital heran, tragen selbst das Risiko. Erfahrungen in der Möbelbranche haben sie nicht. Das war einer der Gründe, warum ich mich für sie entschieden habe.

Wie kann man das verstehen?

So eine Firma weiterzuführen ist ein schwieriges Unterfangen. Wenn dann jemand nur so eine halbe Idee davon hat und das irgendwo integriert oder auslutscht – oder noch schlimmer: mich einfach kopiert -, dann finde ich das schwierig. Man muss eigentlich bei null anfangen, ohne die Wurzeln zu vergessen. Mir genügt, dass ich bei Frau Münnix und Herrn Knorst die Leidenschaft für Design in den Augen funkeln sehe. Das ist eine unglaubliche Kraft, ich habe sie selbst erfahren. Ich bin abgebrochener Jurist, hatte keine Ahnung von Design und Geschäft. So habe ich losgelegt, und mit Glück ist daraus eine veritable Firma geworden.

Sie hatten aber auch ein Händchen für gute Ideen. Manche Ihrer Möbel wie das modulare Regal FNP von Axel Kufus sind zu Ikonen geworden, der Kipp-Schuhschrank von Hanspeter Weidmann, der Ihnen zum Durchbruch verhalf, wurde millionenfach kopiert.

Ich hatte keine Ahnung von Design, aber immer eine Faszination für Schönheit und Funktion. Und bei aller Lautheit auch immer eine demütige Bescheidenheit. Für mich war es aus dieser Position heraus natürlich einfacher, Funktionen zu hinterfragen. Möbel zu erfinden, die in der Herstellung tricky sind, oder eine neue Funktion haben, die es so noch nie am Markt gab. Mit der „Schuhkippe“ konnte man in einem engen Flur mit einem Mal zehn Paar Schuhe wegräumen. Je mehr man sich mit Gestaltung beschäftigt, umso stärker wird dann natürlich der Blick. Ich wollte immer so reduziert und einfach wie möglich bleiben. Wir wissen ja alle: Das Einfache ist das wirklich Schwere, weil man nichts kaschieren oder übertünchen kann. Sie müssen den Urcharakter eines Möbelstücks herauskitzeln, und das hat mir große Freude gemacht. Am Ende bleibt eine Essenz, die Sie sorgfältig eingekocht haben, ohne Geschmacksverstärker.

Glauben Sie, dass Ihr Aufstieg heute so noch einmal möglich wäre?

Sicherlich nicht. Früher war bekanntlich ja alles besser. Aber es werden immer Ideen kommen, ohne die man nicht auskommt. Alles ist in Bewegung, nichts bleibt stehen. Und solange das so ist, werden wir Lösungen für Probleme suchen, Antworten hinterfragen und stetig verbessern.

Sie haben aber auch auf Ladenhüter wie die Garderobe Stellvertreter gesetzt. Oder auf den Pressed Chair, dessen Produktion mit schwindelerregenden Investitionen verbunden war. Ihre Allzweckwand Walden wurde nicht ein einziges Mal verkauft. Ist das nicht wider jede ökonomische Raison?

Meine drei Leitlinien heißen Konsequenz, Transparenz und Haltung. Dazu gehört, auch mal auf ein Pferd zu setzen, das das Ziel nicht erreicht. Design ist nicht unbedingt trial and error, aber man muss Sachen zulassen und die spielerische Leichtigkeit mit dem hundertprozentigen Ernst des Tuns verbinden. Sonst wird's komisch. Und ich wünsche mir, dass dieser Funke auch auf Frau Münnix und Herrn Knorst überspringt. Das ist übrigens auch ein Unterschied zu klassischen Investoren, die nur gucken, dass das Ding einigermaßen wirtschaftlich läuft. Da geht es um Stolz, Leidenschaft und Mut zum Risiko. Im Design lässt sich nichts berechnen. Design muss man zu einem guten Teil spielerisch zulassen. Wenn man alles vorher kalkuliert, passiert zu wenig. Das vermissen wir in der heutigen Zeit ja häufig. Am Vorstandstisch werden Dinge entschieden, die völlig entseelt sind, weil sie kaputt diskutiert wurden.

Stolz, Leidenschaft, Mut zum Risiko – was geben Sie den beiden noch mit auf den Weg?

Bescheiden zu bleiben – und menschlich. Was ich mir aber am meisten wünsche: dass denen derselbe Scheiß passiert wie mir. Dass sie sich unsterblich verknallen ins Design. Es ist irre schön, ein Leben zu führen, in dem man sich um ästhetische Dinge kümmern darf, die einen kulturell nach vorne bringen und hinten raus noch ein ertragreiches Leben ermöglichen. Diese Faszination versuche ich ihnen mitzugeben. Denn von dieser Faszination haben sie selbst etwas, haben die Mitarbeiter etwas, davon hat der ganze Markt etwas.

Wie haben Ihre Mitarbeiter eigentlich reagiert?

Ich dachte ja, die ahnen es. Aber die waren völlig überrascht. Für meine Frau und mich war das der schlimmste Moment, als wir vor die Mitarbeiter treten mussten. In so einem Prozess sind Sie sehr allein. Gewöhnlich kommunizieren wir sehr offen. Alle wissen, was wir tun, alle kennen unsere Ziele, alle wissen, wie viel Wasser im Schiff ist. Was mich aber extrem gefreut hat: dass Herr Knorst und Frau Münnix am gleichen Tag aufgetaucht sind und keine Stampede ausbrach. Die Mitarbeiter haben gemerkt: Das sind nicht die klassischen Investoren. Das sind Menschen, die zuhören und Spaß an der Arbeit haben. Ich habe sie zum Beispiel kaum überreden müssen, sich als Leichtmatrosen zu verkleiden und neben den alten Kapitän zu stellen. Machen Sie das mal mit einem Investor. Das imponiert den Mitarbeitern. Die sehen das als kraftvolle Chance, sich zu entwickeln und nach vorn zu kommen. Ich habe in den letzten anderthalb Jahren auch nicht wirklich Impulse gesetzt.

Ihre Möbel lassen Sie von Handwerkern in der Region herstellen, auch dort ist Vertrauen wichtig. Wie waren dort die Reaktionen?

Die waren ähnlich verblüfft. Aber sie vertrauen mir natürlich auch. Die Intention von Herrn Knorst und Frau Münnix ist ja, leise zu bleiben und nicht aufs Blech zu hauen. Die Firma auf eine andere, aber vergleichbare Art weiterzuentwickeln. Sie übernehmen ein wunderbares Schiff, und ein paar Fehler dürfen sie sich durchaus leisten. Es gibt den festen Willen, nichts zu ändern. Auch an der lokalen Produktion werden wir festhalten, und unsere Handelspartner wählen wir weiter extrem selektiv aus. Wir brauchen keine Händler, die nur Ware verkaufen. Wir brauchen Botschafter, die für uns brennen.

Mit Ihrer Frau wechseln Sie jetzt in den Beirat. Werden Sie dort auch eine Art Markenbotschafter?

Wenn ich die Firma in andere Hände gebe, dann zu 100 Prozent. Ich will da niemandem auf die Nerven gehen. Ein, zwei Jahre an Bord zu bleiben, kam für mich nicht in Frage. Wir machen einen sauberen Übergang, drei Monate, das reicht. Als Beirat verantworten wir künftig nicht den operativen, sondern den kreativen Teil. Wie entwickelt sich die Marke, welche Produkte könnten interessant sein? Dort werden wir das Wissen, das wir in der Kür gelernt haben, vermitteln. Die Pflicht können andere besser.

Sie bleiben der Welt also als „Entertainer der Möbelbranche“, ein Zitat von Richard Lampert, erhalten?

Ich hatte über die Querelen mit der Suche nach meiner Nachfolge fast das Lachen verlernt, aber ich mache schon wieder schweren Unsinn. Das Tolle am Älterwerden ist ja, dass man ein Gutding an Lebenserfahrung hat. Man versteht vielleicht die Schnelligkeit der Welt nicht mehr in all ihren Nuancen, aber man kann natürlich viel beitragen. Ich habe immer den Grafiker Kurt Weidemann bewundert, der sein profundes Wissen in einen kantigen Charakter verpackte. Das mache ich jetzt: Ich kultiviere meine Ecken und Kanten. Ich muss keine große Firma mehr leiten.

36 Jahre sind auch eine lange Zeit für einen Freigeist wie Sie.

Ich habe mir das auch immer etwas anders vorgestellt. Ich habe immer davon geträumt, ein kleines, bewegliches, freches Schifflein zu haben, mit dem man hart an den Wind gehen kann. Zwangsläufig ist das Schiff nicht immer so klein geblieben, wie ich es mir erhofft hatte. Es hat sich gut angefühlt, aber es fühlt sich noch besser an, jetzt zu den Wurzeln zurückzukehren und die große Freiheit zu genießen. Nicht in Rente zu gehen, sondern im Design weiter zu stören, zu ärgern und zu hinterfragen.

Keine Weltreise? Sie sind doch leidenschaftlicher Camper, selbst zur Möbelmesse und zu Händlern fuhren Sie im Campingbus.

Eigentlich wären wir jetzt in Armenien, was vielleicht auch nicht die beste Idee gerade ist. Und die Möbelfamilie interessiert mich natürlich weiter, wenngleich wir, wie meine Frau es formuliert hat, nicht die prickelndsten Zeiten haben. Es sind mir zu viele MeToo-Produkte auf dem Markt, zu viel Jagd nach ständig Neuem, es werden zu wenig dicke Bretter gebohrt. Das werde ich den Zweien noch mit auf den Weg geben: wirklich extrem dicke Bretter bohren. Mal ein bisschen hurli-furli Design machen und alles mitnehmen, das geht halt nicht.

Und was passiert mit Ihrem Gästehaus „Berge“, schräg gegenüber vom Firmensitz?

Das haben wir auch abgegeben. Ich wollte frei sein, mit Halbfreiheit kann ich nichts anfangen. Da hat man immer etwas am Bein, um das man sich kümmern muss. Ich bin jetzt mit kleinem Gepäck unterwegs. Ich wiehere und galoppiere über die Weide wie lange nicht mehr. Meine Frau und ich machen eine kleine Firma auf, werden künstlerisch beratend tätig sein, werden alten Häusern neues Leben einhauchen – ich bin ja leidenschaftlicher Ruinenretter – und einen neuen Campingbus entwerfen. Diese Themen treiben mich um, hoffentlich noch mein Leben lang. Sie haben mich nicht los. Der Verrückte will bleiben.

Nils Holger Moormann

Er riss mit 16 von zu Hause aus, studierte Jura, gab es wieder auf, lernte auf der Autobahn einen Tramper kennen, der ihm von den Entwürfen des Architekten Andreas Weber vorschwärmte und gründete 1984 sein eigenes Unternehmen. Als Vorreiter des "Neuen Deutschen Designs" hat er sich der Reduktion verschrieben, mit schlichten, durchdachten Möbeln aus unprätentiösen Materialien. Asketisch, aber humorvoll. In Aschau im Chiemgau beschäftigt er 50 Mitarbeiter. Jetzt hat er seine Firma an Kristina Münnix und Christian Knorst verkauft.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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