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Voja Mitrovic kam einst durch Zufall zu seinem Beruf – bis heute schätzen viele Fotografen seine Schwarzweiß-Prints.

Maître Tireur

Text und Fotos von LAURA J. GERLACH
Voja Mitrovic kam einst durch Zufall zu seinem Beruf – bis heute schätzen viele Fotografen seine Schwarzweiß-Prints.

23.11.2019 · Große Fotografen von Henri Cartier-Bresson bis René Burri bezeugen seine Kunst: Der Printer Voja Mitrovic aus Paris bringt das Beste in Bildern hervor.

W ir treffen uns bei „La Coupole“ in Montparnasse, unweit der Rue Delambre 9, seit den fünfziger Jahren die Adresse des Fotolabors Pictorial Service – bis die Ära des Digitalen die professionelle Schwarzweiß-Fotografie verdrängte. Die Brasserie „La Coupole“ war damals die Kantine der Mitarbeiter, erzählt Voja Mitrovic, der Meisterprinter, den ich einst bei einem Treffen junger Fotografen kennenlernte, als er im Atelier des Fotografen Peter Turnley einen Vortrag über seine Arbeit hielt.

Voja Mitrovic hat viel zu erzählen: Geschichten und Anekdoten aus mehr als 30 Jahren Tätigkeit beim Labor Picto und aus seinen Jahren als freier Printer danach. Er war nicht nur lange Zeit Mitarbeiter bei Picto, er ist auch bis heute, mit mehr als 80 Jahren, der wohl berühmteste und gefragteste Schwarzweiß-Fotoprinter der Welt.


„Angefangen hat die Sache mit der Fotografie mit einem Liter Milch.“
VOJA MITROVIC

Ein Mann, der durch Zufall zu diesem Beruf kam, weil er in den sechziger Jahren aus einer Laune heraus, vielleicht war es auch eine Fügung, eine Reise nach Paris unternahm – und dort blieb.

Voja Mitrovic hat viel erlebt. Er kennt die Fotografen und ihre Fotografien, er hat ihre Bilder persönlich abgezogen, und viele Fotografen waren nicht nur seine Auftraggeber, sie wurden auch seine Freunde. „Angefangen hat die Sache mit der Fotografie mit einem Liter Milch“, sagt er und erzählt von seiner Kindheit in Jugoslawien, wo er 1937 geboren wurde. Von seinem Vater, der als junger Mann als vermeintlicher Rebell erschossen wurde, Voja war da gerade mal vier Jahre alt, in Bunovi, einem Dorf in Bosnien-Hercegovina. Der Fund einer Waffe im Keller der Familie genügte den Schergen, um den Vater und andere Männer aus dem Dorf zu töten.

Die Trockenmaschine für die fertigen Prints. An der Vielzahl der Fächer lässt sich erkennen, dass Mitrovic nur im großen Stil denkt und arbeitet: viele Abzüge, große Editionen.

Vojas Mutter musste danach seinen Bruder und ihn durchbringen. Irgendwann hatten sie zwei Kühe und verkauften die überschüssige Milch im Nachbarort Foca. Voja brachte jeden Morgen vor der Schule dem dort ansässigen Fotografen einen Liter Milch und nahm die leere Kanne auf dem Heimweg wieder mit nach Hause. Im Jahr 1953 fragte der Fotograf seine Mutter, ob sie ihm den Sohn nicht als Lehrling geben wolle – die Regierung hatte verordnet, dass jeder Betrieb einen Lehrling auszubilden habe. Voja Mitrovic hat den Namen des Fotografen nie vergessen: Radmilo Mazic. Drei Jahre blieb er bei ihm, bis zum Abschluss seiner Fotografenlehre. Dann musste er zum Militär. Er kam in die Abteilung Fotoservice und Kartografie.

Nach der Militärzeit ging er nach Belgrad, zu einem Porträt- und Fotostudio, um als Fotograf und Printer zu arbeiten. Er perfektionierte das Retuschieren. Dann kam die Wende in seinem Leben: Mit einem Freund fasste er 1964, mit 27 Jahren, den Plan, „un petit tour“ zu unternehmen, eine längere Reise, mit dem ersten Ziel Paris. „Und mit nicht mehr als 100 Francs in der Tasche.“ Weshalb er gleich am zweiten Tag dort einen Job in einem Fotostudio annahm. Während sein Kumpel weiterreiste, blieb Mitrovic in Paris. Für immer. Er fühlte sich hier zu Hause, lernte schnell Französisch und war schon im Jahr darauf mit einer Französin verheiratet.


„Ich hatte großes Glück, zu Pictorial zu kommen und auf Pierre Gassmann zu stoßen. Ich hatte als Einwanderer fast einen kleinen Vorteil, denn auch er war ja immigriert. Er gab mir die Chance, mit den größten Fotografen der Welt zusammenzuarbeiten.“
VOJA MITROVIC

Es war seine Frau Brigitte, die das Stellenangebot von Picto entdeckte. Mitrovic stellte sich Pierre Gassmann vor, einem Freund der Fotografengruppe, die Magnum Photos gründete. Gassmann wollte nicht wie seine Fotografenfreunde durch die Welt reisen und fotografieren, sondern eine Basis in Paris aufbauen, um die Filmrollen, die Robert Capa, Henri Cartier-Bresson und die anderen Fotografen schickten, zu entwickeln und Abzüge herzustellen. Das Geschäftsmodell funktionierte: Von 1950 an wurde Pictorial Service zu einem der gefragtesten und bekanntesten Fotolabore der Welt. Es existiert noch heute, wenngleich nur noch für digitale Dienste. Mitrovic bekam damals nach einem Tag Probearbeiten den Job und war seitdem einer von zunächst 22 und später 300 Printern im Dienst von Pierre Gassmann.

Mit Salvador Dalí 1975 Foto: Voja Mitrovic

Er hatte ein besonderes Talent. Bald leitete er die hochqualifizierten Bereiche der Bildherstellung für Reproduktionen für Bücher, künstlerische Ausstellungen und Sammlereditionen. „Ich hatte großes Glück, zu Pictorial zu kommen und auf Pierre Gassmann zu stoßen. Ich hatte als Einwanderer fast einen kleinen Vorteil, denn auch er war ja immigriert. Er gab mir die Chance, mit den größten Fotografen der Welt zusammenzuarbeiten.“

Seine langjährige Freundschaft mit Henri Cartier-Bresson begann schon in den ersten Arbeitstagen. Den Fotografen habe er in einem Arbeitsgespräch gesiezt, worauf dieser entgegnet habe: „Unter Fotografen duzen wir uns.“ Mitrovic erzählt, wie Cartier-Bresson ihn instruierte, seine Bilder abzuziehen: „Er wollte keine dramatischen Abzüge. Er wollte, dass die Bilder die Farbe der Loire hätten – weich und reich an Details. Eines Tages haben wir unter Kollegen gescherzt und überlegt, Cartier-Bresson zu sagen: ‚Henri, die Loire ist mittlerweile ziemlich verschmutzt, sollten wir deine Bilder von jetzt an nicht etwas dichter und härter abziehen?'“ Über Robert Doisneau kursiert die Anekdote, dass der Fotograf, der selbst Abzüge zu machen wusste, für seine Ausstellungen trotzdem immer Mitrovic beauftragte. Und sich die eigenen Bilder erst ansah, wenn sie fertig in der Ausstellung hingen – mit der lapidaren Begründung, dass Mitrovic ohnehin der bessere Printer sei, da müsse er nicht vorab sehen, wie die Prints geworden seien.

Mit Sebastião Salgado Foto: Philippe Marinig

Auch andere Fotografen wurden seine Freunde: René Burri, Josef Koudelka, Marc Riboud, Peter Lindbergh, Frédéric Brenner und viele mehr. Sie wollten unbedingt mit ihm zusammenarbeiten, luden ihn in aller Welt zu Ausstellungseröffnungen mit seinen Print sein. Die Fotografien in seiner eigenen Sammlung, selbst abgezogen, sind ihm gewidmet, mit Wertschätzung und Dank für seine Arbeit. Aber nicht nur Vernissagen waren Anlass für seine Reisen, viele Fotografen schätzen auch seine Expertise und seinen Rat in Sachen Laborarbeit und Retusche. Mitrovic nennt unter anderen den Sohn von Che Guevara, zu dem er zu diesem Zweck nach Kuba reiste. „Zeit zu haben und zu leben, zu reisen, Menschen von überall her zu treffen, hatte bei mir immer Vorrang. Das Geld, das die Arbeit bringt, war Mittel zum Zweck. Für mich war und ist die Fotografie der schönste Beruf der Welt.

„Die Epoche, in der Mitrovic bei Picto arbeitete, hat einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis: mit Bildern, die in Nuancen von Schwarz-, Grau-und Weiß tönen die Unterschiedlichkeit der Orte zeigen, die Exotik des Fernen wie des Hiesigen, geschichtliche Ereignisse, Blicke hinter die Kulissen, die Anstrengungen der humanistischen Fotografie. „Die Zeit zwischen 1960 und 2000 war die beste Zeit für die Schwarzweiß-Fotografie.“

Heute sei diese Fotografie nicht mehr zu finden. „Man kann solche Bilder nicht mehr machen, weil die Menschen und die Gegenstände so nicht mehr existieren“, sagt Mitrovic. „Auf der Welt ist alles gleich geworden, die Besonderheiten, die Eigenheiten sind verschwunden. Die Menschen tragen sogar überall die gleiche Kleidung.“

Zum Rentenantritt: Cartier-Bresson und Koudelka flehen ihn an zu bleiben Foto: Paulo Nozolino

Heute, in der Vorherrschaft des Digitalen, gehe sein Handwerk langsam verloren, und mit ihm eine gewisse Qualität. Die Herstellung hochwertiger Schwarzweiß-Prints werde immer schwieriger, die Preise für Papiere seien horrend gestiegen, man könne weniger Tests machen und weniger ausgefeilt arbeiten. „Diese fast haptische Tiefe, die mit silberhaltigen Fotopapieren erzeugt werden kann, ist heute mit den digitalen Mitteln im Grunde nicht zu erreichen“, sagt er. „Aber es gibt eine Tendenz bei jungen Fotografen, analoge Fotografie wieder zu entdecken.“

Nach seiner Pensionierung richtete sich Mitrovic ein kleines privates Labor ein, um sich den eigenen fotografischen Arbeiten zu widmen, die sich über Jahrzehnte angesammelt hatten. Dort hatte ich einmal Gelegenheit, seine Arbeitsweise kennenzulernen. Ein üppiger Stapel Negative lag vor uns, der eine Ära berühmter Schriftsteller im Suhrkamp-Verlag dokumentierte. Mitrovic machte sich ans Werk, aus der Entwicklerschale tauchte Samuel Beckett in einem Pariser Café auf, dann Siegfried Unseld mit Max Frisch, Uwe Johnson, die Mitscherlichs, später Paul Nizon im Gespräch mit Thomas Bernhard. Alle mussten durchs Stoppbad und in die Schale mit dem Fixierer. Am Schluss, nach langem Wässern, sehr langem Wässern („Der Fehler, den die meisten machen: Sie wässern nicht lange genug“), kamen alle in die Trockenmaschine mit zahlreichen Fächern – Mitrovic arbeitet gewöhnlich im Akkord, in Editionen. In diesem Fall machte er von jedem Motiv fünf Abzüge. Alle gleich, nein: identisch!


„Diese fast haptische Tiefe, die mit silberhaltigen Fotopapieren erzeugt werden kann, ist heute mit den digitalen Mitteln im Grunde nicht zu erreichen“
VOJA MITROVIC

„Portugal, 1976“, geprintet von Voja Mitrovic. Links der rohe Abzug ohne jede Bearbeitung, rechts das finale Ergebnis nach der Entwicklung, atmosphärisch dicht und lebensecht. Foto: Josef Koudelka

„Voja, c’est un tireur et un ordinateur“, „Voja ist ein Printer und ein Computer zugleich“, hat Josef Koudelka im Dokumentarfilm „The Hidden Artist“ gesagt, den Milorad Djokic über Mitrovic gedreht hat. Ob eine Edition aus fünf identischen Abzügen besteht oder aus 100, spielt für Mitrovic keine Rolle, er kann sich jeden Schritt der Belichtung, Maskierung, Bearbeitung merken. „Aber nur einige Wochen lang, danach muss ich von vorne anfangen und das Motiv neu erarbeiten.“

Im Labor ruht die Arbeit, aber nur vorübergehend.

Nach der Arbeit in der Dunkelkammer wurde das Thomas-Bernhard-Motiv noch retuschiert: Per Hand mit Pinsel und Tusche wurden kleinste Bereiche der Haut mit haarfeinen Strichen korrigiert. Welche Fähigkeiten sind es, die den einen Printer von den vielen anderen unterscheiden? „Geduld. Nicht nervös werden. Sich die Zeit nehmen, im Zweifel einen Abzug am nächsten Tag noch einmal ganz von vorne anzufangen.“

Man muss verstehen können, was der Kunde, der Fotograf, sich wünscht, welche Aussage die Fotografie haben soll, welche Nuancen er in den finalen Abzug bringen will, welche stilbildende Aussage, die sich über alle Bilder des Fotografen erstrecken soll. Und nicht zuletzt muss er die Fähigkeit haben, das Negativ als potentielles Bild zu lesen, zu dechiffrieren und so das Maximale herauszuholen, handwerklich wie ästhetisch. Das sei die Kunst, die einen sehr guten, professionellen Print ausmache. Mitrovic würde so einen Meisterprint einer Vintagefotografie, die womöglich verfärbt und schlecht abgezogen ist, immer vorziehen.

Mit René Burri Foto: Vladimir Markovic

Sein eigenes Labor hat er im vergangenen Jahr aufgeben müssen – nicht aber seinen Beruf. Mitrovic führt mich durch das Hoftor eines typischen Pariser Hauses und weiter ins Hinterhaus. Dort verbirgt sich eine alte Lithografieanstalt: Eine riesige Halle, zehn Meter hoch, in der Mitte stehen mehrere museal anmutende Druckmaschinen. An der 30 Meter langen Wand ein massives Regal, vom Boden bis zur Decke gefüllt mit Tausenden von Lithografiesteinen aus Jahrzehnten der Druckproduktion. Der Inhaber, Patrice Forest, ist ein Freund von Mitrovic. Er hat ihm seine Laboreinrichtung abgekauft, unter der Prämisse, dass im zweiten Stock des Gebäudes eine Freifläche geschaffen wird, auf der das Labor wieder aufgebaut und begehbar gemacht werden kann. Zu seinem Leidwesen zieht sich die Sache aber etwas hin, die Lithografieanstalt hat viele Kunden, die an der alten Technik interessiert sind, die Maschinen stehen fast nie still. Also dauert es noch mit dem Einbau des Labors.

Mit David Lynch Foto: Alexandre Mitrovic

Aber Mitrovic ist nicht untätig. Er hat bei einem seiner Besuche hier einen neuen Kunden gewonnen: David Lynch. Für ihn organisiert und überwacht er die Gesamtproduktion seiner Fotoabzüge für Ausstellungen und Editionen im Labor eines Freunds und ehemaligen PictoKollegen. Und für das Kulturzentrum Belgrad erarbeitet er gerade die Auswahl der Fotografien für Frédéric Brenners Werkzyklus „Diaspora“, die er damals geprintet hatte und die dort im November in einer Ausstellung gezeigt werden sollen. Für den Ruhestand haben Künstler wirklich keine Zeit, Meisterprinter schon gar nicht.

Quelle: F.A.Z. Magazin

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