René Storck im Interview

„Exklusivität kann es nicht in riesigen Mengen geben“

Von Anna Wender
20.06.2022
, 11:18
Nach der Show: René Storck mit seinen Models im Handelssaal der Frankfurter Börse.
René Storck eröffnet in der Börse die Frankfurt Fashion Week. Im Interview verrät der Designer, warum der Ort bestens dafür geeignet ist, wie nachhaltig die Kollektion ist und warum es Exklusivität nicht in riesigen Mengen geben kann.
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Herr Storck, Sie eröffnen die Frankfurter Fashion Week mit einer Schau in der Börse. Setzt Sie das unter Druck?

Nein, wir haben so viele Défilés gemacht, das liegt mir einfach. Für einen Designer ist es immer toll, alles, was in der Zeit davor entstanden ist, zusammenzubringen und zu vermitteln. Natürlich macht man sich Druck, aber der Druck schüchtert mich nicht ein.

Sie kommen unglaublich ruhig rüber.

Ich bin auch ruhig. Eigentlich immer. Innerlich sieht es da vielleicht anders aus, aber man braucht den Push, um die Energie aufzubringen. Man darf es auch nicht zu leicht nehmen. Eine gewisse Aggressionsenergie hilft, diese Kraftanstrengung zu bewältigen.

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Wie viel Spaß haben Sie noch dabei?

Es gibt sicher Tage, in denen man einfach müde ist, aber es ist ja nur temporär und zudem eine besondere Zeit. Wir hatten zwei Jahre lang nur wenige Möglichkeiten uns auszudrücken, Leute zu treffen oder gemeinsam zu arbeiten. Das ist wie ein Release. Man kann endlich wieder richtig Gas geben. Ich empfinde das als absolut bereichernd – es gibt mir mehr Energie, als es mir nimmt.

Wann war Ihre letzte Show?

Das hier ist der erste Auftritt in Form eines Défilés seit vier Jahren. Die letzte Show war 2018 in der Sammlung Schack in München. Als wir danach wieder in Paris zeigen wollten, kam die Pandemie. Für ein kleines Unternehmen ist der Aufwand, eine Show zu machen, einfach unglaublich groß. Wir wollten jetzt aber einfach wieder damit beginnen und es hat sich alles perfekt ergeben.

Ihn bringt nichts aus der Ruhe: Ein Besuch in René Storcks Atelier ein paar Tage vor seiner Modenschau.
Ihn bringt nichts aus der Ruhe: Ein Besuch in René Storcks Atelier ein paar Tage vor seiner Modenschau. Bild: Marcus Kaufhold

Wie fühlt es sich an, statt in der Modemetropole Paris in Frankfurt zu zeigen?

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Ich vergleiche das überhaupt nicht. Man muss das komplett unabhängig sehen. Wenn es um Mode geht, ist keine Stadt mit Paris zu vergleichen. Aber die Möglichkeit, meine Kollektion in meiner Heimatstadt in so einem Umfang und auf so einem hohen Niveau präsentieren zu können, hat mich schon fast euphorisiert.

Warum?

Die letzten Jahre waren für alle eine Zäsur. Das war eine unglaubliche Erfahrung, die wir auch kollektiv gemacht haben – besser: machen mussten. Wir hatten Zeit zu reflektieren: Solche Krisen zeigen oft Schwachpunkte und vielleicht auch Notwendigkeiten, etwas zu verändern. Das bringt Dinge oft nach vorne.

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Was haben Sie in dieser Zeit festgestellt?

Mein Konzept und meine Haltung war es schon immer nachhaltig zu entwerfen und zu produzieren. Besonders in der Form, dass Dinge langlebig sind und mit Rücksicht auf Ressourcen und die Menschen, die sie anfertigen, hergestellt werden. Das massenhafte Produzieren von Sachen, die letztlich keinen Wert haben und an denen sehr wenige profitieren, ist Ausbeutung auf vielen Ebenen. Menschen mit wenig Geld werden Dinge verkauft, die keinen Gegenwert bieten. Genau das wollte ich nie machen.

Welchen Anspruch haben Sie an Ihre Mode?

Am Ende soll man ein Teil in der Hand haben und wissen, warum man dafür einen entsprechenden Preis bezahlt hat. Deshalb ist mein Designanspruch auch nicht, schnelllebigen Trends zu folgen oder auf vermeintliche Bedürfnisse zu reagieren, die uns vermittelt werden. Stattdessen denken wir langfristig und entwickeln Mode, die eine Gültigkeit hat, aufgrund hoher Qualität in den Materialien aber auch im technischen und gestalterischen Sinn.

Spielen aktuelle Trends bei Ihnen gar keine eine Rolle?

Für mich war nie erstrebenswert, der hippste Designer zu sein, sondern lange Jahre auf einer stabilen Ebene zu arbeiten. Ich habe erkannt, dass eines der wichtigsten Elemente der Kunde ist. Die meisten meiner Kundinnen kenne ich sehr gut und habe in den ganzen Jahren wahnsinnig viel von ihnen gelernt. Das hat letztlich dazu geführt, dass die Vision, die ich von einer bestimmten Ästhetik hatte, eine Substanz bekommen hat, die in allen Saisons wiederzufinden ist. Wer sich für René Storck entscheidet, investiert in eine Garderobe, nicht in ein Image. Ich bin kein Freund von künstlich erzeugten Narrativen, sondern von Design, das echt ist und nicht nur bestimmte Stile imitiert oder verfolgt. Stil entsteht aus der Substanz heraus.

„Design ist ein Wirtschaftsfaktor“: Designer René Storck nach seiner Show im Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse.
„Design ist ein Wirtschaftsfaktor“: Designer René Storck nach seiner Show im Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse. Bild: dpa

Haben Sie schon mal überlegt, Ihre Mode für eine breitere Masse zugänglich zu machen?

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Exklusivität kann es nicht in riesigen Mengen geben. Wir haben T-Shirts, die in Deutschland mit GOTS-zertifizierte Baumwolle gefertigt werden. Die sind sehr teuer, aber in der Kollektion betrachtet eine Anfangspreislage, die für jeden mehr oder weniger erschwinglich ist, der in sich investiert. Natürlich ist es auch in meinem Interesse, ein breites Publikum zu erreichen, aber dafür darf man seine Haltung nicht aufgeben. Das ist auch eine Bedingung, um glaubwürdig zu bleiben und langfristig zu bestehen.

Es wird oft gefragt, ob Frankfurt Mode kann. Was meinen Sie?

Das hängt von den Menschen ab. Ein Designer alleine kann aus einer Stadt keine Modestadt machen. Wichtig ist, dass Strukturen geschaffen werden, in denen man sich präsentieren kann. Frankfurt ist in dieser Situation gerade ein weißes Blatt Papier. Man hat gar keine Idee von Frankfurt, wenn über Mode gesprochen wird. Das ist auch ein Vorteil: Hier muss nicht aufgeräumt werden. Man kann bei null anfangen. Frankfurt ist eine Finanzmetropole, die vom Handel und der Börse geprägt ist; Design und Kreativität sind Wirtschaftsfaktoren. Das ist interessant, beides hier zusammenzubringen.

Deswegen findet Ihre Show in der Börse statt?

Mir wurde angeboten, im Handelssaal zu präsentieren und da habe ich nicht gezögert. Design ist eben ein Wirtschaftsfaktor, da tut sich Deutschland noch schwer mit.

Inwiefern?

Die Wirtschaft muss lernen, auf die nicht berechenbaren oder vorhersehbaren Visionen von Designern und Kreativen zu hören. Im Ausland wird das schon praktiziert, wenn man sieht, wie groß Modekonzerne wie Kering geworden sind. Sie vertrauen den Designern und lassen sie ihr Ding machen – und man sieht, wie gut das funktioniert. Den Designer und den Kreativen den Rücken freizuhalten, in dem man Strukturen und Rahmenbedingungen schafft, die die Umsetzung ihrer Visionen möglich macht, das sollte und muss von der Wirtschaft kommen.

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Was ist das Problem in Deutschland?

Das Potential dazu liegt hier brach. Es gibt kaum noch relevante große deutsche Marken. Boss ist die einzige Marke, die weltweit groß agiert, aber die Zugpferde wie Jil Sander sind lange nicht mehr Deutsch. Dabei zeigt die Vergangenheit, ob Strenesse, Escada oder auch Wolfgang Joop, dass es Potential in Deutschland gibt. Warum man das verloren oder aus der Hand gegeben hat, weiß ich nicht. Ich habe aber den Ehrgeiz zu sagen, dass wir das Potential, eine Stimme und Haltung haben, die relevant sein sollte. Im Moment sind wir das viel zu wenig.

Bis zur Show streng geheim: Die Entwürfe der neuen Kollektion im Atelier in der Frankfurter Innenstadt.
Bis zur Show streng geheim: Die Entwürfe der neuen Kollektion im Atelier in der Frankfurter Innenstadt. Bild: Marcus Kaufhold

Interessant, dass Sie Jil Sander erwähnen, viele sehen bei Ihnen eine gewisse Ähnlichkeit.

Jil Sander war insofern eine Inspiration, weil sie gezeigt hat, dass man aus einer Stadt in Deutschland, in dem Fall Hamburg, weltweit relevante Mode machen kann. Das hat mich motiviert. Die Ähnlichkeit zu ihrem Stil hat einfach damit zu tun, weil ich so aufgewachsen bin. Mein protestantischer Hintergrund und meine Mutter spielen da eine große Rolle, weil sie den dezenten Stil immer mochte. Das war's aber auch schon. Ich bin eine andere Generation, ich bin ein Mann, ich trage die Sachen nicht selbst. Das ist ein komplett anderer Ansatz. Mode ist aber auch eine Evolution. Natürlich haben wir, als wir jung waren, geschaut was die älteren machen, aber es ist wichtig, das etwas Neues entsteht.

Wie sieht das Neue bei Ihnen aus?

Ich habe eher den Hang zu einem opulenteren Minimalismus. Es fließen sowohl couturige Elemente als auch Stoffe mit ein. Ständig zu überlegen, was ich weglassen kann, spielt in meinen Prozessen überhaupt keine Rolle, sondern eher, die perfekte Proportion zu finden und Volumen zu schaffen. Die Schnitttechnik ist dabei super interessant. Es werden Wege gefunden, Logik zu überdenken. Arme werden angeschnitten und Nähte anders gelegt, wodurch die Fadenläufe verändert und der Fall neu bestimmt wird. Wie wird Volumen nicht grob, sondern fein und elegant? Das zu kontrollieren, damit es kein modischer Exzess wird, haben wir schon vor zehn Jahren gemacht. Das Entscheidende ist, eine rote Linie zu finden und diesen feinen Grat nicht zu verlassen.

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Was präsentieren Sie im Handelssaal?

Neu ist, dass die Männerkollektion fast 40 % der Kollektion ausmacht. Die Gewichtung hat sich in den letzten Jahren interessanterweise einfach verschoben. Wir zeigen alle Produktgruppen und Materialien, die die Kollektion ausmachen: Kaschmir, Doubleface und nachhaltige wasserfeste Outdoorstoffe, die ursprünglich für das Militär entwickelt wurden.

Wie viel Nachhaltigkeit steckt in der Kollektion?

Nachhaltigkeit spielt in der Kollektion natürlich eine wichtige Rolle. Der Baumwoll-Regenstoff wird beispielsweise erst wasserfest, wenn er nass wird, denn erst dann quillt die Faser auf, also ganz ohne chemische Imprägnierung. Wir definieren Qualität neu und vereinen sie mit den klassischen Luxus-Materialien wie Kaschmir, Seide und Wolle. Sie sind allein deshalb schon nachhaltig, weil sie hochwertige natürliche Produkte sind, die am Ende keine Rückstände hinterlassen.

Verschiedene Teile sind mit kompostierbarer Watte gefüttert und das Leder ist biologisch gegerbt. Solange Fleisch gegessen wird, sind die Häute da. Die kann man nicht nur aus einer Haltung heraus vernichten. Leder ist zudem eines der nachhaltigsten und langlebigsten Materialien, auch weil es kompostierbar ist und der Umwelt keinen Schaden zufügt.

Was ist das Highlight der Kollektion?

Jeden Tag gibt es ein neues Highlight. Der handgenähte Doubleface ist mein Steckenpferd. Damit beschäftige ich mich mit Leidenschaft. Die Nähte werden mit der Handnähnadel gemacht, da sitzt eine Schneiderin vier Tage dran. Ich liebe die couturigen Teile aus Seidentwill von einem der besten Seidenlieferanten in Italien – solche opulenten Abendkleider habe ich zuvor nie gezeigt.

Hat die Kollektion einen Hintergedanken?

Wichtig war mir, dass man René Storck sofort erkennt, dem trotzdem etwas Neues hinzufügt und letztlich das, was uns ausmacht, bestmöglich umgesetzt wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wender, Anna
Anna Wender
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“
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