Elke Heidenreichs neues Buch

Wer so über Pantoffeln tänzeln kann

Von ALFONS KAISER
Aktualisiert am 18.11.2020
 - 17:59
Ihrer Zeit voraus: Autorin Elke Heidenreich (Archivbild)
In „Männer in Kamelhaarmänteln“ verwertet Elke Heidenreich Textilien als Texte wieder. Die Autorin nimmt das Thema Kleidung so ernst, dass sie ihrer Zeit voraus ist.

Kamelhaarmäntel? Was hat ein solches Wort, so seltsam altmodisch vom Kamel bis zu den Mänteln, auf einem Buchtitel zu suchen? Und dann noch „Männer in Kamelhaarmänteln“! Wie kommt eine Autorin, wie ein Verlag auf eine solche Idee? Das fragt man sich, legt das Buch in den Schoß und schaut aus dem Zugfenster hinaus im Hauptbahnhof von Braunschweig: Auf dem Bahnsteig umarmen sich eine junge Frau und ein junger Mann – und beide tragen Kamelhaarmäntel.

Elke Heidenreichs neues Buch mag sich der Erinnerung verdanken, aber es ist auf verblüffende Art in der Gegenwart angekommen. Denn nicht nur in Braunschweig, auch auf der Friedrichstraße in Berlin, am Neuen Wall in Hamburg und auf der gar nicht so feinen Zeil in Frankfurt: überall Kamelhaarmäntel. Aber was war zuerst da? Das Buch oder der Trend? Die Henne oder das Ei? Das Kamel oder der Mantel?

Elke Heidenreich war es. Diese Autorin nimmt das Thema Kleidung so ernst, dass sie ihrer Zeit voraus ist. Allein aus einer Jacke, einem Pullover oder einem seltsamen Hut, den sie sich aus einer Laune heraus kauft, erschafft sie kleine autobiographische Erzählungen. So manchen Kauf und manchen Fund mag sie bereut haben. Aber auch das ist dann sofort ein Thema, das sie aus dem Ärmel schüttelt. Sie hat die vielen Begegnungen und, ja, auch Schicksale, die in die Kleider eingewebt sind, auf wunderbare Art literarisiert. Und für beide, die Textilien und die Texte, gilt die gleiche ästhetische Theorie: „Das Einfache, das muss man können. Das Aufgeblasene kann jeder.“

Das Buch hat auch eine klimapolitische Aussage

Dieses ebenso unzeitgemäße wie aktuelle Buch hat sich in einen Zwiebellook gekleidet. Kaum hat der Vater der Autorin seinen Kamelhaarmantel abgelegt, erkennt man die nächste Bedeutungsschicht. In Zeiten, in denen Bekleidung ihren Wert verliert, schon weil sie so billig geworden ist, gibt diese Autorin den Sachen ihren Charakter zurück. Werden sich all die jungen Frauen von heute in ferner Zukunft an die Rotweinflecken auf ihrem H&M-Kleid für 12,99 Euro erinnern? An den Mann, der sie verursacht hat? Oder eben schon deshalb nicht, weil sie das Hängerchen nach zweimaligem Gebrauch weggeworfen haben und die Speichermedien für Selfies nicht so lange halten wie das Gedächtnis von Elke Heidenreich?

Zwischen den Zeilen hat dieses Buch auch eine klimapolitische und müllkritische Aussage: Es muss nicht immer Neues sein! Die Ich-Erzählerin, die man über weite Strecken dieser autobiographischen Geschichten als Elke Heidenreich identifizieren darf, kauft ihre Nachthemden am liebsten auf holländischen Flohmärkten: weiß, für den Winter aus festem Leinen, für den Sommer aus leichter Baumwolle, übergroß, mit Spitze an den Ärmeln oder am Ausschnitt, manchmal sogar mit Monogramm, oft uralt. Einmal waschen reicht: „Sie tragen sich herrlich, sehen nach verflossenen Jahrhunderten aus, und ich träume die Träume derer, die schon vor mir darin geträumt haben.“

Diesen schwebenden Ton hält sie nicht immer durch. Poesie ist ihr wohl auch verdächtig. Denn bei aller Phantasiebegabung steckt in Elke Heidenreich noch immer Else Stratmann, die Metzgersgattin-Kunstfigur aus dem Ruhrgebiet, als die sie seit 1975 bekannt wurde. Dem Stil der Texte tut der flapsige bis rotzige Ton gut. Man steckt nicht nur mit dem Kopf in den Wolken, wenn man diese Skizzen liest, sondern steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Manchmal ist es der ganz harte Boden der Nachkriegsgeschichte, in der Mädchen nur Röcke tragen durften, nach dem Motto: „Die Hose zieret nur den Mann, drum Mädchen, zieh ein Röcklein an.“

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus

Ganz nebenbei ist dieser unterhaltsame Band auch ein kleines Lehrbuch der Weltwahrnehmung. Was diese Frau alles sieht – man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wundert sich, was im Festspielhaus von Bayreuth so alles in den Gräben und hinter der Bühne passiert. Erfreut sich an Geschichten über eine junge Frau, die von ihrem fernen Freund Reizwäsche zum Geburtstag geschickt bekommt, was ihre Gäste peinlich berührt. Ist beruhigt, dass die Entrümpelungsversuche von Müttern auch in anderen Familien zu Dramen führen. Und glaubt langsam an Wunder, wenn sich auch die Erzählung von einer gestohlenen Jacke in einem Flugzeug nach Griechenland, die zunächst wie eine griechische Tragödie zu enden drohte, in Wohlgefallen auflöst – und das heißt in diesem Buch: zu einer Neuanschaffung führt, die nicht nach drei Wochen in der Tonne landet, sondern einen Ort in ihrem Leben findet.

Es ist kein Zufall, dass viele dieser Geschichten um Köln kreisen, wo Elke Heidenreich wohnt. Die Hauptstadt des Karnevals ist das heimliche Epizentrum der deutschen Mode. Nirgends sonst könnte man sich so verkleiden wie die Figuren dieses Buchs: Franz geht als geteiltes Deutschland, Irene als Gerhard-Richter-Domfenster, und alle geben auch mal Bananen ab, die sich auf Zuruf in der Kneipe schnell zur Staude bilden. Nirgends sonst ist offenbar auch das Geschlechterspiel so offen wie in der Stadt von Prinz, Bauer und Jungfrau. Wenn man die eigenen Geschichten der Autorin hochrechnet, dann scheint es in der Medienszene der Domstadt hoch herzugehen. Zu erahnen ist das sogar in einem Kapitel mit dem herrlich prosaischen Titel „Pantoffeln“.

Ziemlich elegant tänzelt Elke Heidenreich über Pantoffeln und Kartoffeln. Ihre kabarettistische Schärfe mildert die Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Moderatorin ins Ironische bis Selbstironische ab. Im Rückblick des Spätwerks dreht sie jedes schweigende Detail lustvoll auf links. Jedenfalls sind die Szenen nicht blutleer wie so oft bei jüngeren Autoren. Mit 77 Jahren darf man auch mal aus dem Vollen schöpfen, denn diese Kodderschnauze hat Mutterwitz.

Manches Detail literarisiert sie dann aber doch allzu sehr. Oder sollte „Kate Blanchett“ mit „K“ ironisch gemeint sein? Auch unterstellt sie Roger Willemsen, er hätte bei seinem Interview mit Karl Lagerfeld bei der lit.Cologne kaum über Bücher gesprochen – dabei haben sie nichts anderes getan. Und dann hat sie ihren Hund auch noch in einem Kleid von „Giovanni Ungaro“ zur Ruhe gebettet. Das hat das arme Tier, das in ihrem Garten unter der Erde ruht, nun wirklich nicht verdient, und Emanuel Ungaro auch nicht.

Übrigens mag Elke Heidenreich gar keine Kamelhaarmäntel. Denn ihr Vater, ein Hallodri vor dem Herrn, trug diese Kleidungsstücke so lässig, wie es nur ging. Wohl auch deshalb reicht es ihr jetzt: „Jeder Depp aus der Versicherungsbranche trägt heute Kamelhaar, ich will das nicht sehen.“ Kein Wunder: Die Trends von heute haben nicht so viel zu erzählen.

Elke Heidenreich: „Männer in Kamelhaarmänteln“. Kurze Geschichten über Kleider und Leute. Hanser Verlag, München 2020. 224 S., geb., 22,– .

Quelle: F.A.Z.
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