Designerin Rosie Assoulin

Die Frau, die Kleiderordnungen überwindet

Von Jennifer Wiebking
30.11.2019
, 20:33
Die Mode von Rosie Assoulin ist von Frauen mit grundverschiedenen Lebenshaltungen tragbar. Die interkulturellen Entwürfe der New Yorker Designerin sind zugleich freizügig und maßvoll.

Es gibt zwei Fraktionen, die ein anstehendes Interview mit Rosie Assoulin in New York unterschiedlich kommentieren. Fraktion A: Wer ist Rosie Assoulin? Fraktion B: Der folge ich auf Instagram.

Die New Yorker Designerin ist bekannt und zugleich unbekannt. Rosie Assoulin ist weder Ralph Lauren noch Giorgio Armani. Wegen ihres Lebensalters – sie ist 34 – und aufgrund der Unternehmensgeschichte – die gerade mal fünf Jahre zurückreicht – wäre das auch unmöglich und natürlich ein ungerechter Vergleich. Der Name Rosie Assoulin geht aber auch nicht so vertraut über die Lippen wie etwa der Name Jason Wu, der 2009 mit 27 Jahren über Nacht berühmt wurde, als die neue First Lady Michelle Obama ein Kleid von ihm trug.

Damit sind wir gleich beim Thema: wie unglaublich schwer es heute ist, sich als junger Designer, egal wo auf der Welt, durchzusetzen und sich mit seinem Label im Gespräch zu halten. In New York, wo Rosie Assoulin arbeitet, bleibt davon auch der boys club aus asiatisch-amerikanischen Designern wie Derek Lam und Alexander Wang nicht verschont. Auch um Jason Wu ist es ruhiger geworden. Der Marketingfaktor First Lady fällt in den Vereinigten Staaten aktuell weg, das macht es nicht leichter.

Jede Rocklänge geht

Aber da ist ja noch Fraktion B, das sind die Menschen, deren Augen leuchten und deren Stimme sich hebt, wenn die Rede auf Rosie Assoulin kommt. In einer Stadt, die ihren Ruf als Talentschmiede für Modedesigner in den vergangenen Jahren nicht mehr wirklich verteidigt hat und in der ein eigenes Label aufzubauen eine fast unmögliche Aufgabe ist – dort zeigt Assoulin, dass es trotzdem geht.

Eine der größten Modehoffnungen der Stadt nimmt an diesem Vormittag auf einem Sofa mit flauschig-weißem Bezug in einem Loft in Soho Platz. Sie trägt ein smaragdgrünes Kleid aus Seide, fließend wie drapiert, es schwebt über dem Boden. Vor einigen Jahren hätten Frauen so etwas nicht unbedingt an einem Dienstag um zwölf Uhr getragen, sondern eher am Abend zu einem besonderen Anlass.

Rosie Assoulin ist am Morgen aus dem verlängerten Familienwochenende in New Jersey zurückgekommen. In ihrem Atelier ein paar Häuser weiter sind ihre Mitarbeiter – „mal sind es zwölf, mal 15, wir halten das flexibel“ – gerade damit beschäftigt, die Zwischenkollektion zur Cruise-Saison fertigzustellen. Rosie Assoulin wird nach dem Interview dorthin zurückkehren und weiter an der Kollektion arbeiten.

Trotzdem trägt sie jetzt ein langes Kleid. Selbst wenn Trends eine immer geringere Rolle spielen – Dresscodes verändern sich ständig. Für Frauen bedeutet das, dass aktuell jede Rocklänge geht, Mini, Midi, Maxi. Soll doch jeder für sich entscheiden, was passt. Man muss in solche stilistischen Veränderungen nicht allzu viel hineininterpretieren. Ein langes Kleid kann für die einen große Wahlfreiheit bedeuten – und für die anderen Mode, die sich einem Bekleidungskonzept nach strengen Glaubensregeln fügt.

Ausgerechnet die Mode

Das hat diese Frau früh erkannt, es ist das Spannungsfeld, in dem sie sich als Designerin bewegt. Man sieht das nicht unbedingt, wenn man ihr auf Instagram folgt. Da gibt es Stadt-Schnappschüsse aus New York, schöne Frauen in ihren Kleidern am Strand und im Auktionshaus, berühmte Frauen wie Jennifer Lawrence und Margot Robbie. Und wieder waren es lange Kleider für Tagesauftritte. Freie Schultern hatten beide Modelle trotzdem.

Rosie Assoulins Entwürfe sind freizügig, und sie sind maßvoll, dezent also im Sinne der Modest-Fashion-Bewegung, die in diesem Jahrzehnt eine der größten Veränderungen in der Mode herbeigeführt hat. Und trotzdem träumen auch Frauen, die nicht einmal getauft sind, von einem ihrer Flouncy-Skirts. Beyoncé trug vor drei Jahren in ihrem Video zu „Lemonade“, in dem es nicht an expliziten Inhalten mangelt, eines ihrer Balloon-Tops. Es sind Stücke, die aussehen, als könnte der Stoff atmen, die sich heben und senken, ohne dass sie dabei an Struktur verlieren. Es sind aber auch Entwürfe, für die es unter Frauen in den Arabischen Emiraten einen Fanclub gibt. Und unter Frauen, die strengen jüdischen Glaubensregeln folgen.

Ausgerechnet die Mode, mit der sich Menschen recht zügig und oberflächlich einordnen lassen, überwindet also Grenzen und trägt zur Verständigung bei – jedenfalls solange das Thema von einer solchen Designerin kommt.

Feingefühl schüttelt man nicht einfach aus dem Ärmel. Rosie Assoulin ist sefardische Jüdin, aufgewachsen in Brooklyn, in jenem Teil im Süden, in Gravesend, den die „New York Times“ als „sowohl abgeschottet als auch vielfältig“ beschrieb. Rosie Assoulin sagt: „Klein, eng verwoben.“ Man sieht das, wenn man die U-Bahn-Linie F am Nachmittag bis zum Kings Highway nimmt, dort aussteigt und Richtung Ocean Parkway läuft, wo die Häuser größer und freistehend sind. Die Skyline von Manhattan ist noch zu sehen, aber von hier aus schon winzig. Bis Coney Island sind es nur noch wenige Stopps.

Vom kulturellen Mix geprägt

Es ist das Viertel der sefardischen Juden, deren Vorfahren Ende des 15. Jahrhunderts von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden und sich daraufhin vor allem in der Region von Syrien bis Nordafrika niederließen sowie in den Hafenstädten in Nordeuropa. Über die Niederlande kamen die ersten Sefarden im 17. Jahrhundert nach New York – und im 20. Jahrhundert zog es viele von ihnen nach Gravesend.

Viele Frauen dort tragen Perücken und lange Röcke. Auf einer Bank am Ocean Parkway sitzt ein älterer Herr und liest die „Jewish Voice“. Die Kinder stehen, noch in ihre Schuluniform der umliegenden Jeschiwas gekleidet, am Tresen des koscheren Pizza-Ladens. Auf Schildern an den Shops steht: „Middle East Jewish Groceries“, „Productos Mexicanos“, „Juicy Theory“. Hier ist Rosie Assoulin groß geworden. Sie erzählt von dem Italiener und seinem Käse, von dem israelischen Taxifahrer und dem russischen Schneider, der eine Reinigung betrieb und ihr bei ihren ersten Entwürfen half. „Das war der kulturelle Mix, mit dem ich aufgewachsen bin.“

Wofür ihr Label heute steht, das kann man somit als Ergebnis ihres Werdegangs betrachten. Und der wiederum passt, zumindest nach einem flüchtigen Eindruck, der natürlich nicht reicht, um eine so außergewöhnliche Gemeinschaft zu verstehen, ganz gut in die Gegend: abgeschottet und vielfältig zugleich.

Auch wenn Rosie Assoulin also in der Jeschiwa die Schuluniform nach jüdischen Kleidervorschriften trug: Mode bedeutete ihr schon früh sehr viel. Das ist ihr neulich erst wieder bewusst geworden, beim Ausräumen des Kellers. „Es gab eine Überschwemmung, und ich musste alle Kisten durchschauen.“ Lässt sie sich heute mit ihrer interkulturellen Mode nicht festlegen, so hielt sie es schon damals mit ihrem persönlichen Stil so. Beim Ausräumen kamen zutage: Herren-Blazer und Boho-Kleider. „Vieles davon wollte ich gar nicht mehr sehen. Aber es hat mir gezeigt, wie sehr mich diese Stücke prägten, als ich 15 bis 20 Jahre alt war.“ Als Jugendliche verbrachte sie Zeit in Vintageläden, bei der Heilsarmee, bei Beacon's Closet, wo sich der Preis nach dem Gewicht richtete.

„Abendbekleidung fand ich spannend, schon als Kind“

In einer so eng bebauten Gegend war Unterstützung für ihre Idee, sich mit Mode zu beschäftigen, nicht weit. Die Frau, die ihr half, war Roxanne Assoulin, eine Schmuckdesignerin, die im vergangenen Sommer mit ihren bunt lackierten Emaille-Armbändern auch in Europa Aufmerksamkeit erregt hat. Sie war damals, als Rosie 14 Jahre alt war, schon gut im Geschäft und stellte das Mädchen, das zu der Zeit noch Rosie Mamiye hieß, als Praktikantin bei ihrem damaligen Label Lee Angel ein.

Rosie und Roxanne tragen heute denselben Nachnamen, weil Rosie Roxannes Sohn geheiratet hat. Mit ihm führt sie das Label, klein und eng verwoben eben. Die künftige Schwiegermutter blieb lange ihre Mentorin und ist noch heute eine Vertraute. Als es in den nuller Jahren Zeit wurde für die junge Frau, einen anderen Betrieb kennenzulernen, sagte Roxanne: „Rosie, stelle eine Liste deiner Lieblingsdesigner zusammen“, so erzählt es die Schwiegertochter. „Sie half mir mit meinem Anschreiben und dem Portfolio.“ Für kurze Zeit schrieb sie sich am Fashion Institute of Technology für ein Studium des Modedesigns ein.

Das war aber nicht ihr Ding. Rosie Assoulin wollte praktisch arbeiten und landete daraufhin nicht etwa bei einem Designer wie Marc Jacobs, der damals seine großen Jahre hatte, sondern bei einem Traditionalisten – Oscar de la Renta, der auf ihrer Liste stand. „Abendbekleidung fand ich spannend, schon als Kind.“ Das passt, denn jetzt werden Ansätze der Abendbekleidung auch in der Tagesmode wichtig, und Rosie Assoulin kann damit eine denkbar weit gefächerte Klientel bedienen. „Aber mein Leben findet natürlich nicht in Abendroben statt.“

Ihr Vater ist Textilhändler, ihre Mutter Künstlerin. Die Eltern und die vier Geschwister seien allesamt „sehr starke Individuen“. Alle leben noch heute in New York. Eine Schwester ist in der Hotellerie, ein Bruder im Bereich Coworking tätig, der andere arbeitet im Textilbetrieb des Vaters, die andere Schwester ist Kunsthändlerin.

Von Oscar de la Renta gelernt

Wie wichtig die Familie ist, zeigen schon die Vornamen ihrer eigenen Kinder. Rosie Assoulin hat einen Jungen und zwei Mädchen, die beide die Namen der jeweiligen Großmütter tragen – Roxanne und Irene. Sie erzählt vom gerade zu Ende gegangenen Familienwochenende in New Jersey, als sie einen ganzen verregneten Tag über nur mit Gesellschaftsspielen beschäftigt waren, von den Abendessen, zu denen sie heute noch zusammenkommen, von den Familienwerten, die ihr wichtig sind.

„Zusammenzuhalten, egal was kommt“, sagt sie. „Wie jeder überall auf der Welt haben auch wir alle sehr verschiedene Meinungen. Thanksgiving vergangenes Jahr gab es diese Kampagne: Sprecht nicht über Politik am Tisch. Ich finde das nicht richtig. Wir müssen weiter sprechen, wir sollten uns zuhören und nicht die andere Seite des Tisches entmenschlichen. Wir würden die Welt vielleicht gerne nur durch unsere Linse betrachten, aber das funktioniert nicht.“

So ist auch ihre Mode von Frauen mit grundverschiedenen Haltungen zum Leben tragbar. Dass sich Assoulin an sie alle richten kann, dass dafür eine halbwegs direkte Ansprache hilft, das wird sie von keinem besser als von Oscar de la Renta gelernt haben. Der Designer führte eine große Marke, blieb aber trotzdem immer im Gespräch mit seinen Kundinnen.

Nur, dass das heute eben digital abläuft. Auch die Frauen, die ihr auf Instagram folgen, haben das Gefühl, Rosie Assoulin persönlich zu folgen – obwohl sie ein eher privater Mensch ist, sich lieber an einem neutralen Ort trifft, wie heute in ihrer PR-Agentur, wenig über ihre Kinder erzählen möchte, die alle unter zehn sind, und leiser wird, wenn sie die Vorzüge des Lebens in Soho beschreibt, wo sie eben nicht nur arbeitet. „Das ist das Schöne an New York: Es ist so dicht besiedelt, dass alle paar Blocks eine andere Einrichtung für Kinder liegt.“

Große Herausforderungen

In dieser Stadt lebt auch ihre Crowd, die für ihr Image nicht unwichtig ist. Zum Beispiel Leandra Medine, die den Blog „Man Repeller“ unterhält, aus dem ein kleines Medienunternehmen geworden ist. Oder Claire Distenfeld, die an der Upper East Side die Boutique Fivestory betreibt. Nicht weit entfernt liegt das Kaufhaus Barneys, eine New Yorker Ikone.

Diese beiden Beispiele, Fivestory und Barneys, beschreiben den aktuellen Zustand des Modehandels auf Luxusniveau ganz gut. Denn eine der größten Herausforderungen für junge Marken ist das Problem, dass der Handel nicht mehr funktioniert wie früher. Rosie Assoulin mag eine Klientel in aller Welt über Onlineshops bedienen, die grundverschieden lebt und als gemeinsamen Nenner höchstens eine recht hohe Zahlungsbereitschaft hat. Wenn aber eine Säule wie der stationäre Handel weg-bricht, ist es für viele Labels trotzdem schwer, überhaupt eine Beziehung zum Kunden aufzubauen.

Fragt man bei Fivestory nach Kleidern von Rosie Assoulin, sagt eine Verkäuferin: „Ja, klar, sie hängt hier oben.“ So persönlich geht das. Fragt man bei Barneys nach Rosie Assoulin, bittet der Verkäufer darum, den Nachnamen zu buchstabieren, und muss im Verzeichnis nachschauen. Ein paar Wochen später folgt die Nachricht, dass die Kaufhauskette Barneys insolvent ist.

Die direkte Ansprache habe trotzdem auch Nachteile. „Sie demokratisiert alles“, sagt Assoulin. „Man kann sagen: Hallo, ich fertige diese Teppiche in meinem Hinterhof, und wenn Sie einen wollen, dann schreiben Sie mir. Und zugleich stellt sich die Frage, wenn die Tür zur Welt so offensteht: Wie kuratiert man das? Wie sorgt man für Begehrlichkeit, wenn alles sofort verfügbar ist?“

Mit viel Leidenschaft

Die Übersättigung zeigt sich schon jetzt: Das Neue ist von gestern, bevor es in den Läden hängt, und fast niemand braucht Neues. Rosie Assoulin legt jetzt alte Entwürfe wieder auf, ihre Merchandising-Chefin hat ihr dazu geraten. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass alt und neu zunehmend unwichtig werden, dass neue Kleidungsstücke nicht besser oder schlechter sind als alte, in die man sich eingelebt hat, dass es also stärker um das Gefühl geht, das Mode vermitteln soll, nicht um den Look. Und dass Frauen eben lange Kleider tragen, wenn ihnen danach ist.

Der weibliche Einfluss in popkulturellen Fragen in dieser Stadt wird nach den Jahrzehnten, in denen vor allem männliche Designer das Image geprägt haben, wichtiger. Rosie Assoulin, die Teil dieses Zirkels wichtiger Frauen ist, will diesen Satz trotzdem nicht so unterschreiben. „Es gab ja immer wichtige Frauen hier, nur sind sie jetzt durch die digitale Verbindung sichtbarer. Meine Mutter ist Künstlerin, sie hat es in ihrer Branche auch gesehen: Das war lange Zeit auf institutioneller Ebene ein boys club. Wenn es uns jetzt besser geht, bedeutet das auch, dass viele Generationen vor uns dafür Opfer gebracht haben.“

In der Filterblase oder am Esstisch an Thanksgiving mag jeder seine eigene Meinung haben. Wer sie jedoch öffentlich äußern soll und, wie diese Designerin, ihr Unternehmen dadurch nicht gefährden will, der muss auch auf ständiges Abwägen achten: „Lasst uns versuchen, mehr Verständnis füreinander zu haben, mehr Mitgefühl, mehr Leidenschaft, statt in Schubladen zu denken, je nach Herkunft oder Geschlecht oder Glaube.“ Rosie Assoulin formt aus solchen Schlagwörtern nicht nur Sätze – sondern vor allem Kleider.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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