Anzug von Dior Homme
Anzug von Dior Homme

SÉB

Text und Styling von MARKUS EBNER, Fotos von RALPH MECKE
Anzug von Dior Homme

16. Oktober 2020 · Er war der Mann, der Karl Lagerfeld in seinen letzten Jahren am nächsten war. Nun erobert sich Sébastien Jondeau ein anderes Leben. Und probiert für uns neue Mode und neue Rollen aus – an der Côte d’Azur, seinem zweiten Zuhause.

Nicht nur Saint-Tropez steht für Sommer in Frankreich. Aber hier geht es noch mehr als in anderen Ferienorten darum, wer mit wem flirtet und wer wie toll aussieht (oder nicht). Das alles findet seit Jahrzehnten auf den Seiten der Illustrierten statt. Dieses Jahr ganz besonders, denn Brad Pitt brachte die Côte d'Azur mit einer Berlinerin in die Schlagzeilen. Aber die Bilder aus dem Süden haben sich geändert. Bisher gingen im Sommer wohlbekannte und daher beruhigende Fotos um die Welt: Karl Lagerfeld in weißer Jeans und engem Sakko, begleitet von seinem Leibwächter Sébastian Jondeau, im Hafen von Saint-Tropez flanierend, bis die Paparazzi ihre Bilder hatten. Ein paar Tage später fuhr er wieder mit Sébastien Jondeau oder Baptiste Giabiconi aus seinem Domizil hinunter an den Hafen, ging zum Kiosk und amüsierte sich mit seinen Begleitern über die vielen Fotos und Berichte in den bunten Blättern. 

Wenn man diese Fotos sah, dann wusste man, dass es dem Kaiser der Mode in der Sommerfrische gut ging: Er schlenderte herum, trank seine kalorienfreie Pepsi Max unter der Markise des „Cafés Sénéquier“ im Hafen, hielt sogar kurz für Selfies mit Touristen still – und war dann wieder glücklich, wenn er in seinem Haus mit Blick aufs Meer saß und für die endlosen Kollektionen zeichnete, die er für Chanel, Fendi und seine eigene Marke herausbrachte. Vorbei! Aber nicht vergessen. Warum nicht an diese Zeiten erinnern? In Form einer Modestrecke mit seinem Leibwächter, Fahrer und engsten Vertrauten in den letzten Jahren, der Lagerfeld am 19. Februar 2019 morgens im American Hospital in Neuilly-sur-Seine die Hand hielt, als er starb. 

Hemd von Karl Lagerfeld, Mantel und Hose von Dries Van Noten, Schuhe von Giorgio Armani
Hemd von Karl Lagerfeld, Mantel und Hose von Dries Van Noten, Schuhe von Giorgio Armani

Für Sébastien Jondeau verbinden sich mit der Côte d'Azur auch schmerzliche Erinnerungen. Denn im Sommer 2015 war er unten am Strand, als Lagerfeld ihn aus seinem Bungalow auf dem Gelände des Luxushotels La Réserve anrief: Er habe Probleme beim Wasserlassen. Untersuchungen ergaben schnell, dass er an Prostatakrebs litt. Außer den Ärzten wusste vermutlich nur Sébastien von der schrecklichen Diagnose. Es verband ihn noch stärker mit seinem Chef.

Im Rückblick lässt sich nun, da Sébastien nach und nach über die Zeit redet, auch erkennen, dass Lagerfeld viele Entscheidungen im Angesicht seines nahenden Endes traf. So nahm er seit 2018 mehrmals seine Assistentin Virginie Viard zum Schlussapplaus mit auf den Laufsteg, um sie als seine Nachfolgerin in Szene zu setzen. Und im Dezember 2017 veranstaltete er die Chanel-Métiers-d'Arts-Schau in seiner Heimatstadt Hamburg. Das war fast schon ein Zeichen für Sentimentalität, eine Eigenschaft, die ihm eigentlich höchst fremd war, denn das Morgen war sein Zuhause. 

Mantel und Hose von Chanel
Mantel und Hose von Chanel

Die Leerstelle ist groß. Man spürt es auch bei Chanel, wo seine Nachfolgerin mit ihrer letzten Haute-Couture-Kollektion sogar alte Lagerfeld-Silhouetten aus dem Archiv geholt hat. Bei Fendi wird er sowieso vermisst, denn der Clan um Designerin Silvia Fendi sah ihn als erweitertes Familienmitglied, immerhin war er dort mehr als ein halbes Jahrhundert lang Designer – als er dort begann, war Silvia noch im Kindergartenalter. Die Damenkollektionen von einem Mann entwerfen zu lassen, das hat ihr wohl so gut gefallen, dass sie nun Kim Jones dafür berief und selbst die Männerkollektion verantwortet. Auch ihre letzte Männerkollektion war inspiriert von Karl: Die Jacken, die er in den siebziger Jahren trug, hingen auf dem Moodboard, als sie die Presse nach der Schau backstage empfing. Auch sein Label Karl Lagerfeld könnte ihn wieder brauchen, denn das von ihm kreierte Silhouettenlogo ist überall zu sehen, aber muss nun ganz neu mit Leben gefüllt werden.


„Er muss von vorne anfangen. Viele haben ihn schnell vergessen.“

Sébastian Jondeau, die rechte Hand, der Leibwächter und Konfident, der regelmäßig auf seinem InstagramProfil wunderbar intime Momentaufnahmen aus der gemeinsamen Zeit postet, zum Beispiel am Weihnachtstisch, vermisst Lagerfeld sehr. Auch nach dem Tod seines Mentors ist er ein sehr gefragter Mann in der Mode. Früher war er es, weil man, um etwas mit Lagerfeld zu besprechen, immer erst an ihm vorbei musste. Er war bestens informiert, wen sein Chef, der die Presse gerne um den Finger wickelte, nun gerade mochte oder eben doch nicht. Er gewährte insgeheim die Audienzen nach den Schauen, mehr noch als die PR-Damen von Chanel oder Fendi, meistens im extra gebauten Backstage-Separée.

T-Shirt und Jogginghose von Fendi, aus der neuen Activewear-Kollektion, die Sébastien Jondeau selbst entwickelt hat.
T-Shirt und Jogginghose von Fendi, aus der neuen Activewear-Kollektion, die Sébastien Jondeau selbst entwickelt hat.
T-Shirt und Jogginghose von Fendi, aus der neuen Activewear-Kollektion, die Sébastien Jondeau selbst entwickelt hat.

Mittlerweile ist Jondeau auch ein gefragtes Model. Er lief schon in den Chanel-Schauen über den Laufsteg, wenn es dort Männerlooks gab. Normalerweise mag Lagerfeld eher den Typ übertriebener oder gar überzuckerter Schönling – wie das amerikanische Model Brad Kroenig, dessen Sohn Lagerfeld ins Testament gesetzt hat, oder Baptiste Giabiconi, die Muse der späten Jahre. Jondeau hingegen ist mehr der männlich kernige Typ. Er boxt, läuft, fährt Rad und betreibt alle Arten von Wassersport. Vor kurzem erst war er bei einer Modenschau des wegweisenden Junya Watanabe als Model zu sehen. Und zu unserem Shooting in Saint-Tropez kommt er aus Paris als Gast der Jacquemus-Schau. Davor war er in Rom, um an seiner Sportswear-Linie mit Silvia Fendi für das Pelzhaus zu arbeiten. 

Für unser Modeshooting hat Séb, wie ihn alle in seinem Umkreis nennen, das letzte Geschenk mitgebracht, das Lagerfeld ihm gemacht hat: ein fliegendes Surfboard für 15.000 Euro. Saint-Tropez ist sein zweites Zuhause, das merkt man. Überall, wo wir hingehen, kennt er die Leute, grüßt sie und spricht ein paar Worte mit ihnen. Er zeigt uns seine Harley Davidson (nicht von Karl), sein Haus und fast seine Freundin. Ja, Jondeau ist liiert mit einer Modefabrikantin aus Nizza. Zu Zeiten Lagerfelds gab es für eine Beziehung wenig Zeit, denn er war, wie er sagt, „ein bisschen von allem – Leibwächter, persönlicher Assistent, Privatsekretär und allgemeine Unterstützung“. 

Anzug und Pullover mit V-Ausschnitt von Valentino und Sandalen von Birkenstock x Valentino Garavani
Anzug und Pullover mit V-Ausschnitt von Valentino und Sandalen von Birkenstock x Valentino Garavani

Sébastien Jondeau wurde 1975 in Paris geboren und wuchs in den nördlichen Vororten auf. Die Banlieue ist nicht für ihre hohe Lebensqualität bekannt, eher für die Kriminalitätsbelastung. Mit 15 Jahren arbeitete Jondeau während der Schulferien im Umzugsunternehmen seines Stiefvaters, das sich auf Möbel aus dem 18. Jahrhundert spezialisiert hatte, als Handlanger und Träger. Dabei lernte er Karl Lagerfeld kennen, der oft Kunde der Firma war. Acht Jahre später, nach vielen frustrierenden anderen Jobs, fragte Jondeau den Designer, als er mal wieder für ihn arbeitete, ob er vielleicht einen Leibwächter brauche. Lagerfeld, ein Mann der schnellen Entschlüsse, stellte ihn prompt ein. Als Jondeau seiner Mutter davon am Telefon erzählte, musste er weinen, so glücklich war er. 


„Er kennt zu allem die wirkliche Version. Lügen nerven ihn.“

Das Luxusleben am Hof des Kaisers war nicht so leicht. Seine Arbeitszeit umfasste bis zu 24 Stunden, an 365 Tagen im Jahr. Es war schwer, ein Privatleben zu haben, Freundschaften zu pflegen. Eigene Wohnung, eigenes Auto? Nicht nötig. Lagerfeld hatte alles gekauft und somit auch bestimmt. Der Designer hat die totale Hingabe dann aber nicht nur großzügig mit Geschenken honoriert, sondern er baute Jondeau auch auf. 

2015 begann er für die Herrenentwürfe der Marke Karl Lagerfeld als Model zu arbeiten, und 2017 erweiterte sich seine Rolle sogar zum Designer. Die Herrenmode-Kollektion, kuratiert von Sébastien Jondeau, wurde Anfang 2018 eingeführt. Nicht schlecht für einen Leibwächter! Lagerfeld fotografierte ihn auch als Gesicht für die internationalen Werbekampagnen. Er schien selbst überrascht von der Entwicklung seines Zöglings. Wenn er ihn brauchte, sagte er nun im Spaß: „Könnte mein Kollege mal kommen?“ 

Smoking aus der Kollektion „Karl Lagerfeld curated by Sébastien Jondeau“ von Frühjahr und Sommer 2019
Smoking aus der Kollektion „Karl Lagerfeld curated by Sébastien Jondeau“ von Frühjahr und Sommer 2019

Die Marke Karl Lagerfeld setzt weiterhin auf ihn. Bei unserem Shooting wird dann aber schnell klar, dass sich mit dem Tod von Lagerfeld viele Modemenschen von Jondeau distanziert haben. Manche Mitarbeiter von Chanel hatten ihn früher jeden Tag mehrfach angerufen, um herauszufinden, wie es Lagerfeld ging, wo er steckte und wie er gelaunt war, um dann abrupt das Interesse an Sébastien zu verlieren. Ganz anders Silvia Fendi und ihr römischer Familienclan, für den Lagerfeld so lange tätig war. Die Fendis engagierten Jondeau für die Kollektion von Sportswear, die seinem Lebensstil entspricht. In unserer Modestrecke werden die Teile zum ersten Mal exklusiv gezeigt. Auch ein von ihm entworfener Smoking für Karl Lagerfeld, kombiniert mit einem Wetsuit. 

Mantel, Hemd und Jeanshose von Junya Watanabe und Stiefel von Timberland
Mantel, Hemd und Jeanshose von Junya Watanabe und Stiefel von Timberland
Mantel, Hemd und Jeanshose von Junya Watanabe und Stiefel von Timberland
Asymmetrisches Geschirr von Dior Men und Neoprenanzug von Rip Curl
Asymmetrisches Geschirr von Dior Men und Neoprenanzug von Rip Curl
Asymmetrisches Geschirr von Dior Men und Neoprenanzug von Rip Curl

Und wie geht es nun weiter? Zunächst einmal muss er die Mythenbildung etwas kontrollieren. Denn nach dem Tod Lagerfelds traten viele Modemenschen aus der Deckung und schlachteten ihre persönlichen Erlebnisse und Begegnungen mit dem Großdesigner medial aus. Jeder war auf einmal sein bester Freund gewesen, jeder hatte intime und unbekannte Dinge zu erzählen. Daher ist Sébastien Jondeau auch auf Baptiste Giabiconi nicht gut zu sprechen. Der habe es ausgenutzt, Lagerfelds letzter Liebhaber gewesen zu sein. Giabiconi hat natürlich auch ein Buch geschrieben über seine Zeit mit Lagerfeld; es kam im Frühjahr heraus und heißt großspurig „Karl et moi“. 

Neoprenanzug von Rip Curl und Smoking-Hose aus der Kollektion „Karl Lagerfeld curated by Sébastien Jondeau“ für Frühjahr und Sommer 2019
Neoprenanzug von Rip Curl und Smoking-Hose aus der Kollektion „Karl Lagerfeld curated by Sébastien Jondeau“ für Frühjahr und Sommer 2019

Jondeau, der zu fast allem die wirkliche Version kennt, geht das gewaltig auf die Nerven. Und so hat er sich entschieden, den vielen Lagerfeld-Büchern sein eigenes hinzuzufügen. In diesem Herbst legt er seine Sicht der Dinge vor. Aufgezeichnet wird es von Virginie Mouzat, der ehemaligen Modekritikerin des „Figaro“, die im vergangenen Jahr ihren Posten als Modechefin der französischen „Vanity Fair“ aufgegeben hat. Mit diesem Buch will Jondeau das Andenken Karl Lagerfelds vor falschen Interpretationen der falschen Zeitzeugen schützen. Schließlich hat er ihm viel zu verdanken, denn er hat ihn im wahrsten Sinn von der Straße geholt. 

T-Shirt und Jogginghose von Fendi, aus der neuen Activewear-Kollektion, die Sébastien Jondeau entwickelt hat.
T-Shirt und Jogginghose von Fendi, aus der neuen Activewear-Kollektion, die Sébastien Jondeau entwickelt hat.
T-Shirt und Jogginghose von Fendi, aus der neuen Activewear-Kollektion, die Sébastien Jondeau entwickelt hat.

Das Buch erscheint im Dezember. Während unseres Shootings telefonierte Sébastien Jondeau mehrfach mit Virginie Mouzat, manchmal gerieten sie dabei auch in Streit, wenn sie seine Version der Dinge anzweifelte. Man darf also gespannt sein, welche Enthüllungen noch kommen werden. So viel steht fest: Authentisch werden seine Erinnerungen sein. 

Nach all den Jahren im Dauereinsatz genießt er seine neue Freiheit. Aber er vermisst ihn auch am meisten. Lagerfeld meinte es ernst mit seiner Familie, die nicht auf Blutsverwandschaft beruhte. Jondeau ist im Testament als einer der Haupterben verzeichnet. 

Fotograf: Ralph Mecke
Stylist: Markus Ebner
Stylingassistenz: Evelyn Tye, Sophia Schünemann, Paula Görler
Saint-Tropez, am 29. und 30. Juli 2020

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Quelle: F.A.Z. Magazin