Seidenkleider von Lemanjá

So können sich Göttinnen kleiden

Von Anna Wender
01.11.2020
, 16:02
Das Berliner Label Lemanjá schlägt die Brücke nach Frankfurt: Gründerin Sandra Hansen ignoriert den Saisonkalender und trägt mit ihren Seidenkleidern ein zeitloses und nachhaltiges Design in die Mainmetropole.

Ein Label aus Berlin schlägt die Brücke nach Frankfurt, noch bevor die erste Frankfurter Modewoche überhaupt stattgefunden hat. Dabei wird man dieses Label vermutlich nicht dort finden: Lemanjá orientiert sich nämlich nicht am typischen Saisonkalender. Diese „Throw-over-dresses“ halten sich nicht an die Zeit, denn Gründerin Sandra Hansen entwirft sie „für moderne Göttinnen“, wie sie selbstbewusst sagt. „Every Woman is a goddess!“ Und ja, für sie ist auch Gott eine Frau.

Die Seidenkleider von Lemanjá basieren auf den drei ursprünglichsten Kleiderformen, die es gibt: Kimono, Kaftan und Cape. Zu kaufen gibt es sie online, auf Nachfrage im eigenen Showroom in Berlin oder auf exklusiven Events wie in Frankfurt: Über den Dächern der Stadt soll man selbst ein Gefühl dafür bekommen, wie sich Göttlichkeit anfühlt. Sandra Hansen sorgt auch mit Maske für himmlische Stimmung, einen ganzen Abend lang.

Von Mutter Natur inspiriert

Die Designerin kommt eigentlich aus der Werbebranche. Vor drei Jahren nahm sie sich eine Auszeit von der stressigen Arbeit. „Vielleicht war es eine Midlife-Crisis, ich weiß es nicht.“ Sie fragte sich: „Will ich das noch?“ Am Ende der Reise trug sie noch genau drei Kleider: Kimono, Kaftan und Cape. Mehr als ein Jahr lang arbeitete sie an den Schnitten. Zeitlos und nachhaltig sollten sie sein und „die Easyness des Urlaubs in Urbanität übersetzen“.

Die Namensgeberin Lemanjá ist die Mutter aller Göttinnen der Meere. Und Sandra Hansen führt an diesem Abend in Frankfurt all ihre „goddesses“ durch die Kollektion. Gefertigt werden die Kleider in einem Radius von 600 Kilometern um Berlin in ausgewählten Manufakturen. Kein Kleid gibt es öfter als zwanzigmal. „Es sind Once-in-a-lifetime-dresses“, sagt Hansen. Die Seidenstoffe werden möglichst restlos aufgebraucht und Stoffreste zu Accessoires wie Haarbändern verarbeitet. „Du kannst als goddess nicht nur gut aussehen, du musst auch eine attitude haben“, sagt Hansen zum Thema Nachhaltigkeit.

Dann präsentiert sie eines der Kleider an der Stange, das eine stilisierte blaue Koralle zeigt. Ihr Lebensraum, das Great Barrier Reef, stirbt. Deshalb werden von jedem gekauften Kleid der Coral-Rescue-Serie 100 Euro an coral.org gespendet. Die Makroprints sind von der besten Designerin der Welt inspiriert: Mutter Natur. Neben den Korallen hängen die Rainbow Mountains aus Peru.

Für alle Größen

„Dreieinhalb Meter Seide machen etwas mit dir“, sagt Hansen, und das spüren auch die Frauen, die an diesem Abend eines der Kleider überwerfen. Den Satz „Gibt's das auch in meiner Größe?“ wird man hier nicht hören. Die Schnitte sind größenübergreifend und wandelbar. „Was wir hier sehen, ist nicht nur Mode oder ein Fashion-Konzept, sondern Female Empowerment.“ Deswegen gibt Sandra Hansen auch keine Anleitung, wie man die Kleider schnüren soll. Göttinnen sollen ihrer Intuition folgen.

Trotz des zeitlosen Designs greift sie Volants als zeitgeistiges Thema auf. Sie sollen eine Hommage sein an Grace O'Malley, die irische Piratenkönigin, „eine wahre goddess“, wie Hansen sagt, die sich heute für den Kimono der Reihe „Believe in Grace“ entschieden hat. Die „Fringe“- Kimonos erinnern an die Goldenen Zwanziger. Mit den aktuellen Ereignissen entwickelte sich diese Edition zu einer Art Traumfänger. Die Künstlerin Lena Petersen bringt die eigenen Wünsche auf die Seidenbänder – der Trägerin bleibt es überlassen, wem sie ihre Wünsche offenbart.

Sandra Hansen kann sich ihre Kleider nicht einfach auf der Stange vorstellen. Eine Fashion Week ist nichts für sie. Selbst für diesen Abend hat sie keine Models mitgebracht: „Alle Göttinnen sind Models“, ruft sie, „und die Kleider sollen euch tragen.“ Die Gäste fangen aber erst einmal damit an, die Kleider anzuziehen.

Zur Person

Sandra Hansen hat schneller als die meisten anderen Berliner Labels begriffen, dass Frankfurt über Nacht zur deutschen Modestadt wird. Sie ist gekommen, um über den Dächern der Stadt ihre Marke Lemanjá vorzustellen – und gleich auch selbst vorzuführen. Kein Wunder, dass diese Modemacherin auch Vermarktungstalent hat. Denn Hansen war vorher in der Werbung tätig. Und nachdem sie ihren Beruf hinter sich gelassen hat, hilft ihr das Marketing nun auch bei ihrer Berufung.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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