Space Copenhagen im Interview

„Es ist in unserer DNA“

Von Jasmin Jouhar
04.05.2021
, 20:38
Das dänische Studio Space Copenhagen legt Wert auf Handwerk und Material. Im Interview sprechen sie über ihre Kooperation mit Malte Gormsen, Design-Tradition und warum man überhaupt noch handwerklich hergestellte Möbel kaufen sollte.

Frau Bindslev Henriksen und Herr Bundgaard Rützou, Sie haben die Möbelkollektion für Atmospheres um neue Stücke erweitert. Die Kollektion ist Teil Ihrer Kooperation mit dem Kopenhagener Möbelschreiner Malte Gormsen. Was ist das Geheimnis dieser Zusammenarbeit?

Bindslev Henriksen: Unser Beziehung ist eine Geschichte paralleler Wege. Wir haben unsere Unternehmen ungefähr zur selben Zeit in Kopenhagen gegründet, Malte seine Werkstatt, wir unser Studio. Er fühlte sich immer schon vom Design angezogen und wir vom Handwerk. Durch Zufall kamen wir in Kontakt und begannen, an Projekten zu arbeiten, individuell angefertigten Objekten und Innenausbau für Geschäfte, Wohnhäuser und Restaurants. Über die Jahre hat sich eine enge Beziehung entwickelt. Unsere gegenseitige Begeisterung für Design, Material und Handwerk ist noch gewachsen. Wir fühlen uns privilegiert, dass wir mit Malte und seinem Team unsere Ideen ausprobieren und seine Fähigkeiten für uns nutzen können. Außerdem haben wir das Gefühl, dass wir ihn auch herausfordern darin, wie er seine Arbeit angeht.

Der Möbelbau der dänischen Nachkriegsmoderne gilt als Meilenstein der Designgeschichte. Wie relevant ist dieses Erbe für Ihre Arbeit heute?

Bundgaard Rützou: Das ist eine gute Frage, wir sind da etwas gespalten. Einerseits sind wir hier geboren und aufgewachsen, das dänische Design und das Schreinerhandwerk sind Teil unserer Tradition – sowohl persönlich als auch professionell. Es ist in unserer DNA. Aber abgesehen davon sehen wir eine gewisse Tendenz, die kreative Bandbreite etwa der großen dänischen Designer zu simplifizieren. Tatsächlich umfasst ihr Designansatz die ganze Spanne von strengem Minimalismus bis hin zu forschender Verspieltheit. Was all die großen Designer verbindet, ist ihre Neugier auf die menschliche Existenz, auf andere Kulturen, tolerant zu sein, modern und offen für Neues. Das inspiriert uns viel mehr als der Versuch, nur eine bestimmte Ästhetik zu erreichen oder Dinge auf eine bestimmte Art und Weise zu tun. Deshalb ist die Arbeitsbeziehung mit Malte auch so wichtig für uns.

Können Sie das genauer erklären?

Bundgaard Rützou: Atmospheres gibt uns die Freiheit auszuprobieren, uns weiterzuentwickeln, ohne die üblichen Begrenzungen, die Projekte sonst mit sich bringen. Atmospheres ist eine willkommene Ausrede, viel langsamer und ruhiger an Konzepten und Entwürfen zu arbeiten als üblich. Es gibt nur uns, keine strengen Deadlines, keinen kommerziellen Druck oder Vorgaben von Kunden. Wir können unseren Interessen nachgehen. Oft kristallisiert sich ein Entwurf im Dialog mit Malte heraus. Wir versuchen, an seine Grenzen zu gehen und stellen die ganzen doofen Fragen, während er uns beibringt, wie ein Stück handwerklich hergestellt wird.

Wie läuft Ihre Zusammenarbeit mit Malte Gormsen konkret ab?

Bindslev Henriksen: Es ist ein sehr direkter, pragmatischer Prozess, der Dialog ist ungezwungen und dynamisch. Entweder schauen wir uns zusammen unsere Skizzen an, oder wir schicken sie ihm, damit er uns Feedback dazu geben kann. Wenn wir uns schließlich auf eine bestimmte Richtung geeinigt haben, produziert er erste Probestücke, die wir gemeinsam weiterentwickeln. Aber es kann auch sein, dass er auf uns zukommt und uns von einem besonderen Baumstamm mit einer sehr speziellen Geschichte erzählt und uns fragt, ob uns dazu ein Projekt einfällt.

Viele Ihrer gemeinsamen Projekte sind für Restaurants und Hotels entstanden. Was ist das Besonderer an der Arbeit für das Gastgewerbe?

Bindslev Henriksen: In diesem Bereich geht es oft unglaublich leidenschaftlich und dynamisch zu, unsere Partner wagen mehr und sind offener dafür, Neues auszuprobieren als andere. Häufig sind solche Projekte von einem großen Ehrgeiz getragen, wie auch in anderen kreativen Bereichen übrigens, darin sind sich Köche, Hoteliers oder Modedesigner ziemlich ähnlich.

Hat das Handwerk, so material- und detailverliebt und technisch versiert wie es Malte Gormsen ausübt, überhaupt noch eine Zukunft?

Bundgaard Rützou: In den vergangenen 20 Jahren gab es immer wieder Momente, in denen wir befürchteten, das Handwerk würde aussterben, in vielen Regionen der Welt. Aber mittlerweile sind wir ganz optimistisch: In dieser verrückten Welt, die sich so rasend schnell verändert, beobachten wir ein stark wachsendes Interesse an Dingen, die wirklich mit der Hand hergestellt sind, mit einem Können und Geschick, das man nur über einen langen Zeitraum hinweg erwerben kann und das viel Geduld und Beharrlichkeit braucht.

Warum sollte jemand handwerklich hergestellte, erst nach Auftrag produzierte Möbelstücke kaufen, wenn es Möbel doch auch vielgünstiger und schneller zu haben gibt, etwa in Onlineshops?

Bundgaard Rützou: Wir glauben fest daran, dass wir als Menschen langsam und langfristig denken sollten. Wir sollten investieren, wenn wir uns etwas Neues kaufen und es zu einem Teil unseres Lebens machen. Auf diese Weise, davon sind wir überzeugt, wissen wir Dinge mehr zu schätzen, pflegen sie besser und haben mehr Vergnügen daran, sie zu benutzen.

Stimmt der Eindruck, dass diese Sicht zuletzt wieder an Bedeutung gewonnen hat?

Bindslev Henriksen: Zweifellos hat die gegenwärtige Situation auch einiges beschleunigt, was zuvor schon relevant und dringlich war, Themen wie Nachhaltigkeit und unsere Haltung zum Konsum. Das sind Themen von großer ideologischer und politischer Tragweite. Aber wir haben das Gefühl, dass sie durchgesickert sind in persönliche Überlegungen und Entscheidungen, dass sie etwa beeinflussen, wie wir wohnen möchten. Wir alle sind in letzter Zeit gezwungen worden, zum Guten oder Schlechten, unsere Prioritäten zu überdenken und uns auf unsere unmittelbare Umgebung zu konzentrieren. Nachhaltigkeit ist eigentlich in unserem menschlichen Verhalten verankert, deshalb hoffen wir, dass die Stücke aus der Atmospheres-Kollektion lange geschätzt werden. Vielleicht werden sie sogar an die nächste Generation weitervererbt!

Made in Kopenhagen

Space Copenhagen trägt die dänische Hauptstadt nicht nur im Namen. Es steht auch wie nur wenige andere Studios für den Kopenhagener Designboom seit den Nullerjahren. Die Architekten Signe Bindslev Henriksen und Peter Bundgaard Rützou sind verantwortlich für die Gestaltung so namhafter Kopenhagener Restaurants wie „Geranium“, „Geist“ und „Noma“. Sie entwerfen zudem für dänische Marken wie Fredericia, &Tradition und Gubi. Eine besondere Bedeutung für die beiden hat ihre seit vielen Jahren andauernde Zusammenarbeit mit dem Möbelschreiner Malte Gormsen. Mit ihm haben sie schon zahlreiche Interieurs realisiert – und die langsam, aber stetig wachsende Möbelkollektion Atmospheres.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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